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Anlass zu diesem Eintrag:
Dieser Eintrag ist ein Testfall für die alltagspraktische Anwendung von #TheLuhmannMap und #TheStaubBernasconiMatrix: nicht als Theorie, sondern als Werkzeug für die Arbeit am Sozialen. Ausgangspunkt ist #LavinaNera in, dus, treis, der Klosterbrand von 1877, die Arbeit an dissent.is/rerumnovarum und der Dreischritt erinnern — gedenken — erneuern. Die Frage ist, wie eine Region ihre sozialen Resonanzräume beschreibt, prüft und erneuert, ohne in Nostalgie, Moralismus oder moderne Fortschrittsrhetorik zurückzufallen.
Summary/Spoiler/TL;DR
Karl Marx hatte recht: Religion konnte Opium sein. Aber Marx sah Religion primär als Ideologie, nicht als Kulturform. Genau hier setzt der Eintrag an: Er fragt, warum die Klosterkultur in Disentis/Mustér bis heute trägt — gerade vor dem Hintergrund des Zerfalls der modernen Erfolgsmodelle ((Liberalismus)Sozialismus). Die Pointe ist nicht Rückkehr zur Religion, sondern die Frage, welche soziale Infrastruktur durch Kloster, Erinnerung, Sprache, Rituale, Genossenschaftlichkeit und regionale Resonanz bis heute wirksam bleibt — und wie daraus #commoroque als nächste Kulturform lesbar wird.
bitte verstehe diesen eintrag nicht zu schnell… hier gibts nichts zu sehen und nichts zu lesen ;-)
OPIUM FÜRS VOLK
Karl Marx hatte recht.
Religion kann Leid betäuben. Religion kann Armut erträglich machen, Unterordnung legitimieren und Hoffnung auf ein Jenseits verschieben. Nicht zufällig schrieb Marx 1844 von Religion als „Opium des Volkes“. Die soziale Frage sollte nicht im Himmel gelöst werden, sondern hier — in der Geschichte.
Und Marx hatte gute Gründe dafür.
Europa befand sich mitten in der industriellen Moderne:
Fabriken, Verstädterung, Elend, Klassenbildung, Entwurzelung. Während sich Reichtum konzentrierte, predigten viele Kirchen weiterhin Geduld, Demut und Erlösung nach dem Tod. Religion stabilisierte oft genau jene Verhältnisse, die eigentlich verändert werden mussten.
Aber Marx sah Religion primär als Ideologie.
Nicht als Kulturform.
Das ist entscheidend.
Denn Religion war über Jahrhunderte nicht bloss „Glaube“, sondern gesellschaftliche Infrastruktur:
Kalender, Schrift, Gedächtnis, Armenversorgung, Rituale, Zeitordnung, Gemeinschaft, Sinnproduktion. Klöster waren nicht nur Orte der Vertröstung, sondern Speichertechnologien sozialer Ordnung.
Marx beobachtete richtig:
Religion konnte Betäubung sein.
Was er weniger sah:
Religion war auch Organisationsform sozialer Resonanz.
Die Moderne antwortete darauf mit einer gewaltigen Gegenbewegung.
Nicht mehr:
Erlösung im Himmel.
Sondern:
Befreiung in der Geschichte.
Dabei entstanden die beiden grossen Erfolgsmodelle der Moderne:
((Liberalismus)Sozialismus)
Beide glaubten an Fortschritt.
Beide glaubten an Entwicklung.
Beide glaubten, dass Zukunft gestaltbar sei.
| Liberalismus | Sozialismus |
|---|---|
| Freiheit des Individuums | Befreiung der Klasse |
| Markt | Planung |
| Konkurrenz | Solidarität |
| Autonomie | Gleichheit |
| Fortschritt durch Innovation | Fortschritt durch Revolution |
Beide wollten die soziale Frage lösen — nur mit unterschiedlichen Mitteln.
Und beide hatten historische Erfolge.
Der Liberalismus erzeugte:
- Wissenschaft,
- Wohlstand,
- technische Innovation,
- individuelle Rechte.
Der Sozialismus:
- Arbeiterrechte,
- soziale Sicherung,
- Bildung,
- kollektive Infrastruktur.
Aber beide bewegten sich vollständig innerhalb derselben Kulturform:
der Moderne.
Genau dort beginnt der eigentliche Punkt.
