Operation #EpicFury

tran­script:

Ich frage mich, nach­dem ich jet­zt Friedrich Merz bei Trump gese­hen habe, wie er da qua­si ja auf den Schoss gekrochen ist, was müssten die Amerikan­er eigentlich wo auch immer in der Welt an Mil­itärschlä­gen machen, dass sich eine Bun­desregierung hin­stellt und sich mal ganz klar davon dis­tanziert und sagt: Das geht über­haupt nicht, das ist ein Völk­er­rechts­bruch und so weit­er.

Ist das Völk­er­recht eine Sache von gestern? Das fra­gen wir uns aus aktuellem Anlass, dem Angriff von USA und Israel auf den Iran. Ist dieser Angriff ein wichtiger Schritt hin zu ein­er Befreiung der iranis­chen Bevölkerung von einem grausamen Ter­ror­regime und damit pos­i­tiv? Oder aber ein unverzeih­lich­er Tabubruch, weil er eine ille­gale Ein­mis­chung in die inneren Angele­gen­heit­en eines Staates, in diesem Falle Iran, bedeutet?

Über diese Fra­gen möchte ich heute disku­tieren mit der Iran­ex­per­tin Azadeh Zamiri­rad. Schö­nen guten Tag.

Azadeh Zamiri­rad:
Hal­lo.

Mod­er­a­tor:
Mit dem CDU-Aussen­poli­tik­er Roderich Kiesewet­ter. Hal­lo. Und mit dem Philosophen und Autor Richard David Precht. Her­zlich willkom­men. Schön, dass Sie alle der Ein­ladung gefol­gt sind.

Herr Kiesewet­ter, gehen wir direkt zur Kern­frage dieser Diskus­sion. Warum ist der Angriff auf den Iran in Ihren Augen richtig?

Roderich Kiesewet­ter:
Ich will das sehr dif­feren­ziert sagen. Unser Bun­deskan­zler hat ja auch deut­lich gemacht, es ist unklar, was am Tag danach passiert. Aber der Iran hat jet­zt über 30 Jahre und mas­siv seit 2015 nuk­leare Fähigkeit­en aufge­baut, die kurz vor ein­er Bombe sind, die Israel mit geziel­ten Mass­nah­men immer und immer wieder verzögert hat.

Und in den let­zten Jahren hat der Iran durch seine Prox­ys, also auch durch Völk­er­rechts­brüche, Israel ver­sucht zu desta­bil­isieren: Hamas, His­bol­lah, Huthis, die den Han­del­sweg [gefährdet haben].

Aus mein­er Sicht ist es sicher­heit­spoli­tisch gerecht­fer­tigt. Und völk­er­rechtlich gibt es unter­schiedliche Auf­fas­sun­gen. Aber ich will auch sehr klar sagen: Wir nutzen umgekehrt auch mit Blick auf die Ukraine das Selb­stvertei­di­gungsrecht nicht aus. Wir bleiben weit hin­ter den Möglichkeit­en des Völk­er­rechts mit Blick auf den Artikel 51. Also insofern ist das eine Abwä­gungs­frage, die ich ein­deutig pos­i­tiv befür­worte.

Mod­er­a­tor:
Herr Precht, Sie haben im Jan­u­ar in Ihrer eige­nen Sendung die Frage aufge­wor­fen: Ist das Völk­er­recht am Ende? Jet­zt, sechs Wochen später, bom­bardieren die USA zusam­men mit Israel ein Land ohne UN-Man­dat, ohne Kon­gress­beschluss auch zu Hause, ohne Kon­se­quen­zen bish­er. Haben Sie sich die Antwort inzwis­chen schon gegeben zum Völk­er­recht?

Richard David Precht:
Ja, also wenn man es jet­zt anschaut, wohin die Ten­denz geht, dann kann man sagen: Die regel­basierte Wel­tord­nung, die uns noch vor sehr kurz­er Zeit sehr, sehr wichtig war und die wir auch immer gross ange­führt haben, zum Beispiel um den Völk­er­rechts­bruch des Angriff­skrieges von Rus­s­land in der Ukraine zu verurteilen, die scheint uns allen jet­zt mehr oder weniger nicht mehr viel wert zu sein.

Wenn ich „uns allen“ sage, muss ich löbliche Aus­nah­men dazu zählen. Den Spaniern ist es das. Die haben den USA nicht erlaubt, ihre Mil­itärstützpunk­te zu nutzen. Aber in Deutsch­land scheint es so zu sein, dass wir uns damit abfind­en, dass nicht mehr die Stärke des Rechts zählt, son­dern das Recht des Stärk­eren und meinen, uns daran anpassen zu müssen. Insofern ist es um das Völk­er­recht nicht ger­ade gut bestellt.

Mod­er­a­tor:
Beobacht­en Sie das auch so, Frau Zamiri­rad, dass vornehm­lich die Stärke des Rechts zählt?

Azadeh Zamiri­rad:
Also was wir in jedem Fall sehen, ist, und da sehe ich gar nicht so viele unter­schiedliche Ansicht­en im Völk­er­recht oder unter Völk­er­rechtlern, dass es, glaube ich, eigentlich keine grosse Diskus­sion ist, ob dieser Angriff völk­er­rechtswidrig ist und dass wir hier tat­säch­lich eine sehr mas­sive Nor­mver­schiebung erleben, die doch sehr weitre­ichend ist und die sich angedeutet hat, jet­zt auch schon seit eini­gen Jahren.

Dazu ist aber auch zu sagen: Für viele Iraner­in­nen und Iran­er ist das nicht entschei­dend. Für sie zählt nicht, ob hier das Völk­er­recht einge­hal­ten wor­den ist oder nicht. Viele haben sich einen Angriff gewün­scht. Aber ich sage das auch deshalb, um noch mal zu beto­nen, dass es auch etliche in der Bevölkerung gab, die sehr, sehr skep­tisch waren, schon während des Zwölf-Tage-Krieges, dass ein solch­er Angriff über­haupt tat­säch­lich im Sinne der iranis­chen Protest­be­we­gung ist, im Sinne ein­er demokratis­chen Tran­si­tion.

Insofern sollte man selb­st, wenn man über Völk­er­rechts­bruch als legit­ime Mass­nahme spricht, darüber nach­denken: Was sind denn die Kon­se­quen­zen dieses Völk­er­rechts­bruchs?

Mod­er­a­tor:
Wer­den wir gle­ich alles ver­tiefen. Wir schauen erst mal auf unseren Bun­deskan­zler Friedrich Merz, der zu den Mil­itärschlä­gen von USA und Israel auf Iran sagte, es sei jet­zt nicht der Moment, unsere Part­ner und Ver­bün­de­ten zu belehren.

Herr Kiesewet­ter, müssen sich nur unsere Geg­n­er, aber nicht unsere Ver­bün­de­ten ans Völk­er­recht hal­ten?

Roderich Kiesewet­ter:
Nun, ich vertrete seit langem die These, dass die Amerikan­er die Ebene der regel­basierten Ord­nung ver­lassen haben. Spätestens seit 28. Feb­ru­ar let­zten Jahres, als Selen­skyj dort war, aber auch in der Art und Weise, wie Trump die Seite zu Putin gewech­selt hat.

Und wir sehen hier auf der einen Seite die Macht­losigkeit und auf der anderen Seite nutzt das Völk­er­recht gegen­wär­tig Dik­ta­toren und autoritären Sys­te­men, weil der Iran sich natür­lich ver­sucht, auf das Völk­er­recht zu berufen, indem man sagt, das sei eine Ein­mis­chung, aber auf der anderen Seite das Völk­er­recht bru­tal aus­nutzt, indem er näm­lich das Exis­ten­zrecht Israels negiert und das Exis­ten­zrecht Israels dahinge­hend negiert, dass er Nuk­lear­waf­fen entwick­elt und bal­lis­tis­che Raketen.

Also: Der Bun­deskan­zler hat sicher­lich hin­ter ver­schlosse­nen Türen, wie ich höre, sehr deut­lich an die Amerikan­er appel­liert. Aber hier geht es auch darum, dass die USA Ziele genan­nt haben und sich qua­si hin­ter Israel gestellt haben, die sowieso diesen Angriff gemacht hät­ten. Und Israel kann natür­lich sehr klar vom Artikel 51 her argu­men­tieren und sagen: Die sind so nah an der Atom­bombe, unser Exis­ten­zrecht ist gefährdet.

Also das ist nicht schwarz und weiss, das muss man sehr sorgfältig abwä­gen.

Mod­er­a­tor:
Sie sagen, der Bun­deskan­zler habe hin­ter ver­schlosse­nen Türen sicher­lich seine Mei­n­ung gesagt. Er war am Dien­stag dieser Woche in Wash­ing­ton, hat dort Don­ald Trump im Oval Office auch getrof­fen und dort für meinen Geschmack seinen Schul­ter­schluss noch mal bekräftigt. Wir hören uns das kurz an.

[Ein­spiel­er, im Tran­skript nicht ver­ständlich.]

Das ist eine klare Unter­stützung. Herr Precht, wie blick­en Sie auf die Aus­sagen des [Bun­deskan­zlers]?

Richard David Precht:
Ja, also ein biss­chen amüsiert mich das, ob er sich da dumm stellt. Also ich meine, der Grund, warum die Amerikan­er da bom­bardieren, hat doch nichts mit der Befreiung der iranis­chen Bevölkerung zu tun. Ich meine, wenn ein­er grosse Schuld daran trägt, dass der Iran sich nicht lib­er­al und demokratisch hat entwick­eln kön­nen, dann sind das die Vere­inigten Staat­en, als sie damals Mossadegh gestürzt haben und den Schah an die Macht gebracht haben, als sie Khome­i­ni unter­stützt haben aus Angst, dass die Mossadegh-Leute wieder drankom­men.

Ich meine, wir haben bei Trump in Venezuela gese­hen: über­haupt kein Inter­esse an der Befreiung der Bevölkerung von einem Unrecht­sregime. Das kann doch gar nicht das Ziel sein. Darum geht es ja gar nicht.

Und jet­zt stellt sich unser Bun­deskan­zler so hin und tut so, als wäre das sozusagen eine human­is­tis­che Inter­ven­tion gewe­sen, als wäre der Grund für die Bom­bardierun­gen der Amerikan­er die Befreiung des iranis­chen Volkes. Sowohl [Hegseth?] als auch Rubio haben ganz klar und unmissver­ständlich gesagt: Wir wollen keinen Regime Change.

Und ich weiss auch, warum die Amerikan­er das nicht wollen. Man muss sich mal vorstellen, es käme zu einem Regime Change. Und stellen wir uns wirk­lich mal vor, mit ganz, ganz, ganz viel Glück, es kommt nicht zu 20 Jahren Bürg­erkrieg, son­dern es gelingt, wie auch immer, schwierig genug, sich das vorzustellen, dass da eine lib­er­aldemokratis­che Entwick­lung ein­set­zt, dass das Land wirk­lich befre­it wird, ein Land mit so ein­er grossar­ti­gen Bevölkerung, mit wahnsin­ni­gen Boden­schätzen. Das wird inner­halb kürzester Zeit ein Glob­al Play­er. Das will nie­mand. Das haben die Amerikan­er ver­sucht, über Jahrzehnte zu ver­hin­dern. Das wollen die Türken nicht. Das wollen die Saud­is nicht. Im Grunde genom­men haben die, die da Krieg führen, gar kein Inter­esse an der Entwick­lung des Iran und schon gar nicht an der Befreiung des iranis­chen Volkes.

