m/ein tägliches einstimmen im echoraum des sozialen (so?)

M/ein Blog ist m/ein Karten­raum und k/eine Bühne. Ich weiss wie man pub­liziert. Das hier ist etwas anderes. d!a!n!k!e | WORK IN PROGRESS reload für aktuellen schreib­stand | warum ich nicht pub­liziere? weil ich es kann. weil es geht. weil ich es für angemessen halte.

6. Juli 2026 | Tagesle­sung: Matthäus 9,18–26

18 Da er solch­es mit ihnen redete, siehe, da kam der Ober­sten ein­er und fiel vor ihm nieder und sprach: Herr, meine Tochter ist jet­zt gestor­ben; aber komm und lege deine Hand auf sie, so wird sie lebendig.

19 Und Jesus stand auf und fol­gte ihm nach und seine Jünger.

20 Und siehe, ein Weib, das zwölf Jahre den Blut­gang gehabt, trat von hin­ten zu ihm und rührte seines Klei­des Saum an.

21 Denn sie sprach bei sich selb­st: Möchte ich nur sein Kleid anrühren, so würde ich gesund.

22 Da wandte sich Jesus um und sah sie und sprach: Sei get­rost, meine Tochter; dein Glaube hat dir geholfen. Und das Weib ward gesund zu der­sel­ben Stunde.

23 Und als er in des Ober­sten Haus kam und sah die Pfeifer und das Getüm­mel des Volks,

24 sprach er zu ihnen: Weichet! Denn das Mägdlein ist nicht tot, son­dern es schläft. Und sie ver­lacht­en ihn.

25 Als aber das Volk hin­aus­getrieben war, ging er hinein und ergriff es bei der Hand; da stand das Mägdlein auf.

26 Und dies Gerücht erscholl in das­selbe ganze Land. (die-bibel.de)

7. Juli 2026 | Tagesle­sung: Hosea 8,4–7

4 Sie machen Könige, aber ohne mich; sie set­zen Fürsten, und ich darf es nicht wis­sen. Aus ihrem Sil­ber und Gold machen sie Götzen, dass sie ja bald aus­gerot­tet wer­den.

5 Dein Kalb, Samaria, ver­wirft er; mein Zorn ist über sie ergrimmt. Es kann nicht lange anste­hen, sie müssen ges­traft wer­den.

6 Denn das Kalb ist aus Israel hergekom­men, und ein Werk­mann hat’s gemacht, und es kann ja kein Gott sein; darum soll das Kalb Samarias zer­pul­vert wer­den.

7 Denn sie säen Wind und wer­den Unge­wit­ter ein­ern­ten; ihre Saat soll nicht aufkom­men und ihr Gewächs kein Mehl geben; und ob’s geben würde, sollen’s doch Fremde fressen.

13. Juli 2026 | Jesa­ja 1,10–17

10 Höret des Her­rn Wort, ihr Fürsten von Sodom! Nimm zu Ohren unsers Gottes Gesetz, du Volk von Gomor­ra!

11 Was soll mir die Menge eur­er Opfer? spricht der Herr. Ich bin satt der Bran­dopfer von Wid­dern und des Fet­ten von den Gemästeten und habe keine Lust zum Blut der Far­ren, der Läm­mer und Böcke.

12 Wenn ihr hereinkommt, zu erscheinen vor mir, wer fordert solch­es von euren Hän­den, dass ihr auf meinen Vorhof tretet?

13 Bringt nicht mehr Speisopfer so verge­blich! Das Räuch­w­erk ist mir ein Greuel! Neu­monde und Sab­bate, da ihr zusam­menkommt, Frev­el und Fes­t­feier mag ich nicht!

14 Meine Seele ist feind euren Neu­mon­den und Jahrfesten; ich bin ihrer über­drüs­sig, ich bin’s müde zu lei­den.

15 Und wenn ihr schon eure Hände aus­bre­it­et, ver­berge ich doch meine Augen vor euch; und ob ihr schon viel betet, höre ich euch doch nicht; denn eure Hände sind voll Blut.

16 Waschet, reiniget euch, tut euer bös­es Wesen von meinen Augen, lasst ab vom Bösen;

17 ler­net Gutes tun, tra­chtet nach Recht, helfet dem Unter­drück­ten, schaf­fet dem Waisen Recht, führet der Witwe Sache. (die-bibel.de)

15. Juli 2026 |

Jesa­ja 10,5–7 + 13–16
Luther­bibel 1912, ss-Schrei­bung

5 Weh Assur, der meines Zornes Rute und meines Grimmes Steck­en ist!

6 Ich will ihn senden wider ein Heuchelvolk und ihm Befehl tun wider das Volk, dem ich zürne, dass er’s beraube und aus­plün­dere und es zertrete wie Kot auf der Gasse,

7 wiewohl er’s nicht so meint, und sein Herz nicht so denkt; son­dern sein Herz ste­ht danach, dass er verderbe und aus­rotte nicht wenig Völk­er.

&

13 darum dass er spricht: Ich habe es durch mein­er Hände Kraft aus­gerichtet und durch meine Weisheit, denn ich bin klug; ich habe die Län­der anders geteilt und ihr Einkom­men ger­aubt und wie ein Mächtiger die Ein­wohn­er zu Boden gewor­fen,

14 und meine Hand hat gefun­den die Völk­er wie ein Vogelnest, dass ich habe alle Lande zusam­menger­afft, wie man Eier aufrafft, die ver­lassen sind, da keines eine Fed­er regt oder den Schn­abel auf­sper­rt oder zis­cht.

15 Mag sich auch eine Axt rüh­men wider den, der damit haut? oder eine Säge trotzen wider den, der sie zieht? Als ob die Rute schwänge den, der sie hebt; als ob der Steck­en höbe den, der kein Holz ist!

16 Darum wird der Herr Herr Zebaoth unter die Fet­ten Assurs die Darre senden, und seine Her­rlichkeit wird er anzün­den, dass sie bren­nen wird wie ein Feuer. (Die Bibel)

Quelle: die-bibel.de
https://www.die-bibel.de/bibel/LU12/ISA.10


Ver­mu­tung: Jesa­ja 10,14–15 trifft ziem­lich genau unsere alte Stelle: Macht hält sich für Ursprung, ist aber nur Werkzeug in ein­er Anord­nung.

  1. Vers 14: Welt als Vogelnest

«meine Hand hat gefun­den die Völk­er wie ein Vogelnest»

Das ist die kalte Logik impe­ri­aler Ver­fü­gung:

Die Völk­er erscheinen nicht als Sub­jek­te, son­dern als Dinge. Als Eier. Als Besitz. Als etwas, das man «zusam­men­rafft».

Das ist Herrschaft plus Schich­tung: Men­schen wer­den in Dinge ver­wan­delt, Län­der in Beute, Welt in Bestand.

  1. «Da keines eine Fed­er regt»

Das Bild ist grausam präzis: Die Gewalt rühmt sich ger­ade damit, dass kein Wider­stand mehr hör­bar ist.

Nicht ein­mal ein Flügelschlag.
Nicht ein­mal ein Schn­abel.
Nicht ein­mal ein Zis­chen.

Das ist nicht nur Besiegung, son­dern Entstim­mung: Die Welt wird still gemacht.

  1. Vers 15 dreht alles um

«Mag sich auch eine Axt rüh­men wider den, der damit haut?»

Hier kippt die Per­spek­tive. Assur glaubt: Ich bin der Han­del­nde.

