Offen ist das neue Sicher – #TheGreatReset (2. Text für @NZZ #NZZ)

Textsorte: Märchen
Arbeitsform: Dokumentation, Work in Progress
Anlass: Die NZZ will einen zweiten Text und ich kann dort weiter schreiben, wo ich aufgehört habe: Von Wikipedia zu Wikidata ;-)
TL;DR: (…)
Bildquelle: (…)
URL/Hashtag:
1. Text: dissent.is/nzz-wikipedia/ (Publiziert am 18.04.2020, Seite 7)
2. Text: dissent.is/nzz-wikidata (Work in Progress)

Aktuelle Fase: 3

  1. Arbeit an Feedbacks
  2. Verlinkung
  3. Allfällige Überarbeitungen
  4. Textabgabe an NZZ, 1. Oktober 2020, 15h
  5. Feinjustierungen, Korrekturlesung
  6. (2.) Lesung (Zum Podcast)
  7. Überarbeten, Feedbacks sammeln, redigieren
  8. (1.) Lesung (Zum Podcast)
  9. Schreiben
  10. Konzeption (Inhalte, Kernsätze, Storytelling)
  11. Sammeln, Ordnen, Gewichten
  12. Schreibauftrag & Honorarverhandlung (so?)

WORK IN PROGRESS

Reload für aktuellen Schreibstand

Der Link zum Text in derNZZ:

(…)

Der von mir abgegebene Text:

Wie innerhalb der NZZ noch redigiert wird, wird sich noch klären müssen. Beim letzten Mal kam es zu Rückfragen und Überarbeitungsvorschlägen. Dies der Stand, am 1. Oktober 2020, 15h (Verlinkungen mache ich, wenn Text fix steht.):

Offen ist das neue Sicher – #TheGreatReset

Was wäre, wenn … – nur so zum Spielen! – Was wäre, wenn Wikipedia und Wikidata als die beiden niederschwelligsten und alltagspraktisch relevantesten kollaborativen Schreibprozesse der  Menschheitsgeschichte angenommen würden? Liesse sich von ihnen lernen, wie sich Weltgesellschaft zu verständigen sucht? Wären über diese Beobachtung die Anforderungen an einen Service Public auf der Höhe der Zeit beschreibbar? Könnte die dort verteidigte Unterscheidung von “Open” und “Free” gar ein Wegweiser zum “grossen Filter” sein, welcher überwunden werden muss, um #TheGreatReset @wef zu realisieren? – Ein Versuch.

Stefan M. Seydel/sms ;-)

Es ist sehr einfach zu verstehen, wie es dazu kommen konnte, dass Wikipedia zwanzig Jahre lang zwar von den meisten Menschen mit Internet-Access rund um den Globus benutzt worden ist, aber seltenst wertschätzend, neugierig, offensiv im Gehalt der sozialen Innovationskraft beschrieben wurde: “Wikipedia provoziert die Dickhäuter.” (NZZ, 18. April 2020, Seite 7) Warum hingegen Wikidata nicht vermittelt werden mag, das muss andere Gründe haben, ist höchst erstaunlich und dringend erklärungsbedürftig: 

Wikidata provoziert Politik, Wissenschaft, Wirtschaft, Massenmedien, Künste, Bildungsinstitution in keinster Weise. Wikidata ignoriert Dickhäuter. Wenn Daten das neue Öl sind, dann ist Wikidata eine unbekümmert sprudelnde Quelle auf einer offen zugänglichen, gänzlich freien Allmende.

Wer hat Angst vor Greenfield-Projekten?

Wikidata ist ein klassisches Projekt auf einer grünen Wiese: Frei von jedweden sozialen Beschränkungen wird hier gebastelt und gebaut, ausprobiert und nachgebessert. Die engagiertesten Kräfte, welche das auf den Weg brachten, was anderen zum Weh!Weh!Weh! wurde, haben die Grundidee bereits 2001 beschrieben. Sie versuchten mit besten Leuten, erfolgreichen Netzwerken, attraktiven Meetings und unter vielen tollen Namen eine kraftvolle Bewegung zu lancieren: Semantic Web, Web 3.0, Giant Global Graph, Web of Data, Linked Open Data … Nichts von alledem gelang. Das änderte sich am 29. Oktober 2012, als die Idee in der Softwareumgebung von Mediawiki der Wikimedia-Foundation umgesetzt wurde. Die Trägerorganisation engagiert sich für “freies Wissen” und “freie Inhalte”. Ihr bekanntestes Projekt heisst Wikipedia.

Der Aufbau der globalen Enzyklopädie des überlieferten Wissens von Menschen, hatte eine ähnliche Odyssee hinter sich, bis der Durchbruch am 15. Januar 2001 gelang. Mit dem Wechsel von einer “offenen” zu einer “freien” Arbeitsumgebung ist Wind in die Segel gefallen. Das will die Arbeitsthese hier vermuten: Die zwei kleinen Wörtchen “Open” und “Free” machen den Unterschied, welche den praktischen Unterschied machen.

Zunächst aber die Frage, was der Unterschied ist zwischen Wikipedia und Wikidata. Spoiler: “Wikidata ist Wikipedia für Maschinen.”

Der Workflow des Schaffens von Wissen, wie es in der klassischen Wissenschaft etabliert wurde, gilt für Wikipedia und Wikidata gleichermassen: Das Implizite wird expliziert und offen zugänglich der radikalen Kritik ausgesetzt. Wer eine Aussage macht, steht in der Pflicht, Kritik zu suchen und diese zu integrieren. Für die Kritik selbst gibt es kein Eingabeformular und keine Normen der Anständigkeit. Wissenschaft ist der in unserer Kulturform bisher beste Umgang mit dem ätzenden Umstand, dass jedes menschliche Wissen gefärbtes, selektives, perspektivisches Wissen ist. Darum wird informationelle Qualität an der Fähigkeit gemessen, wie umfassend dissente Hinweise inkludiert werden.

Die Provokation liegt nun darin, dass ein computervermittelter Lese-/Schreibprozess die Beschränkungen des akademischen Workflows durch die Publikation auf Papier und die damit verbundenen Aufwändigkeiten der Distribution zur Einholung von Kritik oder die Lagerung der Versionsgeschichten von Ideen in der universitären Bibliothek nicht nur mit einem Klick pulverisiert sind, sondern mit weiteren faszinierendsten “Goodies” protzt: 

  • Es besteht unbeschränkt Platz zur Entfaltung des Vielfältigsten.
  • Die radikale Nachvollziehbarkeit und Transparenz der Genese des Textes wird in all ihren Versionen auf die Hundertstelsekunde idealst angeboten.
  • Bei Wikidata weitet sich das bedingungslose “Anyone Can Edit” der Wikipedia auf Maschinen aus, und:
  • Wenn ein Datensatz eine Aktualisierung erfährt, kann diese in Echtzeit innerhalb der Wikidata zur Darstellung gebracht werden. 

Das hat gewaltige Vorteile für die Schaffung von Wissen der Menschen und verändert mächtigst das gesamte soziale Leben in allen Hin- und Zurichtungen.