Denn Kulturformen zerfallen nicht einfach.
Sie erschöpfen ihre eigene Faszinationskraft.
Die religiöse Kulturform zerfiel dort, wo ihre positiven Werte kippten:
Himmel wurde zu Weltflucht.
Hölle wurde zu Zynismus.
Die religiöse Kulturform organisiert ihre Hoffnung entlang der beiden positiven Werte „Himmel“ und „Hölle“. Himmel steht für Erlösung, Versöhnung und die Hoffnung auf eine andere Ordnung; Hölle für Gericht, Konsequenz und den Ernst menschlichen Handelns. Ohne die Spannung zum Gegenwert kippt „Himmel“ in Weltflucht: Realität wird verdrängt, Leiden vertröstet, alles spirituell überhöht. Ohne die Spannung zum „Himmel“ kippt „Hölle“ in Zynismus: Man sieht nur noch Schuld, Gewalt und Absurdität — aber ohne jede Hoffnung auf Transformation. Zynismus meint dabei nicht bloss Ironie, sondern das von Sloterdijk beschriebene „aufgeklärte falsche Bewusstsein“: Man weiss bereits, dass etwas falsch läuft, glaubt an nichts Höheres mehr — und funktioniert trotzdem weiter im System.
Das moderne Gegenstück dazu zerfällt ähnlich:
Individuum wird zu Egoismus.
Fortschritt wird zu Technokratie.
Die Moderne organisiert ihre Hoffnung entlang der beiden positiven Werte „Individuum“ und „Fortschritt“. Das Individuum steht für Freiheit, Autonomie und Selbstbestimmung; Fortschritt für Entwicklung, Verbesserung und die gestaltbare Zukunft. Ohne die Spannung zum Fortschritt kippt das Individuum in Egoismus: Freiheit wird zur Selbstoptimierung, Autonomie zur Besitzlogik, das Gemeinsame verschwindet aus dem Blick. Ohne die Spannung zum Individuum kippt Fortschritt in Technokratie: Entwicklung wird verwaltet, gesteuert und optimiert, bis der Mensch nur noch als Funktion innerhalb eines Systems erscheint. Beide Zerfallsformen sind heute gleichzeitig sichtbar — und genau darin erschöpft sich zunehmend die Faszinationskraft der Moderne.
Der Nationalsozialismus zeigte bereits eine extreme Zerfallsform der Moderne:
nicht Rückkehr ins Mittelalter,
sondern industrielle Vernichtung mit modernsten Mitteln:
Technik, Statistik, Verwaltung, Wissenschaft, Medien.
1989 markierte dann den Zerfall des zweiten grossen Erlösungsnarrativs:
des Sozialismus.
Danach blieb:
Markt ohne Gegenutopie.
Fortschritt ohne Richtung.
Freiheit ohne gemeinsames Ziel.
Und genau dort wird Zynismus zur dominanten Stimmung der Gegenwart.
Man glaubt weder an Himmel noch an Revolution — aber die Maschine läuft weiter.
Gerade deshalb wird 1877 interessant.
Während Europa zwischen ((Liberalismus)Sozialismus) polarisiert wurde, entstand in der Surselva mit Caspar Decurtins eine andere Antwort auf die soziale Frage.
Nicht primär:
- Markt,
- Staat,
- Revolution.
Sondern:
- Genossenschaften,
- katholische Soziallehre,
- regionale Solidarität,
- Vereine,
- Sprache,
- gemeinsame Erinnerung,
- lokale Infrastruktur.
Die Gegner nannten das:
ultramontan,
ultrakonservativ,
neokonservativ.
Aber vielleicht war es weniger rückwärtsgewandt als angenommen.
Vielleicht war es der Versuch, soziale Resonanz anders zu organisieren.
Der nächste Schritt ist deshalb nicht die Frage, welche Seite recht hatte.
Weder Religion noch Moderne waren einfach Irrtum. Beide waren Kulturformen. Beide haben die soziale Frage bearbeitet. Beide haben Leid, Ordnung, Zugehörigkeit, Zukunft und Macht auf je eigene Weise organisiert.
Mit #TheLuhmannMap lässt sich das Soziale als kontingent beobachten. Das Soziale ist nicht Natur, nicht Psyche, nicht Technik, sondern Kommunikation. Es entsteht dort, wo Kommunikation an Kommunikation anschliesst. Darum ist keine soziale Ordnung selbstverständlich. Jede Ordnung ist gemacht, stabilisiert, wiederholt — und darum auch anders möglich.
