PETER FUCHS: Essay zu Theo­ri­en hin­ter dem Mond. Eine Replik zu einer Replik #sozi­al­ar­beit EINE LESE­AN­LEI­TUNG

UPDATE 16.06.2016

UPDATE 17.12.2015

/tp hat mit ihrer klas­se an der agogis.ch die dis­kus­si­on auf­ge­nom­men. mit den stu­die­ren­den sind in den vor­le­sun­gen wer­te- und ent­wick­lungs­qua­dra­te ent­stan­den. HIER DIE UNTER­LA­GE ALS PDF. ganz unten ste­hen die ein­zel­nen schau­bil­der zum vertwit­tern bereit ;-)

originalSTA­TUS

bis die­ses kat­zen­bild­chen hier ver­schwin­det, bin ich noch am ver­lin­ken und kor­ri­ge­ren: falls du feh­ler, andere/bessere/weitere link­vor­schlä­ge siehst: ein­fach ins kom­men­tar­feld ein­tra­gen. OK?

 

Was bis­her geschah? (Juli 2015)

Prof. Dr. Hei­ko Kle­ve hat in der Aus­ga­be 4.2015 von Sozia­le Arbeit, DZI, einen Bei­trag im Rah­men des Fach­dis­kurs zum Ver­hält­nis von Wirt­schaft und Sozia­ler Arbeit gemacht. Das Stich­wort “Öko­no­mi­sie­rung” sti­chelt seit vie­len Jah­ren nicht nur Beruf und Pro­fes­si­on Sozia­ler Arbeit. Kon­train­tui­tiv – wie wir es von der System­theo­rie nach Luh­mann gewohnt sind – kühlt Kle­ve die pro­fes­sio­nel­len Ver­stau­chung durch Nar­ra­ti­ve wie “Neo­li­be­ra­lis­mus”, “akti­vie­ren­der Staat”, “lee­re Kas­sen” und gibt uns Bewe­gungs­frei­heit zurück. Er offen­bart Res­sour­cen, Chan­cen und akti­vi­sti­sche Hand­lungs­op­tio­nen. Kle­ve gehört zu der win­zi­gen Grup­pe von leicht ver­ständ­li­chen Erklä­rern, pro­fi­lier­ten Ver­mitt­lern und ist weit mehr als ein Über­set­zer aktu­el­ler Theo­rie­ar­beit für unse­re Trans­dis­zi­plin.

In der Aus­ga­be 7.2015 im glei­chen Maga­zin – was wohl als “das Leit­me­di­um” für unser Fach im deutsch­spra­chi­gen Raum benannt wer­den darf – wird ein Text von Prof. Dr. Mecht­hild Seit­he als erste Replik insze­niert. Seit­he schöpft aus rei­cher eige­ner Pra­xis­er­fah­rung und ver­knüpft die­se mit kri­ti­scher, enga­gier­ter, hand­lungs­an­wei­sen­der Lehr­tä­tig­keit. Sie benennt die unzu­mut­ba­ren Zumu­tun­gen scho­nungs­los und ent­fal­tet mit ihrer akri­bi­schen Ana­ly­se der Vor­la­ge von Kle­ve eine gran­dio­ses, prak­tisch anwend­ba­res Argu­men­ta­ti­ons­feld. Wer eine kon­kre­te, knap­pe, knacki­ge Über­sicht zum The­ma will: Es ist voll­bracht.

Und nun mel­det sich aus dem tra­di­ti­ons­rei­chen Han­se­städt­chen Soest der eme­ri­tier­te Pro­fes­sor und Vater einer Gross­fa­mi­lie: Peter Fuchs. Einer der aus­ser­ge­wöhn­lich­sten Hei­ler­zie­hungs­pfle­ger und Theo­rie­ma­cher; nicht nur für unser Fach. Sein Text erreicht mich via eMail als PDF (was hier mit sei­ner Zusa­ge zugäng­lich gemacht wer­den darf):

Peter Fuchs
Essay zu Theo­ri­en hin­ter dem Mond – eine Replik zu einer Replik

(13. Juli 2015, PDF)