Naiv, wer nicht sofort tausend Ideen hat für dramatischste Probleme und Herausforderungen. Naiv auch, wer so tut, als wenn die Faszination von Wikidata bloss lange genug aus der Welt geschwiegen werden müsse, um damit die Grundidee ausmerzen zu können.

Eingeklemmt in diesem Dilemma wirkt der offizielle Hashtag von @wef 2021 erfrischend: #TheGreatReset. Wie immer twittert @elonmusk keck noch eins oben drauf: “We must pass The Great Filter”. Dabei wird nicht beantwortet, worin diese Überflieger und subversiv Unten-durch-Bohrenden den grossen Filter erkennen, welchen es zu überwinden gilt, um einen Neustart, eine nächste Reformation, das angeblich nötige Greenfield-Projekt, anzugehen.

Am 27. August 2018 wünscht sich Stefan Langenauer, Chef des Statistischen Amts des Kantons Zürich, in der Begrüssung zur nationalen Jahresversammlung seines Fachs #SST18, dass nach 150 Jahren staatlicher Statistik die Kontrolle über Daten aufgegeben werde.

Was einigen seiner akkuraten Kollegenden Schnappatmung und ungläubiges Kopfschütteln auszulösen vermochte, ist freilich bloss realistischer Nachvollzug des Fotografierbaren: Die Datenhoheit ist längst auf das übergegangen, was gleichermassen abschätzig und bewundert #GAFAM genannt wird: Google, Amazon, Facebook, Apple, Microsoft. In einem Tweet während des Schreibprozesses zu diesem Text präzisiert @LangenauerStefn, was er vor zwei Jahren ausdrücken wollte: “… Kontrolle über “unsere” Daten verlieren, damit Dritte auf Basis der Daten den Diskurs vorantreiben.” – Überredet:

“Auf in die Kontroverse”

Wenn der Staat Daten erhebt, sammelt, analysiert und aufgearbeitet publiziert, hatte dies schon immer zum Ziel, faktenbasierte, kritikfavorisierende Diskurse in Ämtern, Parlamenten, Bürgerinnen und Bürgern zu bedienen. Weil wir aber gerade aus den Feierlichkeiten von 500 Jahre Reformation kommen und uns aus “Auf und Davos” via Twitter und Youtube angedroht oder – je nach Konfession –  versprochen wird, #TheGreatReset sei am Tun, wird diese staatlich zwangsfinanzierte, ausgedehnte Produktion von Fakten zunächst als ein Prädikat der aktuellen Kulturform erkennbar: Fakten statt Fasten. (So?)

Weil die Vorstellung davon, wie Menschen für Wahr nehmen, Teil von gesellschaftlicher Vereinbarung und Übereinkunft ist, lohnt sich ein Blick auf das, was aktuellste Systemtheorien als nächstes Angebot formuliert haben und welches längst dominant geworden ist. Wissenschaft wurde im Übrigen auch in den Klosterschulen entwickelt, gelehrt und gelebt. Genau gleich die Systemtheorie in der Universität. Was besagen die Systemtheorien:

Ein System hat drei Elemente: Es muss ein Innen von einem Aussen unterscheiden können. Es muss zweitens über Energie und drittens Kommunikation verfügen, welche Reproduktion und Rekursion garantieren. Alle drei Elemente können sich verschieben. Wenn eines der Elemente sich verschiebt, verschiebt sich alles. Alles ist ziemlich viel. Die Early Adopters nannten es Paradigmenwechsel. #TheGreatReset tönt aber schon cooler.

Wenn die Verschiebung der Systemgrenze “Mensch” aussen vor gelassen wird – obwohl wir uns längst an künstliche Hüftgelenke gewöhnt haben und es keine Frage der Zeit ist, wann Motoren und Computer ähnlich irritationslos verbaut werden – haben sich produktive Narrative im Bereich von Energie und Kommunikation etabliert: 

Entlang der “Vier industriellen Revolutionen” kann das naturwissenschaftlich getriebene Feld der Energie gezeigt werden: Die aufeinanderfolgenden Phasen von Mechanisierung, Motorisierung, Automatisierung, Digitalisierung thematisieren implizit die Wechsel im Bereich der Nutzung und Gewinnung von Energie: Der Übergang von menschlichen Muskeln zu Naturkräften (Feuer, Wasser, Wind), zu fossilen Brennstoffen (Kohle, Öl, Gas, Kernspaltung) und nun weiter zu erneuerbaren Energien (Fotosynthese).

Geisteswissenschaften sprechen im Feld der Kommunikation von Medienwechseln. Es haben sich in vielen Iterationen ebenfalls  (Überraschung!)  vier Begriffe herausgebildet, welche hier nun aber symbolischer zu lesen sind: Sprache, Schrift, Buchdruck, Computer. Im anthropologischen Museum sind tribale, antike, moderne Gesellschaften ausgestopft zu bewundern und ein munteres Spiel um die Kulturform einer “nächsten Gesellschaft” presst Suhrkamp seit zwei Jahrzehnten zwischen zwei Buchdeckel. Die Beschreibung der Elemente einer nächsten Kulturform, die konkreten Inhalte einer nächsten Alphabetisierung, welche unter dem Hashtag #DataLiteracy gesammelt werden, zeichnen sich immer deutlicher ab.

Kurzum: Während Naturwissenschaften einen linearen-kausalen-deterministischen Weltzugang entwickelten, haben sich die Geisteswissenschaften von einem dynamischen-prozessual-systemischen Weltzugang inspirieren lassen: Die Komplementarität der beiden Ausgangspunkte, von Kompliziertheit auf der einen Seite und von Komplexität auf der anderen Seite, ist evident und eine situative Nutzung für jede Landfrau eine Selbstverständlichkeit: Wenn Gemüse oder Früchte eingeweckt werden, ist es sinnvoll, zu arbeiten wie die Ingenieure: Zuerst Einzumachendes ins Glas schütten. Dann Deckel zuschrauben. Nicht umgekehrt. Keine Experimente. Null Kreativität in diesem Moment. Wenn es aber darum geht, innerhalb der “göttlichen Ordnung” ihrem Kuhmelker und Geissenhirten beizubringen, wofür er sich an der nächsten Landsgemeinde schön herausgeputzt und frisch gewaschen einzusetzen hat, wendet sie ganz agil fantasievollere Methoden an.

Nichts Neues unter der Sonne. Oder doch?

Auch ein Baum kann twittern. Eine intelligente Glühlampe reflektiert ihre eigene Vergänglichkeit knochentrocken und weiss, wann ihr Licht ausgehen wird: Sie bestellt sich selbst Ersatz bei Amazon. Ist in dieser Hinsicht eine dumme Glühlampe weiser als einige krawattierte, hoch dekorierte Vertreter von Dickhäutern?