Kulturformen sind in diesem Sinn keine Geschmacksfragen. Sie sind historisch wirksame Formen, in denen Gesellschaft ihre Kommunikation ordnet. Die religiöse Kulturform ordnete das Soziale über Himmel, Hölle, Schuld, Gnade, Gericht, Erlösung und Gemeinschaft. Die Moderne ordnete das Soziale über Individuum, Fortschritt, Kritik, Wissenschaft, Entwicklung und Zukunft.
Mit #TheStaubBernasconiMatrix lässt sich nun genauer fragen, wie diese Kulturformen Macht organisieren. Macht meint hier nicht zuerst Herrschaft, sondern Möglichkeit: die Fähigkeit, soziale Bedingungen so zu gestalten, dass Menschen ihre Ziele verwirklichen können. Beobachtet wird Macht entlang von vier Dimensionen: Anordnung, Zugang, Legitimation und Durchsetzung.
Die religiöse Kulturform beantwortete die soziale Frage über eine Ordnung, die auf Transzendenz bezogen war. Anordnung hiess: Einbindung in eine gottgewollte Ordnung. Zugang hiess: Zugehörigkeit zur Gemeinde, zu Sakramenten, Armenversorgung, Ritualen und gemeinsamer Erinnerung. Legitimation hiess: Wahrheit durch Offenbarung, Schrift, Tradition und kirchliche Autorität. Durchsetzung hiess: Gewissen, Sünde, Gericht, Exkommunikation, aber auch Barmherzigkeit, Busse und Versöhnung.
Die Moderne beantwortete dieselbe soziale Frage anders. Anordnung hiess: Gesellschaft wird gestaltbar. Zugang hiess: Rechte, Bildung, Markt, Arbeit, Eigentum, Staat, Öffentlichkeit. Legitimation hiess: Vernunft, Wissenschaft, Kritik, Verfahren, Öffentlichkeit. Durchsetzung hiess: Gesetz, Verwaltung, Polizei, Bürokratie, Technik, Statistik, Planung.
So werden Religion und Moderne als zwei unterschiedliche Antworten auf dieselbe soziale Frage lesbar.
Religion fragte:
Wie bleibt eine leidende Welt sinnhaft geordnet?
Die Moderne fragte:
Wie wird eine ungerechte Welt veränderbar?
Beide Antworten waren stark. Beide erzeugten Hoffnung. Beide erzeugten Institutionen, Rituale, Infrastrukturen und Machtformen. Und beide kippten dort, wo ihre eigenen Werte nicht mehr als Spannung gehalten wurden.
Religion kippt, wenn Himmel zur Weltflucht und Hölle zum Zynismus wird.
Moderne kippt, wenn Individuum zu Egoismus und Fortschritt zu Technokratie wird.
Damit verschiebt sich die Frage.
Nicht mehr:
Religion oder Moderne?
Sondern:
Welche Kulturform kann heute soziale Möglichkeiten so ordnen, dass Anordnung, Zugang, Legitimation und Durchsetzung neu beobachtbar und neu gestaltbar werden?
Ja. Die Logik liegt fast schon offen:
| Machtdimension | Religion | Moderne | #commoroque |
|---|---|---|---|
| Anordnung | göttliche Ordnung | gestaltbare Ordnung | herrschaftsarme Settings |
| Zugang | Zugehörigkeit | Rechte / Markt / Staat | Commons |
| Legitimation | Offenbarung / Tradition | Vernunft / Verfahren | inkludiertes Argument |
| Durchsetzung | Gericht / Gewissen | Gesetz / Verwaltung | Gewaltlosigkeit |
Der entscheidende Schritt:
#commoroque übernimmt nicht einfach Religion oder Moderne, sondern liest deren Leistungen anders.
Von Religion übernimmt es:
Sinn, Ritual, Resonanz, Gedächtnis, gemeinschaftliche Bindung.
Von der Moderne übernimmt es:
Kritik, Autonomie, Gestaltbarkeit, technische Präzision.
Es verwirft ihre Zerfallsformen:
Weltflucht, Zynismus, Egoismus, Technokratie.
