«Ande­res anders machen» (Umgang mit Infor­ma­ti­on auf der Höhe der Zeit) #dfdu bd2 2010

[Text­sor­te: Dra­ma, Tabu]
Arbeits­form: Doku­men­ta­ti­on, Listen­bil­dung, Work in Pro­gress
Anlass: Die­ser Text wur­de 2010 in Medienheft.ch ver­öf­fent­licht. Vor­her bei medium.com doku­men­tiert.
TL;DR: – + ≠ #medi­en­lǝsɥɔǝʍ ¯\_(ツ)_/¯

Die Elek­tri­zi­tät ist in die mensch­li­che Kom­mu­ni­ka­ti­on ein­ge­schla­gen wie der Blitz. Wer am Com­pu­ter schreibt und meint, er hocke doch bloss an einer beque­mer gewor­de­nen Schreib­ma­schi­ne, muss sich die Ohren mit allen Hän­den zuhal­ten, um wei­ter­hin glaub­haft behaup­ten zu kön­nen, das beben­de Don­ner­grol­len nicht ver­neh­men zu kön­nen.

Die Schreib­ma­schi­ne saugt aus dem mensch­li­chen Kör­per Gedan­ken ab. Schiesst die­se mit unglaub­li­cher Wucht hin­ter das Farb­band. Und lässt dort hin­ten ein unver­rück­ba­res Objekt ent­ste­hen, wel­ches nicht bloss objek­tiv wirkt, son­dern tat­säch­lich von ande­ren distan­ziert und als ein eigen­stän­di­ges Ding begut­ach­tet, geprüft und kri­ti­siert wer­den kann. Aber jetzt geht es anders wei­ter. Von einem «Schrei­ben an einer Schreib­ma­schi­ne» zu einem «Schrei­ben an einem Com­pu­ter» gibt es kei­ne Ver­bin­dung. Kei­ne. Und wer so tut, als wäre alles gleich, bloss anders, hat nichts ver­stan­den: Das Ande­re ist anders. Nein: Nicht bes­ser. Nein: Nicht schlech­ter. Ein­fach bloss anders. Um kon­kre­ter zu wer­den: Es ist leicht zu beob­ach­ten, wie in der Bewäl­ti­gung der aktu­el­len Her­aus­for­de­run­gen einer com­pu­ter­ver­mit­tel­ten Kom­mu­ni­ka­ti­on die Pro­blem­lö­sungs­ver­su­che selbst zum Pro­blem wer­den:

(1) Wer meint, Infor­ma­ti­ons­über­fluss durch här­te­re, prä­zi­se­re, kon­si­sten­te­re Ana­ly­se in beru­hi­gen­de Über­sicht zu ver­wan­deln, irrt. (Gründ­lich. Grund­sätz­lich. Prin­zi­pi­ell.)

(2) Wer meint, Infor­ma­tio­nen sei­en kon­trol­lier­bar, dis­zi­pli­nier­bar, nor­mier­bar, der muss sich sagen las­sen, dass jeder Tota­li­ta­ris­mus genau die­se Zie­le ver­folgt hat. (Autsch!)

(3) Wer meint, wei­ter­hin Infor­ma­tio­nen beschrän­ken, bün­deln, sor­tie­ren, kana­li­sie­ren zu kön­nen, darf den Ein­satz von gewal­ti­ger Macht nicht scheu­en. (Just do it. Yes we can.)

(4) Wer meint, eine Infor­ma­ti­on müs­se bloss «kurz, knackig, knacki­ger» ver­mit­telt wer­den, es gewin­ne ein­fach jener, wel­cher län­ger, lau­ter, pene­tran­ter pene­trie­re, hat ver­mut­lich Recht. (Und jetzt? Wir haben ver­stan­den.)

Um prak­ti­scher zu wer­den: Ein Jemand wählt das «Rich­ti­ge» für jemand anders aus (1) und ent­fernt in der Auf­ar­bei­tung (2) alles Stö­ren­de, Über­flüs­si­ge, Unnö­ti­ge und Ablen­ken­de, fixiert die­sen «Con­tent» in gekonnt stra­te­gisch gestal­te­ten, kon­ser­vie­ren­den Kanä­len (3) und über­mit­telt die­se ruck­el­frei zur unter­hal­ten­den Kon­su­ma­ti­on (4).