Jesa­ja sagt: Nein. Du bist Werkzeug. Axt. Säge. Rute. Steck­en.

Das ist bru­tal entza­ubernd. Der Täter wird nicht entschuldigt, aber seine Selb­st­glo­ri­fizierung wird lächer­lich gemacht.
  1. Der eigentliche Punkt
Die Stelle zer­legt Machtkom­mu­nika­tion.

Assur sagt:

«Ich habe es getan. Durch meine Kraft. Durch meine Weisheit. Denn ich bin klug.»

Jesa­ja antwortet:

Nein. Du ver­wech­selst Funk­tion mit Ursprung.
Du ver­wech­selst Durch­set­zung mit Legit­i­ma­tion.
Du ver­wech­selst Gewalt mit Sou­veränität.
  1. Warum das faszinieren kön­nte

Weil da fast schon luh­man­nesk for­muliert wird:

Nicht der Akteur erk­lärt die Form.
Die Form erk­lärt den Akteur.

Assur ist nicht «der grosse Mann der Geschichte», son­dern ein Ele­ment in ein­er destruk­tiv­en Ord­nung. Genau das demon­tiert den Hero­is­mus der Macht.

Oder kürz­er:

Vers 14 zeigt die Fan­tasie totaler Ver­fü­gung.
Vers 15 zer­stört die Selb­stvergöt­tlichung dieser Ver­fü­gung.

Quellen:

Jesa­ja 10,13–16, Luther­bibel 1912
https://www.die-bibel.de/bibel/LU12/ISA.10

Jesa­ja 10,13–16, Ein­heit­süber­set­zung
https://www.die-bibel.de/bibel/EU/ISA.10

29. Juli 2026

Auf dem Bild ste­ht der Introi­tus zum 29. Juli: Maria, Mar­ta, Lazarus.

Latein:

Sitientes, ven­ite ad aquas, dic­it Domi­nus:
et qui non habetis pretium, ven­ite, bib­ite cum laeti­tia.

Deutsch im Bild:

Auf, ihr Dursti­gen, kommt zum Wass­er, spricht der Herr.
Auch wer kein Geld hat, soll kom­men. Trinkt voll Freude!

Bib­lis­ch­er Bezug: vgl. Jesa­ja 55,1
https://www.die-bibel.de/bibel/EU/ISA.55

A

Das ist genau die Gegen­stelle zur Logik von Jesa­ja 10,14: dort rafft die Macht alles zusam­men; hier wird ohne Preis geöffnet.

B

Maria, Mar­ta und Lazarus erin­nern daran, dass Gast­fre­und­schaft mehr ist als Höflichkeit: Im Gast kommt Chris­tus selb­st ins Haus. Und wer Gäste empfängt, lernt zugle­ich, selb­st Gast zu sein — auf dieser Erde, in diesem Leben, vor Gott.

C

  1. Mar­ta: die Haush­er­rin und Bewährerin

Mar­ta nimmt Jesus auf. Sie öffnet das Haus, trägt die Sorge, hält die Gast­fre­und­schaft konkret und belast­bar.

  1. Lazarus: die mys­tis­che Fig­ur

Lazarus ste­ht an der Schwelle. An ihm wird sicht­bar, dass in der Nähe Jesu Leben zurück­gegeben wird.

  1. Maria: der Fan

Maria ist ganz Hin­wen­dung. Sie sitzt, hört, bleibt — ohne Leis­tung, ohne Rolle, ohne Begrün­dung.

BONUS

CURATING THE CURATOR

21. August | Pius X.

Ezechiel 37,1–14
Luther­bibel 1912, ss-Schrei­bung

1 Und des HERRN Wort kam über mich, und er führte mich hin­aus im Geist des HERRN und stellte mich auf ein weites Feld, das voller Totenge­beine lag.

2 Und er führte mich allen­thal­ben dadurch. Und siehe, des Gebeins lag sehr viel auf dem Feld; und siehe, sie waren sehr ver­dor­rt.

3 Und er sprach zu mir: Du Men­schenkind, meinst du auch, dass diese Gebeine wieder lebendig wer­den? Und ich sprach: Herr HERR, das weisst du wohl.

4 Und er sprach zu mir: Weis­sage von diesen Gebeinen und sprich zu ihnen: Ihr ver­dor­rten Gebeine, höret des HERRN Wort!

5 So spricht der Herr HERR von diesen Gebeinen: Siehe, ich will einen Odem in euch brin­gen, dass ihr sollt lebendig wer­den.

6 Ich will euch Adern geben und Fleisch lassen über euch wach­sen und euch mit Haut überziehen und will euch Odem geben, dass ihr wieder lebendig werdet, und ihr sollt erfahren, dass ich der HERR bin.

7 Und ich weis­sagte, wie mir befohlen war; und siehe, da rauschte es, als ich weis­sagte, und siehe, es regte sich, und die Gebeine kamen wieder zusam­men, ein jeglich­es zu seinem Gebein.

8 Und ich sah, und siehe, es wuch­sen Adern und Fleisch darauf, und sie wur­den mit Haut über­zo­gen; es war aber noch kein Odem in ihnen.

9 Und er sprach zu mir: Weis­sage zum Winde; weis­sage, du Men­schenkind, und sprich zum Wind: So spricht der Herr HERR: Wind komm herzu aus den vier Winden und blase diese Getöteten an, dass sie wieder lebendig wer­den!

10 Und ich weis­sagte, wie er mir befohlen hat­te. Da kam Odem in sie, und sie wur­den wieder lebendig und richteten sich auf ihre Füsse. Und ihrer war ein gross­es Heer.

11 Und er sprach zu mir: Du Men­schenkind, diese Gebeine sind das ganze Haus Israel. Siehe, jet­zt sprechen sie: Unsere Gebeine sind ver­dor­rt, und unsere Hoff­nung ist ver­loren, und es ist aus mit uns.

12 Darum weis­sage und sprich zu ihnen: So spricht der Herr HERR: Siehe, ich will eure Gräber auf­tun und will euch, mein Volk, aus densel­ben her­aus­holen und euch ins Land Israel brin­gen;

13 und ihr sollt erfahren, dass ich der HERR bin, wenn ich eure Gräber geöffnet und euch, mein Volk, aus densel­ben gebracht habe.

14 Und ich will meinen Geist in euch geben, dass ihr wieder leben sollt, und will euch in euer Land set­zen, und sollt erfahren, dass ich der HERR bin. Ich rede es und tue es auch, spricht der HERR. (ebible.org)

Ezechiel 37 ist keine Trostrede. Es ist Re-Ani­ma­tion:

  1. Zuerst liegen da nur Gebeine.

Ver­dor­rt. Zer­streut. Ohne Zusam­men­hang. Nicht ein­mal mehr Leich­name, son­dern Reste.

  1. Dann kommt Ord­nung.

Die Knochen find­en wieder zueinan­der. Adern, Fleisch, Haut. Form entste­ht. Aber noch fehlt der Odem.

  1. Erst der Geist macht lebendig.

Das ist der Punkt: Organ­i­sa­tion reicht nicht. Struk­tur reicht nicht. Kör­p­er reicht nicht. Leben kommt erst mit Odem, Geist, Wind.