Daraus entsteht entlang der vier Machtdimensionen:
| Dimension | Ziel |
|---|---|
| Anordnung | Anarchie |
| Zugang | Commons |
| Legitimation | Inklusion |
| Durchsetzung | Pazifismus |
Religion fragte:
Wie bleibt die Welt sinnhaft?
Die Moderne fragte:
Wie wird die Welt veränderbar?
#commoroque fragt:
Wie werden soziale Bedingungen gemeinsam gestaltbar, ohne wieder Herrschaft, Ausschluss, Besitzlogik oder Gewalt zu erzeugen?
(…)
(…)
(…)

Die Kulturform der Antike
Die religiöse Kulturform organisiert ihre Hoffnung entlang der beiden positiven Werte „Himmel“ und „Hölle“. Himmel steht für Erlösung, Versöhnung und die Hoffnung auf eine andere Ordnung; Hölle für Gericht, Konsequenz und den Ernst menschlichen Handelns. Ohne die Spannung zum Gegenwert kippt „Himmel“ in Weltflucht: Realität wird verdrängt, Leiden vertröstet, alles spirituell überhöht. Ohne die Spannung zum „Himmel“ kippt „Hölle“ in Zynismus: Man sieht nur noch Schuld, Gewalt und Absurdität — aber ohne jede Hoffnung auf Transformation. Zynismus meint dabei nicht bloss Ironie, sondern das von Sloterdijk beschriebene „aufgeklärte falsche Bewusstsein“: Man weiss bereits, dass etwas falsch läuft, glaubt an nichts Höheres mehr — und funktioniert trotzdem weiter im System.
(…)
(…)
(…)
(…)

Die Kulturform der Moderne
Die Moderne organisiert ihre Hoffnung entlang der beiden positiven Werte „Individuum“ und „Fortschritt“. Das Individuum steht für Freiheit, Autonomie und Selbstbestimmung; Fortschritt für Entwicklung, Verbesserung und die gestaltbare Zukunft. Ohne die Spannung zum Fortschritt kippt das Individuum in Egoismus: Freiheit wird zur Selbstoptimierung, Autonomie zur Besitzlogik, das Gemeinsame verschwindet aus dem Blick. Ohne die Spannung zum Individuum kippt Fortschritt in Technokratie: Entwicklung wird verwaltet, gesteuert und optimiert, bis der Mensch nur noch als Funktion innerhalb eines Systems erscheint. Beide Zerfallsformen sind heute gleichzeitig sichtbar — und genau darin erschöpft sich zunehmend die Faszinationskraft der Moderne.
(…)
(…)
Nächster Titel
Der nächste Schritt ist deshalb nicht die Frage, welche Seite recht hatte.
Weder Religion noch Moderne waren einfach Irrtum. Beide waren Kulturformen. Beide haben die soziale Frage bearbeitet. Beide haben Leid, Ordnung, Zugehörigkeit, Zukunft und Macht auf je eigene Weise organisiert.
Mit #TheLuhmannMap lässt sich das Soziale als kontingent beobachten. Das Soziale ist nicht Natur, nicht Psyche, nicht Technik, sondern Kommunikation. Es entsteht dort, wo Kommunikation an Kommunikation anschliesst. Darum ist keine soziale Ordnung selbstverständlich. Jede Ordnung ist gemacht, stabilisiert, wiederholt — und darum auch anders möglich.
Kulturformen sind in diesem Sinn keine Geschmacksfragen. Sie sind historisch wirksame Formen, in denen Gesellschaft ihre Kommunikation ordnet. Die religiöse Kulturform ordnete das Soziale über Himmel, Hölle, Schuld, Gnade, Gericht, Erlösung und Gemeinschaft. Die Moderne ordnete das Soziale über Individuum, Fortschritt, Kritik, Wissenschaft, Entwicklung und Zukunft.
Mit #TheStaubBernasconiMatrix lässt sich nun genauer fragen, wie diese Kulturformen Macht organisieren. Macht meint hier nicht zuerst Herrschaft, sondern Möglichkeit: die Fähigkeit, soziale Bedingungen so zu gestalten, dass Menschen ihre Ziele verwirklichen können. Beobachtet wird Macht entlang von vier Dimensionen: Anordnung, Zugang, Legitimation und Durchsetzung.
