mardis, 20.10.2026 | 036

Zur Lage

Heute ste­hen nicht die grossen Erzäh­lun­gen im Zen­trum, son­dern die Frage, wer über die Voraus­set­zun­gen eines Lebens ver­fü­gen kann: über Rohstoffe, tech­nis­che Infra­struk­tur, ver­trauliche Dat­en und die Möglichkeit, an einem Ort zu bleiben. #accents 036 ist der erste prak­tis­che Ver­such unser­er Iter­a­tion 0.4. Vier unter­schiedliche redak­tionelle Räume – mit eige­nen Abhängigkeit­en und blind­en Fleck­en – liefern vier Akzente. Keine dieser Beobach­tun­gen ist eine neu­trale Gesamt­sicht.

Heute auffällig

1 | Ghana: Wer ver­ar­beit­et, ver­fügt anders. Auf einem Berg­baugipfel in Accra fordert Präsi­dent John Dra­mani Mahama, Rohstoffe kün­ftig stärk­er im Land zu ver­ar­beit­en. Ghana will bis 2030 den Export unver­ar­beit­eter Erze aus­laufen lassen. Die chi­ne­sis­che Nachricht­e­na­gen­tur Xin­hua berichtet aus der Per­spek­tive afrikanis­ch­er Regierungsvertreter und der Afrikanis­chen Union. Die Frage nach lokaler Wertschöp­fung wird deut­lich; die Posi­tio­nen von Mine­nar­beit­ern, betrof­fe­nen Gemein­den und Umwel­tor­gan­i­sa­tio­nen bleiben im Bericht dage­gen weit­ge­hend unhör­bar. Eine Ver­schiebung vom Export zum Ver­ar­beit­en ist noch keine Antwort auf die Frage, wem die Anla­gen und Gewinne gehören. Quelle: Xin­hua, 20.10.

2 | Tune­sien: Wegge­hen als Frage der Ver­fü­gung über Zukun­ft. Ali Al-Qasi­mi spricht für Al Jazeera mit jun­gen Tune­siern, die Auswan­derung erwä­gen. Ein Jour­nal­ist beschreibt Schulden und Sorge um seine Fam­i­lie; ein Soft­warein­ge­nieur erwägt trotz guten Einkom­mens den Wegzug. Ein Tax­i­fahrer hält dage­gen am Refor­mver­sprechen des Präsi­den­ten fest. Das ist ger­ade kein ein­heitlich­es Urteil über Tune­sien. Arbeits­markt, Frei­heit, öffentliche Dien­ste und poli­tis­che Teil­habe wer­den von den Befragten unter­schiedlich gewichtet. Quelle: Al Jazeera, 20.10.

3 | Chi­na: Infra­struk­tur als sicher­heit­srel­e­van­ter Export. Chi­na ver­schärft beziehungsweise präzisiert Aus­fuhrkon­trollen für bes­timmte Drohnen, Tun­nel­bohrmaschi­nen und andere schwere Maschi­nen; sie sollen am 18. Novem­ber greifen. Die Glob­al Times betont Sicher­heitsin­ter­essen und die Unter­schei­dung zwis­chen zivil­er und möglich­er mil­itärisch­er Nutzung. Aus der Per­spek­tive eines Lan­des, das solche Anla­gen importiert, kann dieselbe Ver­fü­gung über Tech­nik eine neue Abhängigkeit darstellen. Die Per­spek­tive möglich­er Abnehmer wurde in dieser Recherche nicht eigen­ständig belegt. Quelle: Glob­al Times, 19.10.

4 | Schweiz: Palan­tir ist längst im Raum. Die Mel­dung, wonach die Schweiz­er Armee eine Zusam­me­nar­beit mit Palan­tir fünf­mal abgelehnt habe, ist nur eine Beobach­tung in ein­er län­geren Kon­stel­la­tion. SWI/RSI referiert die Recherche von Repub­lik und WAV. Die Aus­sage über eine Beschaf­fungsentschei­dung ist damit nicht die Aus­sage über die Stel­lung Palan­tirs in der Schweiz. Unsere frühere Arbeit an #accents018 / #Walder­Gate beobachtet ger­ade die Ver­schränkung von Palan­tir, Medi­en, ((Staat)Markt) und insti­tu­tionellen Net­zw­erken.

