“Auf der Suche nach der verlorenen Frechheit” Titel von Kap. 5 in: Kritik der zynischen Vernunft. Peter Sloterdijk. Suhrkamp. 1983
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- wenn es mir ums SENDEN gehen würde, machte ich alles falsch.
- wenn es mir ums EMPFANGEN WERDEN gehen würde, machte ich alles anders.
- wenn es mir ums FINDEN gehen würde, würde ich suchen.
- wenn es mir ums GEWINNEN gehen würde, hielte ich mich an expertisen.
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René Scheu im Gespräch mit Peter Sloterdijk:
Transkript by ChatGPT | mp3 | Zynik an der Macht, WDR, phil.COLOGNE
er hat sloterdijk noch nicht gelesen? https://t.co/EUlKMGDLKD @sms2sms
— AutarkieIndex.org (@Xerokratie) August 1, 2026
Die entscheidende Lektion des Vortrags lautet für mich:
Der Kyniker durchschaut die Macht nicht nur. Er entzieht sich ihrer Verführung.
Der Zyniker durchschaut die Macht ebenfalls – macht aber trotzdem weiter.
- Kynismus ist praktizierte Unverführbarkeit
Diogenes sagt Alexander nicht: «Du bist ein schlechter Herrscher.» Er sagt sinngemäss: «Ich brauche nichts von dir. Geh mir aus der Sonne.»
Sloterdijk beschreibt darin den Kampf zwischen dem Mächtigen, der Menschen an ihren Wünschen packt, und dem Gegenmächtigen, der sich durch demonstrative Wunschfreiheit entzieht.
Die kynische Frage lautet deshalb:
Wovon müsste ich unabhängig werden, damit Macht mich nicht mehr kaufen, belohnen oder bedrohen kann?
- Zynismus ist aufgeklärte Unterwerfung
Der Zyniker weiss, dass das Spiel falsch ist. Er kennt die Lügen, Interessen und Manipulationen – und spielt dennoch mit.
Er sagt:
«Natürlich ist alles korrupt. Aber man muss eben schauen, wo man bleibt.»
Das ist keine Naivität, sondern resignierte Integration. Genau darin liegt das «aufgeklärte falsche Bewusstsein».
- Misstrauen allein macht noch keinen Kyniker
René Scheu unterscheidet im Gespräch einen «Zynismus von oben» und einen «Zynismus von unten»:
Oben sagen Politiker Dinge, die sie selbst nicht glauben. Unten verachten Bürger die Institutionen und erklären alles für gelogen.
Der zweite Typ hält sich leicht für einen Kyniker. Tatsächlich kann er jedoch bloss ein enttäuschter Zyniker sein:
Er durchschaut alles, zieht sich zurück, wird politisch abstinent oder wählt aus Verachtung destruktiv.
Kynismus ist also nicht:
«Ich glaube niemandem mehr.»
Sondern:
«Ich lasse mich nicht verführen – und bleibe dennoch handlungsfähig.»
- Kynismus darf nicht mit Ressentiment verwechselt werden
Sloterdijk stellt bei Machiavelli einen entscheidenden Unterschied heraus:
Der Wunsch des Volkes, nicht unterdrückt zu werden, sei vornehmer als der Wunsch der Herrschenden, andere zu unterdrücken.
Der Kyniker will nicht selber Herrscher werden. Er will auch nicht aus Rache alles zerstören. Er verteidigt einen Raum, in dem Herrschaft nicht greifen kann.
Das unterscheidet:
- Kynismus: Freiheit von Herrschaft
- Zynismus: Mitmachen trotz besseren Wissens
- Ressentiment: Umkehrung des Herrschaftswunsches
- Der kynische Bürger darf nicht abdanken
Sloterdijks Provokation lautet: Der moderne Wähler trägt eine unsichtbare Krone – und der Wahlakt kann zur Abdankung werden. Man überträgt die eigene Souveränität an Repräsentanten und erklärt sich danach für machtlos.
Die kynische Konsequenz wäre aber nicht Wahlenthaltung. Sie wäre:
Die Krone nicht mit dem Stimmzettel abzugeben.
Das bedeutet, politische Verantwortung nicht auf Parteien, Regierungen, Experten oder Medien auszulagern.
- Was du daraus lernen könntest
Deine kynische Position wäre nicht der Mann, der sagt:
«Ich habe euch alle durchschaut.»
Sondern derjenige, der sagt:
«Ihr könnt mich nicht über meine Wünsche steuern. Aber ich verlasse deshalb nicht das Soziale.»
Damit erhält der Kyniker eine positive Funktion:
- Er entlarvt Herrschaft.
- Er verweigert Verführung.