Die religiöse Kulturform beantwortete die soziale Frage über eine Ordnung, die auf Transzendenz bezogen war. Anordnung hiess: Einbindung in eine gottgewollte Ordnung. Zugang hiess: Zugehörigkeit zur Gemeinde, zu Sakramenten, Armenversorgung, Ritualen und gemeinsamer Erinnerung. Legitimation hiess: Wahrheit durch Offenbarung, Schrift, Tradition und kirchliche Autorität. Durchsetzung hiess: Gewissen, Sünde, Gericht, Exkommunikation, aber auch Barmherzigkeit, Busse und Versöhnung.
Die Moderne beantwortete dieselbe soziale Frage anders. Anordnung hiess: Gesellschaft wird gestaltbar. Zugang hiess: Rechte, Bildung, Markt, Arbeit, Eigentum, Staat, Öffentlichkeit. Legitimation hiess: Vernunft, Wissenschaft, Kritik, Verfahren, Öffentlichkeit. Durchsetzung hiess: Gesetz, Verwaltung, Polizei, Bürokratie, Technik, Statistik, Planung.
So werden Religion und Moderne als zwei unterschiedliche Antworten auf dieselbe soziale Frage lesbar.
Religion fragte:
Wie bleibt eine leidende Welt sinnhaft geordnet?
Die Moderne fragte:
Wie wird eine ungerechte Welt veränderbar?
Beide Antworten waren stark. Beide erzeugten Hoffnung. Beide erzeugten Institutionen, Rituale, Infrastrukturen und Machtformen. Und beide kippten dort, wo ihre eigenen Werte nicht mehr als Spannung gehalten wurden.
Religion kippt, wenn Himmel zur Weltflucht und Hölle zum Zynismus wird.
Moderne kippt, wenn Individuum zu Egoismus und Fortschritt zu Technokratie wird.
Damit verschiebt sich die Frage.
Nicht mehr:
Religion oder Moderne?
Sondern:
Welche Kulturform kann heute soziale Möglichkeiten so ordnen, dass Anordnung, Zugang, Legitimation und Durchsetzung neu beobachtbar und neu gestaltbar werden?
(…)
(…)
(…)
Die nächste Kulturform #Commoroque
Ja. Die Logik liegt fast schon offen:
| Machtdimension | Religion | Moderne | #commoroque |
|---|---|---|---|
| Anordnung | göttliche Ordnung | gestaltbare Ordnung | herrschaftsarme Settings |
| Zugang | Zugehörigkeit | Rechte / Markt / Staat | Commons |
| Legitimation | Offenbarung / Tradition | Vernunft / Verfahren | inkludiertes Argument |
| Durchsetzung | Gericht / Gewissen | Gesetz / Verwaltung | Gewaltlosigkeit |
Der entscheidende Schritt:
#commoroque übernimmt nicht einfach Religion oder Moderne, sondern liest deren Leistungen anders.
- Von Religion übernimmt es:
Sinn, Ritual, Resonanz, Gedächtnis, gemeinschaftliche Bindung. - Von der Moderne übernimmt es:
Kritik, Autonomie, Gestaltbarkeit, technische Präzision. - Es verwirft ihre Zerfallsformen:
Weltflucht, Zynismus, Egoismus, Technokratie. - Daraus entsteht entlang der vier Machtdimensionen:
| Dimension | Ziel |
|---|---|
| Anordnung | Anarchie |
| Zugang | Commons |
| Legitimation | Inklusion |
| Durchsetzung | Pazifismus |
Kurz gesagt:
Religion fragte:
Wie bleibt die Welt sinnhaft?
Moderne fragte:
Wie wird die Welt veränderbar?
#commoroque fragt:
Wie werden soziale Bedingungen gemeinsam gestaltbar, ohne wieder Herrschaft, Ausschluss, Besitzlogik oder Gewalt zu erzeugen?
Das ist die saubere Anschlussstelle.
(…)
(…)
(…)
Nächster Titel
Für die Kulturform der Moderne ist „Himmel/Hölle“ nicht mehr primär jenseitig.
Die Moderne übersetzt sie in Immanenz:
| ältere Form | Moderne Übersetzung |
|---|---|
| Himmel | Fortschritt |
| Hölle | Rückständigkeit |
| Erlösung | Entwicklung |
| Sünde | Defizit |
| Gericht | Kritik |
| Gnade | Emanzipation |
| Verdammnis | Ausschluss aus der Zukunft |
Der moderne Himmel ist also:
Fortschritt, Vernunft, Bildung, Entwicklung, Emanzipation, Wachstum, Aufklärung.
