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Die soziale Frage im Spiegel der drei monotheistischen Religionen

Die drei monothe­is­tis­chen Reli­gio­nen unter­schei­den sich nicht nur darin, woran sie glauben. Sie unter­schei­den sich vor allem darin, wie sie gemein­sames Leben organ­isieren.

Damit ver­schiebt sich die Frage.

Nicht: Wer hat recht?

Son­dern: Wie kann gemein­sames Leben organ­isiert wer­den?

Das Juden­tum beant­wortet diese Frage tra­di­tionell über Bund, Erin­nerung und gemein­schaftliche Prax­is. Das Zen­trum liegt weniger in der Expan­sion als in der Bewahrung ein­er gemein­samen Ord­nung über Zeit hin­weg.

Der Islam entwick­elt früh eine andere Form. Die Zuge­hörigkeit bleibt prinzip­iell offen. Gemein­schaft organ­isiert sich über Unter­w­er­fung unter Gott, Recht, Ord­nung und eine uni­ver­sale Gemein­schaft der Gläu­bi­gen. Expan­sion bedeutet dabei his­torisch nicht nur Mis­sion, son­dern oft Inte­gra­tion in einen grösseren poli­tis­chen und rechtlichen Raum.

Das Chris­ten­tum wiederum entwick­elt eine nochmals andere Dynamik. Heute erscheint es oft als die mis­sion­ar­ische Reli­gion schlechthin. Doch ger­ade dort lohnt sich eine genauere Beobach­tung.

Die frühe Jesus­be­we­gung war sehr wahrschein­lich zunächst keine Wel­tre­li­gion, son­dern eine inner­jüdis­che Reform- und Prax­is­be­we­gung. Vieles spricht dafür, dass Jesus sich nicht als Grün­der ein­er neuen Reli­gion ver­stand, son­dern als radikaler Erneuer­er inner­halb Israels.

Im Zen­trum stand nicht die Eroberung der Welt, son­dern die Frage, wie Men­schen gemein­sam leben.

Die frühen Motive sind auf­fäl­lig: gemein­sames Essen, Gewaltverzicht, Armen­für­sorge, Schulden­er­lass, frei­willige Gemein­schaft, Selb­st­prü­fung.

Ger­ade die radikalen Kräfte der Ref­or­ma­tion — ins­beson­dere täuferische Bewe­gun­gen — machen diese frühen Motive wieder sicht­bar. Nicht Insti­tu­tion und Herrschaft ste­hen dort im Zen­trum, son­dern gelebte Prax­is. Nicht Zwang, son­dern Zeug­nis. Nicht Imperi­um, son­dern Gemein­schaft.

Die Schweiz­er Brüder, frühe Täufer­be­we­gun­gen oder später men­non­i­tis­che Tra­di­tio­nen ver­standen Chris­ten­tum nicht primär als Ver­wal­tung richtiger Lehre, son­dern als konkrete Lebens­form. Die Glauben­staufe war dabei mehr als ein the­ol­o­gis­ch­er Stre­it. Sie ver­schob die Frage der Zuge­hörigkeit radikal: Nicht Geburt, nicht Ter­ri­to­ri­um, nicht staatliche Ord­nung, son­dern frei­willige Prax­is­ge­mein­schaft.

Dadurch geri­eten diese Bewe­gun­gen zwangsläu­fig in Kon­flikt mit den entste­hen­den Staatskirchen Europas. Sowohl katholis­che wie reformierte Mach­tord­nun­gen reagierten oft mit Ver­fol­gung. Genau darin wird sicht­bar, wie explo­siv die soziale Frage inner­halb des Chris­ten­tums selb­st war.

Wer entschei­det über Zuge­hörigkeit? Wer darf Gewalt ausüben? Wer legit­imiert Wahrheit? Und wie frei­willig darf Gemein­schaft über­haupt sein?

In diesem Licht erhält auch der berühmte Satz aus dem Matthäu­se­van­geli­um eine neue Bedeu­tung:

„Zieh zuerst den Balken aus deinem Auge; danach sieh zu, wie du den Split­ter aus deines Brud­ers Auge ziehst.“

Dieser Satz wird oft indi­vid­ual­moralisch gele­sen. Vielle­icht beschreibt er aber etwas Grösseres. Eine zivil­isatorische Selb­stkri­tik.

Bevor man die Welt kor­rigiert, muss man die eigene Blind­heit erken­nen.

Genau dort entste­ht die Span­nung des Chris­ten­tums.

Ursprüngliche Bewe­gungZer­falls­form
Selb­st­prü­fungWeltko­r­rek­tur
UmkehrInter­ven­tion
Gemein­schaftIden­tität­sap­pa­rat
Prax­isMoralver­wal­tung
Zeug­nisLegit­i­ma­tion von Macht

Die Geschichte des Chris­ten­tums zeigt diese Ver­schiebung exem­plar­isch. Aus ein­er kleinen Prax­is­be­we­gung wird eine Mis­sions­be­we­gung. Aus der Mis­sions­be­we­gung eine Reich­skirche. Aus der Reich­skirche eine glob­ale Ord­nungskraft.

