M/ein Blog ist m/ein Kartenraum und k/eine Bühne. Ich weiss wie man publiziert. Das hier ist etwas anderes. d!a!n!k!e | WORK IN PROGRESS reload für aktuellen schreibstand | warum ich nicht publiziere? weil ich es kann. weil es geht. weil ich es für angemessen halte.
6. Juli 2026 | Tageslesung: Matthäus 9,18–26
18 Da er solches mit ihnen redete, siehe, da kam der Obersten einer und fiel vor ihm nieder und sprach: Herr, meine Tochter ist jetzt gestorben; aber komm und lege deine Hand auf sie, so wird sie lebendig.
19 Und Jesus stand auf und folgte ihm nach und seine Jünger.
20 Und siehe, ein Weib, das zwölf Jahre den Blutgang gehabt, trat von hinten zu ihm und rührte seines Kleides Saum an.
21 Denn sie sprach bei sich selbst: Möchte ich nur sein Kleid anrühren, so würde ich gesund.
22 Da wandte sich Jesus um und sah sie und sprach: Sei getrost, meine Tochter; dein Glaube hat dir geholfen. Und das Weib ward gesund zu derselben Stunde.
23 Und als er in des Obersten Haus kam und sah die Pfeifer und das Getümmel des Volks,
24 sprach er zu ihnen: Weichet! Denn das Mägdlein ist nicht tot, sondern es schläft. Und sie verlachten ihn.
25 Als aber das Volk hinausgetrieben war, ging er hinein und ergriff es bei der Hand; da stand das Mägdlein auf.
26 Und dies Gerücht erscholl in dasselbe ganze Land. (die-bibel.de)

7. Juli 2026 | Tageslesung: Hosea 8,4–7
4 Sie machen Könige, aber ohne mich; sie setzen Fürsten, und ich darf es nicht wissen. Aus ihrem Silber und Gold machen sie Götzen, dass sie ja bald ausgerottet werden.
5 Dein Kalb, Samaria, verwirft er; mein Zorn ist über sie ergrimmt. Es kann nicht lange anstehen, sie müssen gestraft werden.
6 Denn das Kalb ist aus Israel hergekommen, und ein Werkmann hat’s gemacht, und es kann ja kein Gott sein; darum soll das Kalb Samarias zerpulvert werden.
7 Denn sie säen Wind und werden Ungewitter einernten; ihre Saat soll nicht aufkommen und ihr Gewächs kein Mehl geben; und ob’s geben würde, sollen’s doch Fremde fressen.
13. Juli 2026 | Jesaja 1,10–17
10 Höret des Herrn Wort, ihr Fürsten von Sodom! Nimm zu Ohren unsers Gottes Gesetz, du Volk von Gomorra!
11 Was soll mir die Menge eurer Opfer? spricht der Herr. Ich bin satt der Brandopfer von Widdern und des Fetten von den Gemästeten und habe keine Lust zum Blut der Farren, der Lämmer und Böcke.
12 Wenn ihr hereinkommt, zu erscheinen vor mir, wer fordert solches von euren Händen, dass ihr auf meinen Vorhof tretet?
13 Bringt nicht mehr Speisopfer so vergeblich! Das Räuchwerk ist mir ein Greuel! Neumonde und Sabbate, da ihr zusammenkommt, Frevel und Festfeier mag ich nicht!
14 Meine Seele ist feind euren Neumonden und Jahrfesten; ich bin ihrer überdrüssig, ich bin’s müde zu leiden.
15 Und wenn ihr schon eure Hände ausbreitet, verberge ich doch meine Augen vor euch; und ob ihr schon viel betet, höre ich euch doch nicht; denn eure Hände sind voll Blut.
16 Waschet, reiniget euch, tut euer böses Wesen von meinen Augen, lasst ab vom Bösen;
17 lernet Gutes tun, trachtet nach Recht, helfet dem Unterdrückten, schaffet dem Waisen Recht, führet der Witwe Sache. (die-bibel.de)
15. Juli 2026 |
Jesaja 10,5–7 + 13–16
Lutherbibel 1912, ss-Schreibung
5 Weh Assur, der meines Zornes Rute und meines Grimmes Stecken ist!
6 Ich will ihn senden wider ein Heuchelvolk und ihm Befehl tun wider das Volk, dem ich zürne, dass er’s beraube und ausplündere und es zertrete wie Kot auf der Gasse,
7 wiewohl er’s nicht so meint, und sein Herz nicht so denkt; sondern sein Herz steht danach, dass er verderbe und ausrotte nicht wenig Völker.
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13 darum dass er spricht: Ich habe es durch meiner Hände Kraft ausgerichtet und durch meine Weisheit, denn ich bin klug; ich habe die Länder anders geteilt und ihr Einkommen geraubt und wie ein Mächtiger die Einwohner zu Boden geworfen,
14 und meine Hand hat gefunden die Völker wie ein Vogelnest, dass ich habe alle Lande zusammengerafft, wie man Eier aufrafft, die verlassen sind, da keines eine Feder regt oder den Schnabel aufsperrt oder zischt.
15 Mag sich auch eine Axt rühmen wider den, der damit haut? oder eine Säge trotzen wider den, der sie zieht? Als ob die Rute schwänge den, der sie hebt; als ob der Stecken höbe den, der kein Holz ist!
16 Darum wird der Herr Herr Zebaoth unter die Fetten Assurs die Darre senden, und seine Herrlichkeit wird er anzünden, dass sie brennen wird wie ein Feuer. (Die Bibel)
Quelle: die-bibel.de
https://www.die-bibel.de/bibel/LU12/ISA.10
Vermutung: Jesaja 10,14–15 trifft ziemlich genau unsere alte Stelle: Macht hält sich für Ursprung, ist aber nur Werkzeug in einer Anordnung.
- Vers 14: Welt als Vogelnest
«meine Hand hat gefunden die Völker wie ein Vogelnest»
Das ist die kalte Logik imperialer Verfügung:
Die Völker erscheinen nicht als Subjekte, sondern als Dinge. Als Eier. Als Besitz. Als etwas, das man «zusammenrafft».
Das ist Herrschaft plus Schichtung: Menschen werden in Dinge verwandelt, Länder in Beute, Welt in Bestand.
- «Da keines eine Feder regt»
Das Bild ist grausam präzis: Die Gewalt rühmt sich gerade damit, dass kein Widerstand mehr hörbar ist.
Nicht einmal ein Flügelschlag.
Nicht einmal ein Schnabel.
