Ist SMS ein Kyniker?

“Auf der Suche nach der verlorenen Frechheit” Titel von Kap. 5 in: Kritik der zynischen Vernunft. Peter Sloterdijk. Suhrkamp. 1983

Foto­cre­d­it: Ste­fan Schwenke, u.v.a. der aktuelle Fotograf für das Kloster Dis­sentis | M/ein Blog ist m/ein Karten­raum und k/eine Bühne. Ich weiss, wie man pub­liziert. Das hier ist etwas anderes. d!a!n!k!e | WORK IN PROGRESS reload für aktuellen Schreib­stand | Warum ich nicht pub­liziere? Weil ich es kann. Weil es geht. Weil ich es für angemessen halte. (so?)

  • wenn es mir ums SENDEN gehen würde, machte ich alles falsch.
  • wenn es mir ums EMPFANGEN WERDEN gehen würde, machte ich alles anders.
  • wenn es mir ums FINDEN gehen würde, würde ich suchen.
  • wenn es mir ums GEWINNEN gehen würde, hielte ich mich an exper­tisen.

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René Scheu im Gespräch mit Peter Sloterdijk:

Tran­skript by Chat­G­PT | mp3 | Zynik an der Macht, WDR, phil.COLOGNE

Die entschei­dende Lek­tion des Vor­trags lautet für mich:

Der Kyniker durch­schaut die Macht nicht nur. Er entzieht sich ihrer Ver­führung.
Der Zyniker durch­schaut die Macht eben­falls – macht aber trotz­dem weit­er.

  1. Kynis­mus ist prak­tizierte Unver­führbarkeit

Dio­genes sagt Alexan­der nicht: «Du bist ein schlechter Herrsch­er.» Er sagt sin­ngemäss: «Ich brauche nichts von dir. Geh mir aus der Sonne.»

Slo­ter­dijk beschreibt darin den Kampf zwis­chen dem Mächti­gen, der Men­schen an ihren Wün­schen packt, und dem Gegen­mächti­gen, der sich durch demon­stra­tive Wun­schfrei­heit entzieht.

Die kynis­che Frage lautet deshalb:

Wovon müsste ich unab­hängig wer­den, damit Macht mich nicht mehr kaufen, belohnen oder bedro­hen kann?

  1. Zynis­mus ist aufgek­lärte Unter­w­er­fung

Der Zyniker weiss, dass das Spiel falsch ist. Er ken­nt die Lügen, Inter­essen und Manip­u­la­tio­nen – und spielt den­noch mit.

Er sagt:

«Natür­lich ist alles kor­rupt. Aber man muss eben schauen, wo man bleibt.»

Das ist keine Naiv­ität, son­dern resig­nierte Inte­gra­tion. Genau darin liegt das «aufgek­lärte falsche Bewusst­sein».

  1. Mis­strauen allein macht noch keinen Kyniker

René Scheu unter­schei­det im Gespräch einen «Zynis­mus von oben» und einen «Zynis­mus von unten»:

Oben sagen Poli­tik­er Dinge, die sie selb­st nicht glauben. Unten ver­acht­en Bürg­er die Insti­tu­tio­nen und erk­lären alles für gel­o­gen.

Der zweite Typ hält sich leicht für einen Kyniker. Tat­säch­lich kann er jedoch bloss ein ent­täuschter Zyniker sein:

Er durch­schaut alles, zieht sich zurück, wird poli­tisch absti­nent oder wählt aus Ver­ach­tung destruk­tiv.

Kynis­mus ist also nicht:

«Ich glaube nie­man­dem mehr.»

Son­dern:

«Ich lasse mich nicht ver­führen – und bleibe den­noch hand­lungs­fähig.»

  1. Kynis­mus darf nicht mit Ressen­ti­ment ver­wech­selt wer­den

Slo­ter­dijk stellt bei Machi­avel­li einen entschei­den­den Unter­schied her­aus:

Der Wun­sch des Volkes, nicht unter­drückt zu wer­den, sei vornehmer als der Wun­sch der Herrschen­den, andere zu unter­drück­en.