Deswe­gen: Wenn der Bun­deskan­zler sich hin­stellt und sagt, finde ich jet­zt gut, so qua­si unter human­is­tis­chem Aspekt, was Sie da machen, als wenn es darum in diesem Krieg gin­ge …

Roderich Kiesewet­ter:
Das ist schon eine Ver­schwörungs­the­o­rie. Wie wür­den Sie denn das iranis­che Volk befreien?

Richard David Precht:
Das muss das iranis­che Volk sel­ber leis­ten. Aber dieses „sel­ber leis­ten“ geht nicht, wenn man ihnen keine Inter­net­zugänge ermöglicht, wenn man der iranis­chen Oppo­si­tion kein Gesicht im Aus­land gibt, wenn man das auch nur verengt auf einige wenige Fig­uren. Und ich glaube, dass ein Beitrag zur Befreiung des Irans möglich ist durch diese Mass­nah­men. Aber von vorn­here­in das, was Sie jet­zt ger­ade machen, zu sagen, das ist gar nicht im Inter­esse, das sehe ich so nicht.

Natür­lich müssen wir abwarten, [was es] die näch­sten Wochen geben [wird], nur wir spie­len keine Rolle. Wir Europäer sind mitver­ant­wortlich für die Sit­u­a­tion im Iran, weil wir über Jahrzehnte Geschäfte mit dem Iran gemacht haben, das Sys­tem sta­bil­isiert haben und uns qua­si den Schneid haben abkaufen lassen durch das Iran-Atom­abkom­men, statt stärk­er darauf zu drän­gen, dass in dieses Abkom­men das Exis­ten­zrecht Israels kommt und mehr Frei­heit­srechte für die Bevölkerung. Nein, uns war nur wichtig, dass der Iran möglicher­weise an diesem Abkom­men teil­hat und zwar immer egal, wie es der iranis­chen Bevölkerung geht. Das gehört auch zur Ehrlichkeit.

Mod­er­a­tor:
Was glauben Sie, Frau Zamiri­rad, ver­spricht sich der Bun­deskan­zler von diesem demon­stra­tiv­en Schul­ter­schluss? Was anderes war das ja nicht, was wir ger­ade gehört haben.

Azadeh Zamiri­rad:
Also ich glaube, und wir haben es ja schon gehört, hin­ter den Kulis­sen mag er anders gesprochen haben als jet­zt in der öffentlichen Szene. Nach aussen hin will man offen­sichtlich eben diesen Schul­ter­schluss wirk­lich ganz klar demon­stri­eren, auch auf­grund ander­er Inter­essen, die man im transat­lantis­chen Ver­hält­nis ja hat, ins­beson­dere mit Blick auf Rus­s­land und die Ukraine.

Aber ich möchte doch noch mal auf das zurück­kom­men, was jet­zt gesagt wurde, mit Blick auf: Was kön­nte man denn son­st machen, um in Iran tat­säch­lich eine demokratis­che Tran­si­tion zu unter­stützen? Man kön­nte ja schon mal anfan­gen, Stim­men promi­nen­ter Men­schen­rechtsvertei­di­gerin­nen in Iran ernst zu nehmen, die auch schon im Zuge des Zwölf-Tage-Krieges sich mit ver­schiede­nen State­ments und Man­i­festen an die Öffentlichkeit gewandt haben, die davon sprechen, einen Prinzip­i­enkat­a­log zu erstellen mit bes­timmten Ideen und Visio­nen dafür, wie eine Tran­si­tion ausse­hen kann.

Wo es Debat­ten darüber gibt, ob man nicht Amnestie oder Immu­nität Teilen des Sicher­heit­sap­pa­rates in Aus­sicht stellen sollte, um sie dazu zu bewe­gen, die Waf­fen niederzule­gen. Ein aus mein­er Sicht fun­da­men­tal wichtiger Schritt, um über­haupt eine Chance zu haben. Denn wenn Sie jet­zt von aussen ein­greifen und Sie zer­stören die Infra­struk­tur für das bal­lis­tis­che Raketen­pro­gramm, Sie zer­stören die Infra­struk­tur für die nuk­learen Kapaz­itäten, Sie schwächen die Mil­itärka­paz­itäten dieses Appa­rates, dann ändert das zunächst aber noch gar nichts an Repres­sion­s­möglichkeit­en nach innen. Denn eine Bevölkerung niederzuschla­gen, dafür brauchen Sie keine bal­lis­tis­chen Raketen, dafür brauchen Sie keine Atom­waf­fen.

Das heisst, wir brauchen Zer­set­zungs- und Ero­sion­ser­schei­n­un­gen im Sys­tem selb­st. Und hier gibt es kluge Ideen, kluge Ansätze, kluge, mutige Men­schen, die da Dinge voran­brin­gen, die nicht darauf in erster Lin­ie set­zen, dass sie das unter den Bedin­gun­gen eines Krieges durch­führen müssen.

Mod­er­a­tor:
Wenn das stimmt und wenn Sie dem zus­tim­men, warum dann vom Bun­deskan­zler diese demon­stra­tive Unter­stützung für die Mil­itärstrate­gie, für die Angriffe?

Roderich Kiesewet­ter:
Weil er natür­lich nicht in der Öffentlichkeit sich vor­führen lassen will, weil er andere Ziele hat. Der Bun­desregierung geht es, ich bin hier nicht der Sprech­er der Bun­desregierung, ich bin freigewählter Abge­ord­neter, aber der Bun­desre­pub­lik muss es um etwas anderes gehen: Dass jet­zt der Fokus der inter­na­tionalen Aufmerk­samkeit und die Ressourcen nicht in den Nahen und Mit­tleren Osten gehen und Rus­s­land unter Aus­nutzung der gestiege­nen Ölpreise und der immer schwieriger wer­den­den Sank­tio­nen, weil sie jet­zt den Unter­stützer Iran ver­lieren, den Krieg gegen die Ukraine umso schär­fer führt.

Das heisst: Unser Fokus als Bun­desre­pub­lik, wir hal­ten uns ja völ­lig raus aus dem Nahen und Mit­tleren Osten, muss eine ver­stärk­te Unter­stützung der Ukraine sein, die Trump völ­lig egal ist. Trump ist da eher auf Seit­en Putins.

Mod­er­a­tor:
Aber damit ich es ver­ste­he: Sie sind nicht der Sprech­er des Bun­deskan­zlers, aber sagt er bewusst etwas, wovon er gar nicht überzeugt ist?

Roderich Kiesewet­ter:
Der Bun­deskan­zler hat doch vier Punk­te klargemacht und das hat er im Vor­feld der Reise deut­lich gemacht.

Mod­er­a­tor:
Diese Aus­sage war doch ein­deutig.

Roderich Kiesewet­ter:
Die passt aber zu den Aus­sagen der vier Punk­te. Er hat in den vier Punk­ten gesagt: Exis­ten­zrecht Israels spielte da eine Rolle, aber Zer­schla­gung der bal­lis­tis­chen nuk­learen Fähigkeit­en, das unter­stützt der Bun­deskan­zler. Und der vierte Punkt ist ja vor der Reise, die ja auch Trump weiss, diese vier Punk­te eben gesagt hat, der iranis­chen Bevölkerung eine Per­spek­tive in Frieden und Frei­heit zu geben. Das sind die vier Punk­te der Regierung.

Mod­er­a­tor:
Sollte die Bun­desregierung die USA und Israel bei ihren Angrif­f­en auf den Iran aktiv unter­stützen?

Roderich Kiesewet­ter:
Nein, das brauchen wir nicht. Die brauchen uns da auch nicht. Ram­stein, das ist keine aktive Unter­stützung. Ram­stein ist auf deutschem Boden. Das haben wir schon in Afghanistan mehrfach auch vom Bun­desver­fas­sungs­gericht fest­gestellt gehabt. Wir waren auch im let­zten Jahr schon viel weit­er, was diese Unter­stützungs­fra­gen anging. Also das ist etwas, wo auch das Bun­desver­fas­sungs­gericht fest­gestellt hat: Das fällt in die Legit­im­ität des Trup­pen­statuts, das die Amerikan­er seit den 40er Jahren oder seit 1950 in Deutsch­land haben. Und damit ist es keine aktive Unter­stützung, son­dern das ist eine Nutzung, die die Amerikan­er hier haben und die wir unter­stützen, weil wir umgekehrt auch von der amerikanis­chen Präsenz in Deutsch­land prof­i­tieren.

Mod­er­a­tor:
Wir schauen mal kurz, was im Gegen­satz zum Bun­deskan­zler der kanadis­che Pre­mier Mark Car­ney zu den Angrif­f­en von den USA und Israel gesagt hat.

[Ein­spiel­er, im Tran­skript unvoll­ständig.]

Das ist wahrschein­lich eine Posi­tion, Herr Precht, die Sie gut find­en. Ich frage mich aber: Haben wir uns, wenn wir das Völk­er­recht so hochhal­ten, eigentlich jemals im Zeital­ter des Völk­er­rechts befun­den? Oder ist es eine sehr west­liche Deu­tung, weil die USA das Völk­er­recht auch in der Ver­gan­gen­heit, um es vor­sichtig zu sagen, max­i­mal flex­i­bel behan­delt haben, wenn nicht sog­ar aktiv ignori­ert haben?

Richard David Precht:
Ja, Sie haben natür­lich völ­lig recht. Die Liste der Völk­er­rechts­brüche der USA begin­nt nicht im let­zten Jahr, als die Schläge gegen das iranis­che Atom­pro­gramm gemacht wur­den, son­dern die durchziehen die ganze Geschichte seit dem Zweit­en Weltkrieg. Also vom Kore­akrieg bis über den Irakkrieg George W. Bush und so weit­er.

Die USA haben sich immer her­ausgenom­men als Excep­tion­al­is­ten, dass sie an das Völk­er­recht im Zweifels­fall nicht gebun­den sind. Jet­zt haben wir ja mal die Hoff­nung gehabt, das würde sich ändern, aber es ändert sich nicht. Es geht in die Gegen­rich­tung.

Und das grosse Prob­lem, das wir dabei haben, ist: Wenn wir Aus­nah­men machen und ich sel­ber entschei­den darf, was eine legit­ime Aus­nahme ist, ja, man ist immer so bedro­ht, wie man sich ger­ade fühlt, dann öff­nen wir den Ver­brech­ern dieser Welt Tür und Tor. Dann haben wir auch kein Argu­ment mehr, gegen Wladimir Putin vorzuge­hen und den Völk­er­rechts­bruch in der Ukraine anzuprangern, wenn unsere Seite das von ihrer Seite eben­falls macht.

Let­ztlich ist dieser Schul­ter­schluss mit Trump auch ein Schul­ter­schluss mit den Putins dieser Welt. Weil auch Putin hat am 8. Mai 2022 seinen Angriff auf die Ukraine gerecht­fer­tigt mit Selen­skyjs Ankündi­gung auf der Münch­n­er Sicher­heit­skon­ferenz im Jan­u­ar 2022, aus dem Budapester Mem­o­ran­dum auszusteigen und Atom­waf­fen zu sta­tion­ieren. Und er hat gesagt, das ist ein Präven­tion­skrieg gegen die atom­are Aufrüs­tung der Ukraine. Wir wis­sen, er hat eine Menge ander­er Gründe dafür gehabt. Aber mit diesem Argu­ment, mit diesem Argu­ment kann nun jed­er über­all in der Welt ja nach seinem Gut­dünken ein­greifen. Ich füh­le mich bedro­ht. Genau. Ich füh­le mich, man ist immer so bedro­ht, wie man sich fühlt, und sagt: Nee, nee, nee, der führt was im Schilde. Ich bin da ganz sich­er.

