«Neue Dringlichkeit» steht in der Tradition der programmatischen Selbstbenennungen der Moderne und Avantgarde:
- Neue Sachlichkeit
- Neues Bauen
- Neue Typographie
- Neue Musik
- Neue Subjektivität
- Neue Wilde
- Neue Einfachheit
Die Formel «Neue + abstrakter Begriff» bezeichnet nicht bloss etwas Aktuelles. Sie behauptet einen historischen Einschnitt:
Das bisherige Verständnis von Sachlichkeit, Bauen, Musik – oder eben Dringlichkeit – genügt unter den veränderten Bedingungen nicht mehr.
«Neue Sachlichkeit» entstand als Abkehr vom expressionistischen Pathos und als Hinwendung zur sichtbaren sozialen und ökonomischen Wirklichkeit. Der Begriff wurde insbesondere durch Hartlaubs Mannheimer Ausstellung von 1925 etabliert. (Deutsches Historisches Museum (DHM)) «Neue Typographie» bezeichnete ebenfalls nicht bloss eine neue Gestaltungsmode, sondern ein avantgardistisches Programm für eine veränderte Mediengesellschaft; Jan Tschichold kodifizierte es 1928. (The Museum of Modern Art)
«Neue Dringlichkeit» verschiebt diese Tradition von der Form auf die Zeit.
Neue Sachlichkeit fragte:
- Wie müssen wir die Wirklichkeit jetzt darstellen?
Neue Dringlichkeit fragt:
- Was duldet keinen weiteren Aufschub?
Der Titel ist deshalb weniger eine Stilbezeichnung als eine Intervention. Er
- diagnostiziert eine veränderte Lage,
- erklärt die bisherigen Routinen für unzureichend,
- erzeugt einen Handlungsimperativ,
- behauptet den Beginn einer anderen Gegenwart.
Die stärkste Formulierung wäre:
Neue Dringlichkeit ist die avantgardistische Benennung einer Gegenwart, in der Beobachtung nicht mehr genügt.
Oder noch zugespitzter:
Neue Dringlichkeit ist die Neue Sachlichkeit nach Ablauf der Bedenkzeit.
Ein erhebliches Problem gibt es allerdings: «Neue Dringlichkeit» ist bereits der Name eines 2010 in Zürich gegründeten Kollektivs an der Grenze von Kunst, Theater und Aktivismus. (what-can-art-do.ch) Der Titel steht also nicht nur in dieser Tradition – er ist bereits konkret besetzt.
damals:
Projektleiterin
- Rachel Mader
Projektmitarbeiterinnen
- Nina Bandi
- Marina Belobrovaja
- Siri Peyer
- Bernadett Settele
2018 erfunden und sofort wieder schlafen gelegt. aus gründen ;-)
und dann war da noch um 2010: https://nd-blog.org/about/
Das waren keine anonymen «Dringlichen». Der engere Kreis von Neue Dringlichkeit bestand insbesondere aus:
- Miriam Walther Kohn
- Christopher Kriese
- Maja Leo
- Liliane Koch
- Stephan Stock
Diese fünf führten 2014 und 2018 das ausführliche Gespräch über die Entwicklung und Institutionalisierung des Kollektivs.
Früher gehörte auch Marcel Grissmer zu den Gründungsmitgliedern. ((nD))
Beim Projekt Zurück in die Zukunft / Labor der Zukünfte 2017 waren zusätzlich unter anderem dabei:
- Nele Solf
- Theresa Behling
- Johanna Egger
- Patrizia Fedier
- Tali Furrer
- Yannick Geske
- Benny Hauser
- Paulina Kind
- Dagmar Kestner
- Fabian Ristau
- Lisa Schröter
- Michel Weber (Zurück in die Zukunft)
Ich vermute, dass vor allem Miriam Walther Kohn, Christopher Kriese, Maja Leo und Nele Solf bei uns klingeln.









































































































































