#FaktenFasten | «Fakten ist das neue Fasten» | @nzz

Textsorte: (1) Traum
Arbeitsform: Work in Progress
Anlass: Produktion 2. Serie von 3 Elemente einer Nächsten #Kulturform im Carl Auer Verlag, Heidelberg | Thread
TL;DR: (…)
Bildquelle: (…)
URL/Hashtag: dissent.is/FaktenFasten / #FaktenFasten

«Fakten ist das neue Fasten»

(unredigierte Abschrift einer Tonspur)

Jeanne van Eiken Das ist typisch für eine Skandalikone…
Stefan M. Seydel … Ich bin keine Skandalikone…

JvE … Das behauptet aber das Magazin Arch+
sms …auch das stimmt nicht ganz.…

…Was ich fragen wollte: Sie propagieren in einem zweiten Text für die Neue Zürcher Zeitung #FaktenFasten. Das sehen Sie selbst aber schon auch als ein Versuch, einen Skandal vom Zaun zu reissen. Ja?
«Vom Zaun reissen» ist gut.» Das passt auch zu Arch+ (zitiert feierlich:)

Es war einmal ein Lattenzaun,
mit Zwischenraum, hindurchzuschaun.

Ein Architekt, der dieses sah,
stand eines Abends plötzlich da —

und nahm den Zwischenraum heraus
und baute draus ein großes Haus.

Der Zaun indessen stand ganz dumm,
mit Latten ohne was herum.

Ein Anblick gräßlich und gemein.
Drum zog ihn der Senat auch ein.

Der Architekt jedoch entfloh
nach Afri — od — Ameriko.

- Sie stellen sich also mein #FaktenFasten so vor? Wie es sich Christian Morgenstern 1905 vorgestellt hat? (so?)

WORK IN PROGRESS

Darf ein glühender Fan von Rudold Steiner heute noch zitiert werden? Sie sind ein «Gefährder» (lacht)
Das ist nicht zum lachen. Am Wochenende wird das Stimmvolk der Schweiz… ach… Was ist Ihre Frage?

Wie sind sie jetzt auf dieses Gedicht gekommen?
Ihr Sprachbild: «Einen Skandal vom Zaun reissen.» Den Zwischenraum – die Luft drum herum, den Kontext – zu nutzen, um daraus etwas Stabiles, Grosses, Wirkungsmächtiges zu bauen…

Ich verstehe. Fakten sehen Sie als «die Zwischenräume vom Lattenzaun»?
Klar.

Aber was wäre dann in diesem Sprachbild der Zaun?
(verärgert) Das ist doch keine Breaking News! Hallo? Natürlich der Workflow, der Prozess, das Verfahren, wie Menschen Wissen schaffen…

Das sähe Wissenschft anders…
Sie (stotternd) veRwerchseLn (lacht) – dieses Spiel funktioniert nur in verschriftlichter Sprache, wo war ich? Ahja: – Sie verwechseln Wissenschaft mit boulevardesker Wissenschaftsvermittlung. (so?)

Sie bestreiten, dass es Fakten gibt?
#OMG. Gleich fragen Sie mich, ob ich bestreite, dass es Viren gibt.

Soll ich das Fragen?
Das dürfen Sie gerne. Aber lassen Sie sich dabei bitte anmerken, dass Sie wissen, dass «Sollen» und «Dürfen» Moral-Verben sind.

Gibt es Viren?
Ufff.… (pause) Im Ernst jetzt?