Und genau das am Tag von Pius X. (Pius X. (* 2. Juni 1835 in Riese, Lom­bar­do-Vene­tien, als Giuseppe Mel­chiorre Sar­to; † 20. August 1914 in Rom)): Sein Leit­mo­tiv war «instau­rare omnia in Chris­to» — alles in Chris­tus erneuern. Nicht bloss ver­wal­ten, nicht bloss ord­nen, son­dern wieder lebendig machen. Der 21. August ist sein litur­gis­ch­er Gedenk­tag. (Vat­i­can State)

Die Pointe wäre knapp:

Aus Knochen wer­den Kör­p­er.
Aus Kör­pern wird erst durch Geist Leben.
Aus Ord­nung wird erst durch Erneuerung Kirche.

Das passt zu Pius X. sehr präzis: Reform nicht als Mod­ernisierungs­geste, son­dern als Wieder­bele­bung. Seine Refor­men ziel­ten unter anderem auf Liturgie, Kirchen­musik und häu­figeren Zugang zur Eucharistie. (Vat­i­can)

DER TOD — DER TOD — DER TOD

Ja. Das ist ein sehr stark­er Faden.

  1. Pius X

Für Pius X war die Eucharistie der Zugang zum Lebendi­gen: nicht nur Kirchenord­nung, son­dern Wieder­bele­bung durch Teil­habe. Seine Lin­ie: häu­figer Kom­mu­nionemp­fang, Kinder früher zur Kom­mu­nion, Chris­tus nicht als fernes Dog­ma, son­dern als Nahrung des Lebens. (Vat­i­can)

  1. Pater Flo­ri­ano

Bei Flo­ri­ano wird der alpine Barock zur sozialen Tech­nik am Rand des Todes. Nicht «Fröm­migkeit» als Dekor, son­dern ein Ver­fahren: Die Machtkirche wird mit ihren eige­nen Mit­teln gegen ihre eigene Härte geöffnet.

Deine Pointe ist stark: Tot­ge­borene Kinder, die nicht beerdigt wer­den durften, wer­den durch Gebet, Maria, Segen und Rit­u­al den Trauern­den zurück­gegeben. Das ist nicht ein­fach Wun­der­erzäh­lung. Das ist Arbeit am Sozialen: Der Tod wird wieder beziehbar gemacht.

Im geöffneten Blog­text ist belegt: 1707 grün­dete Pater Flo­ri­ano in Dis­en­tis die Brud­er­schaft der Sieben Schmerzen Marias; eine Brud­er­schaft beschreib­st du dort ger­ade nicht als Staat, Markt oder Kloster, son­dern als verbindliche Gemein­schaft um ein geteiltes Anliegen. (Dis­sent)
Den konkreten Punkt der tot­ge­bore­nen Kinder nehme ich hier aus dein­er Schilderung, nicht aus dem geöffneten Tex­tauszug.

  1. Placidus a Spescha / Cas­par Decurtins

Dann Placidus: nicht Eucharistie, nicht Barock­wun­der, son­dern Erin­nerung, Natur, Katas­tro­phe, Wieder­auf­bau, Erzählbarkeit.

Und Decurtins insze­niert ihn später als Fig­ur, an der Geschichte wieder sozial ver­wend­bar wird. Nicht tote Ver­gan­gen­heit, son­dern lebendi­ge Ressource.

  1. Heute

Heute ist das Prob­lem anders.

Wir haben Ver­sicherung. Pflege. Spi­tal. Patien­ten­ver­fü­gung. Kosten­stellen. Ster­bez­im­mer. Trauerkarten. Prozesse.

Alles ist geregelt.

Aber der Tod ist nicht gehal­ten.

Das wäre die starke For­mulierung:

Unsere Gesellschaft kann den Tod admin­istri­eren, aber sie kann ihn kaum noch gemein­sam tra­gen.

Und genau da trifft Ezechiel 37: Zuerst kom­men die Knochen zusam­men. Dann gibt es Adern, Fleisch, Haut. Also: Struk­tur, Organ­i­sa­tion, Form. Aber noch kein Leben. Erst der Odem macht lebendig. (Dis­sent)

Die heutige soziale Frage wäre dann nicht zuerst: Wie ver­mei­den wir den Tod?

Son­dern:

Wie bekommt eine über­al­terte, ökonomisch gesät­tigte Gesellschaft wieder For­men, in denen Ster­ben, Trauer und Schick­salss­chläge gemein­sam getra­gen wer­den kön­nen?

Oder noch knap­per:

  • Flo­ri­ano: Maria gegen den sozial aus­geschlosse­nen Tod.
  • Spescha/Decurtins: Erin­nerung gegen his­torische Ver­wüs­tung.
  • Pius X: Eucharistie gegen geistliche Aus­trock­nung.
  • Heute: gemein­same For­men gegen admin­istri­ertes Ster­ben.

Ja. «Odem» ist viel stärk­er als «Atem».

Atem: biol­o­gis­che Funk­tion
Man atmet. Der Kör­p­er funk­tion­iert.

Hauch: ver­let­zliche Leben­skraft
Etwas ist da — kaum sicht­bar, aber entschei­dend.

Wind: etwas kommt von aussen
Der Men­sch macht den Odem nicht. Er empfängt ihn.

Geist: Leben als Beziehung
Erst durch Odem wird aus Kör­pern wieder lebendi­ge Gegen­wart.

In Ezechiel 37 ist das bru­tal präzis: Zuerst kom­men die Knochen zusam­men. Dann entste­hen Adern, Fleisch, Haut. Also: Struk­tur. Organ­i­sa­tion. Kör­p­er. Aber: «es war aber noch kein Odem in ihnen». Erst als der Odem kommt, ste­hen sie auf. (Die Bibel)

Das hebräis­che Wort dahin­ter ist «ruach». Es kann Wind, Geist, Leben­so­dem bedeuten. Genau darum ist die Stelle so stark: Es geht nicht nur um Wieder­bele­bung, son­dern um den Moment, in dem Ord­nung wieder Leben bekommt. (Bibel TV)

Für unseren Satz heisst das:

Eine Gesellschaft kann alles regeln, ver­sich­ern und organ­isieren — und trotz­dem ohne Odem sein.

«Odem» ist das Wort für das, was nicht admin­istri­ert wer­den kann.

atem atmet
ich lebe
wie gewohn­heit

ein hauch
und alles lodernde
ver­we­ht wie staub

wind bläst in ritzen
geist weht, wo will
kein spalt offen

warten
auf

odem

DatumEreig­nisJahrestag
25. August 1581Car­lo Bor­romeo kommt gegen 16 Uhr in Disentis/Mustér an. Aufen­thalt bis 26. August nach­mit­tags.25. August
Juni 1705Abt Adal­bert III. Defuns sendet P. Karl Decurtins nach Mailand/Varallo; dabei erhält dieser die Erlaub­nis, in Dis­en­tis eine Rosenkranzbrud­er­schaft einzuricht­en. Tages­da­tum noch offen.noch nicht sauber
7. Juli 1707

???
Pater Flo­ri­ano grün­det in der Dor­fkirche die Brud­er­schaft der Sieben Schmerzen Marias.

«Am 3. Juli 1707 grün­dete P. Flo­ri­an in Dis­en­tis die Brud­er­schaft von der schmerzhaften Mut­ter­gottes …»
Quelle:
Iso Müller, «Zur Taufe tot­ge­boren­er Kinder im Bünd­ner­land», Schweiz­erisches Archiv für Volk­skunde, 54, 1958, S. 18.