Das heisst also: Das Völk­er­recht, wie wir es jet­zt ken­nen, ist dys­funk­tion­al, aber der Verzicht auf das Völk­er­recht ist noch schlim­mer.

Mod­er­a­tor:
Frau Zamiri­rad, wenn wir, wie Herr Precht es auch getan hat, tat­säch­lich auf Viet­nam schauen, auf Irak, auf Libyen: Schreibt Don­ald Trump da die Geschichte amerikanis­ch­er Völk­er­rechts­brüche im Iran fort, nur ein­fach offen­er, nicht ver­schämt, scham­los­er?

Azadeh Zamiri­rad:
Also die Offen­heit ist tat­säch­lich insofern erstaunlich, als dass sie bei uns offen­sichtlich nicht als Skan­dal wahrgenom­men wird oder als mas­sive Nor­mver­schiebung, weil man dann auch daran tat­säch­lich sieht, wie sehr sich Nor­men auch bei uns im innereu­ropäis­chen und vor allen Din­gen im innerdeutschen Diskurs sehr stark ver­schoben haben in den let­zten Jahren.

Und da ist ja auch zu sagen zum Völk­er­recht: Das ist richtig, es ist eigentlich immer gebrochen wor­den von mehreren Akteuren, jet­zt nicht nur den Amerikan­ern. Auch Iran bedi­ent sich ja beim Völk­er­recht wie bei einem Buf­fet. Dort, wo es passt, nimmt es sich das raus und da, wo es ihm nicht passt, gibt es das zurück.

Das macht ja auch die Sit­u­a­tion beson­ders bit­ter, dass wir es mit einem sehr klaren Völk­er­rechts­bruch zu tun haben, man das ja den Iran­ern aber sehr ungern nur zugeste­hen will, einem Akteur, der so ganz mas­siv dieses Völk­er­recht unter­miniert.

Ich glaube, was sich hier auch noch verän­dert hat, und das sollte uns Sorge bere­it­en: Ja, es gab Völk­er­rechts­brüche auch von west­lichen Akteuren, aber wir hat­ten zumin­d­est mal den Anspruch, das Völk­er­recht hochzuhal­ten. Wir hat­ten den Anspruch, eine regel­basierte Ord­nung zu stützen und zu unter­stützen. Und dieser Anspruch schon scheint zu erodieren. Und das, glaube ich, ist schon besorgnis­er­re­gend.

Mod­er­a­tor:
Bevor wir über diese ethisch-rechtlich hoch span­nen­den Fra­gen weit­er disku­tieren, hier erst mal, worüber wir ganz konkret im Iran sprechen.

[Bericht/Einspieler:]
Seit Sam­stag­mor­gen läuft Oper­a­tion Epic Fury, der grösste Ein­satz in der Geschichte der israelis­chen Luft­waffe, koor­diniert mit zwei US-Trägerkampf­grup­pen. Die Bilanz nach vier Tagen aus Sicht der Kriegskoali­tion: Der ober­ste religiöse Führer Ali Chamenei ist tot. Genau­so wie Dutzende weit­ere Spitzen­vertreter des Regimes. Zahlre­iche Führungs­bunker, Raketen­stel­lun­gen und Radarsta­tio­nen sollen zer­stört sein. Don­ald Trump spricht von einem vollen Erfolg.

Mod­er­a­tor:
Ist es mil­itärisch aus Ihrer Sicht, Herr Kiesewet­ter, ein Erfolg bis­lang?

Roderich Kiesewet­ter:
Ich würde das nicht als mil­itärischen Erfolg beze­ich­nen, weil ja die Frage ist: Was ist am Ende? Die Amerikan­er haben als Ziele benan­nt, die nuk­learen Fähigkeit­en zu zer­stören, die bal­lis­tis­chen Fähigkeit­en zu zer­stören und die Marine zu zer­stören. So Rubio. Da ging es nicht um das Exis­ten­zrecht Israels. Ob diese Ziele erre­icht sind, wird man erst in eini­gen Wochen sehen.

Ich will nur noch mal einen Punkt auf­greifen: Ich halte es nicht für fair, das The­ma nuk­leare Bewaffnung der Ukraine aufzu­greifen. Die Ukraine hat im Budapester Mem­o­ran­dum darauf verzichtet und auch nicht die Fähigkeit­en, noch mal nuk­leare Waf­fen aufzubauen. Das möchte ich nur noch mal einord­nen, weil das, glaube ich, nicht der Aus­lös­er für Butscha und Irpin war.

Aber unab­hängig davon ganz kurz: Ich halte die Frage, ob das mil­itärisch erfol­gre­ich ist, für ganz schw­er zu bew­erten. Und der Kern­punkt ist: Ist der Iran bere­it einzu­lenken? Offen­sichtlich ist er es nicht, denn er hat sich vor­bere­it­et darauf. Alle Spitzen­führungsebe­nen sind vier­fach beset­zt. Das heisst also: Wenn die erste Ebene weg ist, kommt wieder jemand nach, bis zu vier­mal. Und das würde einen Dauerkon­flikt bedeuten.

Die Kern­frage ist, wann wer­den die Amerikan­er sich abwen­den, weil es ihnen zu aufwendig ist? Und dann ste­hen die Israelis alleine da. Und das sind Punk­te, die wir mit Sorge betra­cht­en, weil der End State nicht klar ist.

Mod­er­a­tor:
Die Führungsspitze, zumin­d­est die erste Rei­he, hal­biert offen­bar durch diese Mil­itärschläge. Wie beschädigt oder wie ins Wanken ist das iranis­che Regime dadurch ger­at­en?

Azadeh Zamiri­rad:
Also was wir sehen, ist, dass diese Insti­tu­tion des Rev­o­lu­tions­führers, in der ja vor allen Din­gen sehr viel Macht konzen­tri­ert war, seit sie eli­m­iniert wor­den ist, dazu geführt hat, dass wir eine bre­it­ere Machtverteilung tat­säch­lich erleben durch unter­schiedliche Insti­tu­tio­nen.

Es ist ja sehr schnell ein tem­porär­er Führungsrat ein­gerichtet wor­den, ganz gemäss Ver­fas­sung. Man will hier also auch sehr stark Nor­mal­ität sig­nal­isieren, dass hier nichts ins Wanken ger­at­en ist, obwohl sicher­lich die Führung unter mas­sivem Druck ste­ht.

Und dieser Führungsrat beste­ht ja unter anderem aus dem Präsi­den­ten, dem Leit­er der Jus­tiz und einem ein­flussre­ichen Klerik­er aus dem soge­nan­nten Wächter­rat. Und wir haben daneben andere Gremien, die ger­ade auch im Zuge des Zwölf-Tage-Krieges schon ein­gerichtet wor­den sind, nationalen Vertei­di­gungsrat beispiel­sweise, dazu den Ober­sten Nationalen Sicher­heit­srat.

Das heisst, wir haben jet­zt mehr unter­schiedliche Machtzen­tren mit unter­schiedlich­er Verteilung poli­tis­ch­er Machtkonzen­tra­tion. Und das sehen wir auch auf mil­itärisch­er Ebene in den Kom­man­dostruk­turen. Auch die sind stärk­er dezen­tral­isiert jet­zt als vorher. Und da liegen ja auch in Vor­bere­itung, Herr Kiesewet­ter hat es ja eben erwäh­nt, schon in Vor­bere­itung auf diese Angriffe Pläne vor für Vergel­tungss­chläge, auch für den Fall, dass zen­trale Kom­man­dostruk­turen erodiert wer­den.

Das heisst: Der Staat bere­it­et sich vor, die Macht wird stärk­er verteilt und er hat sich bis­lang als rel­a­tiv hand­lungs­fähig erwiesen. Und wir sehen auch, dass Iran trotz der eige­nen Ver­luste mas­siv andere Staat­en bom­bardiert. Nicht nur Israel, son­dern eben auch US-Basen rund um den Golf, die von Iran beschossen wer­den.

Mod­er­a­tor:
Wir haben hier auch eine Karte, die das mal zeigt, wohin Iran bish­er über­all gefeuert hat. Mehr als ein Dutzend Staat­en sind dort involviert. Hat sich, Frau Zamiri­rad, die Frage nach einem Flächen­brand damit bere­its erübrigt? Ist das ein­er?

Azadeh Zamiri­rad:
Es ist zumin­d­est ein Ein­stieg in den Flächen­brand. Und es würde ein absoluter Flächen­brand wer­den, wenn denn entsprechende Nach­barstaat­en nun ihrer­seits entschei­den wür­den, aktiv mil­itärisch einzu­greifen. Das haben sie bis­lang nicht. Wir erleben ja auch Ansätze und Ini­tia­tiv­en von Teilen der Golf­s­taat­en, zumin­d­est auf einen Waf­fen­still­stand und aus dieser Eskala­tion­sspi­rale her­auszukom­men.

Sie sind ja mas­siv betrof­fen von dieser Eskala­tion und das ist auch etwas, was mit Ankündi­gung geschehen ist. Denn Iran hat seit Jahren, Jahrzehn­ten klargemacht: Das würde kein bilat­eraler Kon­flikt bleiben. Das würde auch kein Kon­flikt zwis­chen drei Parteien bleiben. Sie wür­den region­al­isieren, sie wür­den die Kosten für alle Seit­en in die Höhe treiben. Und das sehen wir jet­zt.

Mod­er­a­tor:
Herr Kiesewet­ter, die USA und Israel sprechen von chirur­gis­chen Schlä­gen gegen mil­itärische Ziele, als sei da alles wirk­lich genau geplant. Gle­ichzeit­ig ster­ben Hun­derte Zivilistin­nen laut Bericht­en. Eine Mäd­chen­schule wurde ange­blich, also es sind iranis­che Quellen, die das behaupten, wohl mit Dutzen­den Toten ange­grif­f­en. Sind das wirk­lich chirur­gis­che Ein­griffe? Und sind das Kol­lat­er­alschä­den, die man dann hin­nehmen muss?

Roderich Kiesewet­ter:
Also bei der Mäd­chen­schule muss man sagen, dass man Bilder von Beiset­zun­gen gese­hen hat, aber nicht von dem Anschlag sel­ber. Trotz­dem kann das dur­chaus so sein.

Und als früher­er Sol­dat sage ich: Jed­er, der behauptet, mil­itärische Schläge kön­nten chirur­gisch aus­ge­führt wer­den, ich erin­nere an Gen­er­al Schwarzkopfs „sur­gi­cal appli­ca­tion of war“, das ist ein Schönre­den, weil es immer Kol­lat­er­alschä­den gibt auf­grund der Art und Weise der Explo­sio­nen, der Wet­ter­ver­hält­nisse, vielle­icht auch fehler­hafter Dat­en. Deswe­gen soll­ten wir von solchen Word­ing Abstand nehmen.

Jede Anwen­dung von mil­itärisch­er Gewalt hat auch Neben­schä­den zufolge und wenn es nur Umweltschä­den sind, die sich auswirken in der Nach­barschaft. Aber gravieren­der ist, dass da mit der Öffentlichkeit der Glaube ver­mit­telt wird, mit dieser Anwen­dung sei man chirur­gisch sauber. Das ist nicht der Fall. Und das ist auch eine ganz wichtige Frage der Posi­tion­ierung.

Ich bin froh, wenn dieses Sys­tem nicht mehr da ist. Da soll­ten wir auch keine Träne nach­weinen. Aber es kommt immer auch darauf an: Was kommt danach? Was ist der Wieder­auf­bau­plan? Wer küm­mert sich?

