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Palantir steht in der Schweiz nicht vor der Tür. Palantir sitzt längst im Raum.
Worum es geht?
Das Zürcher Handelsgericht hat die Gegendarstellungsklage von Palantir gegen die Republik weitgehend abgewiesen. Von 23 Forderungen wurde nur eine gutgeheissen. Palantir verlangte keine Löschung der Recherche, kein Publikationsverbot und keinen Schadenersatz, sondern Gegendarstellungen im selben digitalen Publikationsraum.
Warum es wichtig ist?
Die Erzählung «Palantir gegen Schweizer Journalismus» greift zu kurz. Interessanter ist die Frage, warum Palantir noch immer als fremder Akteur dargestellt wird, obwohl öffentlich dokumentierte Verbindungen in die Schweizer Digital‑, Wirtschafts- und Mediennetzwerke bestehen.

Kontextualisierung
Für Palantir sind Gerichtskosten bedeutungslos. Entscheidend ist etwas anderes: die eigene Version der Geschichte im selben publizistischen Raum zu platzieren.
Republik ist kein Printmedium, sondern ein digitales Magazin. Eine Gegendarstellung ist dort nicht einfach ein gedruckter Kasten auf Seite 7. Sie wird Teil desselben digitalen Archivs, derselben Suchmaschinenlogik, derselben Referenzstruktur.
Palantir ist in der Schweiz nicht der fremde Akteur vor der Tür.
Palantir sitzt längst im Raum.
Über Digital Switzerland.
Über Ringier.
Über Netzwerke von Politik, Wirtschaft, Medien und staatlicher Digitalisierung.
Das heisst nicht, dass jede Verbindung eine institutionelle Verflechtung beweist. Aber es heisst, dass die Schweiz Palantir nicht nur von aussen beobachtet. Palantir ist längst Teil jener Informationsinfrastruktur, in der Digitalisierung, Plattformlogik und öffentliche Kommunikation ineinander greifen.
Der blinde Fleck liegt deshalb nicht nur bei Palantir.
Er liegt bei der Schweiz, die sich gern als neutrale Beobachterin fremder Plattformmacht beschreibt, während sie deren Strukturen längst mitträgt.
Links
- Anlass / Primärquelle: https://www.republik.ch/2026/06/13/palantir-gegen‑die-republik-das-urteil
- Stellungnahme Palantir: https://medium.com/@palantir/response-to-the‑z%C3%BCrich-commercial-courts-ruling-on-palantir-s-right-of-reply-3705d99321f0
- Digital Switzerland / Vorstand: https://digitalswitzerland.com/about/board
- Ringier / Palantir Partnerschaft: https://www.ringier.com/de/ringier-gruppe-hoeherer-gewinn-und-strategische-partnerschaft-mit-palantir/
- Palantir / Ringier: https://www.palantir.com/impact/ringier/
- Kontext Schweiz: https://www.swissinfo.ch/ger/krieg-frieden/warum-palantir-zum-risiko‑f%C3%BCr-die-schweiz-wird/90707294
Nachtrag vom 1. Juli 2026
Republik Magazin hat das Verfahren online gestellt.
Damit wird unser Eindruck präziser: Lächerlich ist nicht das Verfahren selbst. Lächerlich ist die nachträgliche Heroisierung eines Verfahrens, in dem zwei professionelle Kommunikationsapparate um Deutungshoheit ringen – und beide Seiten so tun, als kämpften sie bloss für Wahrheit und offene Debatte.
Besonders interessant ist die Doppelstrategie:
- Palantir versucht, journalistische Wertungen wie «hartnäckig», «abgeblitzt», «Überwachungstechnologie» oder «tödliche Kriegswaffe» in korrigierbare Tatsachenbehauptungen umzudeuten.
- Die Republik deutet ein enges zivilrechtliches Gegendarstellungsverfahren zum Angriff einer «autoritären Tech-Oligarchie» auf Pressefreiheit und Meinungsfreiheit um.