Die moderne Hölle ist:
Stillstand, Armut, Unwissen, Aberglaube, Krankheit, Abhängigkeit, Rückständigkeit.
Darum konnte Marx Religion als „Opium“ sehen:
Er stand bereits in einer Kulturform, in der das Jenseits durch Zukunft ersetzt wurde.
Nicht mehr:
Himmel nach dem Tod.
Sondern:
befreite Gesellschaft nach der Revolution.
Die Pointe:
Die Moderne schafft Himmel und Hölle nicht ab.
Sie verlegt sie in die Geschichte.
(…)
(…)
(…)
Nächster Titel
Innerhalb der Kulturform der Moderne wäre der „Reiche“ vermutlich nicht primär der Mensch mit viel Geld.
Sondern:
Derjenige, der zu stark an seiner erreichten Form hängt.
Also:
- Besitz
- Status
- Wissen
- Rationalität
- Kontrolle
- Identität
- Fortschritt
- Selbstbild
Der moderne „Reiche“ ist derjenige,
der nicht loslassen kann,
weil seine Sicherheit vollständig in der bestehenden Struktur liegt.
Darum wäre die moderne Übersetzung vielleicht:
„Eher zerbricht das System,
als dass der saturierte Gewinner der Moderne freiwillig auf Kontrolle verzichtet.“
Oder noch präziser:
Im Christentum:
- Reichtum blockiert den Himmel.
In der Moderne:
- Strukturgewinn blockiert Transformation.
Der „Reiche“ der Moderne ist also:
der erfolgreich Angepasste.
Darum werden Kulturwechsel fast immer:
- von Rändern,
- Krisen,
- Außenseitern,
- Übersetzern,
- Dissidenten,
- spirituellen Bewegungen,
- technischen Störungen,
- neuen Medienformen
getragen.
Nicht vom Zentrum der bestehenden Ordnung.
(…)
(…)
(…)
(…)
Nächster Titel
(…)
(…)
Die Kulturformen in der Surselva
| Machtdimension | rhätische Kulturform | religiöse Kulturform | Moderne | #commoroque |
|---|---|---|---|---|
| Anordnung | lokale Bündnisse | göttliche Ordnung | gestaltbare Ordnung | herrschaftsarme Settings |
| Zugang | Allmenden / gemeinsame Nutzung | Zugehörigkeit | Rechte / Markt / Staat | Commons |
| Legitimation | Gewohnheit / Nähe / Rat | Offenbarung / Tradition | Vernunft / Verfahren | inkludiertes Argument |
| Durchsetzung | Ehre / Ausgleich / Fehde | Gericht / Gewissen | Gesetz / Verwaltung | Gewaltlosigkeit |
Und darunter vielleicht die kulturellen Hoffnungen:
| Kulturform | positiver Wert 1 | positiver Wert 2 |
|---|---|---|
| rhätisch | Nähe | Autarkie |
| religiös | Himmel | Hölle |
| modern | Individuum | Fortschritt |
| #commoroque | Resonanz | Commons |
Oder noch präziser für die rhätische Kulturform:
| positiver Wert | Zerfall |
|---|---|
| Nähe | Clanlogik |
| Autarkie | Abschottung |
Das eigentlich Spannende wäre dann:
Die religiöse Kulturform überschreibt die rhätische nicht vollständig.
Die Moderne überschreibt die religiöse nicht vollständig.
Und #commoroque erscheint plötzlich nicht als „Zukunftsideologie“, sondern als neue Konstellation älterer Resonanzformen unter digitalen Bedingungen.
Dann wird die Surselva fast wie ein Sediment verschiedener Kulturformen lesbar.
(…)
(…)
(…)
Woran arbeitete Caspar Decurtins 1877
1877 arbeitete Caspar Decurtins im Kern genau an derselben sozialen Frage wie Marx — aber mit völlig anderer kultureller Antwort.
Nicht:
- Revolution,
- Klassenkampf,
- Auflösung religiöser Ordnung,
sondern:
- katholische Gegenöffentlichkeit,
- regionale Selbstorganisation,
- Genossenschaftlichkeit,
- sprachliche Selbstbehauptung,
- soziale Infrastruktur,
- politische Verdichtung der Cadi.