Klar.
Keine Ahnung. Ich bin Sozialarbeiter. Ich arbeite am Sozialen. Nicht an Viren. Sonst hiesse mein Beruf ja Virenarbeiter. (lacht)

Aber ich habe mitbekommen, dass wenn die Expertenden jenes Fachs in ihrer #Filterbubble miteinander sprechen, dann stellen sich diese ihren eigenen Problemgegenstand nicht als «kleine rote Monster» vor, mit arroganten Krönchen auf dem Kopf, welche aggressiv grinsend durch die Gegend rennen und hinterhältig morden…

Will sagen: Wenn #VirenLügner gefunden werden wollten, dann wären diese in der vormals als «harten Wissenschaften» benannten Blasen, Sphären, Schäumen unschwer zu finden: In den «Asozialen Medien» der universitären Bibliothek. Aber es wird ja in den «Sozialen Medien» herumgefischt und dort findest du bekanntlich leicht, was du suchst. (lacht lange und laut)

Meine Beruf, meine Profession, meine Disziplin der Sozialen Arbeit, muss die Frage ob es Viren gibt oder nicht gibt, in keinem Moment digital beantworten. Die Frage taucht nicht einmal als Frage in meinem Fachgebiet auf. Null. Nix. Nie.

digital?
Eindeutig. Entweder – Oder. #PaulWatzlawick. 4. Axiom. 1967. Ein EarlyAdopter der Veränderung «Menschlicher Kommunikation» unter den Bedingungen von mitkommunzierenden Computer. Aber das wäre ein anderes Thema. (lacht)

Die Frage ob es Viren gibt – ja/nein: Hosenrunter! Gib laut! Sei kein feiger Ausweichler! – ist inhaltlicher Bullshit:
- Jene, welche es auf Grund ihres Fachwissens beantworten können, geben eine extrem differenzierte Antwort, im Sinne von: «Es kommt darauf an…»
- Jene, welche es auf Grund ihres Fachwissens nicht beantworten können, gehe ich gar nicht erst fragen. Aus Gründen.

Aber dass mit dieser Frage ein «Glaubensbekenntnis» erzwungen werden kann und wer die falsche Antwort gibt – oder bloss schon zögert, die gewünscht Antwort auszukotzen – DAS ist für mich als Sozialarbeiter höchst relevant und macht mich – wie sie merken – ungehalten wütend.

Was gelingt dieser Moralisierung?
Eine tolle Frage. Irritierender scheint mir vorgängig, dass dieser simple Umstand, dass – wie ein Hase aus einem Zauberhut – eine spezialisierte Spazialdisziplin aus den Zwischenräumen von Biologie, Physik und Chemie – aus Mikrobiologie, Virologie und Infektionsepidemiologie – urplötzlich unhinterfragbar in die Position gestellt wird, als wäre diese Disziplin die einzige, welche wissenschaftliche, harte, transparent und nachvollziehbare, überprüfbare Fakten zu schaffen vermag, welche Menschen zu disziplinieren vermögen.

Wie meinen Sie das?
Am 8. Juni wurde ich von einem Sozialwissenschafter, welcher sich selbst als Skeptiker versteht, in einem Feedlog von WikiDienstag.ch moralisch gezwungen die Frage digital zu beantworten, ob Masken wirken?

Was haben Sie geantwortet?
Keine Frage: Masken wirken. Absolut dramatisch wirken die. Na klar!

Ich erzählte ihm von meinem 90-jährigen Mütterchen, welche seit 1,5 Jahren von einem hinter Masken versteckten Pflegepersonal als Insassin inhaftiert wird. Meine hörgeschwächte Mutter ist aber auf Mimik und Gestik des Gesichts angewiesen, um sich verständigen zu können. Die Wirkung von Masken? Sensationell.

Der Sozialwissenschafter akzeptierte diese Antwort nicht.
Er hatte den Eindruck, dass ich ausweiche, wie ich ihm weitere Beispiele von Kinder erzählte. Ein Kind hinter einer Maske hat ja ganz offen sichtbar akzeptiert, dass es selbst dieses fiese rote Monster ist, welches seine Grosseltern mordet, wenn es sich nicht die Hände wäscht nach dem Spiel im Sandkasten…

Aber das sagt so ja auch niemand…
Sie verbreiten #FakeNews. Selbstverständlich wird das gesagt. Ganz genau so. Das Bundesministerium in Berlin BMI verlinkt dieses «Strategie-Papier» um Corona unter Kontrolle zu bringen bis zum heutigen Tag auf ihrer Homepage. Seit April 2020. Apropos Skandal. Arch+ sieht mich als Skandalikone? Da hätte ich andere Ideen. (lacht und intoniert:) «you don’t need a #weathermen to know which way the wind blowsBob Dylan. im Jahr meiner Geburt. 1965.