Wenn der Amtschef @LangenauerStefn vorschlägt, die Arbeitsergebnisse aller statistischen Ämter im offenen Netz abzulegen. Wenn sein Kollege von der Stadt Zürich @grandgrue gleich auch noch die von ihnen genutzten Codes zu “Datenanalyse, Visualisierungen und Co.” auf GitHub zur freien Verfügung stellt. Dann lässt sich daran weit mehr zeigen, als was das Wörtchen “Open” unter der Schirmherrschaft von Sir @timberners_lee meint:

Daten sind offen, sobald diese im Internetz offen zugänglich sind. Das wird mit einem Stern ausgezeichnet. Mit drei Sternen ausgezeichnet, sind offene Daten dann, wenn diese in einer Software-Umgebung zugänglich gemacht werden, welche ihrerseits ihre Daten auch offen zugänglich machen. Und immer so weiter: 5stardata.info – Wenn es zu Daten kommt, ist “Open” das Äquivalent für “Sicher”. Und irgendwas mit “Closed” das Synonym für “Suspekt”: Open Data, Open Source, Open Access, Open Science, Open Educational Resources … Das Ende der unendlichen Liste (Umberto Eco) ist offen, aber der Umgang damit hat längst einen Namen gefunden: “Distributed Ledger Technology”.

“Free” ist das neue #ServicePublic

Wenn Jimbo Wales seine Idee einer Enzyklopädie (Wikipedia) und Tim Berners-Lee seine Idee eines Semantic Web (Wikidata) zwar “Open” im Netz hatte, aber diese erst unter dem Versprechen von “Free” Unterstützung rund um den Globus gefunden hat, ist jetzt der Unterschied erahnbar?

Ein Gründungsmitglied von Wikimedia Schweiz und Italien beantwortet die Frage in einem grösseren Plenum an der Universität Zürich einmal kichernd mit: “Open?  – Just 2 little Free”. Und schwieg. Konsequent. Bis heute. Er weiss, dass es vor 20 Jahren kein Zufall war, dass Wikipedia eine “Freie” – und nicht eine “Offene” – Enzyklopädie sein wollte. Es sind die drei deutschsprachigen Wikimedia Vereine, welche diesen Unterschied nicht nur nicht mehr bereit sind zu verteidigen, sondern offensiv daran mitarbeiten, diesen Unterschied zu verquirlen. Und schon Nachfragen auf Diskussionsseiten werden durch die gruppendynamische Prozesse der Meritokratie geregelt: Wer nach Innen anzeigen will, eine verdienstvolle Adresse zu sein, wird das Nötige tun.

Wenn aktuell ein “Appell für Freie Debattenräume” von über 15’000 Menschen unterzeichnet wird, dann ist der Unterschied von “Offen” und “Frei” im besten Falle gefühlt erkannt: “Offen” ist das Gegenteil von “Geschlossen”. Aber “Frei” meint eben nicht nur Teil-Nehmen, sondern auch Teil-Geben zu können.

Der grosse Filter dürfte nach diesen Annahmen also die Sharing Economy sein. Das wird das World Economic Forum umstandlos anders sehen wollen. Übereinstimmung wird darin bestehen, dass kein Mensch staatlich distribuierte und vorsortierte News braucht und staatliches Infotainment übelste Erinnerungen weckt. Ein #ServicePublic auf der Höhe der Zeit wäre daran erkennbar, dass ein professionelles #CommunityCare in einem #SmartSetting offene Debattenräume schützt und diese ihrerseits Grundlagen, Ergebnisse und Erkenntnis aus einer freien Allmende beziehen und dort auch wiederum einpflegen können. Aber das wäre ein anderes Thema.

Stefan M. Seydel ist Unternehmer, Sozialarbeiter und Künstler. Er lebt und arbeitet in Dissent.is/Muster. Das “Making of” dieses Textes mit vielen Links: https://dissent.is/nzz-wikidata 

Text 2. Lesung (Donnerstag, 10:36h, 01.10.2020)

Offen ist das neue Sicher – #TheGreatReset

Was wäre, wenn… – nur so zum spielen! – Was wäre, wenn Wikipedia und Wikidata als die beiden niederschwelligsten und alltagspraktisch relevantesten kollaborativen Schreibprozesse der  Menschheitsgeschichte angenommen würden? Liesse sich von ihnen lernen, wie sich Weltgesellschaft zu verständigen sucht? Wäre über diese Beobachtung die Anforderungen an einen Service Public auf der Höhe der Zeit beschreibbar? Könnte die dort verteidigte Unterscheidung von “Open” und “Free” gar ein Wegweiser zum “grossen Filter” sein, welcher überwunden werden muss, um #TheGreatReset @wef zu realisieren? – Ein Versuch.

Stefan M. Seydel/sms ;-)

Es ist sehr einfach zu verstehen, wie es dazu kommen konnte, dass Wikipedia zwanzig Jahre lang zwar von den meisten Menschen mit Internet-Access rund um den Globus benutzt worden ist, aber seltenst wertschätzend, neugierig, offensiv im Gehalt der sozialen Innovationskraft beschrieben wurde: “Wikipedia provoziert die Dickhäuter.” (NZZ, 18. April 2020, Seite 7) Warum hingegen Wikidata nicht vermittelt werden mag, das muss andere Gründe haben, ist höchst erstaunlich und dringend erklärungsbedürftig: 

Wikidata provoziert Politik, Wissenschaft, Wirtschaft, Massenmedien, Künste, Bildungsinstitution in keinster Weise. Wikidata ignoriert Dickhäuter. Wenn Daten das neue Öl sind, dann ist Wikidata eine unbekümmert sprudelnde Quelle auf einer offen zugänglichen, gänzlich freien Allmende.

Wer hat Angst vor Greenfield-Projekten?

Wikidata ist ein klassisches Greenfield-Projekt: Frei von jedweden sozialen Beschränkungen, wird hier gebastelt und gebaut, ausprobiert und nachgebessert. Die engagiertesten Kräfte, welche das auf den Weg brachten, was anderen zum Weh!Weh!Weh! wurde, haben die Grundidee bereits 2001 beschrieben. Sie versuchten mit besten Leuten, erfolgreichen Netzwerken, attraktiven Meetings und unter vielen tollen Namen eine kraftvolle Bewegung zu lancieren: Semantic Web, Web 3.0, Giant Global Graph, Web of Data, Linked Open Data… Nichts von alledem gelang. Das änderte sich am 29. Oktober 2012, wie die Idee in der Softwareumgebung von Mediawiki der Wikimedia-Foundation umgesetzt wurde. Die Trägerorganisation engagiert sich für “freies Wissen” und “freie Inhalte”. Ihr bekanntestes Projekt heisst Wikipedia.

Der Aufbau der globalen Enzyklopädie des überlieferten Wissens von Menschen, hatte eine ähnliche Odyssee hinter sich, bis der Durchbruch am 15. Januar 2001 gelang. Mit dem Wechsel von einer “offenen”, zu einer “freien” Arbeitsumgebung ist Wind in die Segel gefallen. Das will die Arbeitsthese hier vermuten: Die zwei kleinen Wörtchen “Open” und “Free” machen den Unterschied, welche den praktischen Unterschied machen.