Flo­ri­ano da Bres­cia, Oblig­atiuns per ils Con­frars e Sorurs del­la Com­pag­nia délias Tris­tezias de N. C. Don­na S. Maria, Bonaduz 1707, S. 88.
7. Juli
21. März 1712Abt Adal­bert III.: Benedik­tus­brud­er­schaft vom Guten Tod.21. März
11. Sep­tem­ber 1712Appro­bierung der Brud­er­schaft vom Guten Tod und Kon­sekra­tion der Klosterkirche.11. Sep­tem­ber

Knappe Lin­ie:

  1. August 1581: Bor­romäus kommt.

Achtung bei Bor­romäus: Eine Sekundärquelle nen­nt nur «1581»; Cahannes rekon­stru­iert genauer: 24. August Auf­bruch vom Ble­nio­tal, 25. August Ankun­ft in Dis­en­tis, 26. August nach­mit­tags Rück­reise. Das ist für einen Jahrestag stark genug. (Inter­net Archive)

Die drei Brud­er­schafts­dat­en 1707/1712 ste­hen in dein­er Zusam­men­stel­lung auf dissent.is; für 1705 finde ich bis­lang nur «1705» bzw. «Juni 1705», aber noch kein Tages­da­tum. (Dis­sent)

28. August | Augustinus, weiss

  1. Korinther 1,17–25
    Luther­bibel 1912, ss-Schrei­bung

17 Denn Chris­tus hat mich nicht gesandt, zu taufen, son­dern das Evan­geli­um zu predi­gen, nicht mit klu­gen Worten, auf dass nicht das Kreuz Christi zunichte werde.

18 Denn das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen, die ver­loren wer­den; uns aber, die wir selig wer­den, ist’s eine Gotteskraft.

19 Denn es ste­ht geschrieben: «Ich will zunichte machen die Weisheit der Weisen, und den Ver­stand der Ver­ständi­gen will ich ver­w­er­fen.»

20 Wo sind die Klu­gen? Wo sind die Schrift­gelehrten? Wo sind die Weltweisen? Hat nicht Gott die Weisheit dieser Welt zur Torheit gemacht?

21 Denn dieweil die Welt durch ihre Weisheit Gott in sein­er Weisheit nicht erkan­nte, gefiel es Gott wohl, durch törichte Predigt selig zu machen die, so daran glauben.

22 Sin­temal die Juden Zeichen fordern und die Griechen nach Weisheit fra­gen,

23 wir aber predi­gen den gekreuzigten Chris­tus, den Juden ein Ärg­er­nis und den Griechen eine Torheit;

24 denen aber, die berufen sind, Juden und Griechen, predi­gen wir Chris­tus, göt­tliche Kraft und göt­tliche Weisheit.

25 Denn die göt­tliche Torheit ist weis­er, denn die Men­schen sind; und die göt­tliche Schwach­heit ist stärk­er, denn die Men­schen sind.

Quelle:
https://ebible.org/deu1912/1CO01.htm

1 | Paulus lehnt unter römis­ch­er Besatzung die schein­bar alter­na­tivlose Alter­na­tive ((jüdisch)griechisch) ab: hier Zeichen­forderung, dort Weisheits­be­weis. Statt sich in diese Vor­gaben einzuschreiben, set­zt er einen drit­ten Weg: das Kreuz als Torheit, Ärg­er­nis und Kraft. Genau darin liegt die Meta­pher für Cas­par Decurtins: Auch er akzep­tiert unter den Bedin­gun­gen der zweit­en indus­triellen Rev­o­lu­tion nicht ein­fach die Alter­na­tive ((staat)macht). Er sucht eine dritte Form — soziale Organ­i­sa­tion, katholis­che Milieu­bil­dung, Genossen­schaft, Sprache, Erin­nerung — also eine Macht­form, die nicht ein­fach Staat ist, aber auch nicht blosse Ohn­macht bleibt.

2 | In 1 Kor 1,20 verdichtet Paulus die Alter­na­tive noch ein­mal: ((Schriftgelehrte)Weltweisen). Die einen ste­hen für Schrift, Gesetz und Ausle­gung; die anderen für Ver­nun­ft, Begriff und Welt­deu­tung. Man kann darin Schriftkul­tur und eine Vor­form mod­ern­er Reflex­ion­skul­tur lesen. Paulus wählt keine der bei­den Seit­en. Er set­zt die «Torheit des Kreuzes» als dritte Form gegen bei­de.

Die Torheit des Kreuzes ist nicht Dummheit.

Sie ist die Weigerung, sich von den herrschen­den Alter­na­tiv­en beurteilen zu lassen.

Paulus akzep­tiert wed­er ((jüdisch)griechisch) noch ((Schriftgelehrte)Weltweisen): nicht Zeichen­macht, nicht Weisheits­macht, nicht Schrift­gelehrsamkeit, nicht Weltver­nun­ft. Das Kreuz passt in keine dieser Anerken­nungs­for­men. Es ist ein Ereig­nis, das die Massstäbe selb­st lächer­lich macht.

Die Torheit des Kreuzes ist die Form, in der Ohn­macht nicht ein­fach Ohn­macht bleibt, son­dern Macht ent­larvt.

  • Nicht stärk­er sein.
    Römer: Gewalt, Ord­nung, Imperi­um, Durch­set­zung.
  • Nicht Zeichen erzwin­gen.
    Juden: Beglaubi­gung, Wun­der, sicht­bar­er Beweis, göt­tlich­es Zeichen.
  • Nicht bess­er argu­men­tieren.
    Griechen: Weisheit, Begriff, Schule, Weltver­nun­ft.
  • Nicht bess­er rech­nen.
    Lib­erale: Markt, Nutzen, Ver­trag, Eigen­tum, Effizienz.
  • Nicht den Staat übernehmen.
    Sozial­is­ten: Macht durch Staat­sap­pa­rat, Pla­nung, Umverteilung.
  • Nicht Gegen­macht spie­len.
    Rev­o­lu­tionäre: die Gegen­seite der Macht, die oft deren Form wieder­holt.

Son­dern eine dritte Form bauen, in der sicht­bar wird, dass die ange­blich alter­na­tivlosen Alter­na­tiv­en selb­st das Prob­lem sind.

  • Gewalt
  • Zeichen
  • Gelehrtheit
  • Markt
  • Staat
  • Gegen­macht

Bei Cas­par Decurtins hiesse das: Unter den Bedin­gun­gen der zweit­en indus­triellen Rev­o­lu­tion nicht ein­fach ((staat)macht) akzep­tieren, son­dern soziale For­men schaf­fen, die wed­er Staat noch blosse Ohn­macht sind: Genossen­schaft, Milieu, Sprache, Erin­nerung, Organ­i­sa­tion von unten.

Die Torheit des Kreuzes ist der Moment, in dem das Schwache nicht siegt, indem es stark wird — son­dern indem es zeigt, wie töricht die herrschende Stärke ist.

8./9. September 2026: “Die Gestalt dieser Welt vergeht.”[/h]

  1. Korinther 7,25–31
    Luther­bibel 1912

25 Von den Jungfrauen aber habe ich kein Gebot des HERRN; ich sage aber meine Mei­n­ung, als der ich Barmherzigkeit erlangt habe von dem HERRN, treu zu sein.

26 So meine ich nun, solch­es sei gut um der gegen­wär­ti­gen Not willen, es sei dem Men­schen gut, also zu sein.

27 Bist du an ein Weib gebun­den, so suche nicht los zu wer­den; bist du los vom Weibe, so suche kein Weib.

28 So du aber freist, sündigst du nicht; und so eine Jungfrau fre­it, sündigt sie nicht; doch wer­den solche leib­liche Trüb­sal haben; ich ver­schonte aber euer gern.