Der Sozialwissenschafter akzeptierte jedenfalls ihre Antwort nicht…
Das ist der Punkt: «Die Fakten» der Disziplin Soziale Arbeit, bedeuten nichts. Die Fakten von gewissen Virologen alles. Das ist nicht nur Quatsch. Das ist viel, viel mehr… (Pause) Das ist eine ganz andere Qualität von Verquirrlung… (Pause) Und dies dann noch immer unter der Keule der Faktizität «vermittelt»… Das ärgert mich. Was soll ich anderes sagen? Es ärgert mich.

Wie gelingt diese Verquirrlung?
Ja. Genau… Eben: Durch Moralisierung, ja?

Ich weisse es nicht. Ich frage Sie.
(sinniert) Ich habe keine Ahnung. (Pause)

Fakten referenzieren auf Rationalität…
Noch so ein Narrativ, was die Narren der Modernen Gesellschaft so erfolgreich genarrt haben. Ja. Das könnte ein Übergang sein…

Ein Übergang? Was ist auf der anderen Seite unser depressiven Verstimmung in diesem Gesprächsverlauf? (lacht)
Die Beobachtung, wie ein heiliges Versprechen, was schon immer höchst prekär war und aus unterschiedlichsten Perspektiven kritisiert wurde, zum Verschwinden gebracht werden konnte.

Woran denken Sie?
An das unter Tränen in einer Ewigkeitsklausel versiegelte Versprechen: «Die Würde des Menschen ist unantasbar.» Zum Beispiel. An Grundrechte. An Menschenrechte. An Naturrecht. An…

... ich verstehe…
…ich verstehe es nicht… (pause)

Sie versuchen zu skandalisieren, dass gesetzlich verankerte moralische, ethische, humanistische, demokratische – oder wie auch immer diese höchsten oder tragensten Werte aufgerufen werden, plötzlich gänzlich anders interpretiert werden, plötzlich überhaupt interpretiert werden müssen und, dass diese dramatische Veränderung nicht mehr thematisierbar scheint, nicht einmal mehr bei jene, welche vor 2 Jahren noch inbrünstig diese Werte Gebetsmühlenartig repetierten…
Wow. – Ok… Ja. – Danke.

Es ging ja dann die Rede – im Mai 2021 ging das los? – von der «Rückgabe der Priviliegen» an die genesenen, die getesteten, die geimpften.

Die 5G-Menschen…
…und selbst jene, welche sich über solches nervten, koppelten die Grundrechte an Bedingungen und nannten es «irgendwas mit liberal»…

Aber in realen Gefahrensituationen, sind vorübergehende Einschränkungen von Grundrechten ja nicht grundsätzlich ein Problem. Oder?
Mit Lastwagen kann in eine Menschenmenge gefahren werden. Ob dieser Möglichkeit, wird das Fahren von Lastwagen aber nicht verboten.

Es wird offenbar eine Einschätzung des Risikos gemacht. Zugänge zu dieser potentiellen Waffe, werden reglementiert. Und immer so weiter…

Im Übrigen wird seit vielen Jahrzehnten an biologischer Kriegsführung gearbeitet. Die stümperhafte Verwendung von Gas auf dem Schlachtfeld hat sich längst professionell professionalisiert. Dass in dieser Forschungstätigkeit, in welcher liberale, freie, humanistische, trallalla-Regierungen aggressiv beteiligt sind, ist keine Verschwöhrungstheorie. Dass dabei Unfälle in Forschungslabors passieren, soll auch prima dokumentiert sein. Kurzum: Dass ein Killervirus unterwegs sein könnte, das scheint durchaus realistisch zu sein. Es liesse sich das Feld der Gen-Forschung erwähnen. Seit 20-Jahren ist das Menschliche Genom bekannt. Das hier ein «Return-On-Investment» kommen muss, scheint unausweichlich… Aber lassen wir diesen Strang. Zurück zum Lastwagen:

Falls es zu dieser Katastrophe kommen sollte, dass ein Lenker – welcher dabei fotografiert, gefilmt und ganz eindeutig identifiziert, dieses Verbrechen begangen hat, dass er sein Fahrzeug in eine Menschenmenge jagte und viele Menschen und ihre Angehörigen in tiefste Verzweiflung gestürtzt hat, muss diesem Menschen «das Grundrecht» nicht zurück gegeben. Er hat es. (Auch wenn es eine Frau wäre.) Und diese Person wird nach rechtsstaatlichen Prinzipien vor ein Gericht gestellt. Vielleicht sogar wegen Unzurechnungsfähigkeit… Ich will sagen…

Kommen jetzt die 5G-Menschen?
Ja. Warum nicht… rede ich zu lange?

Die Zusammenstellung habe ich auf Twitter gesehen. Interessant aber, dass sie die Möglichkeit sehen, dass auch Computer ein Grundrecht zugesprochen werden könnte…
Das Grundrecht im Internetz eingebunden zu sein. Ja. (lacht)

Sollen wir die Liste kurz durchgehen?
Das ist ja leicht polemisch und lustig gemeint. Aber durchaus beobachtbar und ausgesprochen:

DAS GRUNDRECHT ZUR TEILHABE AN GESELLSCHAFT von Menschen wird gebunden an die 5 Punkte:
1 glauben
2 gehorchen
3 genesen
4 getestet
5 geimpft

DAS GRUNDRECHT ZUR TEILHABE AN CYBERSPACE für Computer wird gebunden an die 5 Punkte:
1 connected
2 committed
3 certificated
4 clean
5 controlled

5G, 5C…
Sie kommen jetzt sicher gleich wieder mit der Skandalikone… Es sind für mich Spiele. Gedankenräume spielerisch zu verspunden.…

Nein. Das finde toll… Das ist nicht die Frage
Welche Fragen stellen sich Ihnen dann?

Viele. Zum Beispiel was das alles mit Fasten zu tun haben soll. Das mit den Fakten bin ich am erahnen. Aber das mit dem Fasten erschliesst sich mir noch gar nicht…
Wer Fakten! Fakten! Fakten! ruft, stellt sich in die gleiche Position, wie jene, welche rufen: «Es steht geschrieben…», «Gott will es so & so…», «Du darfst jetzt keine Würste verkaufen, denn jetzt ist Fastenzeit.»

Der Bezug zum #ZwingliFilm mag ja kreativ sein, aber…
Sie beleidigen charmant… Mein Punkt ist aber härter: Es geht um die uralte Frage, was Menschen von dem Wissen können, was sie als für Wahr wahrnehmen.

So wird es banal...
Keineswegs. Es wird erzählt, dass einer behauptet habe, die Erde stünde gar nicht im Mittelpunkt und die Sonne kreise gar nicht um die Erde. Das brachte dem Mann manchen Ärger ein. Die Katholische Kirche rehabilitierte Galileo erst 1992. Und vielleicht hat Giordano Bruno den Satz gar noch auf dem Scheiterhaufen wiederholt. So banal scheint die Geschichte als nicht zu sein. (lacht)

Heute gibt es Menschen, welche behaupten, die Welt sei flach…
Jetzt wird es flach. Was sich Massen leitende Medien, Wissenschaftsvermittlung, prominent auftretende Wissenschafter in den letzten Jahren an Diffamierungen, Abwertungen, Herabwürdigungen geleistet haben, ist absolut unterirdisch. Dumm bloss, dass dies im #Internetz so leicht aufzufinden ist. Da werden einige Kolleginnen und Kollegen bittere Rehalibitationskuren absolvieren müssen. Ganz zu schweigen von jene, welche aggressiv und/oder führnehm geschwiegen haben…

Es geht Ihnen also darum, dass mit den Fakten gebrochen wird, wie vor 500 Jahren mit dem Fasten?
Genau. Fasten ist bis heute eine ganz wunderbare Sache. Es geht nicht gegen das Fasten. Es geht auch nicht gegen die Fakten. Ganz im Gegenteil.