Nicht einmal ein Zischen.
Das ist nicht nur Besiegung, sondern Entstimmung: Die Welt wird still gemacht.
- Vers 15 dreht alles um
«Mag sich auch eine Axt rühmen wider den, der damit haut?»
Hier kippt die Perspektive. Assur glaubt: Ich bin der Handelnde.
Jesaja sagt: Nein. Du bist Werkzeug. Axt. Säge. Rute. Stecken.
Das ist brutal entzaubernd. Der Täter wird nicht entschuldigt, aber seine Selbstglorifizierung wird lächerlich gemacht.- Der eigentliche Punkt
Assur sagt:
«Ich habe es getan. Durch meine Kraft. Durch meine Weisheit. Denn ich bin klug.»
Jesaja antwortet:
Nein. Du verwechselst Funktion mit Ursprung.Du verwechselst Durchsetzung mit Legitimation.
Du verwechselst Gewalt mit Souveränität.
- Warum das faszinieren könnte
Weil da fast schon luhmannesk formuliert wird:
Nicht der Akteur erklärt die Form.Die Form erklärt den Akteur.
Assur ist nicht «der grosse Mann der Geschichte», sondern ein Element in einer destruktiven Ordnung. Genau das demontiert den Heroismus der Macht.
Oder kürzer:
Vers 14 zeigt die Fantasie totaler Verfügung.Vers 15 zerstört die Selbstvergöttlichung dieser Verfügung.
Quellen:
Jesaja 10,13–16, Lutherbibel 1912
https://www.die-bibel.de/bibel/LU12/ISA.10
Jesaja 10,13–16, Einheitsübersetzung
https://www.die-bibel.de/bibel/EU/ISA.10

29. Juli 2026
Auf dem Bild steht der Introitus zum 29. Juli: Maria, Marta, Lazarus.
Latein:
Sitientes, venite ad aquas, dicit Dominus:
et qui non habetis pretium, venite, bibite cum laetitia.
Deutsch im Bild:
Auf, ihr Durstigen, kommt zum Wasser, spricht der Herr.
Auch wer kein Geld hat, soll kommen. Trinkt voll Freude!
Biblischer Bezug: vgl. Jesaja 55,1
https://www.die-bibel.de/bibel/EU/ISA.55
A
Das ist genau die Gegenstelle zur Logik von Jesaja 10,14: dort rafft die Macht alles zusammen; hier wird ohne Preis geöffnet.
B
Maria, Marta und Lazarus erinnern daran, dass Gastfreundschaft mehr ist als Höflichkeit: Im Gast kommt Christus selbst ins Haus. Und wer Gäste empfängt, lernt zugleich, selbst Gast zu sein — auf dieser Erde, in diesem Leben, vor Gott.
C
- Marta: die Hausherrin und Bewährerin
Marta nimmt Jesus auf. Sie öffnet das Haus, trägt die Sorge, hält die Gastfreundschaft konkret und belastbar.
- Lazarus: die mystische Figur
Lazarus steht an der Schwelle. An ihm wird sichtbar, dass in der Nähe Jesu Leben zurückgegeben wird.
- Maria: der Fan
Maria ist ganz Hinwendung. Sie sitzt, hört, bleibt — ohne Leistung, ohne Rolle, ohne Begründung.
BONUS


21. August | Pius X.
Ezechiel 37,1–14
Lutherbibel 1912, ss-Schreibung
1 Und des HERRN Wort kam über mich, und er führte mich hinaus im Geist des HERRN und stellte mich auf ein weites Feld, das voller Totengebeine lag.
2 Und er führte mich allenthalben dadurch. Und siehe, des Gebeins lag sehr viel auf dem Feld; und siehe, sie waren sehr verdorrt.
3 Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, meinst du auch, dass diese Gebeine wieder lebendig werden? Und ich sprach: Herr HERR, das weisst du wohl.
4 Und er sprach zu mir: Weissage von diesen Gebeinen und sprich zu ihnen: Ihr verdorrten Gebeine, höret des HERRN Wort!
5 So spricht der Herr HERR von diesen Gebeinen: Siehe, ich will einen Odem in euch bringen, dass ihr sollt lebendig werden.
6 Ich will euch Adern geben und Fleisch lassen über euch wachsen und euch mit Haut überziehen und will euch Odem geben, dass ihr wieder lebendig werdet, und ihr sollt erfahren, dass ich der HERR bin.
7 Und ich weissagte, wie mir befohlen war; und siehe, da rauschte es, als ich weissagte, und siehe, es regte sich, und die Gebeine kamen wieder zusammen, ein jegliches zu seinem Gebein.
8 Und ich sah, und siehe, es wuchsen Adern und Fleisch darauf, und sie wurden mit Haut überzogen; es war aber noch kein Odem in ihnen.
9 Und er sprach zu mir: Weissage zum Winde; weissage, du Menschenkind, und sprich zum Wind: So spricht der Herr HERR: Wind komm herzu aus den vier Winden und blase diese Getöteten an, dass sie wieder lebendig werden!
10 Und ich weissagte, wie er mir befohlen hatte. Da kam Odem in sie, und sie wurden wieder lebendig und richteten sich auf ihre Füsse. Und ihrer war ein grosses Heer.
11 Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, diese Gebeine sind das ganze Haus Israel. Siehe, jetzt sprechen sie: Unsere Gebeine sind verdorrt, und unsere Hoffnung ist verloren, und es ist aus mit uns.
12 Darum weissage und sprich zu ihnen: So spricht der Herr HERR: Siehe, ich will eure Gräber auftun und will euch, mein Volk, aus denselben herausholen und euch ins Land Israel bringen;
13 und ihr sollt erfahren, dass ich der HERR bin, wenn ich eure Gräber geöffnet und euch, mein Volk, aus denselben gebracht habe.
14 Und ich will meinen Geist in euch geben, dass ihr wieder leben sollt, und will euch in euer Land setzen, und sollt erfahren, dass ich der HERR bin. Ich rede es und tue es auch, spricht der HERR. (ebible.org)
Ezechiel 37 ist keine Trostrede. Es ist Re-Animation:
- Zuerst liegen da nur Gebeine.
Verdorrt. Zerstreut. Ohne Zusammenhang. Nicht einmal mehr Leichname, sondern Reste.
- Dann kommt Ordnung.
Die Knochen finden wieder zueinander. Adern, Fleisch, Haut. Form entsteht. Aber noch fehlt der Odem.
- Erst der Geist macht lebendig.