29 Das sage ich aber, liebe Brüder: Die Zeit ist kurz. Weit­er ist das die Mei­n­ung: Die da Weiber haben, dass sie seien, als hät­ten sie keine;

30 und die da wein­ten, als wein­ten sie nicht; und die sich freuten, als freuten sie sich nicht; und die da kaufen, als besässen sie es nicht;

31 und die diese Welt brauchen, dass sie der­sel­ben nicht miss­brauchen. Denn das Wesen dieser Welt verge­ht.

Quelle:
https://ebible.org/deu1912/1CO07.htm

Andere Über­set­zun­gen:

  1. Luther 1912 / 2017
    «Denn das Wesen dieser Welt verge­ht.»
  2. Elber­felder
    «Denn die Gestalt dieser Welt verge­ht.»
  3. Zürcher Bibel
    «Denn die Gestalt dieser Welt verge­ht.»
  4. Ein­heit­süber­set­zung 2016
    «Denn die Gestalt dieser Welt verge­ht.»
  5. Neue Gen­fer Über­set­zung
    «Denn die Welt in ihrer jet­zi­gen Gestalt ist dem Unter­gang gewei­ht.»
  6. Menge
    «Denn die Welt in ihrer jet­zi­gen Gestalt geht dem Unter­gang ent­ge­gen!»

Nicht: Die Welt ist nichts.
Son­dern: Ihre Gestalt ist vor­läu­fig.
Sie sitzt nicht fest.
Sie verge­ht.

PS: wusstest du, dass das christliche kirchen­jahr nur 3 geburt­stage feiert?

die geburt von:

  • maria: 8. sep­tem­ber
  • jesus: 24./25. dezem­ber
  • johannes: 24. juni

es geht um den tod. die art und weise, wie men­schen andere men­schen pla­gen, zer­stören, ermor­den. es geht darum, wie ein gutes leben gelebt wer­den kann.

DIE GESTALT DER WELT ÄNDERT SICH.
dissent.is/echoraum

  • lesung vom 9. sep­tem­ber 2026

16. September

Lukas 7,31–35 (Luther­bibel 1912)

31 Aber der HERR sprach: Wem soll ich die Men­schen dieses Geschlechts ver­gle­ichen, und wem sind sie gle­ich?

32 Sie sind gle­ich den Kindern, die auf dem Mark­te sitzen und rufen gegeneinan­der und sprechen: Wir haben euch gep­fif­f­en, und ihr habt nicht getanzt; wir haben euch geklagt, und ihr habt nicht geweint.

33 Denn Johannes der Täufer ist gekom­men und ass kein Brot und trank keinen Wein; so sagt ihr: Er hat den Teufel.

34 Des Men­schen Sohn ist gekom­men, isset und trin­ket; so sagt ihr: Siehe, der Men­sch ist ein Fress­er und Wein­säufer, der Zöll­ner und Sün­der Fre­und!

35 Und die Weisheit muss sich recht­fer­ti­gen lassen von allen ihren Kindern.

Quelle:
https://ebible.org/deu1912/LUK07.htm

Cornelius und Cyprian

Spoiler

Am 16. Sep­tem­ber erin­nert die katholis­che Liturgie an Cor­nelius und Cypri­an: zwei Bis­chöfe des 3. Jahrhun­derts, die vom Römis­chen Reich ver­fol­gt wur­den und zugle­ich selb­st bere­its erstaunlich präzise darüber entsch­ieden, wer zur Kirche gehörte, wer aus­geschlossen wurde und unter welchen Bedin­gun­gen Verge­bung und Wieder­auf­nahme möglich waren.

Die Pointe liegt genau darin: Die Kirche wurde nicht erst im 4. Jahrhun­dert zur Mach­tor­gan­i­sa­tion. Ihre eigene Gram­matik von Zuge­hörigkeit, Autorität und Auss­chluss ent­stand schon, als ihre Bis­chöfe noch ver­fol­gt wur­den. 380 ver­band sich diese längst entwick­elte kirch­liche Ord­nung mit impe­ri­aler Geset­zes­macht.

Zwei Bischöfe zwischen Verfolgung und Organisation

Cor­nelius war von 251 bis 253 Bischof von Rom. Cypri­an, um 200 geboren, war seit etwa 248/249 Bischof von Kartha­go. Sie waren Zeitgenossen, kor­re­spondierten miteinan­der und standen vor dem­sel­ben Prob­lem: Was sollte mit jenen Christin­nen und Chris­ten geschehen, die während der Ver­fol­gung ihren Glauben nicht durchge­hal­ten hat­ten?

Unter Kaiser Decius mussten Bewohn­er des Reich­es 249/250 den tra­di­tionellen Göt­tern opfern und sich dies bescheini­gen lassen. Nach heutigem Forschungs­stand war diese Anord­nung wahrschein­lich nicht aus­drück­lich als antichristlich­es Gesetz for­muliert. Für Chris­ten wurde sie den­noch exis­ten­ziell: Wer nur einen Gott anerkan­nte, kon­nte das ver­langte Opfer kaum leis­ten, ohne seinen Glauben zu ver­leug­nen. (Cam­bridge Uni­ver­si­ty Press)

Das macht die frühen Chris­ten für die römis­che Ord­nung inter­es­sant.

«Radikale Paz­i­fis­ten» trifft einen Teil der Über­liefer­ung: Zahlre­iche frühchristliche Autoren lehn­ten Töten und Mil­itär­di­enst grund­sät­zlich ab. Gle­ichzeit­ig sind christliche Sol­dat­en schon vor Kon­stan­tin nach­weis­bar. Von einem ein­heitlich paz­i­fistis­chen Chris­ten­tum kann deshalb nicht gesprochen wer­den. (Tay­lor & Fran­cis Online)

«Radikale Anar­chis­ten» wäre noch prob­lema­tis­ch­er. Sie woll­ten nicht notwendig jede Herrschaft abschaf­fen. Aber sie kon­nten sich gegenüber dem Imperi­um wie radikale Loy­al­itätsver­weiger­er ver­hal­ten: Der Kaiser war nicht Gott. Die Reichs­göt­ter waren keine Göt­ter. Staatlich ver­langtes Opfer kon­nte ver­weigert wer­den. Das let­zte Wort beanspruchte eine andere Ord­nung.

Das war im Römis­chen Reich keine pri­vate religiöse Marotte. Reli­gion, poli­tis­che Loy­al­ität und öffentliche Ord­nung waren nicht sauber voneinan­der getren­nte Bere­iche. Opfer gehörten zur Ord­nung des Gemein­we­sens und zur Beziehung zwis­chen Herrsch­er und Beherrscht­en. (Cam­bridge Uni­ver­si­ty Press)

Also vielle­icht:

Das Römis­che Reich ver­fol­gte Chris­ten, die radikale Paz­i­fis­ten, radikale Anar­chis­ten, radikale Egal­itäre und radikale Geg­n­er religiös-poli­tis­ch­er Loy­al­ität­spflicht­en waren.

Eine Bewe­gung, die aus ein­er radikal herrschaft­skri­tis­chen, gewaltkri­tis­chen und gemein­schaftlichen Jesusüber­liefer­ung kommt, begin­nt bere­its im 3. Jahrhun­dert selb­st Hier­ar­chie, Zuge­hörigkeit, Auss­chluss, Busse und legit­ime Autorität zu organ­isieren.

dissent.is/echoraum | ein­trag 16.09.2026

Aber nun wird es inter­es­sant.