Es geht um den Missbrauch…
Fasten – wie 500 Jahre später Fakten – sind zu einer Keule geworden…

Eine Keule des Guten…
Die Betonung von Fakten, eignete sich als Instrument der Befreiung:
- Dreht sich die Sonne umd die Erde oder dreht sich die Erde um die Sonne. Das ist eine etwas abgefahrene Frage, weil das alltagspraktisch für mich völlig irrelevant scheint. Jedenfalls sehe ich, dass die Sonne am Morgen aufgeht und am Abend unter. Das legt Nahe, dass sich die Sonne um die Erde dreht.

Aber andere wollten es genauer objektiver wissen…
Sie guckten durch ihre Objektive und beobachteten Phänome…

Zum Beispiel?
Keine Ahnung. Dass sich gewisse Sterne eher im Kreis zu drehen schienen, als dass sie um die Erde kreisten. Zum Beispiel. Ich bin Sozialarbeiter. Ich arbeite am Sozialen und nicht an Sternen. Sonst hiesse mein Beruf ja Himmelsarbeiter. Was ich noch schön fände.

Heute können Kameras von Satelliten her filmen, dass die Sonne…
Ja. Eben. Lassen sie uns Fakten fasten…

Wenn Ihnen die Fakten egal sind…
Was? Nein… Wie kommen sie auf den Quatsch?

Wenn wir uns nicht auf Fakten berufen sollen
Was? Nein… Wie kommen sie auf den Quatsch?

Wenn Fakten nicht Dreh- und Angelpunkt sind…
Ufff… Nein. Bitte. Noch einmal: Noch einmal Anders. Fakten sind wie Meinungen auf der anderen Seite des Pols im schaffen von Wissen: Teil von Aufgabe, nicht Teil von Lösung.

Wie meinen Sie das?
Damit ich eine Frage stellen kann, muss ich mich zunächst orientieren. Ich muss nach Osten schauen, richtung Orient und Fixsterne bestimmen und (lacht)

Nicht zu viele Sprachbilder, bitte…
Meinungen sind kein Problem. Sie sind Teil der Vorbereitung auf eine klare Fragestellung. Solche Fragen kann ich dann abarbeiten und beantworten. Fakten schaffen.

Fakten sind Antworten auf Fragen?
Klar. Wohin fällt ein Apfel, wenn Sie ihn loslassen?

Auf den Boden.
Fakt! Können Sie nachprüfen. Können Sie endlos wiederholen. Funktioniert auch dann, wenn ich weg bin und dem Apfel nicht persönliche befehle, dass er auf den Boden zu fallen hat, wenn Sie ihn loslassen werden.

Das ist doch aber toll, solche Fakten. Wozu als Fasten?
Ich finde es natürlich auch toll, dass ich nicht jeden Tage neu testen muss, ob ich es mit genügend Anlauf doch durch das Glasfenster schaffe, ohne es vorher geöffnet zu haben. Es könnte ja sein, dass ich es bisher bloss einfach zu wenig experimentierfreudig ausprobiert habe.

Ich verstehe…
Wenn ich merke, dass Corona Virus dem Kind nichts anhaben kann und mein 90-jähriges Mütterchen darunter leidet, dass sie ihre Urenkel nicht mehr sehen darf, weil sie sterben könnte, dann werde ich experimentierfreudiger. Ja. Aber das gilt heute als egoistisch und unsolidarisch. Moralisch wertvoll ist heute, dass Kind und Grossmutter traumatisiere und ihnen professionell Angst mache, sie impfe und ihnen danach das Privileg der Teilhabe an Gesellschaft paternalistisch zurück gebe.