Das ist der Punkt: Organisation reicht nicht. Struktur reicht nicht. Körper reicht nicht. Leben kommt erst mit Odem, Geist, Wind.
Und genau das am Tag von Pius X. (Pius X. (* 2. Juni 1835 in Riese, Lombardo-Venetien, als Giuseppe Melchiorre Sarto; † 20. August 1914 in Rom)): Sein Leitmotiv war «instaurare omnia in Christo» — alles in Christus erneuern. Nicht bloss verwalten, nicht bloss ordnen, sondern wieder lebendig machen. Der 21. August ist sein liturgischer Gedenktag. (Vatican State)
Die Pointe wäre knapp:
Aus Knochen werden Körper.
Aus Körpern wird erst durch Geist Leben.
Aus Ordnung wird erst durch Erneuerung Kirche.
Das passt zu Pius X. sehr präzis: Reform nicht als Modernisierungsgeste, sondern als Wiederbelebung. Seine Reformen zielten unter anderem auf Liturgie, Kirchenmusik und häufigeren Zugang zur Eucharistie. (Vatican)
DER TOD — DER TOD — DER TOD
Ja. Das ist ein sehr starker Faden.
- Pius X
Für Pius X war die Eucharistie der Zugang zum Lebendigen: nicht nur Kirchenordnung, sondern Wiederbelebung durch Teilhabe. Seine Linie: häufiger Kommunionempfang, Kinder früher zur Kommunion, Christus nicht als fernes Dogma, sondern als Nahrung des Lebens. (Vatican)
- Pater Floriano
Bei Floriano wird der alpine Barock zur sozialen Technik am Rand des Todes. Nicht «Frömmigkeit» als Dekor, sondern ein Verfahren: Die Machtkirche wird mit ihren eigenen Mitteln gegen ihre eigene Härte geöffnet.
Deine Pointe ist stark: Totgeborene Kinder, die nicht beerdigt werden durften, werden durch Gebet, Maria, Segen und Ritual den Trauernden zurückgegeben. Das ist nicht einfach Wundererzählung. Das ist Arbeit am Sozialen: Der Tod wird wieder beziehbar gemacht.
Im geöffneten Blogtext ist belegt: 1707 gründete Pater Floriano in Disentis die Bruderschaft der Sieben Schmerzen Marias; eine Bruderschaft beschreibst du dort gerade nicht als Staat, Markt oder Kloster, sondern als verbindliche Gemeinschaft um ein geteiltes Anliegen. (Dissent)
Den konkreten Punkt der totgeborenen Kinder nehme ich hier aus deiner Schilderung, nicht aus dem geöffneten Textauszug.
- Placidus a Spescha / Caspar Decurtins
Dann Placidus: nicht Eucharistie, nicht Barockwunder, sondern Erinnerung, Natur, Katastrophe, Wiederaufbau, Erzählbarkeit.
Und Decurtins inszeniert ihn später als Figur, an der Geschichte wieder sozial verwendbar wird. Nicht tote Vergangenheit, sondern lebendige Ressource.
- Heute
Heute ist das Problem anders.
Wir haben Versicherung. Pflege. Spital. Patientenverfügung. Kostenstellen. Sterbezimmer. Trauerkarten. Prozesse.
Alles ist geregelt.
Aber der Tod ist nicht gehalten.
Das wäre die starke Formulierung:
Unsere Gesellschaft kann den Tod administrieren, aber sie kann ihn kaum noch gemeinsam tragen.
Und genau da trifft Ezechiel 37: Zuerst kommen die Knochen zusammen. Dann gibt es Adern, Fleisch, Haut. Also: Struktur, Organisation, Form. Aber noch kein Leben. Erst der Odem macht lebendig. (Dissent)
Die heutige soziale Frage wäre dann nicht zuerst: Wie vermeiden wir den Tod?
Sondern:
Wie bekommt eine überalterte, ökonomisch gesättigte Gesellschaft wieder Formen, in denen Sterben, Trauer und Schicksalsschläge gemeinsam getragen werden können?
Oder noch knapper:
- Floriano: Maria gegen den sozial ausgeschlossenen Tod.
- Spescha/Decurtins: Erinnerung gegen historische Verwüstung.
- Pius X: Eucharistie gegen geistliche Austrocknung.
- Heute: gemeinsame Formen gegen administriertes Sterben.
Ja. «Odem» ist viel stärker als «Atem».
Atem: biologische Funktion
Man atmet. Der Körper funktioniert.Hauch: verletzliche Lebenskraft
Etwas ist da — kaum sichtbar, aber entscheidend.Wind: etwas kommt von aussen
Der Mensch macht den Odem nicht. Er empfängt ihn.Geist: Leben als Beziehung
Erst durch Odem wird aus Körpern wieder lebendige Gegenwart.
In Ezechiel 37 ist das brutal präzis: Zuerst kommen die Knochen zusammen. Dann entstehen Adern, Fleisch, Haut. Also: Struktur. Organisation. Körper. Aber: «es war aber noch kein Odem in ihnen». Erst als der Odem kommt, stehen sie auf. (Die Bibel)
Das hebräische Wort dahinter ist «ruach». Es kann Wind, Geist, Lebensodem bedeuten. Genau darum ist die Stelle so stark: Es geht nicht nur um Wiederbelebung, sondern um den Moment, in dem Ordnung wieder Leben bekommt. (Bibel TV)
Für unseren Satz heisst das:
Eine Gesellschaft kann alles regeln, versichern und organisieren — und trotzdem ohne Odem sein.
«Odem» ist das Wort für das, was nicht administriert werden kann.
atem atmet
ich lebe
wie gewohnheit
ein hauch
und alles lodernde
verweht wie staub
wind bläst in ritzen
geist weht, wo will
kein spalt offen
warten
auf
odem


| Datum | Ereignis | Jahrestag |
|---|---|---|
| 25. August 1581 | Carlo Borromeo kommt gegen 16 Uhr in Disentis/Mustér an. Aufenthalt bis 26. August nachmittags. | 25. August |
| Juni 1705 | Abt Adalbert III. Defuns sendet P. Karl Decurtins nach Mailand/Varallo; dabei erhält dieser die Erlaubnis, in Disentis eine Rosenkranzbruderschaft einzurichten. Tagesdatum noch offen. | noch nicht sauber |
| 7. Juli 1707 ??? | Pater Floriano gründet in der Dorfkirche die Bruderschaft der Sieben Schmerzen Marias. «Am 3. Juli 1707 gründete P. Florian in Disentis die Bruderschaft von der schmerzhaften Muttergottes …» Quelle: Iso Müller, «Zur Taufe totgeborener Kinder im Bündnerland», Schweizerisches Archiv für Volkskunde, 54, 1958, S. 18. Floriano da Brescia, Obligatiuns per ils Confrars e Sorurs della Compagnia délias Tristezias de N. C. Donna S. Maria, Bonaduz 1707, S. 88. | 7. Juli |
| 21. März 1712 | Abt Adalbert III.: Benediktusbruderschaft vom Guten Tod. | 21. März |
| 11. September 1712 | Approbierung der Bruderschaft vom Guten Tod und Konsekration der Klosterkirche. | 11. September |
Knappe Linie:
- August 1581: Borromäus kommt.