Es sind aus­ge­druckt prä­zis zwei Sei­ten. Zei­len­ab­stand 1,5. Ganz so, wie es sich eben für eine seriö­se aka­de­mi­sche Arbeit gehört: Mit viel Platz für die Anmer­kun­gen, Noti­zen und Kor­rek­tu­ren der Lesen­den. Wis­sen­schaft­li­ches Schrei­ben, gibt es nur im Modus des Lesens. Wis­sen­schaft­li­ches Lesen, gibt es nur im Modus des Schrei­bens. Die Form, in wel­cher der schlaue Fuchs sein Essay wei­ter reicht, ist eine Auf­for­de­rung zum sel­ber den­ken. Und die­ser Auf­for­de­rung möch­te ich hier nach­kom­men.

Eine Lese­an­lei­tung

von Ste­fan M. Sey­del

Um gleich mit dem zen­tra­len, dem zweit­letz­ten, Satz von Peter Fuchs zu begin­nen: “Die Replik (…) ist (…) aus­ser­or­dent­lich dazu geeig­net, mit Stu­die­ren­den die Beob­ach­tungs­ebe­ne zwei­ter Ord­nung ein­zu­üben”.

Wer liest, ist wie ein Fuchs. Er – auch wenn es eine Frau ist – kriecht auf allen Vie­ren durch die Büsche und streckt sei­nen Hals nach den hoch hän­gen­den Trau­ben. Hän­gen die­se zu hoch, und wir gera­ten durch uns beob­ach­ten­de Ande­re in einen kogni­ti­ven Kon­flikt, erfin­den wir uns einen ratio­na­len Sinn. Aus Empö­rung wird so eine Erhe­bung. Hän­gen die Trau­ben aber schwer und süss, und errei­chen wir die­se locker, lesen wir sie ab, neh­men sie fröh­lich auf und machen sie Teil von dem, wozu ande­re Du sagen. Das stellt uns auf. Macht uns Mut. Macht uns gross. Und genau dar­um geht es: Den auf­rech­ten Gang wagen. Egal aus wel­cher Posi­ti­on wir star­ten.

Wer wis­sen­schaft­lich liest, muss sich aus der Gemein­schaft her­aus­neh­men. Es braucht eine gewis­se Stil­le. Es braucht eine gewis­se Ruhe. Es braucht einen gewis­sen Abstand. Das war einst enor­me Pro­vo­ka­ti­on, wel­che die Mön­che in ihren Klö­stern zele­brier­ten und kul­ti­vier­ten. Das ist spä­ter zum bil­dungs­bür­ger­li­chen Ide­al und zur aka­de­mi­schen Kern­kom­pe­tenz mutiert. Sich zurück zu zie­hen, sich abzu­schot­ten. Nicht von der gesprä­chi­gen Begeg­nung mit einem Näch­sten, son­dern von einem Fet­zen Schrift, Inspi­ra­ti­on zu erwar­ten. Das war eine offen Belei­di­gung, offen­si­ve Ableh­nung, eine öffent­lich kom­mu­ni­zier­te kom­mu­ni­ka­ti­ve Anschluss­ver­wei­ge­rung. Sozia­le Arbeit hat die­ses rebel­li­sche Gefühl nie ganz ver­lo­ren. Gott sei Dank.

Es gehört zu den bit­te­ren Leh­ren für Beruf und Pro­fes­si­on Sozia­ler Arbeit, dass Schrift und Ver­schrift­li­chung, rea­le Nor­mie­rung, prak­ti­sche Selek­tio­nie­rung und hand­fe­ste Aus­son­de­rung ermög­lich­te. «Nie wie­der!» Dar­um pfle­gen wir das Gespräch, das Gespräch über das Gespräch, die kör­per­li­chen Ein­übun­gen einer Beob­ach­tungs­ebe­ne zwei­ter Ord­nung. Wer die­se Tra­di­ti­on nicht mehr pflegt, begeht Ver­rat. Ist nicht wür­dig, unse­re Berufs­be­zeich­nung zu tra­gen und die Tra­di­ti­on im aka­de­mi­schen Umfeld zu ver­tre­ten.