Und genau 1877 ist symbolisch stark:
Marx veröffentlicht bereits seit Jahrzehnten.
Der industrielle Kapitalismus explodiert.
Die Moderne polarisiert sich entlang ((Liberalismus)Sozialismus).
Und gleichzeitig entsteht in der Surselva:
La Ligia Grischa moderna als kultureller Resonanzraum.
Decurtins arbeitet:
- an Vereinen,
- Zeitungen,
- Netzwerken,
- Bildung,
- Sprache,
- katholischer Sozialorganisation,
- regionaler Kohärenz.
Also:
nicht primär an Ideologie,
sondern an sozialer Anschlussfähigkeit.
Das macht ihn aus eurem Zugriff so interessant.
Denn:
Er versucht nicht einfach „die Vergangenheit zu retten“.
Er versucht:
die soziale Frage der Moderne mit einer anderen Kulturtechnik zu beantworten.
Darum passt „ultramontan“ historisch nur oberflächlich.
Tiefer betrachtet arbeitete Decurtins:
- an Gegenmacht,
- an kultureller Resilienz,
- an verteilten Resonanzräumen,
- an sozialer Kohärenz unter den Bedingungen der Moderne.
Fast könnte man sagen:
Marx suchte die Befreiung durch Geschichte.
Decurtins suchte die Stabilisierung sozialer Resonanz innerhalb der Geschichte.
(…)
(…)
(…)
das nadelöhr und die reichen
Die Stelle lautet sinngemäss:
„Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt.“
Sie steht u. a. in:
- Evangelium nach Markus 10,25
- Evangelium nach Matthäus 19,24
- Evangelium nach Lukas 18,25
Der Kontext ist wichtig:
Ein reicher Mann fragt Jesus, was er tun müsse, um „ewiges Leben“ zu erhalten. Jesus fordert ihn auf, seinen Besitz zu verkaufen und den Armen zu geben. Der Mann geht traurig weg, „denn er hatte viele Güter“.
Es ist also weniger:
- „Reichtum = böse“
sondern eher:
- Besitz bindet.
- Eigentum erzeugt Abhängigkeit.
- Reichtum erschwert Loslösung, Vertrauen und Gleichheit.
Historisch wurde das sehr unterschiedlich gelesen:
- Asketisch
Frühchristlich oft radikal:
Reichtum widerspricht dem Evangelium. - Moralisch
Nicht Reichtum selbst sei das Problem, sondern die „Anhänglichkeit“. - Strukturell
Reichtum bedeutet Macht über Zugang, Ordnung, Legitimation und Durchsetzung.
Dann wird die Stelle sozialpolitisch explosiv. - Liberal-theologisch
Die Stelle wird oft entschärft:
„Mit Gott ist alles möglich.“
(direkter Folgesatz der Bibelstelle)
Interessant ist:
Jesus sagt nicht:
- „Reiche sind schlechte Menschen.“
Sondern:
- Die Form des Reichtums erzeugt ein Problem für das Reich Gottes.
Und genau dort wird die Stelle bis heute politisch.
(…)
(…)
(…)
Wer sind “die reichen” der kulturform der antike in der kulturform der moderne?
Innerhalb der Kulturform der Moderne sind „die Reichen“ der religiösen Kulturform vermutlich jene geworden,
- die zu viel Sinn besitzen,
- zu viel Gewissheit,
- zu viel Wahrheit,
- zu viel Erlösung,
- zu viel moralische Sicherheit.
Also:
diejenigen,
die sich noch vollständig innerhalb einer geschlossenen religiösen Ordnung bewegen können.
Für die Moderne erscheint das dann wie:
- Dogma,
- Stillstand,
- Unfreiheit,
- Vormoderne,
- mangelnde Autonomie.
Darum wurde die Kirche in der Moderne oft genau so beobachtet wie früher der Geldadel:
als Besitzstandswahrung.
Interessant ist aber:
Die Moderne erzeugt sofort ihre eigenen „Reichen“:
- Bildungsreiche,
- Besitzreiche,
- Datenreiche,
- Technologiereiche,
- Aufmerksamkeitsreiche.
Also Menschen oder Systeme,
die so stark in der bestehenden Struktur investiert sind,
dass echter Kulturwechsel für sie fast unmöglich wird.