Achtung bei Borromäus: Eine Sekundärquelle nennt nur «1581»; Cahannes rekonstruiert genauer: 24. August Aufbruch vom Bleniotal, 25. August Ankunft in Disentis, 26. August nachmittags Rückreise. Das ist für einen Jahrestag stark genug. (Internet Archive)
Die drei Bruderschaftsdaten 1707/1712 stehen in deiner Zusammenstellung auf dissent.is; für 1705 finde ich bislang nur «1705» bzw. «Juni 1705», aber noch kein Tagesdatum. (Dissent)
28. August | Augustinus, weiss
- Korinther 1,17–25
Lutherbibel 1912, ss-Schreibung
17 Denn Christus hat mich nicht gesandt, zu taufen, sondern das Evangelium zu predigen, nicht mit klugen Worten, auf dass nicht das Kreuz Christi zunichte werde.
18 Denn das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen, die verloren werden; uns aber, die wir selig werden, ist’s eine Gotteskraft.
19 Denn es steht geschrieben: «Ich will zunichte machen die Weisheit der Weisen, und den Verstand der Verständigen will ich verwerfen.»
20 Wo sind die Klugen? Wo sind die Schriftgelehrten? Wo sind die Weltweisen? Hat nicht Gott die Weisheit dieser Welt zur Torheit gemacht?
21 Denn dieweil die Welt durch ihre Weisheit Gott in seiner Weisheit nicht erkannte, gefiel es Gott wohl, durch törichte Predigt selig zu machen die, so daran glauben.
22 Sintemal die Juden Zeichen fordern und die Griechen nach Weisheit fragen,
23 wir aber predigen den gekreuzigten Christus, den Juden ein Ärgernis und den Griechen eine Torheit;
24 denen aber, die berufen sind, Juden und Griechen, predigen wir Christus, göttliche Kraft und göttliche Weisheit.
25 Denn die göttliche Torheit ist weiser, denn die Menschen sind; und die göttliche Schwachheit ist stärker, denn die Menschen sind.
Quelle:
https://ebible.org/deu1912/1CO01.htm
1 | Paulus lehnt unter römischer Besatzung die scheinbar alternativlose Alternative ((jüdisch)griechisch) ab: hier Zeichenforderung, dort Weisheitsbeweis. Statt sich in diese Vorgaben einzuschreiben, setzt er einen dritten Weg: das Kreuz als Torheit, Ärgernis und Kraft. Genau darin liegt die Metapher für Caspar Decurtins: Auch er akzeptiert unter den Bedingungen der zweiten industriellen Revolution nicht einfach die Alternative ((staat)macht). Er sucht eine dritte Form — soziale Organisation, katholische Milieubildung, Genossenschaft, Sprache, Erinnerung — also eine Machtform, die nicht einfach Staat ist, aber auch nicht blosse Ohnmacht bleibt.
2 | In 1 Kor 1,20 verdichtet Paulus die Alternative noch einmal: ((Schriftgelehrte)Weltweisen). Die einen stehen für Schrift, Gesetz und Auslegung; die anderen für Vernunft, Begriff und Weltdeutung. Man kann darin Schriftkultur und eine Vorform moderner Reflexionskultur lesen. Paulus wählt keine der beiden Seiten. Er setzt die «Torheit des Kreuzes» als dritte Form gegen beide.
Die Torheit des Kreuzes ist nicht Dummheit.
Sie ist die Weigerung, sich von den herrschenden Alternativen beurteilen zu lassen.
Paulus akzeptiert weder ((jüdisch)griechisch) noch ((Schriftgelehrte)Weltweisen): nicht Zeichenmacht, nicht Weisheitsmacht, nicht Schriftgelehrsamkeit, nicht Weltvernunft. Das Kreuz passt in keine dieser Anerkennungsformen. Es ist ein Ereignis, das die Massstäbe selbst lächerlich macht.
Die Torheit des Kreuzes ist die Form, in der Ohnmacht nicht einfach Ohnmacht bleibt, sondern Macht entlarvt.
- Nicht stärker sein.
Römer: Gewalt, Ordnung, Imperium, Durchsetzung. - Nicht Zeichen erzwingen.
Juden: Beglaubigung, Wunder, sichtbarer Beweis, göttliches Zeichen. - Nicht besser argumentieren.
Griechen: Weisheit, Begriff, Schule, Weltvernunft. - Nicht besser rechnen.
Liberale: Markt, Nutzen, Vertrag, Eigentum, Effizienz. - Nicht den Staat übernehmen.
Sozialisten: Macht durch Staatsapparat, Planung, Umverteilung. - Nicht Gegenmacht spielen.
Revolutionäre: die Gegenseite der Macht, die oft deren Form wiederholt.
Sondern eine dritte Form bauen, in der sichtbar wird, dass die angeblich alternativlosen Alternativen selbst das Problem sind.
- Gewalt
- Zeichen
- Gelehrtheit
- Markt
- Staat
- Gegenmacht
Bei Caspar Decurtins hiesse das: Unter den Bedingungen der zweiten industriellen Revolution nicht einfach ((staat)macht) akzeptieren, sondern soziale Formen schaffen, die weder Staat noch blosse Ohnmacht sind: Genossenschaft, Milieu, Sprache, Erinnerung, Organisation von unten.
Die Torheit des Kreuzes ist der Moment, in dem das Schwache nicht siegt, indem es stark wird — sondern indem es zeigt, wie töricht die herrschende Stärke ist.
8./9. September 2026: “Die Gestalt dieser Welt vergeht.”[/h]
- Korinther 7,25–31
Lutherbibel 1912
25 Von den Jungfrauen aber habe ich kein Gebot des HERRN; ich sage aber meine Meinung, als der ich Barmherzigkeit erlangt habe von dem HERRN, treu zu sein.