Peter Fuchs erin­nert uns nicht nur an die­se Unver­gess­lich­keit, son­dern for­dert sie umstand­los ein. Er nutzt dabei weni­ger Wor­te, es sind weni­ger die Inhal­te sei­ner Sät­ze, als viel mehr die Wahl der Form, wel­che eine ande­re Struk­tur ermög­licht und Erkennt­nis­se von der nie sicht­ba­ren Hin­ter­sei­te des Mon­des her­vor­zau­bert, wie er geheim­nis­voll und spä­ter im Text nie erklä­rend, im Titel auf­blit­zen lässt.

Wir begin­nen mit dem ersten Satz. Zu allen Zei­ten wis­sen­schaft­li­chen Lesens wur­de dies nie so gemacht. Seit wir am Com­pu­ter schrei­ben, machen wir es auch höchst sel­ten beim wis­sen­schaft­li­chen Schrei­ben so. Wir tun bei der Inter­pre­ta­ti­on sei­ner Replik auf auf eine Replik so, «als ob»: Wir begin­nen mit dem ersten Satz. Und der geht so:

“Ich bin ein System­theo­re­ti­ker”, eröff­net Fuchs. In der Tra­di­ti­on der total­re­flek­tier­ten 1968er Genera­ti­on, weiss er, was er tut. Und er beweist es grad auch noch, in dem er es mit zwei wei­te­ren Sät­zen expli­ziert. Er reflek­tiert im ersten Satz sich sel­ber. Er reflek­tiert die Aus­sa­ge im zwei­ten Satz in Bezug auf die Theo­rie. Und im drit­ten Satz in Bezug auf die Rezep­ti­on. Schon Niklas Luh­mann soll bemerkt haben, dass nie­mand mehr ratio­nal han­deln kann, wenn er beob­ach­tet wird. (Baecker 2009, S. 33) Fuchs lädt uns weni­ger ein, in die Beob­ach­tung der Beob­ach­tung zu gehen: Er zwingt uns dazu. Mit dem aller ersten Satz. Und jetzt müs­sen wir reagie­ren. Die Kon­struk­ti­on der ersten drei Sät­ze ist so hyper­deut­lich, dass jede Stu­den­tin und jeder Stu­dent schon nach dem ersten Seme­ster Stu­di­um im Bache­lor-Pro­gramm – oder viel­leicht schon vor der Zulas­sungs­prü­fung zum Stu­di­um! – die­se kom­mu­ni­ka­ti­ve Ver­wick­lung als total durch­ge­dreh­te Ver­wick­lung durch­schaut und sofort rea­li­siert, was Fuchs für nötigst hält: Beob­ach­tung zwei­ter Ord­nung!

Wür­den wir uns dem Ban­ner “System­theo­re­tisch nach Luh­mann” anschlies­sen, hät­ten wir uns als «Wohl­mei­nen­de zusam­men­ge­schart». Das ekelt Fuchs an. Das zeigt er uns im zwei­ten Abschnitt.  Und: Gehen wir in die Abwehr, machen wir bloss, was er ja schon pro­phe­zeit hat. Jedes Kind hasst es, plum­pe Erwar­tun­gen ohne Mög­lich­keit zu einem Fünk­chen Ein­sicht zu erfül­len. Will sagen: Mit dem aller ersten Satz ver­setzt uns der Päd­ago­ge in jene unmög­li­che Situa­ti­on, wel­che unse­re vor­schnell gemach­te Posi­ti­on pre­ka­ri­siert und uns zu einer neu­en Situ­ie­rung her­aus­for­dert. Der wei­se, weis­se, alters­ra­di­ka­le Pro­fes­sor hat aber eben erst bloss gera­de sein Spiel eröff­net mit uns eröf­fent. Spie­len wir mit? – Ger­ne! Ein näch­stes Bei­spiel:

“Man kann sich ein Bild machen, aber lei­der: Es ist nur ein Bild.” Die­ser Satz steht ziem­lich genau in der Mit­te sei­nes Tex­tes. Um die­sen Satz dreht sich sei­ne Inter­ven­ti­on zu einem Fach­dis­kurs, in wel­chem wir dring­lichst einen näch­sten Schritt, eine näch­ste Idee, eine näch­ste Hand­lungs­op­tio­nen für näch­ste Her­aus­for­de­run­gen benö­ti­gen.