Zunächst aber die Frage, was der Unterschied ist, zwischen Wikipedia und Wikidata. Spoiler: “Wikidata ist Wikipedia für Maschinen.”

Der Workflow des Schaffens von Wissen, wie es in der klassischen Wissenschaft etabliert wurde, gilt für Wikipedia und Wikidata gleichermassen: Das Implizite wird expliziert und offen zugänglich der radikalen Kritik ausgesetzt. Wer eine Aussage macht, steht in der Pflicht, Kritik zu suchen und diese zu integrieren. Für die Kritik selbst, gibt es kein Eingabeformular und keine Normen der Anständigkeit. Wissenschaft ist der in unserer Kulturform bisher beste Umgang mit dem ätzenden Umstand, dass jedes menschliche Wissen, gefärbtes, selektives, perspektivisches Wissen ist. Darum wird informationelle Qualität an der Fähigkeit gemessen, wie umfassend dissente Hinweise inkludiert werden.

Die Provokation liegt nun darin, dass ein Computer vermittelter Lese-/Schreibprozess die Beschränkungen des akademischen Workflows durch die Publikation auf Papier und die damit verbundenen Aufwändigkeiten der Distribution zur Einholung von Kritik oder die Lagerung der Versionsgeschichten von Ideen in der universitären Bibliothek, nicht nur mit einem Klick pulverisiert sind, sondern mit weiteren faszinierendsten “Goodies” protzt: 

  • Es besteht unbeschränkt Platz zur Entfaltung des Vielfältigsten.
  • Die radikale Nachvollziehbarkeit und Transparenz der Genese des Textes wird in all ihren Versionen auf die Hundertstelsekunde idealst angeboten.
  • Bei Wikidata weitet sich das bedingungslose “Anyone Can Edit” der Wikipedia auf Maschinen aus, und:
  • Wenn ein Datensatz eine Aktualisierung erfährt, kann diese in Echtzeit innerhalb der Wikidata zur Darstellung gebracht werden. 

Das hat gewaltige Vorteile für die Schaffung von Wissen der Menschen und verändert mächtigst das gesamte Soziale Leben in allen Hin- und Zurichtungen.

Naiv, wer nicht sofort tausend Ideen hat für dramatischste Probleme und Herausforderungen. Naiv auch, wer so tut, als wenn die Faszination von Wikidata bloss lange genug aus der Welt geschwiegen werden müsse, um damit die Grundidee ausmerzen zu können.

Eingeklemmt in diesem Dilemma, wirkt der offizielle Hashtag von @wef 2021 erfrischend: #TheGreatReset. Wie immer twittert @elonmusk keck noch eins oben drauf: “We must pass The Great Filter”. Dabei wird nicht beantwortet, worin diese Überflieger und subversiv unten durch bohrenden den grossen Filter erkennen, welchen es zu überwinden gilt, um einen Neustart, eine nächste Reformation, das angeblich nötige Greenfield-Projekt, anzugehen.

Am 27. August 2018 wünscht sich Stefan Langenauer, Chef des Statistischen Amtes des Kantons Zürich, in der Begrüssung zur nationalen Jahresversammlung seines Fachs #SST18, dass nach 150 Jahren staatlicher Statistik, die Kontrolle über Daten aufgegeben werde.

Was einigen seiner akkuraten Kollegenden Schnappatmung und ungläubiges Kopfschütteln auszulösen vermochte, ist freilich bloss realistischer Nachvollzug des fotografierbaren: Die Datenhoheit ist längst auf das übergegangen, was gleichermassen abschätzig und bewundert #GAFAM genannt wird: Google, Amazon, Facebook, Apple, Microsoft. In einem Tweet während dem Schreibprozess zu diesem Text präzisiert @LangenauerStefn was er vor zwei Jahren ausdrücken wollte: “…Kontrolle über “unsere” Daten verlieren, damit Dritte auf Basis der Daten den Diskurs vorantreiben.” Überredet:

“Auf in die Kontroverse”

Wenn der Staat Daten erhebt, sammelt, analysiert und aufgearbeitet publiziert, hatte dies schon immer zum Ziel faktenbasierte, kritikfavorisierende Diskurse in Ämtern, Parlamenten, Bürgerinnen und Bürgern zu bedienen. Weil wir aber gerade aus den Feierlichkeiten von 500 Jahre Reformation kommen und uns aus “Auf und Davos” via Twitter und Youtube angedroht oder versprochen wird – je nach Konfession – #TheGreatReset sei am tun, wird diese staatlich zwangsfinanzierte, ausgedehnte Produktion von Fakten zunächst als ein Prädikat der aktuellen Kulturform erkennbar: Fakten statt Fasten. (So?)

Weil die Vorstellung davon, wie Menschen für Wahr nehmen, Teil von gesellschaftlicher Vereinbarung und Übereinkunft ist, lohnt sich ein Blick auf das, was aktuellste Systemtheorien als nächstes Angebot formuliert haben und welches längst dominant geworden ist. Wissenschaft wurde im Übrigen auch in den Klosterschulen entwickelt, gelehrt und gelebt. Genau gleich die Systemtheorie in der Universität. Was besagen die Systemtheorien:

Ein System hat drei Elemente: Es muss ein Innen von einem Aussen unterscheiden können. Es muss zweitens über Energie und drittens Kommunikation verfügen, welche Reproduktion und Rekursion garantieren. Alle drei Elemente können sich verschieben. Wenn eines der Elemente sich verschiebt, verschiebt sich alles. Alles ist ziemlich viel. Die Early Adopters nannten es Paradigmenwechsel. #TheGreatReset tönt aber schon cooler.

Wenn die Verschiebung der Systemgrenze “Mensch” aussen vor gelassen wird – obwohl wir uns längst an künstliche Hüftgelenke gewöhnt haben und es keine Frage der Zeit ist, wann Motoren und Computer ähnlich irritations los verbaut werden – haben sich produktive Narrative im Bereich von Energie und Kommunikation etabliert: 

Entlang der “Vier industriellen Revolutionen” kann das naturwissenschaftlich getriebene Feld der Energie gezeigt werden: Die aufeinanderfolgenden Phasen von Mechanisierung, Motorisierung, Automatisierung, Digitalisierung thematisieren Implizit die Wechsel im Bereich der Nutzung und Gewinnung von Energie: Der Übergang von menschlichen Muskeln zu Naturkräften (Feuer, Wasser, Wind), zu fossilen Brennstoffen (Öl, Gas, Kernspaltung) und nun weiter zu erneuerbaren Energien (Fotosynthese).

Geisteswissenschaften sprechen im Feld der Kommunikation von Medienwechseln. Es haben sich in vielen Iterationen ebenfalls  (Überraschung!)  vier Begriffe herausgebildet, welche hier nun aber symbolischer zu lesen sind: Sprache, Schrift, Buchdruck, Computer. Im anthropologischen Museum sind tribale, antike, moderne Gesellschaften ausgestopft zu bewundern und ein munteres Spiel um die Kulturform einer “nächsten Gesellschaft” presst Suhrkamp seit Jahrzehnten zwischen zwei Buchdeckel. Die Beschreibung der Elemente einer nächsten Kulturform, die konkreten Inhalte einer nächsten Alphabetisierung, welche unter dem Hashtag #DataLiteracy gesammelt werden, zeichnen sich immer deutlicher ab.