26 So meine ich nun, solches sei gut um der gegenwärtigen Not willen, es sei dem Menschen gut, also zu sein.
27 Bist du an ein Weib gebunden, so suche nicht los zu werden; bist du los vom Weibe, so suche kein Weib.
28 So du aber freist, sündigst du nicht; und so eine Jungfrau freit, sündigt sie nicht; doch werden solche leibliche Trübsal haben; ich verschonte aber euer gern.
29 Das sage ich aber, liebe Brüder: Die Zeit ist kurz. Weiter ist das die Meinung: Die da Weiber haben, dass sie seien, als hätten sie keine;
30 und die da weinten, als weinten sie nicht; und die sich freuten, als freuten sie sich nicht; und die da kaufen, als besässen sie es nicht;
31 und die diese Welt brauchen, dass sie derselben nicht missbrauchen. Denn das Wesen dieser Welt vergeht.
Quelle:
https://ebible.org/deu1912/1CO07.htm
Andere Übersetzungen:
- Luther 1912 / 2017
«Denn das Wesen dieser Welt vergeht.» - Elberfelder
«Denn die Gestalt dieser Welt vergeht.» - Zürcher Bibel
«Denn die Gestalt dieser Welt vergeht.» - Einheitsübersetzung 2016
«Denn die Gestalt dieser Welt vergeht.» - Neue Genfer Übersetzung
«Denn die Welt in ihrer jetzigen Gestalt ist dem Untergang geweiht.» - Menge
«Denn die Welt in ihrer jetzigen Gestalt geht dem Untergang entgegen!»
Nicht: Die Welt ist nichts.
Sondern: Ihre Gestalt ist vorläufig.
Sie sitzt nicht fest.
Sie vergeht.
PS: wusstest du, dass das christliche kirchenjahr nur 3 geburtstage feiert?
die geburt von:
- maria: 8. september
- jesus: 24./25. dezember
- johannes: 24. juni
es geht um den tod. die art und weise, wie menschen andere menschen plagen, zerstören, ermorden. es geht darum, wie ein gutes leben gelebt werden kann.
DIE GESTALT DER WELT ÄNDERT SICH.
dissent.is/echoraum
- lesung vom 9. september 2026

16. September
Lukas 7,31–35 (Lutherbibel 1912)
31 Aber der HERR sprach: Wem soll ich die Menschen dieses Geschlechts vergleichen, und wem sind sie gleich?
32 Sie sind gleich den Kindern, die auf dem Markte sitzen und rufen gegeneinander und sprechen: Wir haben euch gepfiffen, und ihr habt nicht getanzt; wir haben euch geklagt, und ihr habt nicht geweint.
33 Denn Johannes der Täufer ist gekommen und ass kein Brot und trank keinen Wein; so sagt ihr: Er hat den Teufel.
34 Des Menschen Sohn ist gekommen, isset und trinket; so sagt ihr: Siehe, der Mensch ist ein Fresser und Weinsäufer, der Zöllner und Sünder Freund!
35 Und die Weisheit muss sich rechtfertigen lassen von allen ihren Kindern.
Quelle:
https://ebible.org/deu1912/LUK07.htm
Cornelius und Cyprian
Spoiler
Am 16. September erinnert die katholische Liturgie an Cornelius und Cyprian: zwei Bischöfe des 3. Jahrhunderts, die vom Römischen Reich verfolgt wurden und zugleich selbst bereits erstaunlich präzise darüber entschieden, wer zur Kirche gehörte, wer ausgeschlossen wurde und unter welchen Bedingungen Vergebung und Wiederaufnahme möglich waren.
Die Pointe liegt genau darin: Die Kirche wurde nicht erst im 4. Jahrhundert zur Machtorganisation. Ihre eigene Grammatik von Zugehörigkeit, Autorität und Ausschluss entstand schon, als ihre Bischöfe noch verfolgt wurden. 380 verband sich diese längst entwickelte kirchliche Ordnung mit imperialer Gesetzesmacht.
Zwei Bischöfe zwischen Verfolgung und Organisation
Cornelius war von 251 bis 253 Bischof von Rom. Cyprian, um 200 geboren, war seit etwa 248/249 Bischof von Karthago. Sie waren Zeitgenossen, korrespondierten miteinander und standen vor demselben Problem: Was sollte mit jenen Christinnen und Christen geschehen, die während der Verfolgung ihren Glauben nicht durchgehalten hatten?
Unter Kaiser Decius mussten Bewohner des Reiches 249/250 den traditionellen Göttern opfern und sich dies bescheinigen lassen. Nach heutigem Forschungsstand war diese Anordnung wahrscheinlich nicht ausdrücklich als antichristliches Gesetz formuliert. Für Christen wurde sie dennoch existenziell: Wer nur einen Gott anerkannte, konnte das verlangte Opfer kaum leisten, ohne seinen Glauben zu verleugnen. (Cambridge University Press)
Das macht die frühen Christen für die römische Ordnung interessant.
«Radikale Pazifisten» trifft einen Teil der Überlieferung: Zahlreiche frühchristliche Autoren lehnten Töten und Militärdienst grundsätzlich ab. Gleichzeitig sind christliche Soldaten schon vor Konstantin nachweisbar. Von einem einheitlich pazifistischen Christentum kann deshalb nicht gesprochen werden. (Taylor & Francis Online)
«Radikale Anarchisten» wäre noch problematischer. Sie wollten nicht notwendig jede Herrschaft abschaffen. Aber sie konnten sich gegenüber dem Imperium wie radikale Loyalitätsverweigerer verhalten: Der Kaiser war nicht Gott. Die Reichsgötter waren keine Götter. Staatlich verlangtes Opfer konnte verweigert werden. Das letzte Wort beanspruchte eine andere Ordnung.
Das war im Römischen Reich keine private religiöse Marotte. Religion, politische Loyalität und öffentliche Ordnung waren nicht sauber voneinander getrennte Bereiche. Opfer gehörten zur Ordnung des Gemeinwesens und zur Beziehung zwischen Herrscher und Beherrschten. (Cambridge University Press)

Also vielleicht:
Das Römische Reich verfolgte Christen, die radikale Pazifisten, radikale Anarchisten, radikale Egalitäre und radikale Gegner religiös-politischer Loyalitätspflichten waren.