Es konn­te leicht gezeigt wer­den, wie sein aller erster Satz auf den zweit­letz­ten Satz des Essays ver­weist. Und jetzt soll gezeigt wer­den, wie die gan­zen Zei­chen­ket­ten dazwi­schen um die­ses erkennt­nis­theo­re­ti­sche Pro­blem des Bil­der machens, des sich Ori­en­tie­rens, des sich Ver­or­tens dre­hen. Fuchs geis­selt Wort­hül­sen wie Rigo­ris­mus, Fun­da­men­ta­lis­mus, Kapi­ta­lis­mus. Im ersten Teil. Im Zwei­ten akzep­tiert er dann, dass das Ken­nen von Bör­sen­kur­sen, die Nut­zung von Spon­so­ring, das jed­we­de Aus­nut­zen von nütz­li­chen Finan­zie­rungss­chan­cen not­wen­dig sei.  So war das schon immer. Ob unter Für­sten, der Kir­che oder unter dem Staat. Es war auch zu Zei­ten der Pro­fes­sio­na­li­sie­rung Sozia­ler Arbeit durch Jane Addams, Ali­ce Salo­mon, Ilse Arlt oder Mary Par­ker Fol­let so. Und auch wir heu­te machen es so. Ob zäh­ne­knir­schend jam­mernd oder neo­li­be­ral düdelnd: Es ist unse­re all­tags­prak­tisch­ste Pra­xis. Das hat nichts mit Posi­ti­vi­stisch oder Pes­si­mi­stisch zu schaf­fen. Es ist das Prä­di­kat von Beruf und Pro­fes­si­on Sozia­le Arbeit: Wir ver­ste­hen uns Akti­vi­stisch. Anpackend. Han­delnd. Arbei­tend. Wir ver­ste­hen Sozia­le Arbeit als eine Arbeit am Sozia­len; als eine Hand­lungs­wis­sen­schaft. Pen­deln zwi­schen Pra­xis und Theo­rie. Krei­send zwi­schen Inter­puk­tio­nen von Anfän­gen und Enden. Und so defi­nie­ren wir uns:

“Soci­al work is a prac­tice-based pro­fes­si­on and an aca­de­mic disci­pli­ne that pro­mo­tes soci­al chan­ge and deve­lop­ment, soci­al cohe­si­on, and the empower­ment and libe­ra­ti­on of peop­le. Princi­ples of soci­al justi­ce, human rights, collec­tive respon­si­bi­li­ty and respect for diver­si­ties are cen­tral to soci­al work.  Under­pin­ned by theo­ries of soci­al work, soci­al sci­en­ces, huma­nities and indi­ge­nous know­ledge, soci­al work enga­ges peop­le and struc­tures to address life chal­len­ges and enhan­ce well­being.” IFSW, 2014

Fein und empa­thisch, schel­misch und schlau, wie Gross­vä­ter­chen Fuchs eben einem als Men­schen nun mal begeg­net, geht er auf Augen­hö­he mit sei­nem «Kli­en­tel». Er tut so, als ver­tei­dig­te er Kle­ves Vor­la­ge. Das hat der Sze­nen­kun­di­ge auch nicht anders erwar­tet. Und Fuchs hat uns gezeigt, dass er das weiss, dass wir das wis­sen. Und wir kön­nen gar nicht anders, als anzu­neh­men, dass er weiss, dass wir wis­sen, dass er weiss, was wir wis­sen. Und zu die­ser bestä­ti­gen­den Absi­che­rung muss er – im dritt­letz­ten Satz – auch wie­der­ho­len, was er Seit­he vor­wirft: Belei­di­gun­gen sei­ner­seits. Erst mit die­ser über­deut­li­chen Über­dre­hung ent­win­det er sich aus dem für Publi­zi­sten durch­aus wün­schens­wer­ten Hick­hack: Streit ist gut für die Auf­merk­sam­keit, die Auf­la­ge, die Stei­ge­rung der Abo­zah­len.

