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Die Sprache wird freundlicher. Die Form bleibt: Aus politischen Fragen werden moralische Urteile über Menschen.
Worum es geht?
Die FDP wirbt 2026 mit dem Satz: «Für alle, die nicht warten, bis es jemand anderes tut.» Gemeint sind Menschen, die den Wecker stellen, aufstehen, leisten und Verantwortung übernehmen.
Die personelle Verbindung zu 2021 ist konkret: David Schärer war als Mitgründer von Rod an der Entwicklung des BAG-Konzepts «Sei kein Arsch!» beteiligt. Heute entwickelt sein DS Studio die FDP-Kampagne.
Warum es wichtig ist?
Es handelt sich nicht bloss um denselben Kampagnenmacher.
Es handelt sich um dieselbe kommunikative Form.
2021:
((Solidarisch)Arsch)
2026:
((Macher)Wartende)
((Leistende)Anspruchsvolle)
((Wache)Schlafende)
((Verantwortliche)Abhängige)
Nicht politische Lösungen werden unterschieden, sondern moralisch bessere und schlechtere Menschen.

Kontextualisierung
Beim BAG-Sujet von 2021 muss präzise formuliert werden:
«Sei kein Arsch!» war keine offiziell ausgespielte BAG-Kampagne.
Das Konzept wurde verworfen.
Über das Öffentlichkeitsgesetz und die anschliessende Berichterstattung wurde es dennoch öffentlich. Die Agentur konnte erklären, weshalb solche Alternativen entwickelt, aber nicht umgesetzt worden seien.
Die Nicht-Ausspielung wurde selbst ausgespielt.
Das war kommunikativ ideal:
Die Botschaft erhielt Öffentlichkeit.
Der Staat konnte sich von ihr distanzieren.
Die Agentur konnte ihre Kreativität erklären.
Die Medien erhielten ein Ereignis.
2026 ist die Moralkommunikation nicht mehr verworfen, sondern offizielle liberale Selbstbeschreibung.
Nicht mehr:
«Sei kein Arsch!»
Sondern:
«Stell den Wecker.»
Die Sprache wird freundlicher.
Die Struktur bleibt paternalistisch.
Der Liberalismus wollte Menschen einst vom Paternalismus befreien. Nach dem Zusammenbruch der Spannung
((Liberalismus)Sozialismus)
verliert er jedoch zunehmend die Fähigkeit, Freiheit positiv zu begründen.
Die historische Linie lautet:
((Liberalismus)Sozialismus)
→ #Neoliberalismus
→ #LiberalPaternalism
→ #LibertärerKatholizismus
Freiheit bleibt die Rhetorik.
Operativ kehren Führung, Erinnerung, richtige Haltung und moralische Bewertung zurück.
Die Partei gegen Bevormundung ernennt sich selbst zum Wecker der Gesellschaft.
Sie weiss, wer wach ist.
Wer Verantwortung übernimmt.
Wer leistet.
Und wer offenbar noch schläft.
Nicht die Kirche kehrt zurück.
Die Struktur kehrt zurück.
Aus Freiheit wird Haltung.
Aus Eigenverantwortung wird Loyalitätsprüfung.
Wenn aus Politik #Moralkommunikation wurde, wozu braucht es dann noch Politik? (so?)
Links
- Anlass / Primärquelle: https://x.com/i/status/2071927857949954547
- FDP-Kampagne / David Schärer: https://www.persoenlich.com/prcorporate-communication/die-fdp-stellt-den-wecker
- BAG-Konzept «Sei kein Arsch!»: https://www.persoenlich.com/kategorie-werbung/diese-botschaft-sollte-die-jungen-zahmen
- Dokumentation 2021: https://dissent.is/2021/09/15/der-staat-verlangt-die-umsetzung-von-massnahmen-gegen-coronavirus-im-bereich-stationaerer-sozialarbeit-ein-argumentarium/
- Begriff: https://dissent.is/moralkommunikation
- Kontext: https://dissent.is/2026/01/17/libertaererkatholizismus/

Sobald ich «Panik-Artikel» höre, über junge Menschen lese und den Namen Salathé sehe, muss ich unweigerlich an #CoronaVirus denken.
Nicht wegen KI. Sondern wegen des Stils.
Wieder spricht Marcel Salathé direkt zu den Jungen. Wieder erklärt Marcel Salathé, welche Medien sie konsumieren sollen. Wieder ordnet Marcel Salathé ihre Gefühle ein. Wieder sagt Marcel Salathé, wie sie die Zukunft sehen sollen. Und wieder beruft sich Marcel Salathé auf seine Autorität – diesmal sogar mit dem Hinweis auf die erste Seite seines Buches.
Genau das hätte Wissenschaftskommunikation nach Corona eigentlich aufarbeiten müssen. Das sogenannte «Panikpapier» empfahl ausdrücklich, den «Worst Case» zu verdeutlichen und «die gewünschte Schockwirkung zu erzielen».
Mein Problem ist deshalb nicht der Optimismus. Mein Problem ist die Kommunikationsform. Ausgerechnet derselbe Wissenschaftsbetrieb, der während Corona gesellschaftliche Kommunikation so stark mitgeprägt hat, scheint bis heute kaum über seine eigene Rolle zu reflektieren.
Links:
https://dissent.is/accents019/
https://dissent.is/liebe-macht-erkenntnis/
https://www.bmi.bund.de/SharedDocs/downloads/DE/veroeffentlichungen/2020/corona/szenarienpapier-covid19.html (Originalfassung des Szenarienpapiers)