Kurzum: Während Naturwissenschaften einen linearen-kausalen-deterministischen Weltzugang entwickelten, haben sich die Geisteswissenschaften von einem prozessual-dynamischen-systemischen Weltzugang inspirieren lassen: Die Komplementarität der beiden Ausgangspunkte, von Kompliziertheit auf der einen Seite und von Komplexität von der anderen Seite ist evident und ein situative Nutzung für jede Landfrau eine Selbstverständlichkeit: Wenn Gemüse oder Früchte eingeweckt werden, ist es sinnvoll, zu arbeiten wie die Ingenieure: Zuerst einzumachendes ins Glas schütten. Dann Deckel zuschrauben. Nicht umgekehrt. Keine Experimente. Null Kreativität in diesem Moment. Wenn es aber darum geht, innerhalb der göttlichen Ordnung ihrem Kuhmelker und Schafhirten beizubringen, wofür er sich an der nächsten Landsgemeinde schön herausgeputzt und frisch gewaschen einzusetzen hat, wendet sie ganz agil fantasievolle Methoden an.

Nichts Neues unter der Sonne. Oder doch?

Auch ein Baum kann twittern. Ein intelligente Glühlampe reflektiert ihre eigene Vergänglichkeit knochentrocken und weiss wann ihr Licht ausgehen wird: Sie bestellt sich selbst Ersatz bei Amazon. Ist in dieser Hinsicht eine angeblich dumme Glühlampe weiser, als einige krawattierte, hoch dekorierte Vertreter von Dickhäutern?

Wenn der Amtschef @LangenauerStefn vorschlägt, die Arbeitsergebnisse aller statistischen Ämter im offenen Netz abzulegen. Wenn sein Kollege von der Stadt Zürich @grandgrue gleich auch noch die von ihnen genutzten Codes zu “Datenanalyse, Visualisierungen und Co.” auf GitHub zur freien Verfügung stellt. Dann lässt sich daran weit mehr zeigen, als was das Wörtchen “Open” unter der Schirmherrschaft von Sir @timberners_lee meint:

Daten sind offen, wenn sie im Internetz offen zugänglich sind. Drei Sternen Offen ist beispielsweise, wenn die Daten in einer Software-Umgebung zugänglich gemacht werden, welche ihrerseits ihre Daten auch offen zugänglich macht. Und immer so weiter: 5stardata.info – Wenn es zu Daten kommt, ist “Offen” das Äquivalent für “Sicher”. Und Irgendwas mit “Closed” das Synonym für “Suspekt”: Open Data, Open Source, Open Access, Open Science, Open Educational Resources… Das Ende der unendlichen Liste (Umberto Eco) ist offen, aber der Umgang damit hat längst einen Namen gefunden: “Distributed Ledger Technology”.

Frei ist das neue #ServicePublic

Wenn Jimbo Wales seine Idee einer Enzyklopädie (Wikipedia) und Tim Berners-Lee seine Idee eines Semantic Web (Wikidata) zwar “Open” im Netz hatte, aber diese erst unter dem Versprechen von “Free” Wind aus allen Himmelsrichtungen rund um den Globus gefunden hat, wäre jetzt der Unterschied erahnbar?

Ein Gründungsmitglied von Wikimedia Schweiz und Italien beantwortet die Frage in einem grösseren Plenum an der Universität Zürich einmal kichernd mit: “Open?  – Just 2 little Free”. Und schwieg. Konsequent. Bis heute. Er weiss, dass es vor 20 Jahren kein Zufall war, dass Wikipedia eine “freie” – und nicht eine “offene” – Enzyklopädie sein wollte. Es sind die drei deutschsprachigen Wikimedia Vereine, welche diesen Unterschied nicht nur nicht mehr bereit sind zu verteidigen, sondern offensiv daran mitarbeiten, diesen Unterschied zu verquirlen. Und schon Nachfragen auf Diskussionsseiten werden durch die gruppendynamische Prozesse der Meritokratie geregelt: Wer nach Innen anzeigen will, eine verdienstvolle Adresse zu sein, wird das Nötige tun.

Wenn aktuell ein “Appell für Freie Debattenräume” von über 15’000 Menschen unterzeichnet wird, dann ist der Unterschied von offen und frei im besten Falle gefühlt erkannt: Offen ist das Gegenteil von Geschlossen. Aber Frei meint eben nicht nur Teil-Nehmen, sondern auch Teil-Geben zu können.

Der grosse Filter, dürfte nach diesen Annahmen also die Sharing Economy sein. Das wird das World Economic Forum bedingungslos anders sehen wollen. Übereinstimmung wird darin bestehen, dass kein Mensch staatlich distribuierte und vorsortierte News braucht und staatliches Infotainment übelste Erinnerungen weckt. Ein #ServicePublic auf der Höhe der Zeit wäre daran erkennbar, dass ein professionelles #CommunityCare in einem #SmartSetting offene Debattenräume schützt und diese ihre Grundlagen, Ergebnisse und Erkenntnis aus einer freien Allmende beziehen und einpflegen können. Aber das wäre ein anderes Thema.

Stefan M. Seydel ist Unternehmer, Sozialarbeiter und Künstler. Er lebt und arbeitet in Dissent.is/Muster.

Das “Making of” dieses Textes mit vielen Links: https://dissent.is/nzz-wikidata 

Text 1. Lesung (Dienstag, 29.09.2020)

Offen ist das neue Sicher – #TheGreatReset

Was wäre, wenn… – nur so zum spielen! – was wäre, wenn Wikipedia und Wikidata als die beiden niederschwelligsten, grössten,  relevantesten, kollaborativen Schreibprozesse der  Menschheitsgeschichte angenommen würden? Was liesse sich von ihnen lernen in Bezug auf die Phänomene, welche beständig vor Augen flimmern, Ohren verstopfen und einem ganz fiebrig werden lassen? – Ein Versuch.

Stefan M. Seydel/sms ;-)

Es ist sehr einfach zu verstehen, wie es dazu kommen konnte, dass Wikipedia zwanzig Jahre lang von den meisten Menschen mit Internet-Access rund um den Globus benutzt worden ist, aber seltenst wertschätzend, neugierig, offensiv im Gehalt der sozialen Innovationskraft beschrieben wurde: “Wikipedia provoziert die Dickhäuter.” (NZZ, 18. April 2020, Seite 7) Warum aber Wikidata nicht vermittelt werden mag, das ist erstaunlich und höchst erklärungsbedürftig: 

Wikidata provoziert Politik, Wissenschaft, Wirtschaft, Massenmedien, Künste, Bildungsinstitution in keinster Weise. Wikidata ignoriert nicht bloss diese  “Dickhäuter”. Wenn Daten das neue Öl sind, dann ist Wikidata eine endlos sprudelnde Quelle auf einer offenen und freien Allmende.

