…und du wirst sagen: WIR HABEN VON ALLEM NICHTS GEWUSST. (so?)

Die historische Partitur funktioniert besser als die bisherigen Wellen.
Besonders interessant: Wir sehen jetzt Brüche statt bloss Schwankungen.
Aber die Ausschläge sind noch nicht historisch begründet. Das wäre der nächste wissenschaftliche Schritt.
Und nun zurück zu unserer anderen Frage: Wie erzählen wir die Geschichte der Generationen, ohne in deren Selbstbeschreibungen gefangen zu bleiben?
| Historische Station | Anarchie – Anordnung | Commons – Zugang | Inklusion – Legitimation | Pazifismus – Durchsetzung |
|---|---|---|---|---|
| 1. Ab 529: Benediktinische Klosterkultur | ↑ Gemeinschaft mit eigener Regel. ↓ Gehorsam gegenüber dem Abt. | ↑ Kein persönliches Eigentum; Versorgung nach Bedarf. ↓ Verfügung durch die Klosterleitung. | ↑ Brüderliche Gemeinschaft. ↓ Begrenzte Mitgliedschaft und hierarchische Rollen. | ↑ Regelgebundene Konfliktbearbeitung. ↓ Disziplinierung und Strafen. |
| 2. 1395–1524: Oberer Bund und Freistaat der Drei Bünde | ↑ Gemeinden organisieren ihre Ordnung. ↓ Herrschaftsrechte und lokale Eliten bleiben. | ↑ Gemeinsame Sicherung von Verkehrswegen und Interessen. ↓ Untertanengebiete. | ↑ Gerichtsgemeinden erhalten politische Stimme. ↓ Keine allgemeine Gleichberechtigung. | ↑ Landfrieden, Schiedsgerichtsbarkeit. ↓ Fehden, Feldzüge, Strafgewalt. |
| 3. 1525–1660: Reformation und Bauernbewegungen | ↑ Kritik an kirchlicher und weltlicher Obrigkeit. ↓ Neue konfessionelle Herrschaftsordnungen. | ↑ Gemeindliche Neuordnung und teilweise Gütergemeinschaft. ↓ Enteignungen und konfessionelle Besitzkonflikte. | ↑ Forderung nach religiöser Selbstbestimmung. ↓ Verfolgung Andersgläubiger. | ↑ Täuferische Gewaltfreiheit, später Quäker. ↓ Bauernkrieg und Religionskriege. |
| 4. 1660–1789: Aufklärung und frühe Industrialisierung | ↑ Kritik absoluter Herrschaft. ↓ Zentralisierung moderner Staaten. | ↑ Gemeindliche Allmenden bestehen fort. ↓ Einhegungen und Privatisierung. | ↑ Ideen allgemeiner Rechte. ↓ Koloniale Herrschaft, Sklaverei, Ständeordnung. | ↑ Friedensentwürfe und Quäkertradition. ↓ Koloniale und dynastische Kriege. |
| 5. 1789–1815: Revolutionen | ↑ Republikanische Selbstregierung. ↓ Revolutionäre Zentralgewalt und Napoleon. | ↑ Abschaffung feudaler Privilegien. ↓ Eigentumsordnung bleibt sozial ungleich. | ↑ Erklärung universeller Rechte. ↓ Ausschluss von Frauen und vieler kolonialisierter Menschen. | ↑ Freiheits- und Friedensversprechen. ↓ Revolutionsterror und Koalitionskriege. |
| 6. 1830–1848: Manchester, Marx, Engels | ↑ Anarchismus, Arbeitervereine, Selbstorganisation. ↓ Fabrikdisziplin und kapitalistische Verfügungsmacht. | ↑ Rochdale-Genossenschaft 1844. ↓ Konzentration der Produktionsmittel. | ↑ Arbeiterbewegung und Wahlrechtsforderungen. ↓ Klassenherrschaft und Verelendung. | ↑ Solidarische Konfliktbearbeitung. ↓ Staatliche Repression und gewaltsame Klassenkonflikte. |
| 7. 1877–1891: Decurtins, katholische Sozialreform, «Rerum novarum» | ↑ Lokale Verbände und gesellschaftliche Selbsthilfe. ↓ Kirchliche Autorität und paternalistische Ordnung. | ↑ Arbeitervereine, Versicherungs- und Solidaritätsmodelle. ↓ Verteidigung des Privateigentums. | ↑ Arbeiterwürde, Arbeitsrecht, Schutz der Schwachen. ↓ Konfessionelle und geschlechtliche Grenzen. | ↑ Soziale Verständigung statt Klassenkampf. ↓ Konfliktunterdrückung im Namen sozialer Ordnung. |