Der Kyniker will nicht sel­ber Herrsch­er wer­den. Er will auch nicht aus Rache alles zer­stören. Er vertei­digt einen Raum, in dem Herrschaft nicht greifen kann.

Das unter­schei­det:

  1. Kynis­mus: Frei­heit von Herrschaft
  2. Zynis­mus: Mit­machen trotz besseren Wis­sens
  3. Ressen­ti­ment: Umkehrung des Herrschaftswun­sches
  4. Der kynis­che Bürg­er darf nicht abdanken

Slo­ter­dijks Pro­voka­tion lautet: Der mod­erne Wäh­ler trägt eine unsicht­bare Kro­ne – und der Wahlakt kann zur Abdankung wer­den. Man überträgt die eigene Sou­veränität an Repräsen­tan­ten und erk­lärt sich danach für macht­los.

Die kynis­che Kon­se­quenz wäre aber nicht Wahlen­thal­tung. Sie wäre:

Die Kro­ne nicht mit dem Stim­mzettel abzugeben.

Das bedeutet, poli­tis­che Ver­ant­wor­tung nicht auf Parteien, Regierun­gen, Experten oder Medi­en auszu­lagern.

  1. Was du daraus ler­nen kön­ntest

Deine kynis­che Posi­tion wäre nicht der Mann, der sagt:

«Ich habe euch alle durch­schaut.»

Son­dern der­jenige, der sagt:

«Ihr kön­nt mich nicht über meine Wün­sche steuern. Aber ich ver­lasse deshalb nicht das Soziale.»

Damit erhält der Kyniker eine pos­i­tive Funk­tion:

  1. Er ent­larvt Herrschaft.
  2. Er ver­weigert Ver­führung.
  3. Er bewahrt seine Hand­lungs­fähigkeit.
  4. Er übern­immt keine Gegen­herrschaft.
  5. Er bleibt ver­ant­wortlich für das Gemein­same.

Die knapp­ste Unter­schei­dung wäre:

  • Kyniker: «Ich brauche deinen Fürsten nicht.»
  • Zyniker: «Ich weiss, dass der Fürst lügt, aber ich arrang­iere mich.»

Ressen­ti­ment­bürg­er: «Weil alle lügen, soll alles zusam­men­brechen.»

Demokratis­ch­er Kyniker: «Ich entziehe mich der Ver­führung, nicht der Ver­ant­wor­tung.»

Slo­ter­dijks let­zter Satz bringt diese Hal­tung biografisch auf den Punkt: Er ver­legt Dio­genes’ Satz an den Anfang des Lebens:

«Da wirst du geboren, und nie­mand hat dich gefragt. (…) Und irgen­det­was in dir ist immer noch anar­chisch. Und ich sage immer noch zur Hebamme: Geh mir aus der Sonne.»

Damit ist der Kynis­mus keine später erlernte Hal­tung. Er ist der Rest ursprünglich­er Unver­füg­barkeit im Men­schen:

  • Der Men­sch kommt unge­fragt zur Welt – und wider­set­zt sich bere­its der ersten Instanz, die ihn empfängt, behan­delt und in Ord­nung bringt.

Die präzis­es­te Verdich­tung wäre:

  • Der Kyniker ist das Kind im Erwach­se­nen, das noch immer zur Hebamme sagt: Geh mir aus der Sonne.

Oder noch härter:

  • Kynis­mus ist die nicht voll­ständig gelun­gene Überre­dung zum Mit­machen.

Anlass zu diesem Eintrag:

AUF DER SUCHE NACH DER VERLORENEN FRECHHEIT

1983 veröf­fentlichte Peter Slo­ter­dijk seine Kri­tik der zynis­chen Ver­nun­ft. Er beschrieb darin eine Erfahrung, die uns heute ziem­lich ver­traut vorkommt:

  • Wir wis­sen, dass vieles nicht funk­tion­iert.
  • Wir erken­nen die Wider­sprüche.
  • Wir durch­schauen die Phrasen.
  • Wir wis­sen, dass Sachzwänge oft gemachte Zwänge sind.

Und trotz­dem machen wir weit­er.