Um deut­li­cher zu wer­den: Die im ersten Moment durch­aus als ent­la­stend emp­fun­de­ne Dienst­lei­stung wirkt tat­säch­lich höchst beun­ru­hi­gend. Denn selbst­ver­ständ­lich ist jede Infor­ma­ti­on stets von einer blitz­ar­ti­gen Unter­lau­fung durch eine ganz ande­re Infor­ma­ti­on bedroht. Wir lei­den ja nicht bloss unter einem Infor­ma­ti­ons­über­fluss. Das Pro­blem ist wesent­lich dra­ma­ti­scher: Alles was gewusst wer­den kann, wird tat­säch­lich gleich­zei­tig auch ganz anders gewusst. Und dar­um erin­nert das Don­ner­grol­len zunächst an die ver­trau­ten Erfah­run­gen aus der münd­li­chen Kom­mu­ni­ka­ti­on:

(A) Über vie­le, unter­schied­li­che, wider­sprüch­li­che, kon­tro­ver­se Infor­ma­tio­nen zu ver­fü­gen, ist Zei­chen von frei­er Infor­ma­ti­on.

(B) Eine Infor­ma­ti­on kann noch so «rich­tig und wahr» sein. Erst wenn es gelingt, die facet­ten­rei­che Viel­falt erleb­ter Rea­li­tät zu inte­grie­ren, ent­fal­tet sich die Qua­li­tät einer Infor­ma­ti­on. Oder ein­fa­cher: «The Con­text ist the Mes­sa­ge.» (Bazon Brock)

(C) Mehr­deu­ti­ge, ambi­gue, kon­tex­tua­li­sier­te Infor­ma­ti­on sta­bi­li­siert eine freie, indi­vi­du­el­le, offe­ne Erkennt­nis­ge­win­nung und unter­läuft ver­kru­ste­te, ille­gi­ti­me Macht­struk­tu­ren.

(D) Die Her­stel­lung von «Ein­deu­tig­keit» einer Infor­ma­ti­on ent­steht im Rezi­pi­en­ten.

Jetzt kann offen sicht­bar wer­den: Es ist ja gar nicht so, dass der Ablauf von (1) Aus­wäh­len, (2) Auf­be­rei­ten, (3) Kon­ser­vie­ren, (4) Dis­tri­bu­ie­ren unter den Bedin­gun­gen einer com­pu­ter­ver­mit­tel­ten Kom­mu­ni­ka­ti­on nicht mehr mög­lich wäre. Ganz im Gegen­teil. Die­ser Ablauf kann so rasend schnell bis hin zur belie­bi­gen Belie­big­keit simu­liert wer­den. Gera­de dar­um wird die (A) Robust­heit einer Infor­ma­ti­on, die (B) Kon­tex­tua­li­sie­rung, die (C) freie Erkennt­nis­ge­win­nung, die Mög­lich­keit zu einem (D) Ver­trau­en in die eige­ne Wahr­neh­mung so zen­tral. Wenn also das Pro­blem der Infor­ma­ti­ons­über­schuss ist, dann wird die Ver­har­rung auf die Pro­blem­lö­sung mit den Mit­teln aus dem Kreis­lauf 1 bis 4 zum Pro­blem selbst. Hin­ge­gen ver­schwin­det das Pro­blem gänz­lich, wenn mit der Erfül­lung der unter A bis D auf­ge­zähl­ten Kri­te­ri­en «gerech­net» (Dirk Baecker/Maren Leh­mann) wird.