Und Sie haben die Golf­s­taat­en ange­sprochen. Die Golf­s­taat­en erleben jet­zt ja nicht nur ihr Ende als Steuer­paradies und als Urlaub­sparadies, son­dern auch immense Ver­mö­genss­chä­den. Und da kommt es wirk­lich darauf an, ob sie sich mil­itärisch posi­tion­ieren oder ob sie in der Lage sind, hier etwas anderes zu leis­ten.

Da möchte ich auf den Oman einge­hen. Das ist der einzige Staat, der nicht ange­grif­f­en wurde. Warum? Weil der Oman, wis­send um den Angriff, ganz schnell gesagt hat, der Iran habe ja schon her­vor­ra­gende Zugeständ­nisse gemacht. Wir wis­sen, dass das nicht stimmt, aber das hat den Oman zumin­d­est von Anschlä­gen ver­schont. Und der Iran sieht im Oman auch einen möglichen Ver­mit­tler. Also inter­na­tion­al, dass dadurch der Oman wieder in eine beson­dere Rolle kommt.

Also: Es wird ganz arg davon abhän­gen, wie sich die Golf­s­taat­en posi­tion­ieren. Aber wir soll­ten Abstand nehmen von chirur­gis­chen Ein­grif­f­en. Die gibt es nicht.

Mod­er­a­tor:
Sie hat­ten ja anfangs auch die Atom­be­mühun­gen der iranis­chen Führung als, sagen wir mal, Grund genan­nt, warum man diese Schläge recht­fer­ti­gen kann. Jet­zt wurde uns doch schon im ver­gan­genen Som­mer erk­lärt von Don­ald Trump und Co., da sei let­ztlich alles durch die Schläge im Som­mer erledigt wor­den. Stimmte das denn gar nicht?

Roderich Kiesewet­ter:
Das war falsch. Und vor allen Din­gen hat er ent­ge­gen der Absprachen in Anführungsstrichen den Krieg nach zwölf Tagen been­det. Deswe­gen bin ich auch sehr skep­tisch, wie lange die Amerikan­er da durch­hal­ten, wenn die Aktien­märk­te sinken und allem.

Es ist die Anre­icherungska­paz­ität offen­sichtlich am Vortag durch irgendwelche War­nun­gen [ver­lagert wor­den], also angere­ichertes Mate­r­i­al bei­seite geschafft wor­den. Das kann man nach­weisen. Es han­delt sich hier um 400 Kilo, was öffentlich wurde, von angere­ichertem Mate­r­i­al, das also aus­re­ichen würde für eine bes­timmte geringe Anzahl von Bomben.

Und zweit­ens sind offen­sichtlich nicht alle Sys­teme zer­stört wor­den, teil­weise in 90 Meter Tiefe. Wir müssen davon aus­ge­hen, dass der Iran eine Lehre zieht aus [anderen] Län­dern, die nuk­lear abgerüstet haben. Dass sie sagen: Das darf uns nicht passieren. Und viele sehen, wie Nord­ko­rea hausen kann unter Ver­nach­läs­si­gung der Sicher­heit der eige­nen Bevölkerung oder des Wohl­stands der eige­nen Bevölkerung. Und der Iran strebt dies an, um unver­wund­bar zu wer­den. Das ist der entschei­dende Punkt.

Mod­er­a­tor:
Wie intakt ist das iranis­che Atom­pro­gramm?

Azadeh Zamiri­rad:
Also das Atom­pro­gramm, die Infra­struk­tur, ist sehr stark zurück­ge­wor­fen wor­den durch den Zwölf-Tage-Krieg. Es haben aber tat­säch­lich 440 Kilo an hoch angere­ichertem Uran, wenn man so will, über­lebt. Das war aber auch nicht über­raschend. [Diese Bestände] sind rel­a­tiv gut geschützt und wir müssen davon aus­ge­hen, dass Iran auch eine aus­re­ichende Anzahl noch an Zen­trifu­gen besitzt, mit denen sie dieses angere­icherte Uran weit­er anre­ich­ern kön­nte auf etwa 90 Prozent, also waf­fen­fähi­gen Grades.

Das wäre aber gar nicht so ein­fach zu vol­lziehen und vor allen Din­gen wäre es nicht ein­fach zu vol­lziehen, ohne dass es bemerkt wer­den würde. Und soweit uns derzeit bekan­nt ist, gab es auch keine Uranan­re­icherungsak­tiv­itäten mehr tat­säch­lich seit dem Som­mer.

Iran beste­ht aber weit­er­hin auf dem Recht auf Uranan­re­icherung. Das ist ja ein­er der Schw­er­punk­te und der kri­tis­chen Punk­te in der Auseinan­der­set­zung gewe­sen.

Fakt bleibt aber auch: Das Atom­abkom­men, das hier vorhin so kri­tisch betra­chtet wor­den ist, war eigentlich die einzige Zeit, in der wir eine ganz starke tech­nis­che Beschränkung des iranis­chen Atom­pro­gramms samt ganz mas­siv­er inter­na­tionaler Kon­trolle hat­ten. Bei­des ist nicht mehr gegeben, seit wir dieses Abkom­men nicht mehr haben.

Mod­er­a­tor:
Wir sind wieder bei der Frage: Wie legit­im oder wie legal sind die aktuellen Mil­itärschläge von Seit­en der USA und Israel? Und blick­en da mal auf die Char­ta der Vere­in­ten Natio­nen aus dem Jahr 1945.

In Artikel 2 Zif­fer 4 heisst es dort:
„Alle Mit­glieder unter­lassen in ihren inter­na­tionalen Beziehun­gen jede gegen die ter­ri­to­ri­ale Unversehrtheit oder die poli­tis­che Unab­hängigkeit eines Staates gerichtete oder son­st mit den Zie­len der Vere­in­ten Natio­nen unvere­in­bare Andro­hung oder Anwen­dung von Gewalt.“

Wenn wir diesen Pas­sus nehmen, Herr Kiesewet­ter, ist damit klar, dass USA und Israel ger­ade das Völk­er­recht brechen?

Roderich Kiesewet­ter:
Sie machen es sich damit sehr ein­fach. Dann sage ich auch ganz ein­fach nein. Weil neben dem Artikel 2 gibt es auch den Artikel 51, weil auch damals schon bei der Schaf­fung des Artikels 2 klar war, dass sich nicht alle daran hal­ten wer­den. Damit gab es den Artikel 51 qua­si im Kapi­tel 7, dass es ein legit­imes Selb­stvertei­di­gungsrecht gibt für diejeni­gen, die sich nicht daran hal­ten.

Also man muss diese Abwä­gung sehen. Aber auch, auf welchen Trüm­mern damals die Vere­in­ten Natio­nen sog­ar in Kali­fornien, das muss man sich mal vorstellen, in den USA, diese Sache ver­ab­schiedet wurde.

Ich bin der fes­ten Auf­fas­sung, dass durch die Auswe­ichung, die der Iran, ja die Aufwe­ichung, über viele Jahre betrieben hat mit His­bol­lah, mit Hamas, mit Huthis, mit dem 7. Okto­ber, aber eben auch mit der ein­deuti­gen Erk­lärung an Israel, dass sie kein Exis­ten­zrecht haben, dass es ja dann qua­si den Betrof­fe­nen läh­men würde. Der dürfte ja dann, wenn er sich auss­chliesslich an Artikel 2 hält, sich gar nicht legit­im wehren.

Mod­er­a­tor:
Sehen Sie auch Spiel­räume im Völk­er­recht?

Richard David Precht:
Der Artikel 51 ist natür­lich genau­so wichtig wie der Artikel 2. Also ein Land, das unmit­tel­bar davor ste­ht, über­fall­en zu wer­den, darf sich wehren. So, das muss fest­gelegt sein und das muss auch klar sein.

Allerd­ings ist der­jenige, der den Artikel 51 her­vorzieht, in der Beweis­last, dass dieser Angriff unmit­tel­bar bevorste­ht. Und nach­dem, was wir über das iranis­che Atom­an­re­icherung­spro­gramm wis­sen und was [Zamiri­rad] da ger­ade ganz fundig aus­ge­führt hat, fehlen die Indizien dafür.

Also das, was Don­ald Trump erzählt, der Iran ist kurz davor, die Bombe zu zün­den oder in die USA zu schick­en, ist natür­lich Blödsinn. Das heisst also: Der Grund für den gegen­wär­ti­gen Angriff, das ist mit ziem­lich hoher Wahrschein­lichkeit nicht die Tat­sache, dass die Iran­er kurz davorste­hen, eine Atom­bombe gegen Israel zu schick­en. Und damit zieht der 51er nicht.

Son­dern was mein Ver­dacht ist, und das ist das, was ich am Anfang gesagt habe, dass der Grund, warum die USA im Iran bom­bardieren, wed­er etwas mit der Frei­heit der iranis­chen Bevölkerung zu tun hat, noch allzu viel mit dem iranis­chen Atom­pro­gramm, son­dern dass wir es hier mit impe­ri­al­is­tis­ch­er Macht­poli­tik zu tun haben.

Man darf nicht vergessen: Sehr, sehr viel des iranis­chen Öls geht an Chi­na und zwar zu Dump­ing­preisen. Es ist den Amerikan­ern ein ganz gross­er Dorn im Auge. Und es wäre natür­lich schön, wenn man neben den ganzen gezeigten Mil­itär­basen vielle­icht auch irgend­wann mal eine im Iran hätte, was ein ganz inter­es­santes geostrate­gis­ches Drehkreuz ist.

Also diese ganzen Über­legun­gen spie­len für die USA eine gewaltige Rolle in dem Stück und deswe­gen ärg­ere ich mich natür­lich über den Bun­deskan­zler, der gegenüber Don­ald Trump, der sich in dem Moment auch fra­gen muss: Was denkt eigentlich der Merz? Denkt er, ich mache das hier aus human­itären Grün­den? Der wird sich inner­lich auch gefragt haben: Was erzählt der Merz mir jet­zt hier? Ich bin dein Fre­und, du willst mit mir zusam­men das iranis­che Volk befreien. Das ist Kasperlthe­ater. Das ist nicht das, worum es hier geht.

Mod­er­a­tor:
Ist die Bun­desregierung hier naiv? Glaubt sie den USA Motive für diese Schläge, die diese in Wahrheit gar nicht haben, wie Herr Precht es aus­ge­führt hat?

Roderich Kiesewet­ter:
Die Bun­desregierung ist alles andere als naiv, son­dern die USA haben ja sel­ber aus­ge­führt, erstaunlicher­weise, dass sie Israel gefol­gt sind, weil ja der Iran sowieso amerikanis­che Basen angreifen würde.

Und wir haben über Jahrzehnte mil­itärische Unter­stützung Israels geleis­tet, bevor wir diplo­ma­tis­che Beziehun­gen hat­ten. Die Gründe sind ja bekan­nt. Und uns ist über jahre­lange Arbeit, auch ich selb­st war jahre­lang Israel­berichter­stat­ter, ich habe ein Rei­se­ver­bot in den Iran, ich war sehr oft im Iran.

Da will ich eine kurze Anek­dote erzählen. Ich habe zweimal den iranis­chen Aussen­min­is­ter, ein­mal mit Carl Bildt in Teheran und ein­mal bei der Münch­n­er Sicher­heit­skon­ferenz, Sarif damals, fra­gen kön­nen: Was muss passieren, dass der Iran das Exis­ten­zrecht Israels anerken­nt? Und das hat wirk­lich zu tage­langer Ver­fol­gung und am Ende zu einem Rei­se­ver­bot geführt. Ich darf nicht mehr in den Iran. Also ich habe da einen wun­den Punkt getrof­fen.