Die Verfolgten organisieren bereits selbst Zugehörigkeit

Nach der decis­chen Ver­fol­gung standen Cor­nelius und Cypri­an vor Tausenden soge­nan­nter lap­si: Men­schen, die geopfert, sich eine Opferbescheini­gung beschafft oder son­st dem staatlichen Druck nachgegeben hat­ten.

Die Frage lautete:

Dür­fen sie zurück?

Nova­t­ian in Rom ver­trat eine rig­oris­tis­che Posi­tion. Cor­nelius und Cypri­an hiel­ten eine Wieder­auf­nahme grund­sät­zlich für möglich – nach Busse und unter kirch­lich fest­gelegten Bedin­gun­gen. (Cam­bridge Uni­ver­si­ty Press)

Das klingt zunächst barmherzig.

Insti­tu­tionell betra­chtet passiert aber noch etwas anderes.

Die Bis­chöfe beanspruchen die Kom­pe­tenz zu entschei­den,

  1. wer zur Kirche gehört,
  2. wer ausser­halb der Kirche ste­ht,
  3. welch­es Amt legit­im ist,
  4. welche Abwe­ichung als Schis­ma gilt,
  5. welche Busse erforder­lich ist,
  6. und wann jemand wieder in die Gemein­schaft aufgenom­men wer­den darf.

Cypri­an schreibt 251 an Cor­nelius über Anhänger Nova­tians, man habe beschlossen, diese «von unser­er Gemein­schaft fernzuhal­ten». (BKV Bib­lio­thek)

Anderen schreibt er, sie soll­ten in den «Schoß ihrer Mut­ter, das heißt: der katholis­chen Kirche» zurück­kehren. (BKV Bib­lio­thek)

Und in sein­er Schrift über die Ein­heit der Kirche for­muliert er den Anspruch noch radikaler:

«Gott kann der nicht mehr zum Vater haben, der die Kirche nicht zur Mut­ter hat.»

Die insti­tu­tionelle Zuge­hörigkeit wird damit unmit­tel­bar mit dem Heil ver­bun­den. (BKV Bib­lio­thek)

Das ist keine Staats­macht.

Aber macht­los ist es auch nicht.

Cyprian ist dafür besonders aufschlussreich

Die neuere Forschung beschreibt Cypri­ans Kirchen­ver­ständ­nis aus­ge­sprochen deut­lich. Die grundle­gende Autorität liege für ihn bei den recht­mäs­sig einge­set­zten Bis­chöfen. (Cam­bridge Uni­ver­si­ty Press)

Der Alth­is­torik­er John F. Matthews weist noch auf etwas Bemerkenswertes hin: Cypri­an spricht über Bis­chöfe in Kat­e­gorien, die an römis­che Mag­is­trate und Richter erin­nern. Seine Über­tra­gung juridis­ch­er Kat­e­gorien auf die Kirche habe das west­liche Chris­ten­tum nach­haltig geprägt. (OUP Aca­d­e­m­ic)

Noch schär­fer ist eine Unter­suchung von Allen Brent: Cypri­an habe ältere Rechte der Mär­tyr­er und Beken­ner bei der Ver­söh­nung von Abge­fal­l­enen zurückge­drängt und die Autorität zur Wieder­auf­nahme stärk­er beim Bischof konzen­tri­ert. Brent inter­pretiert dies aus­drück­lich als Ausweitung bis­chöflich­er Kon­trolle auf neue Bere­iche des kirch­lichen Lebens. (Cam­bridge Uni­ver­si­ty Press)

Das verän­dert die Erzäh­lung erhe­blich.

Nicht:

Hier die macht­lose, anar­chis­che Urkirche – und dort später die kor­rumpierte Staatskirche.

Son­dern:

Während das Imperi­um die Kirche von aussen diszi­plin­iert, entwick­elt die Kirche im Innern ihre eigene dis­ci­plina.

Und beide bezahlen dennoch mit ihrem Leben

Cor­nelius wurde 252/253 nach Cen­tum­cel­lae, dem heuti­gen Civ­i­tavec­chia, ver­ban­nt und starb dort im Juni 253. Dass er tat­säch­lich hin­gerichtet wurde, ist his­torisch nicht gesichert; die spätere Mär­tyr­erüber­liefer­ung ist prob­lema­tisch. (Trec­ca­ni)

Cypri­an wurde unter Kaiser Valer­ian zunächst ver­ban­nt. 258 wurde die Ver­fol­gung ver­schärft. Am 14. Sep­tem­ber 258 wurde er in Kartha­go zum Tod verurteilt und enthauptet. Die Prozessüber­liefer­ung gehört zu den aussergewöhn­lich gut doku­men­tierten frühchristlichen Mär­tyr­erak­ten. (OUP Aca­d­e­m­ic)

Wir haben also tat­säch­lich diese merk­würdi­ge Gle­ichzeit­igkeit:

250: Das Römis­che Reich ver­langt religiöse Kon­for­mität.

251: Cor­nelius und Cypri­an organ­isieren ihrer­seits kirch­liche Kon­for­mität, Abwe­ichung, Auss­chluss und Wieder­auf­nahme.

253: Cor­nelius stirbt nach sein­er Ver­ban­nung.

258: Der römis­che Staat lässt Cypri­an enthaupten.

380: Das Imperi­um erk­lärt jene christliche Glaubens­form zur verbindlichen Ortho­dox­ie, die mit den Bis­chöfen von Rom und Alexan­dria iden­ti­fiziert wird. Ihre Anhänger wer­den im Gesetz aus­drück­lich «katholis­che Chris­ten» genan­nt. (Inter­net His­to­ry Source­books)

Unsere Interpretation

Es wäre his­torisch nicht halt­bar zu behaupten, Cor­nelius und Cypri­an hät­ten bere­its auf eine zukün­ftige Staatskirche hingear­beit­et. Über ihre Absicht­en kön­nen wir das nicht sagen.

Struk­turell lässt sich aber etwas anderes beobacht­en:

Die Kirche lernt Herrschaft, bevor sie staatliche Herrschaftsmit­tel besitzt.

Sie organ­isiert Ämter, entschei­det über legit­ime und ille­git­ime Zuge­hörigkeit, definiert Abwe­ichun­gen, ver­fügt über Auss­chluss und Wieder­auf­nahme und bindet diese Entschei­dun­gen schliesslich an das Heil.

Als das Römis­che Reich im 4. Jahrhun­dert christlich wird, muss es diese insti­tu­tionelle Gram­matik nicht erst erfind­en.

Sie ist schon da.

380 geschieht deshalb nicht ein­fach:

Der Staat macht aus ein­er macht­losen Gemein­schaft eine Machtkirche.

Son­dern eher:

Eine bere­its entwick­elte kirch­liche Mach­tord­nung erhält Anschluss an die Macht­mit­tel des Imperi­ums.

Das macht Cor­nelius und Cypri­an am 16. Sep­tem­ber so inter­es­sant. Wir erin­nern uns an zwei Män­ner, die Opfer staatlich­er religiös­er Diszi­plin­ierung wur­den – und die gle­ichzeit­ig entschei­dend daran mitar­beit­eten, eine eigene kirch­liche Diszi­plin­ierung­sor­d­nung auszubauen.