Das ist sein päd­ago­gi­sches Spiel mit uns, was uns ver­un­mög­licht, das Spiel in der ein­ge­fah­re­nen Lang­wei­lig­keit des Erwart­ba­ren und Vor­her­seh­ba­ren wei­ter zu spie­len und uns in unse­re jewei­li­gen «Schar der Wohl­mei­nen­den» zu beru­hi­gen. Fuchs malt uns ein Bild und ver­weist dar­auf, dass es ein Bild ist: “Lei­der nur ein Bild.” Und er meint damit: Es geht dar­um, sich sel­ber ein Bild zu machen. Es geht dar­um, sel­ber zu den­ken. Es geht dar­um, eige­ne Spie­le zu spie­len. Und wie­der­um Zugang zu “Anlei­tun­gen zum Mäch­tig-sein” lust­voll zu erschlies­sen.

Die Einig­keit wider Navi­ti­tät und für Pro­fes­sio­na­li­tät lässt sich bei allen drei­en – Kle­ve, Seit­he, Fuchs – leicht fin­den. Peter Fuchs hat uns in sei­nem kur­zen Text vor­ge­macht, wie die eine Bür­ste der ande­ren Bür­ste die Bor­sten putzt. Jetzt “kön­nen” wir nicht nur, wir “müs­sen” uns ein näch­stes Set von Wör­tern, Kon­zep­ten, Bil­dern erfin­den.

  • Es war naiv, anzu­neh­men, dass unser Beruf als Pro­fes­si­on einen ange­mes­se­nen Platz im Elfen­bein­turm der Wis­sen­schaft erhal­ten wird. Nicht, weil der Elfen­bein­turm als sol­cher längst nicht mehr – wir vor 200 Jah­ren ein­mal erträumt – funk­tio­niert. Viel mehr, weil unse­re Stu­di­en­gän­ge will­kom­me­ne Auf­fang­becken für die mas­si­ven Über­schüs­se an pre­ka­ri­sier­tem aka­de­mi­schen Per­so­nal genutzt wur­de und damit die wei­te­re Ent­wick­lung der Trans­dis­zi­plin nicht gelei­stet wer­den konn­te.
  • Es war naiv, anzu­neh­men, dass die Errun­gen­schaf­ten der sozia­len Sicher­heit eine zu eta­blie­ren­de Erfin­dung sein könn­te. Der Höhe­punkt der gewerk­schaft­li­chen Erfol­ge wur­den erreicht, wie sich bereits deut­lich eine gänz­lich ande­re Gesell­schaft abge­zeich­net hat­te.
  • Der Umbau des Staa­tes, die Umfor­mu­lie­rung von Bür­gern in ICH AG’s, die Favo­ri­sie­rung der gewinn­gei­len For­mel “Effek­ti­vi­tät & Effi­zi­enz”, die Miss­ach­tung der “Gren­zen des Wachs­tums”, die unun­ter­bro­che­ne Wei­ter­füh­rung der (mili­tä­ri­schen) Kolo­nia­li­sie­rung, die mit offe­nen Augen akzep­tier­te Aus­mer­zung von über­flüs­si­gen Men­schen… Es wäre naiv, die­se foto­gra­fier­ba­ren Umstän­de zu über­se­hen. Der bekann­te, stein­rei­che, schwei­zer Ban­ker, Hans J. Bär, brach­te es vor vie­len Jah­ren in sei­ner Auto­bio­gra­fie auf den Punkt: Es han­delt sich hier um eine “Anstif­tung zum Klas­sen­kampf von oben” (S. 409).

Nein. Sich naiv stel­len, die­ser Trick funk­tio­niert nicht wirk­lich gut. Schwie­ri­ger scheint zu beant­wor­ten, was wir mit “Pro­fes­sio­na­li­tät” noch mei­nen könn­ten.