#medi­en­lǝsɥɔǝʍ | Niklas Luh­mann (GdG, Kap2ff), Dirk Baecker (SznG)

Dem Brecht’schen Radio wur­de nicht erlaubt, zu einem «Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ap­pa­rat» zu wer­den. Und heu­te kön­nen wir schon sehen, dass das Inter­net auf einen «Dis­tri­bu­ti­ons­ap­pa­rat» redu­ziert wird. Immer­hin: Zu den typi­schen Ele­men­ten einer jeden Pro­pa­gan­da­ma­schi­ne gehört die Mög­lich­keit, in klar kon­trol­lier­ten Foren mit­ma­chen zu dür­fen, Mit­läu­fer­tum als Par­ti­zi­pa­ti­on zu hyper­ven­ti­lie­ren, Gemein­schaft zu insze­nie­ren. Aber Dia­log ist was ande­res. Dia­log pul­ve­ri­siert Pro­pa­gan­da. Dia­log ver­än­dert das noch so fix Kommun­zier­te in etwas gänz­lich ande­res.

«Auf in die Kul­tur der Kon­tro­ver­se»

Lässt sich am Bei­spiel von Twit­ter ein Blick in die Zukunft einer com­pu­ter­ver­mit­tel­ten Kom­mu­ni­ka­ti­on machen? In Band 2 von «Die Form der Unru­he» behaup­ten wir auf Sei­te 76, dass ein guter Twit­ter-Tweet zum Bei­spiel so aus­se­hen könn­te: «@hidogawa @socialbits #soci­al #bits trunc.it/9gx3a RT @hrheingold: RT @jyri: «ide­as» as soci­al objects: bit.ly/bA2Azy». Dabei fällt zunächst auf, dass eine solch kryp­ti­sche Zei­chen­ket­te auf Papier gedruckt selbst für gewand­te Twit­te­rer weit­ge­hend sinn­los ist. Wei­ter kann beob­ach­tet wer­den, dass offen­bar der Gehalt die­ser Mit­tei­lung über Ent­schlüs­se­lung der Bezie­hun­gen von Per­so­nen, Wor­ten und Ver­bin­dun­gen erschlos­sen wer­den muss. Nicht Inhal­te bil­den den Anlass der Kom­mu­ni­ka­ti­on, son­dern Rela­tio­nen. Nicht ein­mal ein Ansatz zu einem Ver­such einer ein­deu­ti­gen Infor­ma­ti­on ist ersicht­lich. Viel­mehr öff­nen sich Bezü­ge und Hin­wei­se in unter­schied­lich­ste Rich­tun­gen. Ein inhalt­li­ches Ver­ste­hen einer sol­chen Mit­tei­lung ist so gänz­lich unmög­lich gemacht, dass sogar das Miss­ver­ständ­nis aus­ge­schlos­sen wer­den kann. Oder ein­fa­cher: Das Miss­ver­ständ­nis wird zum Nor­mal­fall der Kom­mu­ni­ka­ti­on gemacht. Jedes Ver­ste­hen wird in sei­ner indi­vi­du­el­len Kon­stru­iert­heit selbst­ver­ständ­lichst und öff­net sich für einen wei­te­ren kom­mu­ni­ka­ti­ven Anschluss. Um hier einen letz­ten Aspekt noch zu erwäh­nen: Das eige­ne Wis­sen wird hier weni­ger in der Aus­for­mu­lie­rung von gan­zen Sät­zen und Erkennt­nis­sen gesam­melt als viel­mehr über die Aus­zeich­nung von Stich­wor­ten mit einer Rau­te (#, sog. Hash­tag) und der damit gelun­ge­nen Über­tra­gung von Infor­ma­ti­ons­in­hal­ten in eine Listen­för­mig­keit. Listen sind immer dann inter­es­sant, wenn die Gren­zen des Beob­ach­te­ten noch nicht erkenn­bar gewor­den und dadurch auch noch nicht in eine hier­ar­chi­sche Ord­nung zu brin­gen sind (Umber­to Eco). Listen sind offe­ne Ord­nun­gen. Für alles, was plötz­lich noch auf­tau­chen könn­te, hat es genü­gend Platz. Allen­falls begin­nen wir eine näch­ste Liste. Und so kann schliess­lich die­ser «Ort» — die Kom­mu­ni­ka­ti­on inner­halb von Twit­ter — gera­de dar­um als «sicher» emp­fun­den wer­den: Es ist ein Raum, wel­cher kaum geeig­net ist, Bezeich­ne­tes aus­zu­schlies­sen, aber viel­mehr Aus­ge­schlos­se­nes zu inte­grie­ren ver­mag. Und genau in einer sol­chen Anla­ge mensch­li­cher Kom­mu­ni­ka­ti­on ent­decken wir die ethi­sche Impli­ka­ti­on (Hei­ko Kle­ve).