Wer hat Angst vor Greenfield-Projekten?

Wikidata ist ein klassisches Greenfield-Projekt: Frei von jedweden sozialen Beschränkungen, wird hier gebastelt und gebaut, ausprobiert und nachgebessert. Die engagiertesten Kräfte, welche das auf den Weg brachten, was anderen zum Weh!Weh!Weh! wurde, haben die Grundidee bereits 2001 beschrieben. Sie versuchen mit besten Leuten, erfolgreichen Netzwerken, attraktiven Meetings und unter vielen Namen eine kraftvolle Bewegung zu lancieren: Semantic Web, Web 3.0, Giant Global Graph, Web of Data, Linked Open Data… Nichts von alledem gelingt. Das ändert sich am 29. Oktober 2012, wie die Idee in der Softwareumgebung von Mediawiki der Wikimedia-Foundation umgesetzt wird. Die Trägerorganisation engagiert sich für “freies Wissen” und “freie Inhalte”. Ihr bekanntestes Projekt heisst Wikipedia.

Der Aufbau der globalen Enzyklopädie des überlieferten Wissens von Menschen, hatte eine ähnliche Odyssee hinter bis, bis der Durchbruch am 15. Januar 2001 gelang. Mit dem Wechsel von einer offenen, zu einer freien Arbeitsumgebung schiesst Wind in die Segel. Das will die Arbeitsthese hier vermuten: Die zwei kleinen Wörtchen “Open” und “Free” machen den Unterschied, welche den praktischen Unterschied machen.

Zunächst aber die Frage, was der Unterschied ist, zwischen Wikipedia und Wikidata. Spoiler: “Wikidata ist Wikipedia für Maschinen.”

Der Workflow des Schaffens von Wissen, wie es in der klassischen Wissenschaft etabliert wurde, gilt für Wikipedia und Wikidata gleichermassen: Das Implizite wird expliziert und offen zugänglich der radikalen Kritik ausgesetzt. Wer eine Aussage macht, steht in der Pflicht, Kritik zu suchen und zu Integrieren. Für die Kritik selbst, gibt es kein Eingabeformular und keine Normen der Anständigkeit. Wenn eine Aussage auf einem Bierdeckel dem Aussagenurheber zugeworfen wird, ist das genug. Wissenschaft ist der in unserer Kulturform bisher beste Umgang mit dem ätzenden Umstand, dass jedes menschliche Wissen, perspektivisches Wissen ist. Informationelle Qualität wird gemessen an der Fähigkeit wie umfassend dissente Hinweise  inkludiert werden kann. Alles andere nennen wir Propaganda. Wir haben die Wahrheit gesucht. Wir haben sie nicht gefunden. Morgen suchen wir weiter. So weit die Theorie. Die Praxis der real existierende Universität, ist eine Andere. Wenn die Wirklichkeit gegen uns ist, um so schlimmer für die Wirklichkeit.

Die Provokation liegt nun darin, dass ein Computer vermittelter Lese-/Schreibprozess die Beschränkungen des akademischen Workflows durch die Publikation auf Papier und die damit verbundenen Aufwändigkeiten der Distribution an potenzielle Kritik oder die Lagerung der Versionsgeschichten der Entwicklung von Ideen in der universitären Bibliothek nicht nur mit einem Klick pulverisiert sind, sondern mit weiteren Goodies protzt: 

  • Es besteht unbeschränkten Platz zur Entfaltung des Vielfältigsten.
  • Die radikale Nachvollziehbarkeit und Transparenz der Genese des Textes kann in all ihren Versionen auf die Hundertstelsekunde lückenlos dokumentiert werden.
  • Bei Wikidata weitet sich das bedingungslose “Anyone Can Edit” der Wikipedia auf Maschinen aus und:
  • Wenn ein Datensatz eine Aktualisierung erfährt, kann dieser in Echtzeit innerhalb der Wikidata zur Darstellung gebracht werden. 

Das hat gewaltige Vorteile für die Schaffung von Wissen der Menschen und verändert mächtigst das gesamte Soziale Leben in allen Hin- und Zurichtungen.

Naiv, wer nicht sofort tausend Ideen hat für dramatischste Probleme und Herausforderungen. Naiv auch, wer so tut, als wenn die Faszination von Wikidata bloss lange genug aus der Welt geschwiegen werde, sei damit auch die Grundidee ausgemerzt.

Eingeklemmt in diesem Dilemma, wirkt der offizielle Hashtag von @wef 2021 erfrischend: #TheGreatReset. Wie immer twittert @elonmusk  keck eins oben drauf: “We must pass The Great Filter”. Fraglich scheint demnach bloss noch, was denn eigentlich der grosse Filter sei, welchen es zu überwinden gilt, um eine nächste Reformation, einen grossen Neustart, ein mutiges, nächstens Greenfield-Projekt, angehen zu können.

Am 27. August 2018 wünscht sich Stefan Langenauer, Chef des Statistischen Amtes des Kantons Zürich, in der Begrüssung zur nationalen Jahresversammlung seines Fachs #SST18, dass nach 150 Jahren staatlicher Statistik, die Kontrolle über Daten aufgegeben werde.

Was einigen seiner akkuraten Kollegenden Schnappatmung und ungläubiges Kopfschütteln auszulösen vermochte, ist freilich bloss realistischer Nachvollzug des längst Augenfälligen: Die Datenhoheit ist längst auf das übergegangen, was gleichermassen abschätzig und ehrfurchtsvoll GAFAM genannt wird: Google, Amazon, Facebook, Apple, Microsoft. In einem Tweet während dem Schreibprozess zu diesem Text präzisiert @LangenauerStefn was er vor zwei Jahren ausdrücken wollte: “…Kontrolle über “unsere” Daten verlieren, damit Dritte auf Basis der Daten den Diskurs vorantreiben.”

Überredet! Auf in die Kontroverse:

Daten zu erheben, zu sammeln, zu formieren um daraus Information zu generieren, hatte schon immer zum Ziel faktenbasierten, Kritik favorisierenden Diskursen zu dienen. Von grundlegender Bedeutung ist dabei die Vorstellung, wie Menschen für Wahr nehmen, wie das “System Mensch” sich von seiner Umwelt abgrenzt – und damit in die Welt einbindet – woraus dieses System Mensch die nötige Energie zur eigenständigen Reproduktion gewinnt und wie dieses System Mensch rekursiv, selbstreflektierend kommuniziert und so autopoietische Qualitäten erreicht.

Die Treiber in in diesem Verständigungsprozessen sind – so das Angebot der vielfältigen und unterschiedlichen Systemtheorien, welche den anstehenden Paradigmenwechsel seit Jahrzehnten thematisieren – in den beiden Feldern “Energie” und “Kommunikation” zu suchen.