Und für uns Deutsche ist es sehr wichtig, dass das Exis­ten­zrecht Israels, das ja nicht nur durch nuk­leare Bedro­hung gefährdet ist, son­dern durch Hamas, His­bol­lah, Huthis und Anschläge und vieles andere mehr, dass das für uns, ich sage mal, leit­gebend ist. Das ist aus mein­er Sicht die Haupt­be­grün­dung, warum wir uns auch mit guten Argu­menten dahin­ter stellen. Aber es sind sicher­heit­spoli­tis­che Argu­mente. Es sind nicht reine völk­er­rechtliche Argu­mente.

Mod­er­a­tor:
Und Sie hal­ten aber die Bedro­hung durch das iranis­che Atom­pro­gramm für gross und auch akut?

Roderich Kiesewet­ter:
Ich halte das für gross in Ken­nt­nis bes­timmter Dinge, aber ich halte es genau­so für gefährlich, das soll­ten wir uns auch vielle­icht ein biss­chen ins Stamm­buch schreiben lassen, das bal­lis­tis­che Raketen­pro­gramm.

Die NATO hat 236 eigene Raketen­ab­wehrpro­gramme gehabt in Rumänien und später in Polen, die allein vom Winkel her sich nicht Rich­tung Rus­s­land richteten. Und Rums­feld hat damals eine europäisch-rus­sis­che Zusam­me­nar­beit zer­stört, indem er den Russen keine Ein­blicke in diese Raketen­ab­wehrsys­teme gegeben hat, die wir bewusst mit Blick auf den Iran schon in den Nuller­jahren sta­tion­iert haben.

Also ich will schon deut­lich sagen, dass wir die Bedro­hung durch den Iran, auch die bal­lis­tis­che, 2006, 2007 sehr ernst genom­men haben. Und unsere Absicht damals war es, mit den Russen gemein­sam Com­mand and Con­trol, also diese Führung­sein­rich­tung, zu betreiben gegen den Iran. Das haben die Amerikan­er ver­hin­dert. Also die Bedro­hung ist uns seit etwa 15 Jahren, 20 Jahren sehr bewusst.

Mod­er­a­tor:
Was glauben Sie, worum geht es Israel und den USA im Kern? Oder geht es vielle­icht bei­den auch um unter­schiedliche Dinge?

Azadeh Zamiri­rad:
Ich glaube, dass für bei­de unter­schiedliche Dinge erfol­gre­ich sein kön­nten in der Mil­itär­op­er­a­tion. Ich denke, den Israelis geht es vor allen Din­gen darum, das been­den zu kön­nen mil­itärisch, was sie im Zwölf-Tage-Krieg nicht mehr been­den kon­nten, näm­lich vor allen Din­gen die bal­lis­tis­che Raketen­in­fra­struk­tur ganz mas­siv zurück­zuset­zen.

Sie haben ja über Jahre hin­weg das Nuk­learpro­gramm als exis­ten­tielle Bedro­hung ange­se­hen. Nun sprechen sie seit Monat­en davon, dass es das bal­lis­tis­che Raketen­pro­gramm ist. Da hat sich schon angedeutet, dass Mil­itärschläge bevorste­hen.

Für Trump kann auch das, was wir jet­zt schon sehen, dur­chaus als Erfolg gel­ten innen­poli­tisch. Er hat eine spek­takuläre Aktion, wenn man so will, ges­tartet. Er hat Chamenei beseit­igt und er hat in sein­er Rede ja sehr klar schon Ver­ant­wor­tung von Anfang an an die iranis­che Bevölkerung abgegeben. Er hat gesagt: Ich bin der Präsi­dent, der euch das erste Mal gegeben hat, was ihr woll­tet. Jet­zt lasst uns sehen, was ihr daraus macht.

Er kann sich jed­erzeit zurückziehen durch einen Waf­fen­still­stand, durch bes­timmte Konzes­sio­nen, die vielle­icht zu einem späteren Zeit­punkt möglich sein kön­nten, und das wäre für ihn möglicher­weise ein Erfolg.

Wir wer­den zudem eine mas­sive Rüs­tungsspi­rale sehen am Per­sis­chen Golf. Abwehrsys­teme wer­den eingekauft wer­den. Es wird eine viel grössere sicher­heit­spoli­tis­che Koop­er­a­tion geben. Also auch mil­itärindus­triell wird sich das lohnen. Insofern: Regime Change ist, glaube ich, ein erwün­schter Neben­ef­fekt, wenn er möglich ist. Aber dass Trump bere­it wäre, dafür mas­sive Investi­tio­nen poli­tisch-mil­itärisch­er Art aufzubrin­gen, das glaube ich nicht.

Mod­er­a­tor:
Im Jan­u­ar hat Don­ald Trump der Bevölkerung im Iran zugerufen: Protestiert weit­er, „help is on the way“. Eine grosse Ver­heis­sung. Herr Precht, nehmen wir doch mal an, Sie haben Ihr Motiv, das Sie sehen, eben schon gesagt, aber nehmen wir mal an, Don­ald Trump geht es auch so ein Fitzelchen vielle­icht doch auch um Men­schen­rechtsver­let­zun­gen im Iran und dass er dem Abschlacht­en der Bevölkerung durch das Mul­lah-Regime auch nicht länger zuschauen will und das Ganze ist erfol­gre­ich. Wäre das nicht ein valides Argu­ment für ein Ein­greifen, dieses Massen­mor­den von der Führung her zu been­den?

Richard David Precht:
Ja, mit den ganzen Hypothe­sen, wie Sie das genan­nt haben. Ich teile nur die Hypothe­sen nicht. Also ich halte Don­ald Trump nicht für sen­si­bel und human­is­tisch genug, dass er schlaflose Nächte hat wegen des grausamen Schick­sals, das die Men­schen im Iran haben. Also ich glaube, diese Grund­vo­raus­set­zung ist defin­i­tiv über­haupt gar nicht gegeben.

Aber Sie stellen ja eine prinzip­ielle Frage. Das ist im Grunde genom­men: Darf man in ein anderes Land völk­er­rechtswidrig ein­greifen, wenn man damit die Bevölkerung befre­it? So grund­sät­zlich würde man ja da sagen: Ja, das ist eine wirk­lich kom­plizierte Frage, über die man nach­denken muss.

Wir wis­sen nur in der Real­ität, dass mit solchen Din­gen eigentlich über Jahrzehnte immer Schind­lud­er getrieben wurde. Die Amerikan­er woll­ten auch den Viet­name­sen die Frei­heit brin­gen. Ohne den Begriff Frei­heit haben die Amerikan­er keinen Inter­ven­tion­skrieg geführt. Die woll­ten auch dem von Sad­dam Hus­sein unter­drück­ten Irak die Frei­heit brin­gen und haben ihn in Jahrzehnte des Bürg­erkriegs gebracht.

Also in der Real­ität fällt mir eigentlich kaum ein Beispiel ein, dass die USA irgend­wo einge­grif­f­en haben, damit es tat­säch­lich nach­her der Bevölkerung bess­er geht. Deswe­gen: Die ganz grund­sät­zliche Frage stellt sich eigentlich nie in der Real­ität. Die ist in der The­o­rie im philosophis­chen Sem­i­nar inter­es­sant, aber in der Real­ität tritt sie vielle­icht ein …

Roderich Kiesewet­ter:
Ich will mal auf das Beispiel 1994 Ruan­da einge­hen, wo man ver­sucht hat, durch die Schutzver­ant­wor­tung einen neuen Ein­griff­s­massstab zu entwick­eln. Der ist aber völk­er­rechtlich umstrit­ten gewe­sen. Das war diese Respon­si­bil­i­ty to Pro­tect sein­erzeit, als die Hutu und die Tut­si umge­bracht haben. Das ist ein ganz mas­siv­er Punkt gewe­sen, wo man eben gesagt hat: Wir kön­nen nichts machen vom Völk­er­recht her, aber wir haben diese Schutzver­ant­wor­tung. Ist hoch umstrit­ten. Wird jet­zt auch nicht ange­führt, aber das war ein Beispiel, wo man danach ver­sucht hat, Schadens­be­gren­zung zu machen. Aber das hat in Libyen nicht funk­tion­iert und ja, da sind wir da.

Mod­er­a­tor:
Genau. Wir haben ein paar afrikanis­che Län­der, wo die UNO qua­si an diese Respon­si­bil­i­ty to Pro­tect appel­liert hat und da hat es Ein­griffe gegeben in diesem Sinne. Die sind aber nicht durch die USA erfol­gt, son­dern durch Europäer.

Jet­zt ist es so: Um ein UN-Man­dat zu erlan­gen, weil man zum Beispiel gesagt hätte, wie die iranis­che Führung mit der eige­nen Bevölkerung umge­ht, das wollen wir nicht länger akzep­tieren, da müssen wir was tun, dafür bräuchte man ja eine Mehrheit im UN-Sicher­heit­srat. Und wir alle blick­en real­is­tisch genug auf die Wel­tord­nung, um zu wis­sen: Das wird niemals geschehen. Solange Rus­s­land und wahrschein­lich auch Chi­na da mit drin sitzen, wer­den die auf Seit­en der anderen Despoten sein und sich da sol­i­darisch hal­ten.

Wenn man das weiss, dass dieser Weg qua­si dadurch versper­rt ist, muss man dann nicht neu über das Völk­er­recht nach­denken?

Richard David Precht:
Man muss nicht neu über das Völk­er­recht nach­denken, weil ich glaube, das Völk­er­recht ist schon ziem­lich gut for­muliert. Und die bei­den Eck­punk­te, also auf der einen Seite die ter­ri­to­ri­ale Unversehrtheit der Staat­en, auf der anderen das Selb­stvertei­di­gungsrecht, das ist eigentlich schon am Reiss­brett ziem­lich gut erson­nen. Aber man muss über die UNO neu nach­denken. Die UNO ist abso­lut hand­lungs­gelähmt.

Darf sich jet­zt die Schmach von Trumps Frieden­srat anschauen. Wenn das Ganze noch in zwei Lager am Ende zer­fällt, ist die UNO nichts mehr wert. Das ist der Sinn dieses Frieden­srates, nicht ein funk­tion­ieren­des Gremi­um zu etablieren, son­dern die UNO zu schwächen.

Und das sind natür­lich, wenn man mal über­legt, dass wir nach dem Ende des Kalten Krieges die Hoff­nung hat­ten, dass die UNO in die Posi­tion eines Art Weltsch­ied­srichters kom­men kön­nte, und guck­en, wie jäm­mer­lich das alles gescheit­ert ist, unter sehr aktiv­er Mith­il­fe der USA, muss man sagen, aber auch wegen der Beibehal­tung von alten Struk­turen, die nach dem Zweit­en Weltkrieg geschaf­fen wur­den. Da gehört die Vetokraft bes­timmter Län­der zu, wo übri­gens auch nicht mehr evi­dent ist, warum ger­ade diese Län­der diese Bedeu­tung haben und andere nicht.

Also die UNO bräuchte eine absolute Reform. Ich glaube, da sind sich auch eigentlich alle einig. Aber es gibt so ein paar Sachen, die kann man sehr schw­er reformieren, weil man dann die entsprechen­den Zus­tim­mungen von allen haben muss. Und das heisst also: Der Grund, warum die UNO dys­funk­tion­al ist, ist auch der Grund, warum die UNO nicht reform­fähig ist.

Mod­er­a­tor:
Dass jet­zt Israel und USA es nicht so mit dem Völk­er­recht hal­ten, wenn sie Iran angreifen: Was glauben Sie, welche Botschaft hin­ter­lässt das zum Beispiel in Moskau oder in Peking?