Eine Bewegung, die aus einer radikal herrschaftskritischen, gewaltkritischen und gemeinschaftlichen Jesusüberlieferung kommt, beginnt bereits im 3. Jahrhundert selbst Hierarchie, Zugehörigkeit, Ausschluss, Busse und legitime Autorität zu organisieren.
dissent.is/echoraum | eintrag 16.09.2026
Aber nun wird es interessant.
Die Verfolgten organisieren bereits selbst Zugehörigkeit
Nach der decischen Verfolgung standen Cornelius und Cyprian vor Tausenden sogenannter lapsi: Menschen, die geopfert, sich eine Opferbescheinigung beschafft oder sonst dem staatlichen Druck nachgegeben hatten.
Die Frage lautete:
Dürfen sie zurück?
Novatian in Rom vertrat eine rigoristische Position. Cornelius und Cyprian hielten eine Wiederaufnahme grundsätzlich für möglich – nach Busse und unter kirchlich festgelegten Bedingungen. (Cambridge University Press)
Das klingt zunächst barmherzig.
Institutionell betrachtet passiert aber noch etwas anderes.
Die Bischöfe beanspruchen die Kompetenz zu entscheiden,
- wer zur Kirche gehört,
- wer ausserhalb der Kirche steht,
- welches Amt legitim ist,
- welche Abweichung als Schisma gilt,
- welche Busse erforderlich ist,
- und wann jemand wieder in die Gemeinschaft aufgenommen werden darf.
Cyprian schreibt 251 an Cornelius über Anhänger Novatians, man habe beschlossen, diese «von unserer Gemeinschaft fernzuhalten». (BKV Bibliothek)
Anderen schreibt er, sie sollten in den «Schoß ihrer Mutter, das heißt: der katholischen Kirche» zurückkehren. (BKV Bibliothek)
Und in seiner Schrift über die Einheit der Kirche formuliert er den Anspruch noch radikaler:
«Gott kann der nicht mehr zum Vater haben, der die Kirche nicht zur Mutter hat.»
Die institutionelle Zugehörigkeit wird damit unmittelbar mit dem Heil verbunden. (BKV Bibliothek)
Das ist keine Staatsmacht.
Aber machtlos ist es auch nicht.
Cyprian ist dafür besonders aufschlussreich
Die neuere Forschung beschreibt Cyprians Kirchenverständnis ausgesprochen deutlich. Die grundlegende Autorität liege für ihn bei den rechtmässig eingesetzten Bischöfen. (Cambridge University Press)
Der Althistoriker John F. Matthews weist noch auf etwas Bemerkenswertes hin: Cyprian spricht über Bischöfe in Kategorien, die an römische Magistrate und Richter erinnern. Seine Übertragung juridischer Kategorien auf die Kirche habe das westliche Christentum nachhaltig geprägt. (OUP Academic)
Noch schärfer ist eine Untersuchung von Allen Brent: Cyprian habe ältere Rechte der Märtyrer und Bekenner bei der Versöhnung von Abgefallenen zurückgedrängt und die Autorität zur Wiederaufnahme stärker beim Bischof konzentriert. Brent interpretiert dies ausdrücklich als Ausweitung bischöflicher Kontrolle auf neue Bereiche des kirchlichen Lebens. (Cambridge University Press)
Das verändert die Erzählung erheblich.
Nicht:
Hier die machtlose, anarchische Urkirche – und dort später die korrumpierte Staatskirche.
Sondern:
Während das Imperium die Kirche von aussen diszipliniert, entwickelt die Kirche im Innern ihre eigene disciplina.
Und beide bezahlen dennoch mit ihrem Leben
Cornelius wurde 252/253 nach Centumcellae, dem heutigen Civitavecchia, verbannt und starb dort im Juni 253. Dass er tatsächlich hingerichtet wurde, ist historisch nicht gesichert; die spätere Märtyrerüberlieferung ist problematisch. (Treccani)
Cyprian wurde unter Kaiser Valerian zunächst verbannt. 258 wurde die Verfolgung verschärft. Am 14. September 258 wurde er in Karthago zum Tod verurteilt und enthauptet. Die Prozessüberlieferung gehört zu den aussergewöhnlich gut dokumentierten frühchristlichen Märtyrerakten. (OUP Academic)
Wir haben also tatsächlich diese merkwürdige Gleichzeitigkeit:
250: Das Römische Reich verlangt religiöse Konformität.
251: Cornelius und Cyprian organisieren ihrerseits kirchliche Konformität, Abweichung, Ausschluss und Wiederaufnahme.
253: Cornelius stirbt nach seiner Verbannung.
258: Der römische Staat lässt Cyprian enthaupten.
380: Das Imperium erklärt jene christliche Glaubensform zur verbindlichen Orthodoxie, die mit den Bischöfen von Rom und Alexandria identifiziert wird. Ihre Anhänger werden im Gesetz ausdrücklich «katholische Christen» genannt. (Internet History Sourcebooks)
Unsere Interpretation
Es wäre historisch nicht haltbar zu behaupten, Cornelius und Cyprian hätten bereits auf eine zukünftige Staatskirche hingearbeitet. Über ihre Absichten können wir das nicht sagen.
Strukturell lässt sich aber etwas anderes beobachten:
Die Kirche lernt Herrschaft, bevor sie staatliche Herrschaftsmittel besitzt.
Sie organisiert Ämter, entscheidet über legitime und illegitime Zugehörigkeit, definiert Abweichungen, verfügt über Ausschluss und Wiederaufnahme und bindet diese Entscheidungen schliesslich an das Heil.
Als das Römische Reich im 4. Jahrhundert christlich wird, muss es diese institutionelle Grammatik nicht erst erfinden.
Sie ist schon da.
380 geschieht deshalb nicht einfach:
Der Staat macht aus einer machtlosen Gemeinschaft eine Machtkirche.
Sondern eher:
Eine bereits entwickelte kirchliche Machtordnung erhält Anschluss an die Machtmittel des Imperiums.
Das macht Cornelius und Cyprian am 16. September so interessant. Wir erinnern uns an zwei Männer, die Opfer staatlicher religiöser Disziplinierung wurden – und die gleichzeitig entscheidend daran mitarbeiteten, eine eigene kirchliche Disziplinierungsordnung auszubauen.
Die Verfolgten wissen bereits, wer dazugehören darf.