Ja. Das ist schon eine eindrückliche Wendung…
Und die Verantwortlichen der wissenschaftlichen Taskforce geben auch ganz freimütig zu, dass sie sich vorstellen könnte, was ein nächster Ausnahmenzustand sein könnte.

Der globale Cyberkrieg?
Meiner Generation fällt dann auf, dass 9/11 – mit der Angst vor Terrorismus – tiefe eingriffe in die Grundrechte gemacht worden sind. Der Genration meiner Eltern steckt die Erfahrung des Vietnam-Krieges in den Knochen. Unseren Grosseltern die sogenannten Weltkriege. Jenen davor die grässlichen Massenerwerblosigkeiten. Jenen davor…

Management by Fear?
Giogrio Agamben reiste mit dem Begriff #Ausnahmezustand – Michel Foucault mit #BioPolitik – durch die Geschichte. Und plötzlich zerfallen diese Narrative, werden Schal und leer. Wie lange geht die Rede von Nachhaltigkeit?

Heute eher Permakultur…
Paradigmenwechsel, Wendezeit…

Sie denken, dass die Narrative sich ändern?
Jedenfalls wandeln sich die Erzählungen darüber, wie sich Menschen sich selbst erklären, was sie hier und jetzt erleben.

Das nennen sie Kulturwechsel. Warum nicht Kulturwandel.
Weil ich damit auf die Denkfigur verweisen mit jenen vier Symbolen…

Minus, Plus, Ungleich, Hashtag?
Ja. Genau. Kulturwandel ist sehr, sehr, sehr schwer zu beobachten. Vor zwei Jahren verlangten viele Menschen von ihren Vorgesetzten mehr HomeOffice machen zu dürfen, weil es ihnen keinen Sinn machte zu pendeln, bloss um dort an einem Rechner zu hocken, welcher auf die Cloud zugegrifft. Jetzt ist es ganz normal geworden, von Zuhause arbeiten und die Menschen freuen sich, wenigsten einen Tag in der Woche in ein Büro in der Stadt zu reisen. Es stellen sich Verhaltensweisen um. Aber ich merke das nicht immer gleich intensiv, wie sich diese «Kultur» verändert.

Kultur ist das, was mir als Normal erscheint?
Und von Aussen, von Fremden, von Anderen ganz leicht beschrieben werden kann. Ja. Oder eben: über grosse, sehr grosse Zeiträume hinweg. Darum spreche ich von Kulturwechsel.

Sie beschreiben also fremde, vergangene Kulturformen und vergleichen diese dann mit der Aktuellen?
Ich nutzte den Umstand, dass – ganz ohne sich verdächtig machen zu müssen – eigene, frührere Kulturformen bekannt und akzeptiert sind: «Die Höhlenbewohner», «die Menschen im dunklen Mittelalter», «der mutig, aufgeklärte Mensch in der Neuzeit» (lacht) … Die Körper der Menschen haben sich kaum verändert. Wir müssen alle paar Sekunden atmenen, alle paar Minuten trinken, alle paar Stunden essen, einmal am Tag lange schlafen und immer so weiter. Diese körperlichen Bedingungen haben ganz viele Implikationen, welche – je nach Schöpfungsgeschichte – schon über tausende von Jahren genau gleich geblieben sind. Aber die Organisation, der Umgang, die technischen Möglichkeiten etc. ändern sich. So beobachte ich also dann meine Beobachtung, wie ich eine ganz andere Normalität fotografieren kann, welche sich nicht mehr zu erklären vermag, durch das, worauf verbal noch Bezug genommen wird…

Die Vorstellung von diesen anderen Kulturen erlaubt ihnen, vom Kulturwandel das abzuziehen, was auf einen Kulturwechsel verweist?
Dass Menschen im letzten Sommern die Farbe Pink ganz toll gefunden haben und jetzt eine nächste: Ja. Das kann ich abziehen. Ein hier passender Ausdruck. (lacht)