  • Wenn wir uns doch einig wären, dass – schon wie­der – das Geld die Welt regiert, war­um tun wir uns so schwer, “Geld als Mit­tel zur Frei­heit” zu akzep­tie­ren? Wenn Geld jenes Eli­xier ist, wel­ches uns erlaubt, unzu­mut­ba­res Abzu­leh­nen, war­um geste­hen wir uns uns dann nicht nur uns selbst, son­dern auch unse­rem Kli­en­tel, die­ses Mini­mum zu? War es nicht Geld, was wir for­der­ten: Für Men­schen mit einer Behin­de­rung? Für Men­schen, wel­che unter miss­lich­sten Bedin­gun­gen arbei­te­ten? War der Zugang zu Arbeit, nicht Zugang auch ins­be­son­de­re zu Geld?
  • Wor­an könn­te erkannt wer­den, dass wir “soci­al chan­ge and deve­lop­ment, soci­al cohe­si­on, and the empower­ment and libe­ra­ti­on of peop­le” rigo­ros – und mei­net­we­gen auch fun­da­men­tal – wol­len und rea­li­sie­ren in jedem Moment?
  • War es mög­li­cher­wei­se naiv anzu­neh­men, dass wenn wir der­einst pro­fes­sio­nell am Sozia­len Arbei­ten könn­ten, prä­zis die­se Pro­fi­lie­rung und Eta­blie­rung eine Eigen­dy­na­mik ent­wickelt, wel­che sich gegen die einst­mals fun­da­men­ta­len Zie­le der eige­nen Ansprü­che an “gute Sozia­le Arbeit” rich­ten wer­den?
  • Erle­ben wir, was die Kunst­hoch­schu­le erle­ben? Im Gestus des Unter­rich­tens von Kunst, den eige­nen Habi­tus des Künst­lers finan­zie­ren, aber die Stu­die­ren­den auf Krea­ti­vi­tät zu dis­zi­pli­nie­ren?

In den Anfän­gen der Sozia­len Arbeit, zur Zeit der auf­kom­men­den Mecha­ni­sie­rung und Indu­stria­li­sie­rung, waren kei­ne bestan­des­be­wah­ren­de Frau­en am Werk. In einer Zeit, in wel­cher sich die kom­mu­ni­ka­ti­ven Rah­men­be­din­gun­gen gänz­lich ver­schie­ben, hören wir von der Sozia­len Arbeit kaum einen inspi­rie­ren­den Gedan­ken. Wir gucken zu, wie Jour­na­lis­mus, Archi­tek­tur, Thea­ter, Biblio­the­ken etc.  sich dem sozi­al­ar­bei­te­ri­schen Voka­bu­lar und Hand­werk bedie­nen und offen­siv­ste “Arbeit am Sozia­len” betrei­ben.

Die Chan­ce, wel­che uns Kle­ve, Seit­he und Fuchs in die­sem Fach­dis­kurs bie­ten? Rigo­ro­se, fun­da­men­ta­le, sub­stan­zi­el­le Reflek­tio­nen auf der Beob­ach­tungs­ebe­ne zwei­ter Ord­nung. Das wün­sche ich uns. («Und das sehe ich ethisch so.»)

Zürich, 14. Juli 2015/sms ;-)

Anmer­kun­gen

zum Autor | Ste­fan M. Sey­del, Master of Soci­al Work/ZPSA/MRMA, Unter­neh­mer, Autor, Künst­ler. 2010 nahm er rebell.tv mit einem «soci­al media sui­ci­de» in der Kryp­ta im Caba­ret Vol­taire, Spie­gel­gas­se 1, Zürich, vom Netz. (Kanal Gei­ste­wis­sen­schaf­ten, die Welt.) Er arbei­tet aktu­ell als Sozi­al­päd­ago­ge und in frei­en Pro­jek­ten in Zürich. dissent.is ist sein aktu­el­ler Zett­ka­sten. Kon­takt: dfdu.org/impressum