Der CEO von Ringi­er, Marc Walder, ste­ht zugle­ich dem Steer­ing Com­mit­tee von dig­i­tal­switzer­land vor. Die Repub­lik berichtete im Juni, dass Ringi­er-Mitar­bei­t­ende zur Nutzung von Anwen­dun­gen ange­hal­ten wer­den, darunter zwei von Palan­tir. Ringi­er ist somit nicht ein­fach ein extern­er Beobachter von Palan­tir. Die Repub­lik wiederum recher­chiert kri­tisch zu Palan­tir und hat sich in einem Gegen­darstel­lungsver­fahren mit dem Unternehmen auseinan­derge­set­zt. Diese Kri­tik ist ernst zu nehmen – aber sie erset­zt nicht die Beobach­tung des schweiz­erischen Infra­struk­tur- und Medi­enge­füges, in dem Kri­tik, Nutzung und insti­tu­tionelle Ver­flech­tung gle­ichzeit­ig möglich sind.

Die zuge­spitzte Frage lautet deshalb nicht: «Palan­tir – ja oder nein?» Son­dern: Wer ord­net Daten­flüsse, Zugänge und Entschei­dungsmöglichkeit­en in der Schweiz – mit und ohne Palan­tir? Eine Armee kann eine Beschaf­fung ablehnen, während andere Organ­i­sa­tio­nen dieselbe Unternehmensgruppe inte­gri­eren. Aus der Gle­ichzeit­igkeit fol­gt wed­er eine zen­trale Steuerung noch eine pauschale Ent­las­tung. Genau diese Dif­ferenz muss sicht­bar bleiben.

Das Tagesgebet für die Gläubigen des Totalkapitalismus

Unser täglich Dash­board gib uns heute.

Seg­ne die Armee, die Nein sagt.
Seg­ne den Konz­ern, der Ja sagt.
Seg­ne die Redak­tion, die das Nein ent­deckt.
Und seg­ne den Ver­wal­tungsrat, der längst Ja gesagt hat.

Führe uns nicht in die Frage nach den Verbindun­gen,
son­dern erlöse uns durch die näch­ste Schlagzeile.

Denn dein ist die Schnittstelle,
die Beschaf­fung und die Gegenkri­tik,
in Ewigkeit.

Amen. Zugriff gewährt.

Quellen / Perspektiven

Xin­hua (Ghana und AU) · Al Jazeera (Tune­sien) · Glob­al Times (chi­ne­sis­che Export­poli­tik) · SWI/RSI nach Republik/WAV (Schweiz­er Armeemel­dung) · Repub­lik (Ringier/Palantir und Gegen­darstel­lungsver­fahren) · dig­i­tal­switzer­land (insti­tu­tionelle Selb­st­beschrei­bung) · #accents018 / #Walder­Gate (unser eigenes Beobach­tungsarchiv).

Quel­lenkri­tik: SWI/RSI und Republik/WAV sind nicht vier unab­hängige Bestä­ti­gun­gen. Repub­lik ist zugle­ich Rechercheak­teur und Teil der Medi­enkon­stel­la­tion. dig­i­tal­switzer­land beschreibt die eige­nen Struk­turen. dissent.is ist keine neu­trale Gegenin­stanz, son­dern eine weit­ere beobach­t­ende Posi­tion, die ihre Unter­schei­dun­gen offen­le­gen muss. Für die Sur­sel­va wurde heute keine unab­hängige Lokalbeobach­tung ver­i­fiziert. Unmit­tel­bare Stim­men von Mine­nar­beit­ern und Impor­teuren chi­ne­sis­ch­er Maschi­nen fehlen.

Abspann

Redak­tionelle Kor­rek­tur, 20.10.2026: Die erste Fas­sung liess das etablierte Tages­ge­bet weg und behan­delte die Ablehnung Palan­tirs durch die Armee isoliert. Nach erneuter Prü­fung des eige­nen Archivs wurde der Schweiz­er Akzent kon­tex­tu­al­isiert und das Tages­ge­bet ergänzt. Die erste Beobach­tung – fünf Ablehnun­gen – bleibt als Teil­beobach­tung erhal­ten; die Schlussfol­gerung wurde verän­dert. Das ist ein weit­er­er Test unser­er Iter­a­tion 0.4 / Learn­ing 001, nicht ihr Erfol­gsausweis.