Zur Lage
Heute stehen nicht die grossen Erzählungen im Zentrum, sondern die Frage, wer über die Voraussetzungen eines Lebens verfügen kann: über Rohstoffe, technische Infrastruktur, vertrauliche Daten und die Möglichkeit, an einem Ort zu bleiben. #accents 036 ist der erste praktische Versuch unserer Iteration 0.4. Vier unterschiedliche redaktionelle Räume – mit eigenen Abhängigkeiten und blinden Flecken – liefern vier Akzente. Keine dieser Beobachtungen ist eine neutrale Gesamtsicht.
Heute auffällig
1 | Ghana: Wer verarbeitet, verfügt anders. Auf einem Bergbaugipfel in Accra fordert Präsident John Dramani Mahama, Rohstoffe künftig stärker im Land zu verarbeiten. Ghana will bis 2030 den Export unverarbeiteter Erze auslaufen lassen. Die chinesische Nachrichtenagentur Xinhua berichtet aus der Perspektive afrikanischer Regierungsvertreter und der Afrikanischen Union. Die Frage nach lokaler Wertschöpfung wird deutlich; die Positionen von Minenarbeitern, betroffenen Gemeinden und Umweltorganisationen bleiben im Bericht dagegen weitgehend unhörbar. Eine Verschiebung vom Export zum Verarbeiten ist noch keine Antwort auf die Frage, wem die Anlagen und Gewinne gehören. Quelle: Xinhua, 20.10.
2 | Tunesien: Weggehen als Frage der Verfügung über Zukunft. Ali Al-Qasimi spricht für Al Jazeera mit jungen Tunesiern, die Auswanderung erwägen. Ein Journalist beschreibt Schulden und Sorge um seine Familie; ein Softwareingenieur erwägt trotz guten Einkommens den Wegzug. Ein Taxifahrer hält dagegen am Reformversprechen des Präsidenten fest. Das ist gerade kein einheitliches Urteil über Tunesien. Arbeitsmarkt, Freiheit, öffentliche Dienste und politische Teilhabe werden von den Befragten unterschiedlich gewichtet. Quelle: Al Jazeera, 20.10.
3 | China: Infrastruktur als sicherheitsrelevanter Export. China verschärft beziehungsweise präzisiert Ausfuhrkontrollen für bestimmte Drohnen, Tunnelbohrmaschinen und andere schwere Maschinen; sie sollen am 18. November greifen. Die Global Times betont Sicherheitsinteressen und die Unterscheidung zwischen ziviler und möglicher militärischer Nutzung. Aus der Perspektive eines Landes, das solche Anlagen importiert, kann dieselbe Verfügung über Technik eine neue Abhängigkeit darstellen. Die Perspektive möglicher Abnehmer wurde in dieser Recherche nicht eigenständig belegt. Quelle: Global Times, 19.10.
4 | Schweiz: Palantir ist längst im Raum. Die Meldung, wonach die Schweizer Armee eine Zusammenarbeit mit Palantir fünfmal abgelehnt habe, ist nur eine Beobachtung in einer längeren Konstellation. SWI/RSI referiert die Recherche von Republik und WAV. Die Aussage über eine Beschaffungsentscheidung ist damit nicht die Aussage über die Stellung Palantirs in der Schweiz. Unsere frühere Arbeit an #accents018 / #WalderGate beobachtet gerade die Verschränkung von Palantir, Medien, ((Staat)Markt) und institutionellen Netzwerken.
Der CEO von Ringier, Marc Walder, steht zugleich dem Steering Committee von digitalswitzerland vor. Die Republik berichtete im Juni, dass Ringier-Mitarbeitende zur Nutzung von Anwendungen angehalten werden, darunter zwei von Palantir. Ringier ist somit nicht einfach ein externer Beobachter von Palantir. Die Republik wiederum recherchiert kritisch zu Palantir und hat sich in einem Gegendarstellungsverfahren mit dem Unternehmen auseinandergesetzt. Diese Kritik ist ernst zu nehmen – aber sie ersetzt nicht die Beobachtung des schweizerischen Infrastruktur- und Mediengefüges, in dem Kritik, Nutzung und institutionelle Verflechtung gleichzeitig möglich sind.
Die zugespitzte Frage lautet deshalb nicht: «Palantir – ja oder nein?» Sondern: Wer ordnet Datenflüsse, Zugänge und Entscheidungsmöglichkeiten in der Schweiz – mit und ohne Palantir? Eine Armee kann eine Beschaffung ablehnen, während andere Organisationen dieselbe Unternehmensgruppe integrieren. Aus der Gleichzeitigkeit folgt weder eine zentrale Steuerung noch eine pauschale Entlastung. Genau diese Differenz muss sichtbar bleiben.
Das Tagesgebet für die Gläubigen des Totalkapitalismus
Unser täglich Dashboard gib uns heute.
Segne die Armee, die Nein sagt.
Segne den Konzern, der Ja sagt.
Segne die Redaktion, die das Nein entdeckt.
Und segne den Verwaltungsrat, der längst Ja gesagt hat.
Führe uns nicht in die Frage nach den Verbindungen,
sondern erlöse uns durch die nächste Schlagzeile.
Denn dein ist die Schnittstelle,
die Beschaffung und die Gegenkritik,
in Ewigkeit.
Amen. Zugriff gewährt.
Quellen / Perspektiven
Xinhua (Ghana und AU) · Al Jazeera (Tunesien) · Global Times (chinesische Exportpolitik) · SWI/RSI nach Republik/WAV (Schweizer Armeemeldung) · Republik (Ringier/Palantir und Gegendarstellungsverfahren) · digitalswitzerland (institutionelle Selbstbeschreibung) · #accents018 / #WalderGate (unser eigenes Beobachtungsarchiv).
Quellenkritik: SWI/RSI und Republik/WAV sind nicht vier unabhängige Bestätigungen. Republik ist zugleich Rechercheakteur und Teil der Medienkonstellation. digitalswitzerland beschreibt die eigenen Strukturen. dissent.is ist keine neutrale Gegeninstanz, sondern eine weitere beobachtende Position, die ihre Unterscheidungen offenlegen muss. Für die Surselva wurde heute keine unabhängige Lokalbeobachtung verifiziert. Unmittelbare Stimmen von Minenarbeitern und Importeuren chinesischer Maschinen fehlen.
Abspann
Redaktionelle Korrektur, 20.10.2026: Die erste Fassung liess das etablierte Tagesgebet weg und behandelte die Ablehnung Palantirs durch die Armee isoliert. Nach erneuter Prüfung des eigenen Archivs wurde der Schweizer Akzent kontextualisiert und das Tagesgebet ergänzt. Die erste Beobachtung – fünf Ablehnungen – bleibt als Teilbeobachtung erhalten; die Schlussfolgerung wurde verändert. Das ist ein weiterer Test unserer Iteration 0.4 / Learning 001, nicht ihr Erfolgsausweis.