Roderich Kiesewet­ter:
Ich möchte wirk­lich unter­schei­den zwis­chen USA und Israel. Israel fühlt sich in der Tat bedro­ht und nimmt sein Selb­stvertei­di­gungsrecht wahr.

Aber was Herr Precht ger­ade sagte: Wir erleben, wir sind Zeitzeu­gen ein­er Aushöh­lung der Vere­in­ten Natio­nen, wie in den 30er Jahren Japan, Ital­ien und Deutsch­land den Völker­bund aus­ge­höhlt haben. Und die Frage ist: Was kommt danach? Einem Peace Coun­cil, wo man sich einkauft in einem Erbrecht mit ein­er Mil­liarde Euro [Tran­skript offen­bar beschädigt].

Und für Putin ist das natür­lich dahinge­hend gewon­nen: Die Ölpreise steigen, er ver­liert im Iran einen Ver­bün­de­ten. Die Iran­er erken­nen, der Putin hil­ft ihnen über­haupt nicht. Sie haben den Russen mas­siv geholfen, aber keine Unter­stützung von dort.

Und Putin set­zt jet­zt darauf, auf den Wech­sel der Aufmerk­samkeit und eine ver­stärk­te Fokussierung auf die Ukraine. Und da müssen wir Deutschen jet­zt klug genug sein, dass wir sagen: Amerikan­er und Israelis wer­den das in der Region regeln. Die Briten, die sich ja engagieren, wer­den von Trump vorge­führt öffentlich, obwohl die Briten Basen zur Ver­fü­gung stellen. Das muss man sich mal vorstellen.

Also für uns Deutsche ist der Fokus auf die Sta­bil­isierung der Ukraine zusam­men mit den Nordics und Baltics und Polen, glaube ich, da sind wir gut berat­en, um wenig­stens, ich will einen Punkt sagen, die Char­ta von Paris aufrechtzuer­hal­ten, was in Anlehnung zur UNO geschaf­fen wurde 1990: Unver­let­zlichkeit der Gren­zen und freie Bünd­niswahl. Dass wir das als Ziel, ein europäis­ches Ziel, wieder­her­stellen. Dass wir wenig­stens auf unserem Kon­ti­nent diese Sta­bil­isierung als Ziel for­mulieren und erre­ichen.

Mod­er­a­tor:
Don­ald Trump ist hochzufrieden mit dem bish­eri­gen Ver­lauf der Mil­itär­op­er­a­tion. Er hat sich neben Friedrich Merz sitzend auch dazu geäussert und wir hören mal rein.

[Ein­spiel­er, im Tran­skript nicht ver­ständlich.]

Was glauben Sie: Die Men­schen im Iran, sind die mehrheitlich zumin­d­est Don­ald Trump dankbar, dass diejeni­gen, die sie über Jahrzehnte unter­drückt haben, dass denen jet­zt an den Kra­gen geht?

Azadeh Zamiri­rad:
Das kann ich tat­säch­lich nicht beurteilen und ich bezwei­fle, dass jemand tat­säch­lich eine belast­bare Aus­sage dazu tre­f­fen kann.

Ich habe im Vor­feld dieser kriegerischen Eskala­tion sehr unter­schiedliche Stim­men gehört. Es gibt die Stim­men in Iran, die sich genau das gewün­scht haben. Vor allen Din­gen gibt es sehr viele, die sich den Tod Chameneis gewün­scht haben. Für die ist das Völk­er­recht da jet­zt eine neben­säch­liche Sache, ob das völk­er­rechtlich legit­im war oder nicht. Sie sind froh, dass er zumin­d­est tot ist und hier nicht mehr weit­er an der Spitze ste­hen kann nach 36 Jahren der autoritären Herrschaft.

Aber wie die Bevölkerung dazu ste­ht, wenn es eben heisst, den Preis zu zahlen für diese Art von Mil­itär­op­er­a­tion, was das heisst für dieses Land, wenn wir aus diesem Krieg her­aus­ge­hen und dieses Sys­tem kol­la­biert nicht, das ist ja die entschei­dende Frage.

Deswe­gen lassen Sie mich noch mal den Bogen machen. Sie haben vorhin über diese qua­si Paral­yse im UN-Sicher­heit­srat gesprochen. Was macht man denn dann? Kann man dann über­haupt völk­er­rechtlich legit­im irgendwelche For­men der Inter­ven­tion auf den Weg brin­gen? Das ist ja eine berechtigte Frage.

Und was mir Völk­er­rechtler in dem Zusam­men­hang oft sagen, ist ja: Das ist ein Prob­lem, aber es gibt auch die Gen­er­alver­samm­lung. Die ist zwar nicht gle­icher­massen legit­imiert, aber auch da kann man ja einen nor­ma­tiv­en Rah­men nutzen und her­stellen, so wie wir das ja mit der Ukraine genau­so gemacht haben. Wir sind ja auch nicht im Sicher­heit­srat gegen Rus­s­land durchgekom­men. Sie haben Möglichkeit­en, zumin­d­est nor­ma­tiv inter­na­tion­al entsprechende Bünd­nisse und Kon­sense zu schaf­fen. Das ist nicht ein­mal ver­sucht wor­den.

Und wenn wir von Völk­er­rechtsver­stössen hier qua­si sprechen, kön­nte man auch wieder sagen: the­o­retis­che Debat­te, wen inter­essiert das? Haupt­sache, es passiert etwas. Und das ist für mich auch nachvol­lziehbar, ger­ade aus Sicht von vie­len Iraner­in­nen und Iran­ern. Aber wo wir auch eine moralis­che Ver­ant­wor­tung haben, ist zu fra­gen: Ist das, was wir an Mit­teln jet­zt ein­set­zen, denn geeignet für dieses Ziel der demokratis­chen Tran­si­tion? Das ist ja das Entschei­dende.

Und dann kön­nte man vielle­icht sagen: Vergessen wir mal das Völk­er­recht, wenn es wirk­lich paralysiert ist, wenn es uns nicht hil­ft, weil wir ein Mit­tel gefun­den haben, mit dem wir vor­ange­hen kön­nen. Und da gibt es Zweifel. Und die gibt es auch in Iran in der Bevölkerung.

Mod­er­a­tor:
Ein alter link­er Leit­spruch, Herr Precht, lautet ja: Rev­o­lu­tio­nen gelin­gen nur von innen, nicht von aussen. Ich meine, das iranis­che Regime ist nun seit fast 50 Jahren an der Macht und hat viele Proteste, auch inneren Wider­stand, über­lebt. Geht es vielle­icht doch nicht ohne Hil­fe von aussen?

Richard David Precht:
Ich weiss das nicht und ich weiss auch keinen, der das weiss. Das ist sehr schw­er zu sagen. Wir haben ja mit Hil­fe der Sank­tion­spoli­tik schon sehr stark mit dazu beige­tra­gen, dass auch Leute im Iran, die wahrschein­lich vorher unpoli­tisch waren oder sich mit dem Mul­lah-Regime arrang­iert hat­ten, auf die Strassen gegan­gen sind. Dadurch, dass ein­fach, ich meine, den Iran­ern geht es irrsin­nig schlecht. Und das macht auch viele Leute poli­tisch, die son­st unpoli­tisch sind.

Das heisst, die Sank­tio­nen haben ja eine starke Wirkung getan. Zunächst mal jet­zt alles zum Lei­d­we­sen der iranis­chen Bevölkerung, aber eben auch zur Desta­bil­isierung der immer noch vorhan­de­nen Herrschaft.

Und insofern gibt es ja eine ganze Menge von Din­gen, die man ver­suchen kann, um gegen dieses Regime vorzuge­hen, aber es bleibt am Ende: Es ist die Auf­gabe des iranis­chen Volkes. Diese Befreiung von aussen ist wahnsin­nig kom­pliziert. Wenn man das wirk­lich wollte, müsste man mit Boden­trup­pen da rein.

Und wenn man mit Boden­trup­pen in den Iran gehen würde, öffentlich nicht aus­geschlossen, [aber] wenn man mit Boden­trup­pen da reinge­ht, da erlebt man unter Umstän­den ein Viet­nam. Das ist ja nicht wie im Irakkrieg. Der Irak ist ein Stück Wüste, dessen Gren­zen mal von franzö­sis­chen und englis­chen Gen­erälen in den Sand geze­ich­net wor­den sind. Der Iran ist [kein solch­er Fall], ich meine Teheran ist eine Stadt mit vie­len Mil­lio­nen Ein­wohn­ern. Es gibt noch andere Mil­lio­nen­städte. Die Topografie des Iran, da gibt es Berg­land und alles Mögliche, da fährt man nicht ein­fach so mit dem Panz­er durch.

Also mit Boden­trup­pen in den Iran gehen, das wird wahrschein­lich tat­säch­lich den so oft befürchteten und möglicher­weise auch real­is­tis­chen Flächen­brand aus­lösen. Und das Risiko würde Don­ald Trump nicht einge­hen, weil er dann Tausende, Zehn­tausende von Sol­dat­en ver­liert und der Rück­halt für sein Iran-Bom­barde­ment in der Bevölkerung ist nicht allzu gross. Und das wäre in kürzester Zeit, wenn die Zinksärge zu Tausenden in die USA geflo­gen wer­den, weg.

Das heisst, es wird er mit sehr, sehr hoher Wahrschein­lichkeit nicht machen. Das wäre aber das Mit­tel, wenn man tat­säch­lich sicherge­hen will, dass das Regime fällt.

Mod­er­a­tor:
Herr Kiesewet­ter, ist dieser Angriff auch geeignet, also durch die USA und Israel, um Europa zu schützen?

Roderich Kiesewet­ter:
Zumin­d­est was die bal­lis­tis­che Bedro­hung ange­ht und was die Ter­rorge­fahr ange­ht. Wir haben ja in Europa sehr viele israelis­che und jüdis­che Ein­rich­tun­gen und wir hat­ten in Ham­burg die Blaue Moschee, eine Ein­rich­tung des schi­itis­chen Sys­tems. Wir haben viele Schläfer in Deutsch­land. Also es hil­ft nicht, jet­zt zu warten, dass sich dort etwas ändert, son­dern nicht umson­st hat der Innen­min­is­ter deut­lich gemacht, auch im Innenauss­chuss, auch parteiüber­greifend, dass wir jet­zt sehr aufmerk­sam sein müssen und israelis­che und jüdis­che Ein­rich­tun­gen in Deutsch­land schützen, aber auch die Ter­rorge­fahr steigt.

Und wir soll­ten die näch­sten Tage oder vielle­icht sog­ar Wochen sehr aufmerk­sam sein, was eben die Prox­ys von Iran ange­ht. Also ja, es mag uns schützen, weil die nuk­leare Gefahr weg ist, in jedem Fall die bal­lis­tis­che Gefahr auf einige Jahre. Wenn der Sys­temwech­sel gelingt, dann ist es gut. Aber bis das so weit ist, haben wir noch genü­gend Leute hier auch in Deutsch­land, von denen Ter­rorge­fahr aus­ge­ht.

Mod­er­a­tor:
Sie sind, Herr Kiesewet­ter, ein bekan­nter Aussen­poli­tik­er in der Partei, die ger­ade die Bun­desregierung anführt. Ich muss Ihnen ehrlich sagen, ich habe aus unserem Gespräch bish­er nicht ver­standen, ob Sie das mil­itärische Vorge­hen durch die USA im Iran eigentlich begrüssenswert find­en, oder?

Roderich Kiesewet­ter:
Ich begrüsse das israelis­che Vorge­hen, das muss ich ein­deutig sagen. Ich habe meine Skep­sis, ich begrüsse, was die Amerikan­er machen, aber ich traue nicht, dass die Amerikan­er einen nach­halti­gen Plan haben, der dann auch noch hält, wenn Wider­stände da sind.