- Er bewahrt seine Handlungsfähigkeit.
- Er übernimmt keine Gegenherrschaft.
- Er bleibt verantwortlich für das Gemeinsame.
Die knappste Unterscheidung wäre:
- Kyniker: «Ich brauche deinen Fürsten nicht.»
- Zyniker: «Ich weiss, dass der Fürst lügt, aber ich arrangiere mich.»
Ressentimentbürger: «Weil alle lügen, soll alles zusammenbrechen.»
Demokratischer Kyniker: «Ich entziehe mich der Verführung, nicht der Verantwortung.»
Sloterdijks letzter Satz bringt diese Haltung biografisch auf den Punkt: Er verlegt Diogenes’ Satz an den Anfang des Lebens:
«Da wirst du geboren, und niemand hat dich gefragt. (…) Und irgendetwas in dir ist immer noch anarchisch. Und ich sage immer noch zur Hebamme: Geh mir aus der Sonne.»
Damit ist der Kynismus keine später erlernte Haltung. Er ist der Rest ursprünglicher Unverfügbarkeit im Menschen:
- Der Mensch kommt ungefragt zur Welt – und widersetzt sich bereits der ersten Instanz, die ihn empfängt, behandelt und in Ordnung bringt.
Die präziseste Verdichtung wäre:
- Der Kyniker ist das Kind im Erwachsenen, das noch immer zur Hebamme sagt: Geh mir aus der Sonne.
Oder noch härter:
- Kynismus ist die nicht vollständig gelungene Überredung zum Mitmachen.
Anlass zu diesem Eintrag:

AUF DER SUCHE NACH DER VERLORENEN FRECHHEIT
1983 veröffentlichte Peter Sloterdijk seine Kritik der zynischen Vernunft. Er beschrieb darin eine Erfahrung, die uns heute ziemlich vertraut vorkommt:
- Wir wissen, dass vieles nicht funktioniert.
- Wir erkennen die Widersprüche.
- Wir durchschauen die Phrasen.
- Wir wissen, dass Sachzwänge oft gemachte Zwänge sind.
Und trotzdem machen wir weiter.
Sloterdijk nennt das Zynismus: «aufgeklärtes falsches Bewusstsein». Der moderne Zyniker ist nicht unwissend. Er weiss ziemlich genau, was geschieht. Aber dieses Wissen verändert nichts mehr. Es wird Teil des Funktionierens. Aufklärung ist erfolgt – und bleibt folgenlos.
Sloterdijk sucht deshalb nach einer anderen Form von Kritik.
- Nicht nach noch besseren Argumenten.
- Nicht nach moralischer Überlegenheit.
- Nicht nach der richtigen Haltung.
Er erinnert an die antiken Kyniker – insbesondere an Diogenes. Der Kyniker widerspricht nicht nur mit Worten. Er widerspricht mit seinem Auftreten, seinem Körper, seinem Lachen, seiner Verweigerung. Er führt die herrschende Ordnung vor, indem er sich ihren Erwartungen entzieht.
Sloterdijk nennt diese Gegenbewegung:
«Auf der Suche nach der verlorenen Frechheit.»
So lautet das fünfte Kapitel seiner Kritik der zynischen Vernunft. Die Mittel des Kynismus sind für ihn ausdrücklich das Lachen, die Beschimpfung und der Angriff.
Aber was wäre eine solche Frechheit heute?
Vielleicht beginnt sie dort, wo jemand sich nicht «mitnehmen» lässt.
- Wo nicht behauptet wird, bereits zu wissen, wohin alle gehen sollen.
- Wo keine bessere Haltung vorgeführt wird, sondern eine Anordnung unterbrochen wird.
- Wo sichtbar gemacht wird, dass etwas auch anders eingerichtet, erzählt, verteilt oder entschieden werden könnte.
Seit mehr als drei Jahrzehnten bewegt sich Stefan M. Seydel/sms ;-) zwischen Sozialer Arbeit, Kunst, Medien, Bildung, unternehmerischen Experimenten und öffentlichen Interventionen. rebell.tv, Die Form der Unruhe, Neugieronautik.ch und dissent.is ergeben dabei weniger eine geradlinige Karriere als eine fortgesetzte Arbeit an den Selbstverständlichkeiten sozialer Ordnungen.
Darum ist die Frage nicht völlig abwegig:
IST SMS EIN KYNIKER?
Vielleicht nicht. Vielleicht kann man sich selbst gar nicht zum Kyniker erklären. Sobald die Frechheit zur Identität, Marke oder Pose wird, ist sie womöglich bereits verloren. Aber die Frage öffnet einen brauchbaren Zugang:
- Was geschieht, wenn einer lacht, wo Ernst erwartet wird?