Quellen
- Bibliothek der Kirchenväter, Universität Freiburg: Cyprian, «Über die Einheit der katholischen Kirche»
https://bkv.unifr.ch/de/works/cpl-41/versions/uber-die-einheit-der-katholischen-kirche-bkv - Bibliothek der Kirchenväter: Cyprian, Briefe an Cornelius, insbesondere Briefe 44, 47 und weitere
https://bkv.unifr.ch/de/works/cpl-50/versions/briefe-bkv‑8 - Stuart Hall, «Ecclesiology forged in the wake of persecution», Cambridge History of Christianity
https://www.cambridge.org/core/books/cambridge-history-of-christianity/ecclesiology-forged-in-the-wake-of-persecution/46C3E28D9C7C4AC39D0F2677B84C23F6 - Allen Brent, «Cyprian’s Reconstruction of the Martyr Tradition», Journal of Ecclesiastical History
https://www.cambridge.org/core/journals/journal-of-ecclesiastical-history/article/abs/cyprians-reconstruction-of-the-martyr-tradition/C4A95147814E6129B0DAEC9700D77CD8 - John F. Matthews, «Cyprian, c. 200–258 CE», Oxford Classical Dictionary
https://academic.oup.com/edited-volume/61673/chapter-abstract/548724175 - J. B. Rives, «The Decree of Decius and the Religion of Empire», Journal of Roman Studies
https://www.cambridge.org/core/journals/journal-of-roman-studies/article/abs/decree-of-decius-and-the-religion-of-empire/CBAD383D53A66A01EB67E75022C373E2 - Codex Theodosianus XVI.1.2, Edikt von Thessaloniki, 380
https://sourcebooks.web.fordham.edu/source/theodcodeXVI.asp
Nach unserer Cornelius/Cyprian-Lektüre bekommt diese Tageslesung fast einen zweiten Boden.
- Der Witz des Gleichnisses
Die Leute auf dem Markt legen zuerst die Spielregeln fest und beschweren sich dann, dass die anderen nicht richtig mitspielen:
«Wir haben euch gepfiffen, und ihr habt nicht getanzt; wir haben euch geklagt, und ihr habt nicht geweint.»
Egal welches Spiel angeboten wird: falsch.
- Johannes und Jesus
Johannes lebt asketisch:
«ass kein Brot und trank keinen Wein»
Reaktion:
«Er hat den Teufel.»
Jesus macht das Gegenteil. Er isst, trinkt und verkehrt mit den Falschen.
Reaktion:
«Fresser und Weinsäufer, der Zöllner und Sünder Freund!»
Das ist ziemlich präzise: Nicht das konkrete Verhalten ist das Problem. Das Urteil steht bereits fest. Die Kriterien werden nachgeliefert.
- Und dann dieser letzte Satz
«Und die Weisheit muss sich rechtfertigen lassen von allen ihren Kindern.»
Das ist die Pointe.
Weisheit zeigt sich nicht daran, ob jemand die erwartete Rolle korrekt spielt. Sie zeigt sich an dem, was daraus hervorgeht.
Oder schärfer:
Nicht Konformität rechtfertigt eine Praxis, sondern ihre Folgen.
Und jetzt wird es für unseren heutigen Zusammenhang unangenehm interessant.
Nur etwa 220 Jahre später diskutieren Bischöfe bereits sehr genau:
Wer gehört dazu?
Wer hat falsch gehandelt?
Wer muss Busse tun?
Wer darf wieder herein?
Wer darf vergeben?
Welcher Bischof ist legitim?
Die Jesusfigur in Lukas 7 erscheint dagegen bemerkenswert schwer disziplinierbar:
Johannes isst nicht: falsch.
Jesus isst: falsch.
Johannes zieht sich zurück: verdächtig.
Jesus sitzt mit Zöllnern und Sündern am Tisch: skandalös.
Vielleicht liegt darin die eigentliche Irritation dieses Textes:
Jesus beantwortet die Frage «Wie muss man sich verhalten, um richtig zu sein?» nicht mit einer neuen Verhaltensordnung.
Er zerstört vielmehr die Sicherheit jener, die über das richtige Verhalten urteilen wollen.
Und dann, 35:
Die Weisheit muss sich nicht durch die Wächter der Ordnung rechtfertigen lassen. Sie zeigt sich an ihren Kindern.
Für unseren Cornelius/Cyprian-Text wäre das eine ziemlich schöne Spannung:
Um 30: «Zöllner und Sünder Freund!»
Um 250: Wer darf wieder in die Gemeinschaft aufgenommen werden?
380: Welche Form des Christentums ist für das Reich die richtige?
Quelle:
https://ebible.org/deu1912/LUK07.htm
23. September
Lukas 9,1–6
Lutherbibel 1912, ss-Schreibung
1 Er rief aber die Zwölf zusammen und gab ihnen Gewalt und Macht über alle Teufel und dass sie Seuchen heilen konnten,
2 und sandte sie aus, zu predigen das Reich Gottes und zu heilen die Kranken.
3 Und sprach zu ihnen: Ihr sollt nichts mit euch nehmen auf den Weg, weder Stab noch Tasche noch Brot noch Geld; es soll auch einer nicht zwei Röcke haben.
4 Und wo ihr in ein Haus geht, da bleibet, bis ihr von dannen zieht.
5 Und welche euch nicht aufnehmen, da gehet aus von derselben Stadt und schüttelt auch den Staub ab von euren Füssen zu einem Zeugnis über sie.
6 Und sie gingen hinaus und durchzogen die Märkte, predigten das Evangelium und machten gesund an allen Enden.
Quelle:
https://ebible.org/deu1912/LUK09.htm
Padre Pio von Pietrelcina, 1887 geboren und 1968 gestorben, war Kapuziner, Priester und eine der eigenwilligsten religiösen Figuren des 20. Jahrhunderts. Um ihn sammelten sich Menschen, weil sie Heilung, Trost, Rat und eine ungewöhnliche Gegenwart suchten; zugleich blieb sein Leben von Misstrauen, kirchlicher Kontrolle und dem Verdacht auf Selbstinszenierung begleitet.
Am heutigen Festtag trifft seine Figur auf Lukas 9,1–6. Jesus schickt die Zwölf los: ohne Vorrat, ohne Absicherung, ohne Instrumente zur Kontrolle des Erfolgs. Sie sollen handeln, heilen, reden, eintreten — und die Wirkung nicht besitzen wollen. Wo etwas anschliesst, bleiben sie; wo nichts anschliesst, gehen sie weiter.
Pater Bruno fasst Padre Pio deshalb so: die Kontrolle der eigenen Wirksamkeit Gott überlassen.
Man kann «Gott» hier als Namen für die Unverfügbarkeit dessen hören, was aus Handlungen wird. Kommunikation lässt sich beginnen, aber ihre Wirkung nicht beherrschen. Handeln heisst dann nicht, Wirkung herzustellen, sondern Bedingungen zu setzen und offen zu lassen, was daraus entsteht.