Ich bin erstaunlicher­weise in einem Punkt bei Her­rn Precht. Ich glaube, wenn Trump Wider­stand spürt, dann wird er genau­so schnell aufhören, wie er den Zwölf-Tage-Krieg been­det hat. Und wir wis­sen nicht, wer in Ameri­ka let­ztlich welche Denkschule das Sagen hat: die Maga-Leute, die dann in Sorge sind, dass ihnen die Unter­stützung weg­bricht, oder diejeni­gen, die strate­gisch denken und sagen, jet­zt müssen wir aber auch die Kon­se­quenz ziehen und hier länger bleiben.

Ich ver­traue den Amerikan­ern in dieser Weise nicht mehr, weil sie auch in ihrer neuen nationalen Sicher­heitsstrate­gie und Vertei­di­gungsstrate­gie äusserst volatil sind. Deswe­gen kann ich auch nicht vollen Herzens sagen: Klasse, was die Amerikan­er da machen. Ich bin auf der Seite Israels, die ja die Amerikan­er unter­stützen, und ich hoffe, dass Israel es gelingt, auf abse­hbare Zeit, auf Jahrzehnte hof­fentlich, aus dieser Bedro­hung zu kom­men.

Mod­er­a­tor:
Frau Zamiri­rad, kön­nen Sie einen Plan der USA für nach den Schlä­gen erken­nen?

Azadeh Zamiri­rad:
Nein, aber ich glaube, die USA haben ja auch sehr deut­lich gemacht, dass sie zumin­d­est keinen Demokratieförderungs- und keinen Nation-Build­ing-Plan haben. Sie haben das ja ganz klar aus­geschlossen.

Und Trump hat ja, wie gesagt, in sein­er Rede ganz klar gesagt, die haben qua­si ein sequen­tielles Ver­ständ­nis: Wir bom­bardieren erst mal, wir schwächen das Sys­tem poli­tisch und mil­itärisch und dann sind die Strassen offen für die Iraner­in­nen und Iran­er, qua­si das Sys­tem an sich zu reis­sen. Und das ist ein mehr als wack­e­liger Plan.

Und da ist noch nicht mal ein­gerech­net die Desta­bil­isierung­sprozesse, die jet­zt in Gang geset­zt wor­den sind für die gesamte Region. Die Desta­bil­isierung im Irak, Desta­bil­isierung im Libanon. Wir sehen ja jet­zt die Kon­se­quen­zen dieses sozusagen begin­nen­den Flächen­bran­des, wenn man so will, schon heute und das ist Teil der Prob­lematik.

Möchte aber auch noch mal sagen mit Blick darauf: Was kön­nte man denn machen? Und das klingt ja immer so ein biss­chen an, wenn wir über diese Mil­itärin­ter­ven­tion sprechen, als gebe es keine anderen Möglichkeit­en. Was soll man denn machen, umzuge­hen mit einem solchen Sys­tem?

Und ich glaube schon, dass man da ein wenig auf­passen muss, da nicht in diese Falle zu gehen. Denn es set­zt ja voraus, dass wir davon aus­ge­hen, dass Mil­itär-Optio­nen tat­säch­lich für sich genom­men erfol­gre­iche Optio­nen wer­den für demokratis­che Tran­si­tion. Aber Sie haben einen Punkt vorhin gemacht, Herr Kiesewet­ter, mit Blick auf Unter­stützung: Etwas, das hil­fre­ich gewe­sen wäre für die iranis­che Protest­be­we­gung schon nach „Frau, Leben, Frei­heit“, und die dig­i­tal­en Aktivis­ten haben das gefordert, wäre Unter­stützung gewe­sen für dig­i­tal­en Aktivis­mus, für dig­i­tale Net­zfrei­heit­skämpferin­nen in Iran durch mas­sive Ressourcenbere­it­stel­lung für kosten­freie VPNs, für dig­i­tale Plat­tfor­men.

Das ist der Bere­ich, wo sich Iraner­in­nen und Iran­er mobil­isieren, organ­isieren. Der gesamte Wider­stand ist ganz klar auf diese dig­i­tale Sphäre auch aus­gerichtet, wo seit Jahren Grup­pierun­gen, Men­schen­rechts­grup­pierun­gen bekla­gen: Wir brauchen da mehr Hil­fe, wir brauchen mehr Unter­stützung. Es kann nicht sein, dass nur jemand wie Elon Musk da ein paar Star­link-Ter­mi­nals in Iran hat und wir eigentlich von europäis­ch­er Seite sehr, sehr wenig tun. Das sind ja Bere­iche, wo wir tat­säch­lich sub­stanziell etwas leis­ten kön­nen, ganz abseits von mil­itärischen Mit­teln.

Roderich Kiesewet­ter:
Ja, wenn ich darf, zur Flächen­brandthese, die teile ich nicht. Wenn wir jet­zt auf den Libanon schauen: Die libane­sis­che Regierung hat sich jet­zt ein­deutig von His­bol­lah dis­tanziert und hat auch ein­deutig die His­bol­lah aufgerufen, die Waf­fen zu streck­en. Also wir sehen auch pos­i­tive Auswirkun­gen in der Region. Also ich sehe nicht diese Flächen­brandthese gegen­wär­tig bestätigt.

Die Gefahr wäre gewe­sen, wenn His­bol­lah, Hamas und Huthis koor­diniert mit dem Iran gegen Israel vorge­gan­gen wären.

Azadeh Zamiri­rad:
Nur ganz kurz dazu. Flächen­brand ist natür­lich eine Frage der Def­i­n­i­tion. Das ist auch kein konzep­tioneller Begriff. Aber dass wir Desta­bil­isierung­sprozesse sehen in der Region, dass wir andere Akteure sehen, dazu gehört die His­bol­lah, die ja schon erste Rake­te­nan­griffe durchge­führt [hat], dazu gehören die Volksmo­bil­isierung­sein­heit­en im Irak, die schon Angriffe durchge­führt haben. Die Achse ist längst involviert. Es gibt allerd­ings auch noch Eskala­tionspoten­zial nach oben.

Mod­er­a­tor:
Herr Precht, wenn Europa diese Mil­itärschläge zumin­d­est in Teilen, jede Regierung äussert sich da unter­schiedlich, zumin­d­est in Teilen mit­trägt, welche Fol­gen hat das aus Ihrer Sicht für die Glaub­würdigkeit Europas, vor allem im glob­alen Süden?

Richard David Precht:
Wir sind nicht mehr die Guten. Im glob­alen Süden sind wir sowieso nicht die Guten. Auf­grund unser­er Kolo­nialgeschichte und allem, was dazu gehört, den amerikanis­chen Völk­er­rechts­brüchen und so weit­er. Also im grössten Teil der Welt sind wir nicht die Guten.

Aber wir sind es in unserem Selb­stver­ständ­nis. Und dafür war eben auch wichtig, dass wir unsere Poli­tik als wertegeleit­ete Poli­tik begrif­f­en haben, dass wir uns als Teil des lib­eralen freien West­ens mit seinen Werten ver­standen haben.

Und ich frage mich, nach­dem ich jet­zt Friedrich Merz bei Don­ald Trump gese­hen habe, wie er da qua­si ja auf den Schoss gekrochen ist, was müssten die Amerikan­er eigentlich wo auch immer in der Welt an Mil­itärschlä­gen machen, dass sich eine Bun­desregierung hin­stellt und sich mal ganz klar davon dis­tanziert und sagt: Das geht über­haupt nicht, das ist ein Völk­er­rechts­bruch und so weit­er.

Der Grund, Sie haben das ja am Anfang gesagt, der Haupt­grund von Merz ist wahrschein­lich ja, dass er nach wie vor die Hoff­nung hat, dass er Trump hin­sichtlich der Ukraine wieder halb­wegs auf die europäis­che Seite ziehen kann. Und dafür ist er bere­it, dahinzuge­hen und den völk­er­rechtswidri­gen Angriff­skrieg, ja, der es nach wie vor bleibt, weil der Para­graph 51 hier nicht in der Form zählt, zumin­d­est für die Amerikan­er nicht, die nicht bedro­ht sind, er ist bere­it, das alles zu machen und dem immer ent­ge­gen­zukom­men in der Hoff­nung: Gross­er weiss­er Vater, ver­lass uns nicht hin­sichtlich der Ukraine.

Und ich muss ganz wirk­lich sagen: Das kann man tren­nen. Jemand wie Don­ald Trump, der mag ein Narzisst sein bis zum Geht­nicht­mehr. Der hat keinen Respekt vor Leuten, die so unter­wür­fig kom­men. Wirk­lichen Respekt hat er vor Leuten wie Putin oder wie Xi. Eigenes europäis­ches Selb­st­be­wusst­sein zeigen, ganz klar sagen: Bis hier­hin und da nicht weit­er, würde ihm viel mehr dauer­haften Respekt ein­tra­gen als diese unter­wür­fige Art, wo ich lei­de, wenn ich das sehe.

Mod­er­a­tor:
Ja, Sie nicht, Herr Kiesewet­ter?

Roderich Kiesewet­ter:
Ich finde das nicht unter­wür­fig. Ich finde, dass die Bun­desre­pub­lik gar nicht [alles] überzeugt ist, um keinen Ärg­er zu er [Tran­skript beschädigt]. Sie ihn fra­gen.

Ich finde, dass die Bun­desre­pub­lik Deutsch­land etwas Gravieren­des geän­dert hat in der Aussen­poli­tik. Früher war die wer­te­ori­en­tierte, inter­es­sen­geleit­ete Aussen­poli­tik, und wir haben mit dieser Bun­desregierung in der Aussen­poli­tik ein­deutig einen Fokus auf Inter­essenori­en­tierung. Wir sehen es in der Abstim­mung mit Entwick­lungszusam­me­nar­beit: Nur noch die Län­der, die in unserem Inter­esse han­deln, bekom­men die nor­male Förderung. Das ist neu. Ich bew­erte das erst mal nicht.

Und das Zweite ist das natür­liche Inter­esse, Sie haben es ja ange­sprochen und her­aus­gear­beit­et von uns, ist, dass die Amerikan­er nicht gän­zlich die Date­nun­ter­stützung der Ukraine aufgeben. Die Amerikan­er haben übri­gens die Mil­itärun­ter­stützung für die Ukraine um 99 Prozent gekürzt, von 36 Mil­liar­den US-Dol­lar vor­let­ztes Jahr auf 400 Mil­lio­nen im let­zten Jahr. Und unser Inter­esse kann nicht sein, dass die Amerikan­er dann auch die Date­nun­ter­stützung stre­ichen. Und das ist, wenn wir dann Inter­essen haben, müssen wir Pri­or­itäten set­zen. Unsere erste Pri­or­ität ist die Ukraine und nicht der Iran.

Mod­er­a­tor:
Wenn Sie den Auftritt von Friedrich Merz nicht unter­wür­fig find­en, wie find­en Sie ihn denn dann?

Roderich Kiesewet­ter:
Nun, ich finde ihn bal­anciert, weil er sich in der Öffentlichkeit von ihm nicht vor­führen lassen will. Das muss allerd­ings dann mit Spanien und Gross­bri­tan­nien aus­machen. Und der andere Aspekt ist, dass er eben wesentliche Punk­te hin­ter­her am Tis­chge­spräch gebracht hat. Und wir alle wis­sen, wie schnell es gehen kann, dass bei einem Trump die Stim­mung kippt. Das ist doch völ­lig abse­hbar, dass dort ein Men­sch sitzt.