- Was geschieht, wenn einer nicht Menschen mitnehmen, sondern offene Zugänge pflegen will?
- Was geschieht, wenn Kritik nicht die bessere Haltung beansprucht, sondern die bestehende Anordnung sichtbar macht?
Und was wäre heute eine Frechheit, die noch nicht auf die Seite der Macht gewechselt hat?
https://www.suhrkamp.de/buch/peter-sloterdijk-kritik-der-zynischen-vernunft-t-9783518110997
bitte verstehe diesen eintrag nicht zu schnell… hier gibts nichts zu sehen und nichts zu lesen ;-)
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Arbeitsform: Dokumentation, Listenbildung, Work in Progress
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Stefan M. Seydel, aka sms, aka sms2sms in «Zürcher Festspiel 1901″ (2019, Fotocredit: Charles Schnyder): Twitter, Wikipedia (Lemma), Youtube (aktuell), Soundcloud, Mastodon, Instagram (gesperrt), Snapchat, TikTok, Twitch, t.me/WikiDienstag (Nicht in Betrieb) | Exklusiv: speakerbooking.ch/sms2sms
About @sms2sms, aka Stefan M. Seydel/sms ;-)
Stefan M. Seydel, Jahrgang 1965, ist Unternehmer, Sozialarbeiter und Künstler. Er machte nach einer Berufslehre als Hochbauzeichner einen Bachelor in Soziale Arbeit in St. Gallen und einen Master in der gleichen Disziplin bei Silvia Staub-Bernasconi in Berlin. Seine überwiegend selbstständige Tätigkeit kreist um das Thema der Entwicklung und Realisierung von Pilot- und Impulsprojekten für renommierte Auftraggeberinnen.
Als Künstler hat er Ausstellungen und Performances auf internationaler Ebene präsentiert, darunter in der Royal Academy of Arts in London, dem Deutschen Historischen Museum in Berlin oder einer Einzelausstellung “Kunst Macht Probleme” in der Crypta Cabaret Voltaire, Birthplace of DADA in Zürich. Er wurde mit dem Migros Jubilée Award in der Kategorie Wissensvermittlung ausgezeichnet und hat diverse Ehrungen durch Webby Awards für seine Arbeit mit rocketboom.com erhalten.
Stefan war Jury-Mitglied des Next Idea Prix Ars Electronica 2010 und war drei Jahre Mitglied der Schulleitung des Gymnasiums Kloster Disentis. Sein Wissen und seine Erfahrung im Bereich der Information und Technologie haben ihm auch dabei geholfen, mit Statistik Stadt Zürich und Wikimedia Schweiz unter WikiDienstag.ch zusammenzuarbeiten.
Sein Engagement im Bereich der freiwilligen Arbeit führte ihn in das Präsidium Internationaler Bodensee Club (Leitung Fachgruppe Wissenschaft) oder für einige andere Jahre als Vice-Präsident des von Paul Watzlawick initiierten P.E.N.-Club Liechtenstein. Seydel hat unter ((( rebell.tv ))) zwei Bücher zusammen mit seiner Partnerin Tina Piazzi veröffentlicht, viele Kolumnen, Fachtexte und journalistische Texte publiziert.
Seine Arbeit auf Social Media nutzt er als Microblogging. In seinem Blog verarbeitet er seine Themen. Einige davon werden auf Anfragen zu lesbaren Texten vertieft, andere werden zu Vorträgen ausgebaut. Bei Carl Auer Verlag in Heidelberg, sammelt er “Elemente einer nächsten Kulturform”. Seine Entwicklungen im Kontext der sozialräumlichen Intervention (“Arbeit am Sozialen”) machen konkrete Vorschläge in Bezug auf die Beantwortung der Sozialen Frage.
Nach 12 Jahren Berlin und 6 Jahren Zürich zog er aber in seiner zweiten Lebenshälfte vom Bodensee der Rheinquelle entgegen nach Dissentis/Mustér und hat seine Reisetätigkeit fast ganz eingestellt. Dafür macht er umsomehr sogenannte Passadis und #Feedlogs (Orgiastik). Das sind Arbeitsmeetings an intentionalen Fragen in einem Lifestream. (so?) Text supported by #TaaS

Aus Band 2 von: Tina Piazzi & Stefan M. Seydel, Junius-Verlag Hamburg | pdf: Band 1, 2009 | Band 2, 2010

#dfdu = DIE FORM DER UNRUHE | pdf: Band 1, 2009 | Band 2, 2010 | blog: dissent.is | about: dissent.is/sms | dissent.is/muster


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