| 8. 1914–1918: Erster Weltkrieg | ↑ Internationale Friedensbewegung, Kriegsverweigerung. ↓ Kriegsstaat und militärische Befehlsgewalt. | ↑ Selbsthilfe und Kriegsgenossenschaften. ↓ Zwangsbewirtschaftung für Kriegszwecke. | ↑ Forderungen nach politischer Neuordnung. ↓ Nationalistische Ausgrenzung. | ↑ Pazifistische Opposition. ↓ Industrialisierte Massengewalt. |
| 9. 1919–1933: Weimar, Jazz, Demokratie, Radikalisierung | ↑ Räte, Republik, kulturelle Experimente. ↓ Autoritäre Bewegungen und politische Gewalt. | ↑ Genossenschaften, Wohnungsbau, Sozialpolitik. ↓ Wirtschaftskrisen und Verteilungskonflikte. | ↑ Frauenwahlrecht, neue Freiheiten. ↓ Antisemitismus und antidemokratische Mobilisierung. | ↑ Völkerbund, Friedensbewegung. ↓ Paramilitärische Gewalt. |
| 10. 1933–1945: Nationalsozialismus und Zivilisationsbruch | ↑ Widerstand in kleinen, gefährdeten Netzwerken. ↓ Führerstaat und totale Unterordnung. | ↑ Illegale gegenseitige Hilfe unter Verfolgten. ↓ Enteignung, Raub und Zwangsarbeit. | ↑ Rettung, Solidarität und Widerstand. ↓ Rassenstaat, Verfolgung und Shoah. | ↑ Gewissenswiderstand und Hilfe für Verfolgte. ↓ Vernichtungskrieg und industriell organisierter Massenmord. |
| 11. 1945–1965: Menschenrechte und Wiederaufbau | ↑ Demokratische Neugründungen und kommunale Selbstverwaltung. ↓ Kalter Krieg und Blockdisziplin. | ↑ Sozialstaat, öffentliche Infrastruktur, Genossenschaften. ↓ Neue wirtschaftliche Konzentration. | ↑ UNO, Menschenrechte 1948, Dekolonisation. ↓ Fortdauernde Diskriminierung. | ↑ UNO-Charta, internationale Friedensordnung. ↓ Atomare Abschreckung und Stellvertreterkriege. |
| 12. 1968–1979: Babyboomer und neue Bewegungen | ↑ Antiautoritäre Praxis, selbstverwaltete Räume. ↓ Neue Führungszirkel und institutionelle Vereinnahmung. | ↑ Kommunen, Kollektive, alternative Ökonomien. ↓ Marktintegration alternativer Lebensformen. | ↑ Frauen‑, Bürgerrechts- und Behindertenbewegungen. ↓ Fortbestehende institutionelle Barrieren. | ↑ Friedensbewegung, ziviler Ungehorsam. ↓ Politische Radikalisierung und bewaffnete Gruppen. |
| 13. 1980–1991: Generation X, Deregulierung, GNU | ↑ Autonome Netzwerke, freie Software. ↓ Ökonomische Zentralisierung. | ↑ GNU 1983, offene technische Zusammenarbeit. ↓ Privatisierung und verschärfte Eigentumsregime. | ↑ Neue Partizipations- und Bürgerrechtsbewegungen. ↓ Prekarisierung und neue Ungleichheiten. | ↑ Abrüstungsbewegung, Ende des Kalten Kriegs. ↓ Stellvertreterkriege und fortgesetzte Aufrüstung. |
| 14. 1992–2019: Internet, Millennials, Open Commons | ↑ Vernetzte Selbstorganisation, Open Source. ↓ Plattformmacht und Überwachung. | ↑ Wikipedia, Creative Commons, gemeinsames Wissen. ↓ Datenmonopole und Kommerzialisierung. | ↑ Globale Vernetzung und neue Zugänge. ↓ Ungleiche Teilhabe und algorithmische Ausschlüsse. | ↑ Internationale Zusammenarbeit und zivile Netzwerke. ↓ Neue Kriege, Terror und militärische Interventionen. |
| 15. 2020–2026: Krisen, Infrastruktur und #commorque | ↑ Lokale Selbstorganisation, dezentrale Infrastruktur. ↓ Zentralisierte technische und politische Abhängigkeiten. | ↑ Energiegenossenschaften, Open Science, Community Care. ↓ Plattformkonzentration und Ressourcenextraktion. | ↑ Neue Formen adressierbarer Teilhabe. ↓ Polarisierung, Vertreibung und Zugangsbarrieren. | ↑ Zivile Hilfe, Vermittlung, gewaltfreie Kooperation. ↓ Kriege und Angriffe auf zivile Infrastruktur. |
Eine entscheidende Präzisierung: Die Öffnungen in der Zeile 1933–1945 sind widerständige Praktiken gegen das NS-Regime. Sie sind keine Öffnungen des Regimes selbst. Die Shoah ist zudem nicht einfach ein weiterer Ausschlag einer historischen Gewaltkurve.