Padre Pio wird so weniger als Wundertäter interessant denn als Figur einer radikalen Praxis: handeln, ohne sich die Wirkung anzueignen.
- gib deinen gläubigen ein lauteres herz, damit sie hören, wo ihre liebe gebraucht wird.
- gib deinen gläubigen ein lauteres herz, damit im eigenen tun hörbar bleibt, was sich nicht machen lässt.
- gib deinen gläubigen ein lauteres herz, damit im lärm der gewalt die liebe hörbar bleibt.
24. September
Kohelet / Prediger 1,2–11
Lutherbibel 1912, ss-Schreibung
2 Es ist alles ganz eitel, sprach der Prediger, es ist alles ganz eitel.
3 Was hat der Mensch für Gewinn von all seiner Mühe, die er hat unter der Sonne?
4 Ein Geschlecht vergeht, das andere kommt; die Erde aber bleibt ewiglich.
5 Die Sonne geht auf und geht unter und läuft an ihren Ort, dass sie daselbst wieder aufgehe.
6 Der Wind geht gen Mittag und kommt herum zur Mitternacht und wieder herum an den Ort, da er anfing.
7 Alle Wasser laufen ins Meer, doch wird das Meer nicht voller; an den Ort, dahin sie fliessen, fliessen sie immer wieder.
8 Es sind alle Dinge so voll Mühe, dass es niemand ausreden kann. Das Auge sieht sich nimmer satt, und das Ohr hört sich nimmer satt.
9 Was ist’s, das geschehen ist? Eben das hernach geschehen wird. Was ist’s, das man getan hat? Eben das man hernach wieder tun wird; und geschieht nichts Neues unter der Sonne.
10 Geschieht auch etwas, davon man sagen möchte: Siehe, das ist neu? Denn es ist zuvor auch geschehen in den langen Zeiten, die vor uns gewesen sind.
11 Man gedenkt nicht, wie es zuvor geraten ist; also auch des, das hernach kommt, wird man nicht gedenken bei denen, die danach sein werden.
Quelle:
https://ebible.org/deu1912/ECC01.htm
Ernst Peter Fischer schrieb dir am 30. Juli 2009 und bestätigte als Quelle Wolfgang Pauli:
«das noch Ältere … [war] immer das Neue»
Quelle: Wolfgang Pauli, Wissenschaftlicher Briefwechsel, Band IV‑1, Springer, Berlin 1996, S. 400.
Fischer fügte dazu an, dass die Quantenmechanik konzeptionell womöglich nur ein langer Umweg zu Einsichten sei, die Heraklit oder Aristoteles bereits früher formuliert hatten.
Deine verdichtete Fassung
«Das Neue ist stets das noch Ältere.»
ist also deine Umstellung/Verdichtung. Pauli selbst sagt sinngemäss:
«Das noch Ältere ist immer das Neue.»
Und das sitzt geradezu unheimlich neben Kohelet 1:
«Geschieht auch etwas, davon man sagen möchte: Siehe, das ist neu? Denn es ist zuvor auch geschehen in den langen Zeiten, die vor uns gewesen sind.»
Da haben wir denselben Gedanken einmal biblisch und einmal quantenphysikalisch.
Kohelet sagt: «Es gibt nichts Neues unter der Sonne.» Alles kehrt wieder: Sonne, Wind, Wasser, Mühe, Freude, Erinnerung. Was uns neu erscheint, ist oft nur deshalb neu, weil wir vergessen haben, was schon einmal war.
Wolfgang Pauli dreht diesen Gedanken auf eigentümliche Weise um: «Das noch Ältere ist immer das Neue.» Das Neue entsteht dann nicht dadurch, dass wir Vergangenheit abschütteln, sondern indem wir tiefer zurückgehen. Hinter dem zuletzt Gewohnten tauchen ältere Formen, Fragen und Einsichten auf, die unter veränderten Bedingungen plötzlich wieder aktuell werden.
Ernst Peter Fischer erläuterte dir das am Beispiel der Quantenmechanik: Vielleicht sei sie konzeptionell nur ein langer Umweg zurück zu Einsichten, die Heraklit oder Aristoteles bereits formuliert hatten.
So gelesen widersprechen sich Kohelet und Pauli nicht. Kohelet warnt vor der Selbstüberschätzung des Neuen. Pauli zeigt, wo wirkliche Erneuerung liegen könnte: nicht im immer Neueren, sondern im Wiederfinden des noch Älteren.
Das Neue wäre dann nicht das Gegenteil des Alten.
Das Neue wäre das Alte, das unter neuen Bedingungen wieder lesbar wird.
30. September
Hiob 1–16, Einheitsübersetzung.
1 Da antwortete Ijob und sprach: 2 Wahrhaftig weiß ich, dass es so ist: / Wie wäre ein Mensch bei Gott im Recht! 3 Wenn er mit ihm rechten wollte, / nicht auf eins von tausend könnte er ihm Antwort geben. 4 Weisen Sinnes und stark an Macht — / wer böte ihm Trotz und bliebe heil? 5 Er versetzt Berge; sie merken es nicht, / dass er in seinem Zorn sie umstürzt. 6 Er erschüttert die Erde an ihrem Ort, / sodass ihre Säulen erzittern. 7 Er spricht zur Sonne, sodass sie nicht strahlt, / er versiegelt die Sterne. 8 Er spannt allein den Himmel aus / und schreitet einher auf den Höhen des Meeres. 9 Er macht das Sternbild des Bären, den Orion, / das Siebengestirn, die Kammern des Südens. 10 Er macht so Großes, es ist nicht zu erforschen, / Wunderdinge, sie sind nicht zu zählen. 11 Zieht er an mir vorüber, ich sehe ihn nicht, / fährt er daher, ich bemerke ihn nicht. 12 Rafft er hinweg, wer hält ihn zurück? / Wer darf zu ihm sagen: Was machst du da? 13 Gott hält seinen Zorn nicht zurück, / unter ihm mussten selbst Rahabs Helfer sich beugen. 14 Wie sollte denn ich ihm Antwort geben, / wie meine Worte gegen ihn wählen? 15 Und wäre ich im Recht, ich könnte nicht antworten, / um Gnade müsste ich bei meinem Richter flehen. 16 Wollte ich rufen, würde er mir Antwort geben? / Ich glaube nicht, dass er auf meine Stimme hört.