Das wäre also ein Beispiel für einen Kulturwechsel. Und ein Beispiel für einen Kulturwechsel?
Dass ich es toll finde, dass meine Uhr mir in jedem Moment meinen Blutzuckerwert anzeigt. Diesen abgleicht mit der Datenbank meiner Ärtzin und des gesamten Wissens von Blutzuckerwerten. Dass ich empfehlungen bekommen, wie ich mein Essensverhalten verändern kann. Dass ich bei allem Wissen über die Risiken dieser Datensammlungen, diese Möglichkeit sensationell finde und mir mehr davon wünsche. Dass ich also die Unterscheidung Öffentlich:Privat völlig neu setze. Der Umgang mit dem Copyright. Dass ein Kind es als Recht zu kopieren versteht und mit den Bildern auf dem Smartphone ganz selbstverständlich weiter arbeitet, es nutzt, verändert, mit anderen teilt. Dass die Unterscheidung Produzieren:Konsumieren keinen praktischen Unterschied mehr zu machen vermag. Und immer so weiter.

Spannend. Und wo kann ich Ihre Beobachtungen beobachten?
Im Magazin von Carl Auer Verlag, Heidelberg unter Medienwechsel. Ich schicke Ihnen den Link: carl-auer.de/magazin/kulturwechsel

Autsch. Jetzt merke ich grad: Meine Akku ist alle…
gar kein Problem…
- zack.
- wech ist sie…
- okheeee ;-)


Magazin Carl Auer Verlag, Heidelberg

Stefan M. Seydel, aka sms, aka sms2sms in «Zürcher Festspiel 1901″ (2019, Fotocredit: Charles Schnyder): TwitterWikipediaYoutube (aktuell), SoundcloudInstagramSnapchatTikTokTwitch

Stefan M. Seydel/sms ;-)

(*1965), M.A., Studium der Sozialen Arbeit in St. Gallen und Berlin. Unternehmer, Sozialarbeiter, Künstler.

Ausstellungen und Performances in der Royal Academy of Arts in London (Frieze/Swiss Cultural Fund UK), im Deutsches Historisches Museum Berlin (Kuration Bazon Brock), in der Crypta Cabaret Voltaire Zürich (Kuration Philipp Meier) uam. Gewinner Migros Jubilée Award, Kategorie Wissensvermittlung. Diverse Ehrungen mit rocketboom.com durch Webby Award (2006–2009). Jury-Mitglied “Next Idea” Prix Ars Electronica 2010. Pendelte bis 2010 als Macher von rebell.tv zwölf Jahre zwischen Bodensee und Berlin. Co-Autor von “Die Form der Unruhe“, Umgang mit Information auf der Höhe der Zeit, Band 1 und 2, Junius Verlag Hamburg. Ruhendes Mitglied im P.E.N.-Club Liechtenstein. Er war drei Jahre Mitglied der Schulleitung Gymnasium Kloster Disentis. Seit Ende 2018 entwickelte er in Zürich-Hottingen in vielen Live-Streams – u.a. in Zusammenarbeit mit Statistik Stadt Zürich und Wikimedia Schweiz – den Workflow WikiDienstag.ch, publizierte während der Corona-Krise in der NZZ einen Text über Wikipedia, initiierte das #PaulWatzlawick-Festival 2020 mit und sammelt im Blog von Carl Auer Verlag, Heidelberg, «Elemente einer nächsten Kulturform». Im Juli 2020 kehrt er mit seinem 1997 gegründeten Unternehmen (Spin-Off mit Aufträgen der FH St. Gallen, Gesundheitsdirektion Kanton St. Gallen, Bundesamt für Gesundheit (BAG) und der EU aus einer Anstellung als Leiter Impuls- und Pilotinterventionen für die Aids-Hilfe St. Gallen/Appenzell) zurück nach Dissent.is/Muster, mitten in die Schweizer Alpen.


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