Das Verhältnis 22:1 bedeutet nicht, dass das Gericht 22 Aussagen der Republik als wahr bestätigt hätte. Viele Begehren wurden abgewiesen, weil die beanstandeten Formulierungen als Wertungen galten, weil Palantirs Gegendarstellung über den ursprünglichen Aussagekern hinausging oder weil eine unmittelbare persönliche Betroffenheit nicht dargelegt wurde. Teilweise hielt das Gericht ausdrücklich fest, dass sich eine weitere inhaltliche Prüfung damit erübrige. Die Republik macht daraus dennoch eine «klare Validierung» ihrer Recherche und einen Sieg der Pressefreiheit. Das ist kommunikativ deutlich grösser als das juristische Ergebnis:
Das Gericht entschied über die Zulässigkeit konkreter Gegendarstellungen, nicht über Palantir als Konzern und auch nicht über die journalistische Gesamtqualität der Artikel.


Synopse der 23 Beanstandungen (pdf)
| Grund | Anzahl der 22 Abweisungen |
|---|---|
| unmittelbare persönliche Betroffenheit fehlte oder war unzureichend dargelegt | 21 |
| Gegendarstellung war zusätzlich inhaltlich unzulässig, ausufernd, wiederholend oder bloss Selbstdarstellung | 20 |
| Republik-Aussage ausdrücklich als wahr festgestellt | 0 |
- Die Republik überzieht das Urteil kommunikativ
Die Republik bezeichnet den Entscheid als «klare Validierung» ihrer Arbeit und als «erdrückenden Sieg». Prozessual ist das verständlich: 22 Begehren wurden abgewiesen, die Kosten zu 95 Prozent Palantir auferlegt.
Inhaltlich ist die Formulierung irreführend. Das Gericht validierte nicht 22 Aussagen. Es erklärte hauptsächlich, weshalb Palantirs verlangte Gegenformulierungen mit dem engen Instrument der Gegendarstellung nicht funktionieren.
- Die eigentliche Pointe
Palantir versuchte, journalistische Wertungen, redaktionelle Auswahl und kritische Rahmung in korrigierbare Tatsachenbehauptungen umzudeuten.
Die Republik deutet die weitgehende Abweisung dieser schlecht konstruierten Gegendarstellungen in einen gerichtlichen Wahrheitsbeweis und einen historischen Sieg der Pressefreiheit um.
Damit wird das Verfahren tatsächlich etwas lächerlich:
Palantir scheitert überwiegend daran, dass seine Unternehmenskommunikation kein zulässiger Gegendarstellungstext ist. Die Republik feiert dieses juristische Formversagen anschliessend als umfassende Validierung ihrer Recherche. Beide produzieren aus einem engen medienrechtlichen Verfahren eine Heldengeschichte.
Wenn ich #Accents 009 noch einmal schreiben lassen würde…
#Accents009 handelt nicht primär vom Prozess Republik gegen Palantir. Der Prozess ist nur der aktuelle Anlass, an dem ein viel älteres Arrangement sichtbar wird: #WalderGate.