«Wir haben von allem nichts gewusst.»
Eine soziologische Versuchsanordnung über den Alltag vor, während und nach dem Zivilisationsbruch.
1. Die Tabelle, von der wir ausgegangen sind
| Deutschland 1924–1945 | Europa 2022–2026 |
|---|---|
| «Wir haben gefeiert.» Berlin, Jazz, Charleston, neue Freiheiten. Gleichzeitig politische Gewalt, soziale Not und wachsende Radikalisierung. | Wir reisen, feiern, arbeiten, konsumieren. Gleichzeitig erleben wir Kriege, Aufrüstung und politische Polarisierung. Das Nebeneinander von Normalität und Krise wird alltäglich. |
| «Wir wollten doch nur unsere Arbeit machen.» Unternehmen, Verwaltungen und Berufsorganisationen passten sich zunehmend an das NS-Regime an. | Wir optimieren Prozesse, automatisieren Entscheidungen und erfüllen Aufträge. Aber wer untersucht, welchen gesellschaftlichen Ordnungen unsere Arbeit dient? |
| «Wir hatten doch unsere Probleme.» Inflation, Arbeitslosigkeit und Abstiegsängste prägten die Weimarer Gesellschaft. Politische Bewegungen boten einfache Schuldzuschreibungen an. | Teuerung, Wohnungsnot und Zukunftsunsicherheit prägen politische Auseinandersetzungen. Wann werden aus sozialen Problemen Erzählungen über angeblich schuldige Bevölkerungsgruppen? |
| «Die gehören eben nicht zu uns.» Antisemitische Ausgrenzung wurde zwischen 1933 und 1938 systematisch in Recht, Verwaltung und gesellschaftlichen Alltag übersetzt. | Über Zugehörigkeit, Migration und Flucht wird zunehmend entlang nationaler und kultureller Grenzen gestritten. Welche Unterscheidungen werden gesellschaftlich selbstverständlich? |
| «Die bekommen auch noch Sonderrechte!» Die nationalsozialistische «Volksgemeinschaft» organisierte Zugehörigkeit ausdrücklich über die Ausgrenzung anderer. | «Und die Ukrainer mit ihrer Spezialbehandlung?» Unterschiedliche Schutzregelungen werden zum Gegenstand von Verteilungskonflikten. Wann verwandelt sich die Diskussion über Rechtsansprüche in Ressentiments gegen Schutzsuchende? |
| «Wir mussten halt mitmachen.» Christopher Browning zeigt, wie Gruppendruck, Konformität und berufliche Routinen zur Beteiligung gewöhnlicher Männer an Massenmorden beitrugen. | Wir erleben Anpassungsdruck in Organisationen und öffentlichen Debatten. Welche Entscheidungen treffen wir, weil «es eben so läuft», obwohl wir ihre Folgen problematisch finden? |
| «Dass es so schlimm kommen würde, konnte niemand ahnen.» Verfolgung und Gewalt waren bereits vor Kriegsbeginn öffentlich sichtbar. Die spätere Behauptung völliger Unkenntnis hält einer historischen Prüfung nicht stand. | Kriegsgefahren, Menschenrechtsverletzungen und demokratische Gefährdungen sind heute öffentlich dokumentiert. Was nehmen wir wahr, und welche Konsequenzen ziehen wir daraus? |
| «Wir haben doch nichts gewusst.» Nach 1945 wurden im Familiengedächtnis Beteiligung, Verantwortung und Mitwisserschaft vielfach umgedeutet. | Was könnten wir 2045 rückblickend über 2026 erzählen? Und welche Ausreden würden uns dann vielleicht besonders plausibel erscheinen? |
Die linke Spalte ist eine historisch gestützte Verdichtung, keine Sammlung wörtlicher Zeitzeugen-Zitate. Die rechte Spalte ist unsere gegenwartsdiagnostische Fragestellung, keine empirisch nachgewiesene Gleichsetzung.