Wenn sich «Bits» (Nul­len und Ein­sen) in Spra­che, Tex­te, Bil­der, Töne «ein­log­gen» — wor­auf in den Wör­tern «Blog» und «Blog­ger» ein Ver­weis gese­hen wer­den könn­te — und damit Com­pu­ter nicht nur Kom­mu­ni­ka­ti­on absti­nent ver­mit­teln, son­dern selbst auch Teil von mensch­li­cher Kom­mu­ni­ka­ti­on wer­den, dann suchen wir im Umgang mit die­ser Her­aus­for­de­rung die Ori­en­tie­rung dort, wo das Wort «Ori­en­tie­rung» dies nahe legt: Am Ort der auf­ge­hen­den Son­ne. «Die Form der Unru­he» trau­ert auf Grund unse­rer sozi­al­ar­bei­te­ri­schen Erfah­run­gen im Umgang mit der gedruck­ten Spra­che kei­nen ver­gan­ge­nen Zei­ten im Umgang mit Infor­ma­tio­nen nach. Ein neu­er Tag beginnt.

/end

Nach­trä­ge

Cyber­ne­tics and Human Kno­wing. Vol. 25 (2018), no. 4, pp. 12–13 Con­tin­gen­cy Alert Edi­to­ri­al Note on Necessa­ry and Impos­si­ble Media @derrothdotcom
https://twitter.com/sms2sms/status/1085653258503213057

#medi­en­lǝsɥɔǝʍ

- spra­che
+ schrift
≠ buch­druck
# com­pu­ter

¯\_(ツ)_/¯

NEUE MEDI­EN ermög­li­chen DER GESELL­SCHAFT DER GESELL­SCHAFT eine NÄCH­STE Ant­wort auf DIE SOZIA­LE FRA­GE. #Zwing­li­Film

user:sms2sms in #ZuercherFestspiel1901 (2019) sms2sms:
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Ste­fan M. Sey­del/sms ;-)

(*1965), M.A., Stu­di­um der Sozia­len Arbeit in St. Gal­len und Ber­lin. Unter­neh­mer, Sozi­al­ar­bei­ter, Künst­ler.

Aus­stel­lun­gen und Per­for­man­ces in der Roy­al Aca­de­my of Arts in Lon­don (Frieze/Swiss Cul­tu­ral Fund UK), im Deut­sches Histo­ri­sches Muse­um Ber­lin (Kura­ti­on Bazon Brock), in der Cryp­ta Caba­ret Vol­taire Zürich (Kura­ti­on Phil­ipp Mei­er) uam. Gewin­ner Migros Jubi­lée Award, Kate­go­rie Wis­sens­ver­mitt­lung. Diver­se Ehrun­gen mit rocketboom.com durch Web­by Award (2006–2009). Jury-Mit­glied “Next Idea” Prix Ars Elec­tro­ni­ca 2010. Bis 2010 Macher von rebell.tv. Co-Autor von “Die Form der Unru­he“, Umgang mit Infor­ma­ti­on auf der Höhe der Zeit, Band 1 und 2, Juni­us Ver­lag Ham­burg. Ruhen­des Mit­glied im P.E.N.-Club Liech­ten­stein. Er war drei Jah­re Mit­glied der Schul­lei­tung Gym­na­si­um Klo­ster Disen­tis. Seit Som­mer 2014 lebt und arbei­tet er in Zürich: #dfdu.org AG, Kon­stel­la­to­ri­sche Kom­mu­ni­ka­ti­on. (Ent­wick­lung von Pilot und Impuls­pro­jek­ten, gegrün­det 1997 mit Tina Piaz­zi.)


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