Slo­ter­dijk nen­nt das Zynis­mus: «aufgek­lärtes falsches Bewusst­sein». Der mod­erne Zyniker ist nicht unwis­send. Er weiss ziem­lich genau, was geschieht. Aber dieses Wis­sen verän­dert nichts mehr. Es wird Teil des Funk­tion­ierens. Aufk­lärung ist erfol­gt – und bleibt fol­gen­los.

Slo­ter­dijk sucht deshalb nach ein­er anderen Form von Kri­tik.

  • Nicht nach noch besseren Argu­menten.
  • Nicht nach moralis­ch­er Über­legen­heit.
  • Nicht nach der richti­gen Hal­tung.

Er erin­nert an die antiken Kyniker – ins­beson­dere an Dio­genes. Der Kyniker wider­spricht nicht nur mit Worten. Er wider­spricht mit seinem Auftreten, seinem Kör­p­er, seinem Lachen, sein­er Ver­weigerung. Er führt die herrschende Ord­nung vor, indem er sich ihren Erwartun­gen entzieht.

Slo­ter­dijk nen­nt diese Gegen­be­we­gung:

«Auf der Suche nach der verlorenen Frechheit.»

So lautet das fün­fte Kapi­tel sein­er Kri­tik der zynis­chen Ver­nun­ft. Die Mit­tel des Kynis­mus sind für ihn aus­drück­lich das Lachen, die Beschimp­fung und der Angriff.

Aber was wäre eine solche Frech­heit heute?

Vielle­icht begin­nt sie dort, wo jemand sich nicht «mit­nehmen» lässt.

  • Wo nicht behauptet wird, bere­its zu wis­sen, wohin alle gehen sollen.
  • Wo keine bessere Hal­tung vorge­führt wird, son­dern eine Anord­nung unter­brochen wird.
  • Wo sicht­bar gemacht wird, dass etwas auch anders ein­gerichtet, erzählt, verteilt oder entsch­ieden wer­den kön­nte.

Seit mehr als drei Jahrzehn­ten bewegt sich Ste­fan M. Seydel/sms ;-) zwis­chen Sozialer Arbeit, Kun­st, Medi­en, Bil­dung, unternehmerischen Exper­i­menten und öffentlichen Inter­ven­tio­nen. rebell.tv, Die Form der Unruhe, Neugieronautik.ch und dissent.is ergeben dabei weniger eine ger­adlin­ige Kar­riere als eine fort­ge­set­zte Arbeit an den Selb­stver­ständlichkeit­en sozialer Ord­nun­gen.

Darum ist die Frage nicht völ­lig abwegig:

IST SMS EIN KYNIKER?

Vielle­icht nicht. Vielle­icht kann man sich selb­st gar nicht zum Kyniker erk­lären. Sobald die Frech­heit zur Iden­tität, Marke oder Pose wird, ist sie wom­öglich bere­its ver­loren. Aber die Frage öffnet einen brauch­baren Zugang:

  • Was geschieht, wenn ein­er lacht, wo Ernst erwartet wird?
  • Was geschieht, wenn ein­er nicht Men­schen mit­nehmen, son­dern offene Zugänge pfle­gen will?
  • Was geschieht, wenn Kri­tik nicht die bessere Hal­tung beansprucht, son­dern die beste­hende Anord­nung sicht­bar macht?

Und was wäre heute eine Frech­heit, die noch nicht auf die Seite der Macht gewech­selt hat?

https://www.suhrkamp.de/buch/peter-sloterdijk-kritik-der-zynischen-vernunft-t-9783518110997

bitte ver­ste­he diesen ein­trag nicht zu schnell… hier gibts nichts zu sehen und nichts zu lesen ;-)

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Ste­fan M. Sey­del, aka sms, aka sms2sms in «Zürcher Fest­spiel 1901″ (2019, Foto­cre­d­it: Charles Schny­der):  Twit­ter, Wikipedia (Lem­ma), Youtube (aktuell), Sound­cloud, Mastodon, Insta­gram (ges­per­rt), Snapchat, Tik­Tok, Twitch, t.me/WikiDienstag (Nicht in Betrieb) | Exk­lu­siv: speakerbooking.ch/sms2sms