Die Ver­fol­gten wis­sen bere­its, wer dazuge­hören darf.

Quellen

  1. Bib­lio­thek der Kirchen­väter, Uni­ver­sität Freiburg: Cypri­an, «Über die Ein­heit der katholis­chen Kirche»
    https://bkv.unifr.ch/de/works/cpl-41/versions/uber-die-einheit-der-katholischen-kirche-bkv
  2. Bib­lio­thek der Kirchen­väter: Cypri­an, Briefe an Cor­nelius, ins­beson­dere Briefe 44, 47 und weit­ere
    https://bkv.unifr.ch/de/works/cpl-50/versions/briefe-bkv‑8
  3. Stu­art Hall, «Eccle­si­ol­o­gy forged in the wake of per­se­cu­tion», Cam­bridge His­to­ry of Chris­tian­i­ty
    https://www.cambridge.org/core/books/cambridge-history-of-christianity/ecclesiology-forged-in-the-wake-of-persecution/46C3E28D9C7C4AC39D0F2677B84C23F6
  4. Allen Brent, «Cyprian’s Recon­struc­tion of the Mar­tyr Tra­di­tion», Jour­nal of Eccle­si­as­ti­cal His­to­ry
    https://www.cambridge.org/core/journals/journal-of-ecclesiastical-history/article/abs/cyprians-reconstruction-of-the-martyr-tradition/C4A95147814E6129B0DAEC9700D77CD8
  5. John F. Matthews, «Cypri­an, c. 200–258 CE», Oxford Clas­si­cal Dic­tio­nary
    https://academic.oup.com/edited-volume/61673/chapter-abstract/548724175
  6. J. B. Rives, «The Decree of Decius and the Reli­gion of Empire», Jour­nal of Roman Stud­ies
    https://www.cambridge.org/core/journals/journal-of-roman-studies/article/abs/decree-of-decius-and-the-religion-of-empire/CBAD383D53A66A01EB67E75022C373E2
  7. Codex Theo­dosianus XVI.1.2, Edikt von Thes­sa­loni­ki, 380
    https://sourcebooks.web.fordham.edu/source/theodcodeXVI.asp

Nach unserer Cornelius/Cyprian-Lektüre bekommt diese Tageslesung fast einen zweiten Boden.

  1. Der Witz des Gle­ich­niss­es

Die Leute auf dem Markt leg­en zuerst die Spiel­regeln fest und beschw­eren sich dann, dass die anderen nicht richtig mit­spie­len:

«Wir haben euch gep­fif­f­en, und ihr habt nicht getanzt; wir haben euch geklagt, und ihr habt nicht geweint.»

Egal welch­es Spiel ange­boten wird: falsch.

  1. Johannes und Jesus

Johannes lebt asketisch:

«ass kein Brot und trank keinen Wein»

Reak­tion:

«Er hat den Teufel.»

Jesus macht das Gegen­teil. Er isst, trinkt und verkehrt mit den Falschen.

Reak­tion:

«Fress­er und Wein­säufer, der Zöll­ner und Sün­der Fre­und!»

Das ist ziem­lich präzise: Nicht das konkrete Ver­hal­ten ist das Prob­lem. Das Urteil ste­ht bere­its fest. Die Kri­te­rien wer­den nachgeliefert.

  1. Und dann dieser let­zte Satz

«Und die Weisheit muss sich recht­fer­ti­gen lassen von allen ihren Kindern.»

Das ist die Pointe.

Weisheit zeigt sich nicht daran, ob jemand die erwartete Rolle kor­rekt spielt. Sie zeigt sich an dem, was daraus her­vorge­ht.

Oder schär­fer:

Nicht Kon­for­mität recht­fer­tigt eine Prax­is, son­dern ihre Fol­gen.

Und jet­zt wird es für unseren heuti­gen Zusam­men­hang unan­genehm inter­es­sant.

Nur etwa 220 Jahre später disku­tieren Bis­chöfe bere­its sehr genau:

Wer gehört dazu?
Wer hat falsch gehan­delt?
Wer muss Busse tun?
Wer darf wieder here­in?
Wer darf vergeben?
Welch­er Bischof ist legit­im?

Die Jesus­fig­ur in Lukas 7 erscheint dage­gen bemerkenswert schw­er diszi­plin­ier­bar:

Johannes isst nicht: falsch.
Jesus isst: falsch.
Johannes zieht sich zurück: verdächtig.
Jesus sitzt mit Zöll­nern und Sün­dern am Tisch: skan­dalös.

Vielle­icht liegt darin die eigentliche Irri­ta­tion dieses Textes:

Jesus beant­wortet die Frage «Wie muss man sich ver­hal­ten, um richtig zu sein?» nicht mit ein­er neuen Ver­hal­tensor­d­nung.

Er zer­stört vielmehr die Sicher­heit jen­er, die über das richtige Ver­hal­ten urteilen wollen.

Und dann, 35:

Die Weisheit muss sich nicht durch die Wächter der Ord­nung recht­fer­ti­gen lassen. Sie zeigt sich an ihren Kindern.

Für unseren Cor­nelius/­Cypri­an-Text wäre das eine ziem­lich schöne Span­nung:

Um 30: «Zöll­ner und Sün­der Fre­und!»
Um 250: Wer darf wieder in die Gemein­schaft aufgenom­men wer­den?
380: Welche Form des Chris­ten­tums ist für das Reich die richtige?

Quelle:
https://ebible.org/deu1912/LUK07.htm


23. September

Lukas 9,1–6
Luther­bibel 1912, ss-Schrei­bung

1 Er rief aber die Zwölf zusam­men und gab ihnen Gewalt und Macht über alle Teufel und dass sie Seuchen heilen kon­nten,

2 und sandte sie aus, zu predi­gen das Reich Gottes und zu heilen die Kranken.

3 Und sprach zu ihnen: Ihr sollt nichts mit euch nehmen auf den Weg, wed­er Stab noch Tasche noch Brot noch Geld; es soll auch ein­er nicht zwei Röcke haben.

4 Und wo ihr in ein Haus geht, da blei­bet, bis ihr von dan­nen zieht.

5 Und welche euch nicht aufnehmen, da gehet aus von der­sel­ben Stadt und schüt­telt auch den Staub ab von euren Füssen zu einem Zeug­nis über sie.

6 Und sie gin­gen hin­aus und durch­zo­gen die Märk­te, predigten das Evan­geli­um und macht­en gesund an allen Enden.

Quelle:
https://ebible.org/deu1912/LUK09.htm

Padre Pio von Pietrel­ci­na, 1887 geboren und 1968 gestor­ben, war Kapuzin­er, Priester und eine der eigen­willig­sten religiösen Fig­uren des 20. Jahrhun­derts. Um ihn sam­melten sich Men­schen, weil sie Heilung, Trost, Rat und eine ungewöhn­liche Gegen­wart sucht­en; zugle­ich blieb sein Leben von Mis­strauen, kirch­lich­er Kon­trolle und dem Ver­dacht auf Selb­stin­sze­nierung begleit­et.

Am heuti­gen Fest­tag trifft seine Fig­ur auf Lukas 9,1–6. Jesus schickt die Zwölf los: ohne Vor­rat, ohne Absicherung, ohne Instru­mente zur Kon­trolle des Erfol­gs. Sie sollen han­deln, heilen, reden, ein­treten — und die Wirkung nicht besitzen wollen. Wo etwas anschliesst, bleiben sie; wo nichts anschliesst, gehen sie weit­er.