zur Text­sor­te | Der Text wur­de als Ent­wurf für eine Ein­ga­be an das DZI geschrie­ben. Falls der Text von Fuchs über­nom­men wor­den wäre und inter­es­se an einer Über­nah­me bestan­den hät­te, wäre ich ein näch­stes Mal über die­se Fas­sung gegan­gen und hät­te den Text wei­ter aus­ge­baut. Der Text wird aber nicht ins DZI über­nom­men. Und dar­um ist auch die wei­te­re Arbeit hier unnö­tig. Wir haben uns in diver­sen eMails ent­schie­den, den Text von Peter Fuchs – und mei­ne Replik auf die Replik einer Replik – hier – nicht zu ver­öf­fent­li­chen, aber – offen zugäng­lich abzu­le­gen ;-)

Lite­ra­tur | Baecker, Dirk: Die Her­aus­for­de­rung der näch­sten Gesell­schaft, in: Piazzi/Seydel, Die Form der Unru­he, Band 1, Juni­us-Ver­lag Ham­burg, 2009

Dis­kus­si­on

(weils so schön ist: hier ein klei­nes lea­king im aus­tausch via eMail mit peter fuchs ;-)

Lie­ber Ste­fan,
vie­len Dank für die Nach­rich­ten. Ich weiß jetzt, dass die­se Zeit­schrift die Replik zur Replik nicht publi­zie­ren wird. Noch ein Tip zu Dei­nem Text: Er ent­hält eine Rei­he klei­ner Feh­ler, die aus­zu­mer­zen viel­leicht nütz­lich sein könn­te.
Herz­li­che Grü­ße
Peter

oh. dan­ke
feh­ler? auf rech­te rich­tigschrei­bung hab ich noch gar nicht geschaut… mir gings erst mal um die idee, wie ich dei­nen text re:framen kann ;-))) freue mich über jed­we­de hin­wei­se!
/sms ;-)

Lie­ber Ste­fan,
nur noch ganz kurz, ein­fach nur als Hin­weis. Ich rede seit mei­nem (unver­öf­fent­lich­ten) Text zum sozi­al­ar­bei­te­ri­schen Umgang mit ‹gewalt­be­rei­ten Jugend­li­chen› nicht mehr von ‹Kli­ent› bzw. ‹Kli­en­tel›, son­dern von Man­dant und Man­dan­ten­schaft. Der Grund: Kli­ent ist, ety­mo­lo­gisch gese­hen, der­je­ni­ge, der mir etwas schul­det; Man­dant ist der­je­ni­ge, der mir einen Auf­trag gibt, ein Man­dat. Ich fin­de, damit lässt sich eine kurio­se Unschär­fe erset­zen durch einen Gedan­ken, der der Struk­tur Sozia­ler Arbeit einen ande­ren ‹Kick› gibt.
Herz­li­che Grü­ße
Peter

… mün­del… schutz­be­foh­le­ne… wai­sen­kin­der… kli­ent… man­dant… ich lie­be die­se pro­ble­me. weil sie die gan­ze unmög­lich­keit unse­res tun offen­ba­ren… es gibt orte, wo kin­der «platz­iert» wer­den. von andern. ein man­dat von die­sen kin­dern selbst zu erhal­ten, ist viel­leicht gera­de dann nicht gelun­gen, wenn sie es dir ver­bal über­tra­gen?!? … du weisst schon… ähm…
/sms ;-)

links

Kom­men­ta­re

Die Dis­kus­si­on wird im DZI Sozia­le Arbeit sicher wei­ter geführt wer­den. Natür­lich gibts auch hier in die­sem Zet­tel­ka­sten die Mög­lich­keit zu Bemer­kun­gen, Hin­wei­sen.

UPDATE 30.09.2015

/tp hat mit ihrer klas­se an der agogis.ch die dis­kus­si­on auf­ge­nom­men.  mit den stu­die­ren­den sind in den vor­le­sun­gen wer­te- und ent­wick­lungs­qua­dra­te (video. schulz von thun erklärt die idee) ent­stan­den. HIER DIE UNTER­LA­GE ALS PDF. es fol­gen nun noch die ein­zel­nen schau­bil­der zum vertwit­tern ;-)


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