#CoronaVirus provoziert die #Dickhäuter. (Stefan M. Seydel, @NZZ, 18. April 2020)

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#CoronaVirus provoziert die «Dickhäuter»

Das pralle Durcheinander ist eskaliert: Noch immer jagen Zahlen, Fakten, Bilder durch den Live-Ticker. Aus Angst wurde Panik. Aus Reaktion Überreaktion. Wer schafft in solchen Zeiten unaufgeregtes, nüchternes, sachliches Wissen? Wissenschaft? Der Bundesrat? Die Qualitätspresse? Freiwillige auf Wikipedia. 

Stefan M. Seydel/sms ;-)

Seit bald zwei Jahrzehnten besteht Wikipedia. Seit einem Jahrzehnt steckt die deutschsprachige Wikipedia-Community in unlösbar scheinenden Konflikten: Die Zahl der Mitarbeitenden sinkt stetig, die Relevanzkriterien für Eintragbares wird von einer Meritokratie beherrscht, der Spass am Editieren ist pulverisiert. Und doch kann sich das Resultat sehen lassen.

Im ersten Jahrzehnt wurde gesagt: “Wo alle mitschreiben können, kann keine Qualität entstehen.” Im zweiten Jahrzehnt pfeifen es die Spatzen von den Dächern: “Gegen Fake-News hilft ein Blick auf die Diskussionsseite und die Versionsgeschichte im entsprechenden Eintrag bei Wikipedia.” – Wenn es so einfach ist, warum ist es nicht längst Allgemeinwissen geworden?

“Das Überleben der Dickhäuter in Zeiten der Empfindlichkeit.” (Ernst Peter Fischer)

Wikipedia zu verstehen, ist ganz einfach. Aber es setzt voraus, dass verstanden wird, wie Wissenschaft arbeitet: Wissenschaft schafft Wissen, in dem Implizites expliziert und schonungslos der Kritik ausgesetzt wird. Und genau das – und nichts weniger – ermöglicht die freie Software “Mediawiki” der Trägerorganisation “Wikimedia-Foundation”.

Jeder noch so kleinste Eintrag – jeder Edit – wird in der Wikipedia auf die Hundertstelsekunde genau protokolliert. Die Genese des Textes ist ideal transparent und lückenlos nachvollziehbar. In der Versionsgeschichte zeigt ein grafischer Balken, was ein- und ausgetragen wird: Die skandalisierten “Editwars” werden damit unmittelbar sichtbar. Und weil alle Versionen eines Textzustandes verglichen werden können, erhellt der Streit das Argument.

Zugegeben: Wikipedia kann nicht konsumiert werden wie ein Enzyklopädie in der Form eines Buches. Wer sich aber diese Aufwändungen leistet, bekommt viel Erkenntnisgewinn, egal, ob es um Donald Trump, die Gründung des Bundesstaates oder das Coronavirus geht.

Gleich wie die Möglichkeit des anonymen Publizierens mittels Buchdruck, setzt auch Wikipedia den Fokus radikal auf die Herausarbeitung von Argumenten: Wer etwas einträgt, interessiert zunächst nicht. Aber ob und wie eine Aussage belegt und überprüfbar gemacht wird, ob der eingetragene Gedanke ein Beitrag zur Herstellung von Multiperspektivität leistet, ob es gelingt, zentrale Aspekte eines Argumentes zu kritisieren – verifizierend oder falsifizierend -, das interessiert. Radikal. Ausschliesslich. 

Die realexisiterende, deutschsprachige Wikipedia sieht heute leider anders aus. Im Verbund mit über 300 Sprachversionen und einer rasend schnell wachsenden Wikidata, ist die Rechercheumgebung dennoch etwas vom Besten, was sich dieser Tage frei zugänglich im Internet anbietet.

Wenn also eine Wissen schaffende Umgebung so robust ist, warum wird Wikipedia nicht genauso offensiv geschützt wie die Universität? Warum hat der Service Public Wikipedia nicht längst unter seine Fittiche genommen?

  • Warum sollte Politik zugeben, dass es auch noch ganz andere Ideen gibt, wie “der Konsens zur Uneinigkeit” (Mani Matter) ausgetragen werden könnte?
  • Warum sollte Wissenschaft zugeben, dass die Herstellung von Wissen, auch ausserhalb der Universität, möglich ist?
  • Warum sollte Wirtschaft zugeben, dass ganz hervorragende Produkte, ganz ohne Geld, hergestellt werden können?
  • Warum sollten Massenmedien zugeben, dass robuste, relevante, informative Informationen ganz ohne ihre Vermittlungstätigkeit zugänglich sind?
  • Warum sollten die Künste zugeben, dass im Internetz überraschendere, provozierendere und faszinierende Kritik in den Diskurs getragen wird?
  • Warum sollten Bildungsinstitutionen aller Stufen zugeben, dass Lernen und Lehren jenseits von Jahrgangsklassen möglich ist?