Mod­er­a­tor:
Das ist eine Frage der Def­i­n­i­tion.

Roderich Kiesewet­ter:
Ich glaube es nicht, aber ich sehe das anders. Man kann auch unter­wür­fig anders han­deln. Und das hat er Gott sei Dank nicht gemacht.

Ich halte es für viel wichtiger, dass wir Europäer uns über­legen, Stich­wort Chi­na, nein, ich will mal ganz deut­lich machen: Wieso reisen jet­zt so viele europäis­che Staats- und Regierungschefs getren­nt nach Chi­na und Chi­na selek­tiert wieder? Und ich glaube, wir müssen uns auch einen Gedanken machen, wie wir Europäer in USA auftreten, wie wir eine gewisse Geschlossen­heit hin­bekom­men.

Und heute in den Medi­en war es ja sehr deut­lich, dass sich Merz hin­ter­her sehr mas­siv für Spanien einge­set­zt hat. Das wurde ja auch öffentlich. Und die Frage ist eben: Inwieweit gehe ich in so einem Vor­führszenario hin? Ist doch völ­lig bekan­nt. 90 Prozent der Zeit gehört Trump, 10 Prozent einem selb­st. Welche Punk­te kann er set­zen? Und Merz hat einen Punkt geset­zt, da wo ich voll da bin, das ist dieser Punkt zur Ukraine. Das war wichtig, dass er den ange­sprochen hat.

Richard David Precht:
Ja, aber wenn wir den Preis dafür bezahlen, dass wir bei Sachen, hin­ter denen wir gar nicht wirk­lich ste­hen und wo wir ganz, ganz grosse Zahn­schmerzen haben, sagen: Ja, ja, wir ste­hen an eur­er Seite und was weiss ich was, dann schmeis­sen wir den Kom­pass, der uns Europäer in unseren eige­nen Augen zu den Guten macht, die Vertei­di­ger der regel­basierten Wer­te­ord­nung, diejeni­gen, die sich an die UNO hal­ten und so weit­er, das alles wer­fen wir über Bord.

Und ich frage mich: Wenn wir das alles zweck­mäs­sig machen, damit er bei der Ukraine ja weit­er den bish­eri­gen Kurs unter­stützt, dann haben wir irgend­wann keinen Kom­pass mehr. Und ger­ade das europäis­che Pro­jekt, das europäis­che Pro­jekt der Zukun­ft, ist ja, uns eigen­ständig zu machen, auch in unseren poli­tis­chen Vorstel­lun­gen, nicht nur mil­itärisch, son­dern auch poli­tisch von den USA und von allen anderen. Aber dann müssen wir das auch mit Sub­stanz füllen. Und wenn wir bere­it sind, diese Sub­stanz zu opfern, dann bleibt am Ende davon nichts übrig.

Roderich Kiesewet­ter:
Herr Precht, die Sub­stanz haben wir ja noch nicht, muss man ehrlich sein. Die EU ist nicht reform­fähig. Und bevor wir das alles schaf­fen bis 29 zu den Wahlen zum näch­sten Europa­parla­ment, verge­ht noch ganz viel. Und dass Merz sich dort vor­führen lässt, das wollte er auch nicht. Und das, glaube ich, ist ihm auf der einen Seite sehr, sehr gut gelun­gen.

Nun, ich möchte das nur noch mal unter­stre­ichen: Man kann das unter­schiedlich bew­erten, aber ich halte das alles andere als unter­wür­fig. Und hat er die Punk­te hin­ter­her auch kom­mu­nika­tiv dann durch seine Press­es­telle gemacht. Aber sich dort vor­führen zu lassen, halte ich auch nicht für klug. Dass es dann dort im Gebrüll endet oder so.

Mod­er­a­tor:
Wir kom­men in die Schlussrunde, in der ich Sie als Erstes fra­gen möchte, was denn aus Ihrer Sicht das Best-Case-Szenario für die Men­schen im Iran jet­zt ist.

Azadeh Zamiri­rad:
Das Best-Case-Szenario wäre natür­lich, wenn am Ende dieser geschwächt­en islamis­chen Repub­lik, die sicher­lich durch diese Mil­itär­op­er­a­tion geschwächt sein wird, das ist sie poli­tisch, das ist sie mil­itärisch, das ist sie aussen­poli­tisch, wirtschaft­spoli­tisch, tat­säch­lich eine Bewe­gung sich wieder in Gang set­zen kön­nte, eine Protest­be­we­gung, die stark und gemein­sam und inte­gra­tiv auf die Strasse geht in Massen und es ihr gelingt, qua­si dieses Sys­tem zum Sturz zu brin­gen.

Es geht aber nur dann, wenn sie es schafft, Teile dieser Anhänger­schaft und des Sicher­heitssys­tems dazu zu brin­gen, die Waf­fen niederzule­gen. Das will ich noch mal ganz deut­lich sagen. Son­st ist das wahnsin­nig schwierig.

Wir hören ja jet­zt, wir haben schon gehört, Boden­trup­pen. Wir hören ja erste Mel­dun­gen, dass die Amerikan­er Kon­takt zu kur­dis­chen Grup­pen im Irak aufgenom­men haben, dass möglicher­weise ver­sucht wird, kur­dis­che Grup­pen als Boden­trup­pen qua­si in den Iran reinzugeben. Dann sind wir schon eher bei so bürg­erkriegsähn­lichen Szenar­ien oder viel grösseren Eskala­tio­nen.

Aber um noch mal pos­i­tiv zu ver­suchen zu enden: Das wäre das Szenario, dass es dann gelingt, wenn man erfol­gre­ich Teile des Sicher­heit­sap­pa­rates dazu brin­gen kann, die Waf­fen niederzule­gen, tat­säch­lich die Bedin­gun­gen zu schaf­fen für ein nationales Ref­er­en­dum. Das ist das, was sich viele Iraner­in­nen und Men­schen­recht­sak­tivistin­nen wün­schen, um darüber abzus­tim­men gemein­sam: Wie kann eigentlich ein postis­lamis­ches Iran ausse­hen? Wie kann eine demokratis­che Tran­si­tion ausse­hen? Das wäre das Ide­al. Ich halte es aber nicht für das wahrschein­lich­ste Szenario.

Mod­er­a­tor:
Herr Precht, wenn trotz des Bruchs des Völk­er­rechts durch diese Mil­itärschläge sie doch dazu führen, dass die Men­schen noch mal auf die Strasse gehen und diese Revolte dies­mal erfol­gre­ich ist, sagen Sie dann: Da habe ich mich gerne geir­rt mit dem Pochen aufs Völk­er­recht?

Richard David Precht:
Na ja, ich hat­te ja vor den drama­tis­chen Kon­se­quen­zen hingewiesen, dass wenn man das Völk­er­recht in diesem einen Fall nicht so weit­er ernst nimmt, dass man dann Tür und Tor öffnet für jede Rel­a­tivierung des Völk­er­rechts beziehungsweise zu seinem Ende. Diese Gefahr bleibt auch dann beste­hen, wenn es im Iran zu einem pos­i­tiv­en Ergeb­nis kom­men sollte.

Aber was inter­es­sant ist: Ich glaube, was sehr, sehr wichtig ist, es gibt so viele Leute, die von dem Regime prof­i­tieren und mit diesem Regime zusam­mengear­beit­et haben. Wir reden über Hun­dert­tausende, über Mil­lio­nen Men­schen. Und die haben sehr, sehr viel zu ver­lieren durch eine iranis­che Rev­o­lu­tion. Die sind die natür­lichen Feinde der Leute, die dann drankom­men. Das sind die Leute in dem Sicher­heit­sap­pa­rat, das sind die Rev­o­lu­tion­s­gar­den, das sind Juris­ten und so weit­er.

Im Grunde genom­men müsste von Anfang an ja klar wer­den, dass es eine Art Amnestie geben muss für diese Leute, weil es son­st einen ewigen Bürg­erkrieg gibt. Das heisst, man muss ihnen einen Köder geben, dem Mul­lah-Regime den Rück­en zuzu­drehen und nicht, dass sie Angst haben, dass sie dann an die Wand gestellt wer­den oder ins Gefäng­nis kom­men, wofür es sehr gute Argu­mente gibt, dass man diese Leute einsper­rt.

Aber wenn man ihnen keinen Köder gibt, wird es ja wahnsin­nig schw­er wer­den, dass die jet­zt irgend­wo die Fron­ten wech­seln. Die wis­sen ja auch im Augen­blick gar nicht wohin. Es ist ja gar kein zukün­ftiger Kan­di­dat da. Und das macht die Sache im Augen­blick so schwierig. Also man bräuchte eine echte Alter­na­tive und man müsste diesen Leuten eine Per­spek­tive geben, wie sie unter verän­derten Bedin­gun­gen über­leben kön­nen. Dann würde möglicher­weise tat­säch­lich ein Umsturz denkbar.

Mod­er­a­tor:
Herr Kiesewet­ter, auch von Ihnen zum Schluss eine Ein­schätzung: Wenn wir in fünf Jahren auf diese Zeit zurück­blick­en, für wie wahrschein­lich hal­ten Sie es, dass man dann sagt, na ja, diese Mil­itärschläge, die waren damals zwar sehr umstrit­ten, aber sie haben jene Entwick­lung in Gang geset­zt zu einem freieren, demokratis­cheren Iran?

Roderich Kiesewet­ter:
Das ist hochspeku­la­tiv, aber der Iran hat natür­lich erstens eine starke Aus­lands­ge­mein­schaft, die sofort bere­it ist, dort wieder zu investieren, und der Iran selb­st hat eine hochge­bildete Bevölkerung, hat entsprechende Ressourcen.

Natür­lich zählt das Prinzip Hoff­nung, aber ich kann hier keine Wahrschein­lichkeit­en ansprechen. Die Kern­frage ist: Wie reagiert das Sys­tem im End­kampf und ist man in der Lage, dieses Sys­tem zu überzeu­gen, dass es aufgibt? Ich glaube nicht. Insofern wird die Gewalt noch eine ganze Zeit anhal­ten.

Entschei­dend ist, dass vom Iran keine Gewalt mehr aus­ge­ht. Und den bit­teren Preis zahlt die iranis­che Bevölkerung. Und deswe­gen bin ich bei den Punk­ten, die Sie gemacht haben: Dass wir deut­lich mehr machen, der iranis­chen Oppo­si­tion ein Gesicht geben, aber auch eine Hand­lungs­fähigkeit durch entsprechende Ver­net­zun­gen, die dort nicht möglich sind.

Aber zu spekulieren: Klar ist es wün­schenswert. Ich hoffe auch darauf, dass das es bringt und dass ein wesentlich­er Unter­stützer des rus­sis­chen Angriff­skriegs mit Chi­na, Iran und Nord­ko­rea raus­ge­brochen wird.

Mod­er­a­tor:
Ich habe aus unser­er Diskus­sion gel­ernt, dass das Völk­er­recht, so wie es 1945 niedergeschrieben wurde, schon noch passend und richtig ist, dass sich lei­der immer weniger Akteure auf inter­na­tionaler Ebene daran hal­ten und dass das eigentlich Wichtige nicht das Zurückschieben des Völk­er­rechts ist, son­dern eine Reform der Vere­in­ten Natio­nen, der Sie alle zus­tim­men wür­den, auf die wir, so meine Befürch­tung, allerd­ings auch noch eine Zeit lang warten müssen.

Ich danke Ihnen sehr für die Diskus­sion. Wir wer­den uns auch näch­ste Woche im Spitzenge­spräch wahrschein­lich wieder mit Iran beschäfti­gen. Bis dahin bleiben Sie heit­er, so gut es geht, und bis bald.