2. Die Literatur, die wir dafür brauchen
| Autor / Untersuchung | Was wir daraus gewinnen |
|---|---|
| Detlev Peukert – Die Weimarer Republik (1987) | Wie gesellschaftliche Modernisierung, Krisenerfahrung und politische Radikalisierung zusammenhängen. |
| Michael Wildt – Volksgemeinschaft als Selbstermächtigung (2007) | Wie gesellschaftliche Ausgrenzung nicht nur von oben angeordnet, sondern aktiv mitgetragen wird. |
| Christopher Browning – Ordinary Men (1992) | Wie gewöhnliche Menschen zu Tätern werden, ohne dass alle überzeugte Ideologen sein müssen. |
| Zygmunt Bauman – Modernity and the Holocaust (1989) | Warum Bürokratie, Rationalisierung und Arbeitsteilung an der Ermöglichung moderner Massengewalt beteiligt sein können. |
| Harald Welzer, Sabine Moller, Karoline Tschuggnall – Opa war kein Nazi (2002) | Wie Familien ihre Vergangenheit nachträglich so erzählen, dass Verantwortung verschwindet. |
Zum historischen Fundament:
- Deutsches Historisches Museum, Alltag und Kultur der Weimarer Republik: https://www.dhm.de/lemo/kapitel/weimarer-republik/kunst-und-kultur
Deutsches Historisches Museum (DHM)
- Michael Wildt, gesellschaftliche Beteiligung an antisemitischer Politik: https://www.cambridge.org/core/books/abs/cambridge-history-of-the-holocaust/popular-participation-in-antijewish-policy-up-to-1938/18B1BEC75C7DB3F35363856A7345F6E1
The Cambridge History of the Holocaust
- Christopher Browning, Ordinary Men: https://search.worldcat.org/title/556351598
WorldCat.org
- Zygmunt Bauman, Modernity and the Holocaust: https://www.wiley-vch.de/de?isbn=9780745606859&option=com_eshop&title=Modernity+and+the+Holocaust&view=product
Modernity and the Holocaust
- Welzer et al., Opa war kein Nazi: https://www.fischerverlage.de/buch/harald-welzer-sabine-moller-opa-war-kein-nazi-9783596155156
S. Fischer Verlage
Für die Gegenwart haben wir ebenfalls überprüfbare Anhaltspunkte: Die Antirassismuskommission des Europarats dokumentiert 2026 eine zunehmende Normalisierung von Hassrede. Die EU-Kommission beobachtet positive wie negative Entwicklungen der Rechtsstaatlichkeit. Der Schweizer Bundesrat hat den Schutzstatus S für Menschen aus der Ukraine im August 2026 bis März 2028 verlängert und zugleich weitere Einschränkungen beschlossen.
Portal+2
Das belegt konkrete gesellschaftliche Spannungen. Es belegt nicht, dass Europa unmittelbar vor einem weiteren Zivilisationsbruch steht.
3. Und jetzt der eigentliche Clou
Ich würde die Tabelle nicht mit dem Wissen von 1945 beginnen.
- Wir müssen uns gedanklich in einen Berliner Tanzsaal von 1928 setzen.
Niemand dort kennt das Jahr 1945.
Niemand weiss, wie diese Geschichte enden wird.
Man hört Jazz. Man verliebt sich. Man arbeitet. Man ärgert sich über Politiker. Man hat Probleme. Man hat Pläne.
Und genau an diesem Punkt stellen wir daneben das Jahr 2026.
Nicht weil Geschichte sich wiederholen müsste, sondern weil wir ebenfalls nicht wissen, wie unsere Geschichte weitergeht.
Der entscheidende Unterschied zwischen den beiden Spalten: Links kennen wir das Ende. Rechts nicht.
Das könnte unsere eigentliche Methode sein: Wir vergleichen nicht historische Ergebnisse, sondern gesellschaftliche Beobachtungsweisen unter Bedingungen einer offenen Zukunft.
4. Eine letzte, unangenehme Frage
- Was wäre, wenn unser Problem gar nicht darin bestünde, zu wenig zu wissen?
- Sondern darin, dass wir hervorragend informiert sind, aber unsere täglichen Routinen davon weitgehend unberührt bleiben?
Dann wären die vier Machtdimensionen unserer #TheStaubBernasconiMatrix nicht der Anfang dieser Untersuchung, sondern ihr analytisches Instrument.
Wir könnten untersuchen, wie Normalität organisiert, Zugang verteilt, Ausschluss legitimiert und Gewalt durchgesetzt wird.
Und plötzlich wären wir wieder bei unserem Ausgangspunkt:
Die unendliche Arbeit am Sozialen
Vielleicht braucht diese Geschichte gar keine spektakuläre Grafik.
Sondern nur zwei Spalten.
1928: «Das konnte doch niemand wissen.»
2026: «Das kann doch niemand wissen.»
Und dazwischen die Frage: Was hätten wir damals beobachten können – und was beobachten wir heute nicht?
Das wäre unsere These, noch kein empirisches Ergebnis.