Der Zwingli-Film von Stefan Haupt bietet sich vor diesem Hintergrund als Metapher an. Es wird zur Darstellung gebracht, wie “Neue Medien” – damals die Möglichkeit des anonymen Publizierens mittels Buchdruck – die Legitimation der “Dickhäuter” unterläuft und eine lang ersehnte, nächste Antwort auf “Die Soziale Frage” ermöglichen:

Bildquelle

Zwingli hockt in der allerersten Szene auf seinem Wagen und glotzt in sein neues Medium. Zwingli wurde vom “hinkenden Andreas” (Castelberger) in Hottingen mit den neuesten Schriften aus nah und fern beliefert. Dieses neue, andere, nächste Wissen überflutete die Stadt. Anders wie Luther in Deutschland wurde in Zürich in kollaborativen Schreibsystemen gearbeitet. Darum sprechen wir bis heute von der Zürcher-Bibel: In solchen Arbeitsumgebungen gibt es keine Autoren mehr, und es geht nicht mehr um die Begründung von Autorenschaft.

Was vor 500 Jahren etabliert wurde, gilt heute für Wikipedia: Die Qualität eines Eintrags in Wikipedia sinkt, wenn zu wenige oder zu viele mitarbeiten. Gelingt aber, dass unterschiedlichste Perspektiven eingepflegt werden, dass die “Community-Care” der Administratoren darauf fokussiert ist, die Freude am Editieren zu erhalten, dann werden Einträge umsichtige Ausgangsorte für weitere Recherchen.

Wie existenziell eine “Informationelle Allmende” ist, kann in der aktuellen Eskalation rund um Corona Virus abgelesen werden: Marc Walder, CEO von Ringier, rügt via Twitter die NZZ und nennt eine verweigerte Gleichschaltung aller Massen leitenden Medien in der Schweiz “unsolidarisch”. ZDF löscht einen Beitrag mit Pharmakritiker Wolfgang Wodarg. Sundar Pichai, CEO von Google, kündigt an, dass es keine Zusammenarbeit mit Ignoranten und Verweigerer wissenschaftlicher Erkenntnisse geben werde. Deren Möglichkeiten, missliebige Informationen zu verstecken, wollen wir uns gar nicht vorstellen.

https://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:Sei_mutigEgal, wie schlecht oder gar falsch eine Information auf Wikipedia ist: Der Streit um das Zustandekommen des aktuellen Eintrags wirkt aufklärend. Die Diskussionsseite und die Versionsgeschichte erzählen – inklusive grafischer Darstellung – vom “Editwar”. Löschen innerhalb der Wikipedia ist kaum möglich, muss begründet und diskutiert werden und hinterlässt verlinkbare Spuren. Es kann editiert, archiviert, strukturiert, geleert, gesperrt oder ausgeblendet werden. Dass all dies “esoterisches Wissen von Insidern” sei, mag ein Fünkchen Wahrheit enthalten: Seltsam ist bloss, warum dieses leicht erlernbare “Geheimwissen” nicht längst in Schule, Universität oder Bildungsfernsehen zur “Pflichtliteratur” gehört. An fehlenden Erklärseiten innerhalb von Wikipedia kann es nicht liegen. Die Eingabe von WP:MUT im Suchfeld bei Wikipedia, hilft.

WIKIPEDIA IS NOT PAPER

Noch bevor gewusst wurde, was Wikipedia ist, konnte im Streit mit Jimmy Wales 2002 klar beantwortet werden, was Wikipedia nicht ist: “Papier”. Es gibt keinerlei Platzbeschränkung. Es ist sehr einfach zu editieren. Es gibt keinen Redaktionsschluss. Und immer so weiter.

Was “Jimbo” – wie die Community den Gründer von Wikipedia mehr oder minder zärtlich nennt – in all den Jahren nie verstanden hat, ist, dass gerade der Grundsatz von “Anyone can edit” den Erfolg garantiert. Eins aufs nächste Mal versuchte er zu beweisen, dass es eben doch Hauptautoren, Experten, Spezialisten brauche. Aber die einzigen Projekte von Wikimedia.org mit Erfolg sind jene, welche radikal offen gehalten wurden.

Offen ist das neue Sicher

Und dann fällt plötzlich auf, dass offene, inklusive, den Dissens favorisierende, kollaborative Schreibsysteme längst zu tragenden Netzwerken unserer Gesellschaften geworden sind:

Seit 1991 wird an der Idee einer Blockchain gearbeitet. Seit 1992  am offenen Betriebssystem Linux, ohne dieses heute kaum mehr ein Rechner im Netz gehalten wird. 2001 ist nicht nur Wikipedia aus dem Nichts erschienen, sondern auch ein ganzes Rechtssystem, welche das Copyright als “das Recht zu kopieren” versteht: die Creative Commons. Viele Programmiersprachen sind so entstanden. Zum Beispiel Pyton. Content Management Systeme wie WordPress. Die Khan Academy zeigt, wie überliefertes Wissen den Kindern ganz anders vermittelt werden kann. Einmal verstanden, wonach zu suchen ist, findet die Aufzählung kaum ein Ende.