Und genau dort entste­ht eine beson­dere Gefahr: Die ursprünglich nach innen gerichtete Selb­stkri­tik kippt nach aussen. Der Balken im eige­nen Auge ver­schwindet. Sicht­bar bleiben nur noch die Split­ter der anderen.

Vielle­icht erk­lärt dies auch, warum mod­erne west­liche Gesellschaften oft Mühe haben, ihre eigene Gewalt­geschichte zu erken­nen. Kolo­nial­is­mus, Mis­sion, moralis­ch­er Uni­ver­sal­is­mus und „human­itäre Inter­ven­tion“ erscheinen dann nicht als Aus­druck eigen­er Zer­falls­for­men, son­dern als notwendi­ge Kor­rek­tur der Welt.

Doch dieselbe Dynamik zeigt sich heute auch in anderen Tra­di­tio­nen.

Tra­di­tionmögliche Zer­falls­form
Juden­tumeth­nona­tionale Schlies­sung
Islamsakral­isierte Gegen­macht
Chris­ten­tumuni­ver­sal­is­tis­che Weltko­r­rek­tur

Ger­ade deshalb greift jede pauschale Zuschrei­bung zu kurz.

Nicht „der Islam“ ist gewalt­tätig. Nicht „das Juden­tum“ ist aggres­siv. Nicht „das Chris­ten­tum“ ist friedlich.

Alle drei Tra­di­tio­nen entwick­eln in Krisen- und Zer­fall­sphasen For­men sozialer Schlies­sung, Selb­strecht­fer­ti­gung und Aggres­sion.

Der Unter­schied liegt nicht darin, ob Gewalt entste­ht, son­dern wie sie organ­isiert, legit­imiert und kom­mu­niziert wird.

Die soziale Frage bleibt dabei dieselbe:

Wie kann gemein­sames Leben organ­isiert wer­den, ohne dass Wahrheit zur Waffe wird?

Vielle­icht begin­nt jede ern­sthafte Antwort genau dort, wo der alte Satz aus dem Matthäu­se­van­geli­um wieder ernst genom­men wird: nicht zuerst den Split­ter im Auge der anderen zu suchen, son­dern den Balken im eige­nen sicht­bar zu machen.

Quellen: https://www.bibleserver.com/LUT/Matthäus7 https://www.bibleserver.com/LUT/Matthäus28 https://www.britannica.com/topic/Christianity https://www.britannica.com/topic/Anabaptists https://www.britannica.com/topic/Mennonite https://www.britannica.com/topic/Islam https://www.britannica.com/topic/Judaism

Die soziale Frage vor dem unbezeichnbaren Gott

Es geht nicht um Geld. Es ging nie um Geld. Es wird nie um Geld gehen.

Das ist keine antikap­i­tal­is­tis­che Pointe, son­dern eine alte religiöse Erin­nerung. Jüdis­che, mus­lim­is­che und urchristliche Tra­di­tio­nen wussten sehr genau, dass Geld gefährlich wird, sobald es mehr ist als Mit­tel. Sobald Geld Zen­trum wird, wird es Ord­nung. Sobald Geld Ord­nung wird, wird es Gott.

Darum ste­ht am Anfang nicht die Moral, son­dern das Ver­bot der Ver­ab­so­lu­tierung: Du sollst keine anderen Göt­ter neben mir haben. Nichts Geschaf­fenes darf an die Stelle dessen treten, was sich nicht besitzen, nicht berech­nen, nicht abbilden und nicht ver­füg­bar machen lässt. Kein Markt. Kein Staat. Kein Gesetz. Keine Macht. Keine Tech­nik. Keine Nation. Keine Iden­tität.

Das Geniale an JHWH, Allah und Gott ist nicht, dass damit ein weit­er­er Name unter Namen gegeben wäre. Diese Namen markieren vielmehr das prinzip­iell Unver­füg­bare. Sie beze­ich­nen, was sich der let­zten Beze­ich­nung entzieht. Genau deshalb richtet sich der monothe­is­tis­che Ein­spruch nicht zuerst gegen andere Reli­gio­nen, son­dern gegen jeden Ver­such, etwas Endlich­es abso­lut zu set­zen.

Geld ist darum nicht das eigentliche Prob­lem. Geld wird erst dann zum Prob­lem, wenn es diese Stelle beset­zt: wenn es entschei­det, was gilt, wer zählt, was möglich ist und welche Zukun­ft noch denkbar bleibt. Dann ist Geld nicht mehr Geld. Dann ist es Götze.

Die soziale Frage begin­nt genau dort. Nicht bei der Verteilung von Geld allein, son­dern bei der Frage, welche Ord­nung wir anbeten, ohne sie noch Reli­gion zu nen­nen.