Pater Bruno fasst Padre Pio deshalb so: die Kon­trolle der eige­nen Wirk­samkeit Gott über­lassen.

Man kann «Gott» hier als Namen für die Unver­füg­barkeit dessen hören, was aus Hand­lun­gen wird. Kom­mu­nika­tion lässt sich begin­nen, aber ihre Wirkung nicht beherrschen. Han­deln heisst dann nicht, Wirkung herzustellen, son­dern Bedin­gun­gen zu set­zen und offen zu lassen, was daraus entste­ht.

Padre Pio wird so weniger als Wun­dertäter inter­es­sant denn als Fig­ur ein­er radikalen Prax­is: han­deln, ohne sich die Wirkung anzueignen.

  • gib deinen gläu­bi­gen ein lauteres herz, damit sie hören, wo ihre liebe gebraucht wird.
  • gib deinen gläu­bi­gen ein lauteres herz, damit im eige­nen tun hör­bar bleibt, was sich nicht machen lässt.
  • gib deinen gläu­bi­gen ein lauteres herz, damit im lärm der gewalt die liebe hör­bar bleibt.

24. September

Kohelet / Predi­ger 1,2–11
Luther­bibel 1912, ss-Schrei­bung

2 Es ist alles ganz eit­el, sprach der Predi­ger, es ist alles ganz eit­el.

3 Was hat der Men­sch für Gewinn von all sein­er Mühe, die er hat unter der Sonne?

4 Ein Geschlecht verge­ht, das andere kommt; die Erde aber bleibt ewiglich.

5 Die Sonne geht auf und geht unter und läuft an ihren Ort, dass sie daselb­st wieder aufge­he.

6 Der Wind geht gen Mit­tag und kommt herum zur Mit­ter­nacht und wieder herum an den Ort, da er anf­ing.

7 Alle Wass­er laufen ins Meer, doch wird das Meer nicht voller; an den Ort, dahin sie fliessen, fliessen sie immer wieder.

8 Es sind alle Dinge so voll Mühe, dass es nie­mand ausre­den kann. Das Auge sieht sich nim­mer satt, und das Ohr hört sich nim­mer satt.

9 Was ist’s, das geschehen ist? Eben das her­nach geschehen wird. Was ist’s, das man getan hat? Eben das man her­nach wieder tun wird; und geschieht nichts Neues unter der Sonne.

10 Geschieht auch etwas, davon man sagen möchte: Siehe, das ist neu? Denn es ist zuvor auch geschehen in den lan­gen Zeit­en, die vor uns gewe­sen sind.

11 Man gedenkt nicht, wie es zuvor ger­at­en ist; also auch des, das her­nach kommt, wird man nicht gedenken bei denen, die danach sein wer­den.

Quelle:
https://ebible.org/deu1912/ECC01.htm

Ernst Peter Fis­ch­er schrieb dir am 30. Juli 2009 und bestätigte als Quelle Wolf­gang Pauli:

«das noch Ältere … [war] immer das Neue»

Quelle: Wolf­gang Pauli, Wis­senschaftlich­er Briefwech­sel, Band IV‑1, Springer, Berlin 1996, S. 400.

Fis­ch­er fügte dazu an, dass die Quan­ten­mechanik konzep­tionell wom­öglich nur ein langer Umweg zu Ein­sicht­en sei, die Her­ak­lit oder Aris­tote­les bere­its früher for­muliert hat­ten.

Deine verdichtete Fas­sung

«Das Neue ist stets das noch Ältere.»

ist also deine Umstellung/Verdichtung. Pauli selb­st sagt sin­ngemäss:

«Das noch Ältere ist immer das Neue.»

Und das sitzt ger­adezu unheim­lich neben Kohelet 1:

«Geschieht auch etwas, davon man sagen möchte: Siehe, das ist neu? Denn es ist zuvor auch geschehen in den lan­gen Zeit­en, die vor uns gewe­sen sind.»

Da haben wir denselben Gedanken einmal biblisch und einmal quantenphysikalisch.

Kohelet sagt: «Es gibt nichts Neues unter der Sonne.» Alles kehrt wieder: Sonne, Wind, Wass­er, Mühe, Freude, Erin­nerung. Was uns neu erscheint, ist oft nur deshalb neu, weil wir vergessen haben, was schon ein­mal war.

Wolf­gang Pauli dreht diesen Gedanken auf eigen­tüm­liche Weise um: «Das noch Ältere ist immer das Neue.» Das Neue entste­ht dann nicht dadurch, dass wir Ver­gan­gen­heit abschüt­teln, son­dern indem wir tiefer zurück­ge­hen. Hin­ter dem zulet­zt Gewohn­ten tauchen ältere For­men, Fra­gen und Ein­sicht­en auf, die unter verän­derten Bedin­gun­gen plöt­zlich wieder aktuell wer­den.

Ernst Peter Fis­ch­er erläuterte dir das am Beispiel der Quan­ten­mechanik: Vielle­icht sei sie konzep­tionell nur ein langer Umweg zurück zu Ein­sicht­en, die Her­ak­lit oder Aris­tote­les bere­its for­muliert hat­ten.

So gele­sen wider­sprechen sich Kohelet und Pauli nicht. Kohelet warnt vor der Selb­stüber­schätzung des Neuen. Pauli zeigt, wo wirk­liche Erneuerung liegen kön­nte: nicht im immer Neueren, son­dern im Wiederfind­en des noch Älteren.

Das Neue wäre dann nicht das Gegen­teil des Alten.

Das Neue wäre das Alte, das unter neuen Bedin­gun­gen wieder les­bar wird.

30. September

Hiob 1–16, Ein­heit­süber­set­zung.

1 Da antwortete Ijob und sprach: 2 Wahrhaftig weiß ich, dass es so ist: / Wie wäre ein Men­sch bei Gott im Recht! 3 Wenn er mit ihm recht­en wollte, / nicht auf eins von tausend kön­nte er ihm Antwort geben. 4 Weisen Sinnes und stark an Macht — / wer böte ihm Trotz und bliebe heil? 5 Er ver­set­zt Berge; sie merken es nicht, / dass er in seinem Zorn sie umstürzt. 6 Er erschüt­tert die Erde an ihrem Ort, / sodass ihre Säulen erzit­tern. 7 Er spricht zur Sonne, sodass sie nicht strahlt, / er ver­siegelt die Sterne. 8 Er span­nt allein den Him­mel aus / und schre­it­et ein­her auf den Höhen des Meeres. 9 Er macht das Stern­bild des Bären, den Ori­on, / das Siebenge­stirn, die Kam­mern des Südens. 10 Er macht so Großes, es ist nicht zu erforschen, / Wun­derdinge, sie sind nicht zu zählen. 11 Zieht er an mir vorüber, ich sehe ihn nicht, / fährt er daher, ich bemerke ihn nicht. 12 Rafft er hin­weg, wer hält ihn zurück? / Wer darf zu ihm sagen: Was machst du da? 13 Gott hält seinen Zorn nicht zurück, / unter ihm mussten selb­st Rahabs Helfer sich beu­gen. 14 Wie sollte denn ich ihm Antwort geben, / wie meine Worte gegen ihn wählen? 15 Und wäre ich im Recht, ich kön­nte nicht antworten, / um Gnade müsste ich bei meinem Richter fle­hen. 16 Wollte ich rufen, würde er mir Antwort geben? / Ich glaube nicht, dass er auf meine Stimme hört. 

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