In nur drei Jahrzehnten, hast das World Wide Web eine globale Kommunikationskultur befördert, welche von Menschen scheinbar intuitiv verstanden wird. Kinder, welche mit den Daumen am Smartphone geboren worden sind, tauschen sich aus. Zeigen sich auf TikTok wie scheinbar kompliziertes ganz einfach gemacht werden kann. Sie verteilen ihre Ideen müheloser, als die Flugblätter in der Zeit von Zwingli: Wenn etwas funktioniert, wird es übernommen. In Windeseile. Global, regional, lokal, individuell.

Während die Boomer-Generation einen nötigen Paradigmenwechsel beschrieben hat, fällt in der aktuellen Corona-Krise nun tatsächlich auf, dass die ökologische Herausforderung, die ökonomische Herausforderung, die kommunikative Herausforderung eben gerade nicht sinnvoll bearbeitbar ist mit den Handlungsmustern der “Dickhäuter”. Politik, Wissenschaft, Wirtschaft, Massenmedien, Kunst, Bildungsinstitutionen sind im Zwingli-Film in der Rolle des Bischofs zu Konstanz leicht erkannbar. 

Aber das muss den pragmatischen Kräften um Zwingli und Bullinger zu Gute gehalten werden: Sie haben die radikalen Kräfte erst ersäuft, wie sie ihre reformatorischen Ziele erreicht haben: Die Priester wollten Familien gründen. Die Zünfte wollten ihre Geschäftstätigkeit nicht von der Kanzel herab bestimmt bekommen. Und die Stadt Zürich konnte endlich eine eigenständige Verwaltung werden.

Falls Wikipedia “die Hochzeit des Überlieferten Wissens mit der Elektronischen Maschine” (Umberto Eco) feiert, wäre es ein guter Moment, sich dieser globalen Diskurskultur noch einmal frisch anzunehmen und die entstandene informationelle Allmende nicht zerfallen zu lassen. Insbesondere auch, weil seit 2012 mit Wikidata die kommunikative Inklusion jener realisiert wird, welche längst mitkommunzieren: Die Maschinen. Aber das wäre ein nächstes Thema

Stefan M. Seydel ist Unternehmer, Sozialarbeiter und Künstler. Als Blogger firmiert er seit Jahrzehnten mit sms und auf Social Media und in der Wikipedia mit dem Kürzel sms2sms.

Aktuelle Nachträge:

Warum es wichtig ist den Unterschied von #Open und #Free zu klären: Q102014.xyz

Prof. Dr. Leonhard Dobusch über #ZDFwikipedia

Wie PD Dr. Hedwig Richter in der Süddeutschen Wikipedia erklärt hat:

Ich bin nicht einverstanden mit ihrem «Wissenschafts-Code» und ihrer Legitimation von «positiver Zensur».

@ImTunnel als Erasmus von Rotterdam (so?)

Dirk Baecker in der NZZ vom 16.04.2010

Gespräche im Teutoburger Wald

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user:sms2sms in #ZuercherFestspiel1901 (2019) sms2sms:
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Stefan M. Seydel/sms ;-)

(*1965), M.A., Studium der Sozialen Arbeit in St. Gallen und Berlin. Unternehmer, Sozialarbeiter, Künstler.

Ausstellungen und Performances in der Royal Academy of Arts in London (Frieze/Swiss Cultural Fund UK), im Deutsches Historisches Museum Berlin (Kuration Bazon Brock), in der Crypta Cabaret Voltaire Zürich (Kuration Philipp Meier) uam. Gewinner Migros Jubilée Award, Kategorie Wissensvermittlung. Diverse Ehrungen mit rocketboom.com durch Webby Award (2006–2009). Jury-Mitglied “Next Idea” Prix Ars Electronica 2010. Bis 2010 Macher von rebell.tv. Co-Autor von “Die Form der Unruhe“, Umgang mit Information auf der Höhe der Zeit, Band 1 und 2, Junius Verlag Hamburg. Ruhendes Mitglied im P.E.N.-Club Liechtenstein. Er war drei Jahre Mitglied der Schulleitung Gymnasium Kloster Disentis. Seit Sommer 2014 lebt und arbeitet er in Zürich: #dfdu.org AG, Konstellatorische Kommunikation. (Entwicklung von Pilot und Impulsprojekten, gegründet 1997 mit Tina Piazzi.)


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