Tatsächlich lässt sich im dominant gewordene Narrativ der “Vier industriellen Revolutionen” das Feld der Energie zeigen: Die aufeinanderfolgenden Phasen von Mechanisierung, Motorisierung, Automatisierung, Digitalisierung thematisieren Implizit die Wechsel im Bereich der Nutzung und gewinnung von Energie: Es kann der Übergang von menschlichen Muskeln, zu Naturkräften (Feuer, Wasser, Wind), zu fossilen Brennstoffen (Öl, Gas, Kernspaltung) und nun weiter zu erneuerbaren Energien (Fotosynthese) problemlos zugeordnet werden.

Für das Feld der Kommunikation, haben sich ebenfalls  (Überraschung!)  vier Begriffe herausgebildet, welche hier nun aber symbolischer zu lesen sind: Sprache, Schrift, Buchdruck, Computer. Es kann anthropologisch gezeigt werden, wie diese vier “Neuen Medien”, der “Gesellschaft der Gesellschaft” eine nächste Antwort auf “die Soziale Frage” ermöglichen. Kilometerlange Buchreihen erzählen von tribalen, antiken, modernen Gesellschaften und eröffnen ein munteres Spiel um die Kulturform einer “nächsten Gesellschaft”. Welches sind die Elemente einer nächsten Alphabetisierung – jener #DataLiteracy – welche sich unter dem Einfluss von “Digitalisierung” herauskristallisieren?

Kurzum: Wenn sich im “System Mensch” der dominante Umgang mit Energie und/oder Kommunikation verändert, verändert sich das gesamte soziale Gefüge. Die Anordnung von Menschen: Herrschaft. Die Anordnung von Gütern: Schichtung. Alles. Beides.

Während Naturwissenschaften einen linear-kausalen-deterministischen Weltzugang entwickelten, haben sich die Geisteswissenschaften von einem prozessual-dynamischen-systemischen Weltzugang inspirieren lassen: Die Komplementarität der beiden Ausgangspunkte, von Kompliziertheit auf der einen Seite und von Komplexität von der anderen Seite ist evident und für jede Landfrau eine Selbstverständlichkeit: Wenn die Bäuerin Gemüse oder Früchte einweckt, ist es sinnvoll, wenn sie wie die Ingenieure arbeitet: Zuerst Einzumachendes ins Glas schütten. Dann Deckel zuschrauben. Nicht umgekehrt. Keine Experimente. Null Kreativität in diesem Moment. Wenn es aber darum geht, innerhalb der göttlichen Ordnung ihrem Kuhmelker und Schafhirten beizubringen, wofür er sich an der nächsten Landsgemeinde schön herausgeputzt und frisch gewaschen einzusetzen hat, wendet sie ganz agil situativ kreative Methoden an.

Nichts Neues unter der Sonne. Oder doch?

Auch ein Baum kann twittern. Ein intelligente Glühlampe reflektiert ihre eigene Vergänglichkeit knochentrocken und weiss wann ihr Licht ausgehen wird: Sie bestellt sich selbst Ersatz bei Amazon. Ist in dieser Hinsicht eine angeblich dumme Glühlampe weiser, als einige krawattierte, hoch dekorierte Vertreter von Dickhäutern?

Wenn der Amtschef @LangenauerStefn vorschlägt, die Arbeitsergebnisse aller statistischen Ämter im offenen Netz abzulegen. Wenn sein Kollege von der Stadt Zürich @grandgrue gleich auch noch die von ihnen genutzten Codes zu “Datenanalyse, Visualisierungen und Co.” auf GitHub zur freien Verfügung stellt. Dann lässt sich daran weit mehr zeigen, als was das Wörtchen “Open” unter der Schirmherrschaft von Sir @timberners_lee meint:

Daten sind offen, wenn sie im Internetz zugänglich sind. Und mit drei Sternen ausgezeichnet offen, wenn sie in einer Software-Umgebung zugänglich gemacht werden, welche ihrerseits ihre Daten offen zugänglich sind. Und immer so weiter: 5stardata.info – Wenn es zu Daten kommt, ist “Offen” das Äquivalent für “Sicher”. Und Irgendwas mit “Closed” das Synonym für “Suspekt”: Open Data, Open Source, Open Access, Open Science, Open Educational Resources… Und am Ende der unendlichen Liste (Umberto Eco) weitersurfen zu: Distributed Ledger Technology. Und so.

Frei ist das neue #ServicePublic

Wenn Jimbo Wales seine Idee einer Enzyklopädie und Tim Berners-Lee seine Idee eines Semantic Web zwar “Open” im Netz hatte, aber diese erst unter dem Versprechen von “Free” Unterstützung rund um den Globus gefunden haben, was macht dann dieser Unterschied aus?

Ein Gründungsmitglied von Wikimedia Schweiz und Italien beantwortet die Frage in einem grösseren Plenum an der Universität Zürich kichernd mit: “Open?  – Just 2 little Free”. Und schwieg. Konsequent. Bis heute. Er weiss, dass es vor 20 Jahren kein Zufall war, dass Wikipedia eine “freie” – und nicht eine “offene” – Enzyklopädie sein wollte. Es sind die drei deutschsprachigen Wikimedia Vereine, welche diesen Unterschied nicht nur nicht mehr bereit sind zu verteidigen, sondern offensiv daran mitarbeiten, diesen Unterschied zu verquirlen. Und schon Nachfragen auf Diskussionsseiten werden durch die gruppendynamische Prozesse der Meritokratie geregelt: Irgendeiner, welcher seiner Gruppe anzeigen will, dass er ein verdienstvoller ist, wird das Nötige tun.

Wenn aktuell der “Appell für Freie Debattenräume” von gegen 20’000 Menschen unterzeichnet wird, dann ist der Unterschied von offen und frei im besten Falle gefühlt erkannt: Offen ist das Gegenteil von Geschlossen. Aber Frei meint, nicht nur Teil-Nehmen, sondern auch Teil-Geben zu können. 

Niemand braucht staatlich distribuierte und sortierte News. Und schon gar nicht staatlich garantierte Unterhaltung. Aber ein professionelles #CommunityCare in einem dominant gewordenen #SmartSetting, welche eine Allmende von sprudelnden Datenquellen garantiert und einen Debattenraum in voller Offenheit garantiert, daran wäre ein Service Public auf der Höhe der Zeit leicht erkennbar.

Stefan M. Seydel ist Unternehmer, Sozialarbeiter und Künstler. Er lebt und arbeitet in Dissent.is/Muster, im Zentrum der Schweizer Alpen.

  1. Text für die NZZ in diesem Kontext: https://dissent.is/nzz-wikipedia
  2. Das “Making of” dieses 2. Textes: https://dissent.is/nzz-wikidata

Schreibprozess (Fase 10)

Es schreibt… (Google Doc)

Irgend so ein Textteil, welchen ich nicht übernehmen kann… aber an welchem ich noch hänge und gerne daran weiter arbeiten würde…

Stimmt: Daten sind ja das neue Öl.