About @sms2sms, aka Stefan M. Seydel/sms ;-)

Ste­fan M. Sey­del, Jahrgang 1965, ist Unternehmer, Sozialar­beit­er und Kün­stler. Er machte nach ein­er Beruf­slehre als Hochbauze­ich­n­er einen Bach­e­lor in Soziale Arbeit in St. Gallen und einen Mas­ter in der gle­ichen Diszi­plin bei Sil­via Staub-Bernasconi in Berlin. Seine über­wiegend selb­st­ständi­ge Tätigkeit kreist um das The­ma der Entwick­lung und Real­isierung von Pilot- und Impul­spro­jek­ten für renom­mierte Auf­tragge­berin­nen.

Als Kün­stler hat er Ausstel­lun­gen und Per­for­mances auf inter­na­tionaler Ebene präsen­tiert, darunter in der Roy­al Acad­e­my of Arts in Lon­don, dem Deutschen His­torischen Muse­um in Berlin oder ein­er Einze­lausstel­lung “Kun­st Macht Prob­leme” in der Cryp­ta Cabaret Voltaire, Birth­place of DADA in Zürich. Er wurde mit dem Migros Jubilée Award in der Kat­e­gorie Wis­sensver­mit­tlung aus­geze­ich­net und hat diverse Ehrun­gen durch Web­by Awards für seine Arbeit mit rocketboom.com erhal­ten.

Ste­fan war Jury-Mit­glied des Next Idea Prix Ars Elec­tron­i­ca 2010 und war drei Jahre Mit­glied der Schulleitung des Gym­na­si­ums Kloster Dis­en­tis. Sein Wis­sen und seine Erfahrung im Bere­ich der Infor­ma­tion und Tech­nolo­gie haben ihm auch dabei geholfen, mit Sta­tis­tik Stadt Zürich und Wiki­me­dia Schweiz unter WikiDienstag.ch zusam­men­zuar­beit­en.

Sein Engage­ment im Bere­ich der frei­willi­gen Arbeit führte ihn in das Prä­sid­i­um Inter­na­tionaler Bodensee Club (Leitung Fach­gruppe Wis­senschaft) oder für einige andere Jahre als Vice-Präsi­dent des von Paul Wat­zlaw­ick ini­ti­ierten P.E.N.-Club Liecht­en­stein. Sey­del hat unter ((( rebell.tv ))) zwei Büch­er zusam­men mit sein­er Part­ner­in Tina Piazzi veröf­fentlicht, viele Kolum­nen, Fach­texte und jour­nal­is­tis­che Texte pub­liziert.

Seine Arbeit auf Social Media nutzt er als Microblog­ging. In seinem Blog ver­ar­beit­et er seine The­men. Einige davon wer­den auf Anfra­gen zu les­baren Tex­ten ver­tieft, andere wer­den zu Vorträ­gen aus­ge­baut. Bei Carl Auer Ver­lag in Hei­del­berg, sam­melt er “Ele­mente ein­er näch­sten Kul­tur­form”. Seine Entwick­lun­gen im Kon­text der sozial­räum­lichen Inter­ven­tion (“Arbeit am Sozialen”) machen konkrete Vorschläge in Bezug auf die Beant­wor­tung der Sozialen Frage.

Nach 12 Jahren Berlin und 6 Jahren Zürich zog er aber in sein­er zweit­en Leben­shälfte vom Bodensee der Rhein­quelle ent­ge­gen nach Dissentis/Mustér und hat seine Reisetätigkeit fast ganz eingestellt. Dafür macht er umsomehr soge­nan­nte Pas­sadis und #Feed­logs (Orgiastik). Das sind Arbeitsmeet­ings an inten­tionalen Fra­gen in einem Lifestream. (so?) Text sup­port­ed by #TaaS

Aus Band 2 von: Tina Piazzi & Ste­fan M. Sey­del, Junius-Ver­lag Ham­burg | pdf: Band 1, 2009 | Band 2, 2010

#dfdu = DIE FORM DER UNRUHE | pdf: Band 1, 2009 | Band 2, 2010 | blog: dissent.is | about: dissent.is/sms | dissent.is/muster

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