- Die Chronologie
| Jahr | Ereignis | Form |
|---|---|---|
| 1877 | Caspar Decurtins bearbeitet die soziale Frage als dritten Weg | weder Staat noch Markt |
| 2018 | Marc Walder lädt als Initiant von digitalswitzerland am WEF in Davos in den Palantir-Pavillon: Alex Karp, Bundespräsident Alain Berset, UBS, SNB, Swisscom, SBB, Roche usw. | Staat UND Markt |
| 2018 | Karp ist Stargast des von Walder mitveranstalteten Schweizer Digitalgipfels | Palantir wird als Partner der Schweizer Digitalisierung eingeführt |
| 2020 | Das WEF lanciert #TheGreatReset als «Stakeholder Capitalism»: stärkere Regierungen und privatwirtschaftliche Beteiligung «every step of the way» | programmatisiertes Staat UND Markt |
| 2021 | Ringier und Palantir vertiefen ihre Partnerschaft; Foundry wird in Redaktion und Werbung eingesetzt | Medien werden Teil der gemeinsamen Infrastruktur |
| 2026 | Republik inszeniert Palantir als fremde Macht, die den Schweizer Journalismus angreift | das Arrangement macht sich unsichtbar |
Der digitalswitzerland-Anlass fand am 24. Januar 2018 ausdrücklich bei Palantir in Davos statt. Walder begrüsste Karp als Hausherrn; im Raum waren die Spitzen von Staat, staatsnahen Betrieben, Finanzwirtschaft, Industrie und Medien. Das ist nicht bloss ein «Netzwerk». Das ist die sichtbare Form von Staat UND Markt. (cash.ch)
Noch im November 2018 präsentierte Walder Karp als Stargast des ersten Schweizer Digitalgipfels. (Blick)
Am 3. Juni 2020 formulierte das WEF diese Logik als #TheGreatReset ausdrücklich aus: stärkere und effektivere Regierungen, privatwirtschaftliches Engagement bei jedem Schritt und eine Stakeholder-Ordnung aus Regierung, Wirtschaft und Zivilgesellschaft. (World Economic Forum)
2021 erklärte Ringier dann öffentlich, Palantirs Foundry werde in Redaktionen und Werbeabteilungen eingesetzt; bei Blick hätten bis zu 85 Prozent der Redaktion täglich damit gearbeitet. (Ringier)
- Der eigentliche Skandal
Nicht:
Palantir versucht, in die Schweiz einzudringen.
Sondern:
Die Schweiz hat Palantir längst als Infrastrukturpartner ihrer staatlich-wirtschaftlich-medialen Digitalisierung etabliert.
Und der Mann, der Palantir in diesem Raum präsentiert, ist zugleich:
- Ringier-Chef,
- Initiant von digitalswitzerland,
- Gastgeber von Alex Karp,
- Medienunternehmer,
- Mitproduzent der öffentlichen Erzählung über Digitalisierung.
Das ist #WalderGate.
- Die Pointe von Graubünden
Unsere historische Gegenfigur ist nicht der liberale Ruf:
Markt statt Staat.
Und auch nicht der sozialistische Ruf:
Staat statt Markt.
1877 lautet die Verdichtung:
weder Staat noch Markt.
Für 2024/2026 kommt hinzu:
auch nicht Staat und Markt.
#TheGreatReset ist genau jene dritte Formation, die in der üblichen Links-rechts-Unterscheidung kaum sichtbar wird: Staat und Markt verbinden ihre Machtmittel, Daten, Institutionen, Medien und Legitimationen. Das Ergebnis ist nicht der Ausgleich ihrer Schwächen, sondern potenziell die Kombination ihrer schlechtesten Eigenschaften.
- Konsequenz für #Accents009
Neu schreiben. Kein Nachtrag.
Der bisherige Text bleibt zu sehr beim Gerichtsverfahren und bei der These, Palantir sitze «längst im Raum».
Die präzisere Pointe lautet:
Palantir sitzt nicht einfach im Raum.
Der Raum wurde gemeinsam von Staat, Markt und Medien für Palantir eingerichtet.
Der Republik-Prozess gehört erst ans Ende: als jener Moment, in dem ausgerechnet ein Schweizer Medium Palantir wieder als äusseren Angreifer inszeniert – und damit #WalderGate unsichtbar macht. Die 23 Gegendarstellungen sind dafür Belegmaterial, aber nicht das Thema.
Das Verfahren Republik vs. Palantir vernebelt, wer Palantir den Raum eingerichtet hat.
Oder noch schärfer:
Republik gegen Palantir ist nicht die Aufdeckung von Macht. Es ist die kommunikative Form, in der Staat UND Markt ihre gemeinsame Vorgeschichte unsichtbar machen.
#Accents009 zeigte: Palantir steht in der Schweiz nicht vor der Tür. Palantir sitzt längst im Raum. #Accents018 fragt nun: Wer hat diesen Raum eingerichtet? Der Prozess Republik gegen Palantir ist dafür nicht der eigentliche Skandal, sondern der Anlass, an dem ein älteres Arrangement sichtbar wird: #WalderGate.