Wenn Daten das neue Öl sind und das gesamte Soziale Leben der Gesellschaft der Gesellschaft in all ihren Facetten flutet, werden diese Daten nach droben in die Cloud verschoben und so ehrfürchtig hoch über dem Haupt getragen, wie die Priester ihre Heilige Schrift auf dem Weg durch die Kirche in den Altarraum. Es wiederholt sich ein Aspekt jener Kulturform, welche die Klosterkultur seit 2020 Jahren kultiviert und in der Zeit der Gegenreformation barock ausformulierte:

Das was ist – das was Menschen mit ihren menschlichen Sinnen für Wahr nehmen – diese von Maklerhänden abgegriffene Ware Wirklichkeit wird als blosse Hülle unübersehbar und muss aus praktischen Gründen – zur Erreichung der individuellen Glückseligkeit und des ewigen Lebens nämlich, um in der Sprache der Religion zu formulieren – innigst abgelehnt werden. Medienkompetenz wird auch heute wiederum daran erkennbar, dass eben gerade nicht auf das geschaut wird, was sich oberflächlich zeigt. Die Meditation der heiligen Mutter Gottes, verehrt eben gerade nicht die geschnitzte Statue. Kein noch so dummes Bäuerchen wäre je auf eine so verquirlte Idee gekommen. Es sind die professionellen, professoralen, universitären Kunsthistorikernde, welche vor der in Holz geschnitzten, farbig bemalten Maria gläubig in die Knie schmelzen.

Die Gedanken sind Brei

Der Bildersturm vor 500 Jahren – nicht nur in Zürich – wehrte sich selbstverständlichst nicht gegen die Bilder. Ganz im Gegenteil. Darum heisst es ja Re-Formation. Die Täufer, viele klassisch an besten Klosterschulen ausgebildeten Aktivisten, wehrten sich gegen die hemmungslosen Machenschaften der gewaltigen Machtkirche. Es war die prächtige Gegen-Reformation, welche den damaligen Dickhäutern eine lebensverlängernde Massnahme bescherte.

Die Datafizierung aller für Menschen wichtigen Lebensbereiche gleicht diesem Aktivismus der Altvorderen. Heute sind es die Aktionen der gewaltig Mächtigen, welche während der Anrufung der Unantastbarkeit der Würde des Menschen jedes Menschenrecht hemmungslos unterlaufen. Gerade weil Rechtsstaat, Demokratie, Föderalismus, Sozialstaat – um eng an Häfelin/Haller zu bleiben – als substanzlose Plakate fotografierbar geworden sind, welche die Dickhäuter bloss noch als Irrlichter und Sirenen nutzen, um ungeschützt Reisende ins Verderben zu locken. 

“Mach’s einfach.” Ruft aktuell das Bundesamt für Gesundheit den Bürgerinnen und Bürgern zu. “Sola Scriptura” und “Sapere Aude” war der Aufruf zum Gegenteil. Mach es möglichst einfach. Aber nicht einfacher. 

WORK IN PROGRESS

- reload für aktuellen Schreibstand

Wie das Making Of für die zeitgenössische Kunst wichtiger geworden ist, als das Werk selbst? – Prof. Dr. Stephan Porombka von der UdK-Berlin erklärt es dir: stundenlang

Stephan Porombka / Universität der Künste Berlin · Prof. Dr. Stephan Porombka: Making Of | Bonusfeature | 1. Vorlesung |

Für wen ich schreibe?

- Herr Nani ist meine Persona ;-)

Fase 10 – Formulierung Einstieg

Zentrale Frage: How 2 Pass The Great Filter? #TheGreatReset @wef

Woran erkennst du einen «freien Debattenraum»? – Und falls ja: Wer hat kein Interesse daran?

Spoiler: #Open ist das neue Sicher – #Free ist das neue #ServicePublic

Wichtige Hinweise, welche zum Thema passen & welche während dem Schreibprozess wichtig geworden sind: (freie Sammlung)

@Wikipedia – @Wikidata

#Open

#Free

(…)

Nach Abgabe des Textes (am 1. Okt., erscheint am 2. Okt. dieser PR-Text mit dem CR @NZZ. Thread:

(…)

(…)

(…)

(…)

(…)

(…)

#TheGreatReset

Im Gespräch mit buccess.com 2 Hinweise. Ein Autor und…

ein Konzept: «Distributed Letger Technology»

https://de.wikipedia.org/wiki/Distributed-Ledger-Technologie

(danke, Thomas Bühlmann, Buccess)

Links, Hinweise, Erinnerungen

#GAFAM als die Behüter der freien Debattenräume: https://agreenergoogle.com/

(…)

(…)

Stefan M. Seydel, aka sms, aka sms2sms in «Zürcher Festspiel 1901″ (2019):
TwitterWikipediaYoutube (aktuell), SoundcloudInstagramSnapchatTikTokTwitch

Stefan M. Seydel/sms ;-)

(*1965), M.A., Studium der Sozialen Arbeit in St. Gallen und Berlin. Unternehmer, Sozialarbeiter, Künstler.

Ausstellungen und Performances in der Royal Academy of Arts in London (Frieze/Swiss Cultural Fund UK), im Deutsches Historisches Museum Berlin (Kuration Bazon Brock), in der Crypta Cabaret Voltaire Zürich (Kuration Philipp Meier) uam. Gewinner Migros Jubilée Award, Kategorie Wissensvermittlung. Diverse Ehrungen mit rocketboom.com durch Webby Award (2006–2009). Jury-Mitglied “Next Idea” Prix Ars Electronica 2010. Pendelte bis 2010 als Macher von rebell.tv zwölf Jahre zwischen Bodensee und Berlin. Co-Autor von “Die Form der Unruhe“, Umgang mit Information auf der Höhe der Zeit, Band 1 und 2, Junius Verlag Hamburg. Ruhendes Mitglied im P.E.N.-Club Liechtenstein. Er war drei Jahre Mitglied der Schulleitung Gymnasium Kloster Disentis. Seit Ende 2018 entwickelte er in Zürich-Hottingen in vielen Live-Streams – u.a. in Zusammenarbeit mit Statistik Stadt Zürich und Wikimedia Schweiz – den Workflow WikiDienstag.ch, publizierte während der Corona-Krise in der NZZ einen Text über Wikipedia und schreibt aktuell an: #DataLiteracy – Elemente einer Kulturform der Digitalisierung im Carl Auer Verlag, Heidelberg. Im Juli 2020 kehrt er mit seinem 1997 gegründeten Unternehmen (Spin-Off mit Aufträgen der FH St. Gallen, Gesundheitsdirektion Kanton St. Gallen, Bundesamt für Gesundheit (BAG) und der EU aus einer Anstellung als Leiter Impuls- und Pilotinterventionen für die Aids-Hilfe St. Gallen/Appenzell) zurück nach Dissent.is/Muster, mitten in die Schweizer Alpen.


0 Kommentare für “Offen ist das neue Sicher – #TheGreatReset (2. Text für @NZZ #NZZ)

Kommentieren

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese HTML Tags kannst du verwenden:

<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>