Darum ist der „Reiche“ kulturformtheoretisch vielleicht allgemeiner:
Der Reiche ist derjenige,
dessen Existenz von der Stabilität der aktuellen Kulturform profitiert.

(…)
(…)
(…)
(…)
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(…)
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(…)
Wie ich mit den Möglichkeiten von @openAI arbeite?
Links, Threads, zu verarbeitende Hinweise…
(…)
(…)
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(…)
(…)
(…)
Textsorte: (1) Traum, (2) Blitz, (3) Bekenntnis, (4) Memo, (5) Märchen, (6) Drama, (7) Tabu
Arbeitsform: Dokumentation, Listenbildung, Work in Progress
Anlass: (…)
TL;DR: (…)
Bildquelle: (…)
URL/Hashtag: (…)

Stefan M. Seydel, aka sms, aka sms2sms in «Zürcher Festspiel 1901″ (2019, Fotocredit: Charles Schnyder): Twitter, Wikipedia (Lemma), Youtube (aktuell), Soundcloud, Mastodon, Instagram (gesperrt), Snapchat, TikTok, Twitch, t.me/WikiDienstag (Nicht in Betrieb) |
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Stefan M. Seydel, Jahrgang 1965, ist Unternehmer, Sozialarbeiter und Künstler. Er machte nach einer Berufslehre als Hochbauzeichner einen Bachelor in Soziale Arbeit in St. Gallen und einen Master in der gleichen Disziplin bei Silvia Staub-Bernasconi in Berlin. Seine überwiegend selbstständige Tätigkeit kreist um das Thema der Entwicklung und Realisierung von Pilot- und Impulsprojekten für renommierte Auftraggeberinnen.
Als Künstler hat er Ausstellungen und Performances auf internationaler Ebene präsentiert, darunter in der Royal Academy of Arts in London, dem Deutschen Historischen Museum in Berlin oder einer Einzelausstellung “Kunst Macht Probleme” in der Crypta Cabaret Voltaire, Birthplace of DADA in Zürich. Er wurde mit dem Migros Jubilée Award in der Kategorie Wissensvermittlung ausgezeichnet und hat diverse Ehrungen durch Webby Awards für seine Arbeit mit rocketboom.com erhalten.
Stefan war Jury-Mitglied des Next Idea Prix Ars Electronica 2010 und war drei Jahre Mitglied der Schulleitung des Gymnasiums Kloster Disentis. Sein Wissen und seine Erfahrung im Bereich der Information und Technologie haben ihm auch dabei geholfen, mit Statistik Stadt Zürich und Wikimedia Schweiz unter WikiDienstag.ch zusammenzuarbeiten.
Sein Engagement im Bereich der freiwilligen Arbeit führte ihn in das Präsidium Internationaler Bodensee Club (Leitung Fachgruppe Wissenschaft) oder für einige andere Jahre als Vice-Präsident des von Paul Watzlawick initiierten P.E.N.-Club Liechtenstein. Seydel hat unter ((( rebell.tv ))) zwei Bücher zusammen mit seiner Partnerin Tina Piazzi veröffentlicht, viele Kolumnen, Fachtexte und journalistische Texte publiziert.
Seine Arbeit auf Social Media nutzt er als Microblogging. In seinem Blog verarbeitet er seine Themen. Einige davon werden auf Anfragen zu lesbaren Texten vertieft, andere werden zu Vorträgen ausgebaut. Bei Carl Auer Verlag in Heidelberg, sammelt er “Elemente einer nächsten Kulturform”. Seine Entwicklungen im Kontext der sozialräumlichen Intervention (“Arbeit am Sozialen”) machen konkrete Vorschläge in Bezug auf die Beantwortung der Sozialen Frage.
Nach 12 Jahren Berlin und 6 Jahren Zürich zog er aber in seiner zweiten Lebenshälfte vom Bodensee der Rheinquelle entgegen nach Dissentis/Mustér und hat seine Reisetätigkeit fast ganz eingestellt. Dafür macht er umsomehr sogenannte Passadis und #Feedlogs (Orgiastik). Das sind Arbeitsmeetings an intentionalen Fragen in einem Lifestream. (so?) Text supported by #TaaS

Aus Band 2 von: Tina Piazzi & Stefan M. Seydel, Junius-Verlag Hamburg | pdf: Band 1, 2009 | Band 2, 2010

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