Die Direkte #Dealokratie | they call it #Dealocrazy

#Dealokratie = ana­lytis­ch­er Begriff.
#Dealocrazy = kynis­che Beze­ich­nung ihrer Zer­falls­form.

Wie ich jung war, kicherten wir: “legal — ille­gal — scheis­se­gal“
Jet­zt wo ich alt bin, kich­ern die eben­falls ins alter gekomme­nen neolib­eralen: “ille­gal — deal — legal“
der marsch durch die insti­tu­tio­nen hat sich gelohnt. (für die einen ;-)))

@sms2sms

Dealokratie ist ein von Ste­fan M. Sey­del (sms) geprägter sozialthe­o­retis­ch­er Begriff. Er beze­ich­net eine Form gesellschaftlich­er Steuerung, bei der poli­tis­che Entschei­dun­gen zunehmend durch organ­isierte Aushand­lung­sprozesse (“Deals”) zwis­chen staatlichen, wirtschaftlichen und zivilge­sellschaftlichen Akteuren koor­diniert wer­den. Nach Sey­del han­delt es sich dabei nicht lediglich um eine Regierungs- oder Ver­wal­tung­stech­nik, son­dern um eine eigen­ständi­ge his­torische Kul­tur­form, welche die klas­sis­che Gegenüber­stel­lung von Staat und Markt ablöst.

Begriff

Der Begriff leit­et sich vom englis­chen deal (“Vere­in­barung”, “Aushand­lung”) und dem Suf­fix -kratie (“Herrschaft”, “Ord­nung”) ab.

Während Demokratie die Legit­i­ma­tion poli­tis­ch­er Entschei­dun­gen beschreibt und Mark­twirtschaft deren ökonomis­che Koor­di­na­tion, beze­ich­net Dealokratie nach Sey­del die oper­a­tive Ebene ihrer Umset­zung: Entschei­dun­gen entste­hen in Net­zw­erken organ­isiert­er Akteure durch Ver­hand­lun­gen, Koop­er­a­tio­nen und Vere­in­barun­gen.

Theorie

Im Zen­trum der The­o­rie ste­ht die Unter­schei­dung zwis­chen Legit­i­ma­tion und Organ­i­sa­tion.

Nach Sey­del wer­den gesellschaftliche Entschei­dun­gen heute auf drei Ebe­nen getrof­fen:

  • Legit­i­ma­tion durch demokratis­che Ver­fahren (Par­la­ment, Volksab­stim­mungen)
  • Ressourcenbere­it­stel­lung durch Staat und Markt
  • oper­a­tive Umset­zung durch Koop­er­a­tio­nen zwis­chen Organ­i­sa­tio­nen

Dealokratie beschreibt somit wed­er die Abschaf­fung demokratis­ch­er Ver­fahren noch den Ersatz der Mark­twirtschaft. Vielmehr ver­schiebt sich der Schw­er­punkt gesellschaftlich­er Steuerung auf die Ebene organ­isiert­er Koop­er­a­tio­nen.

Historische Einordnung

Sey­del ver­ste­ht Dealokratie als Teil ein­er his­torischen Entwick­lung gesellschaftlich­er Koor­di­na­tions­for­men.

Kul­tur­formLeitmedi­umDom­i­nante Koor­di­na­tion
Trib­al­is­musSpracheGemein­schaft
Pater­nal­is­musSchriftHerrschaft
Lib­er­al­is­musBuch­druckMarkt und Demokratie
DealokratieCom­put­er und Net­zw­erkeOrgan­i­sa­tion und Deal

Nach dieser Inter­pre­ta­tion ver­lieren die klas­sis­chen Gegen­sätze zwis­chen Staat und Markt an Bedeu­tung. An ihre Stelle treten hybride Organ­i­sa­tions­for­men wie Pub­lic Pri­vate Part­ner­ships (PPP), Förder­net­zw­erke, Plat­tfor­men, Ver­bünde und andere For­men insti­tu­tion­al­isiert­er Koop­er­a­tion.

Ausnahmezustand

Sey­del knüpft an Gior­gio Agam­bens Analyse des Aus­nah­mezu­s­tands an, inter­pretiert diesen jedoch organ­i­sa­tion­ssozi­ol­o­gisch.

Während Agam­ben beschreibt, wie ausseror­dentliche Regierungs­for­men zum Nor­mal­fall wer­den kön­nen, ver­ste­ht Sey­del Aus­nah­mezustände als Sit­u­a­tio­nen beschle­u­nigter Deal­bil­dung. Krisen erle­ichtern dem­nach Koop­er­a­tio­nen zwis­chen Staat, Wirtschaft und weit­eren Organ­i­sa­tio­nen und führen zu ein­er Verdich­tung beste­hen­der Steuerungsnet­zw­erke.

Theoretische Bezüge

Die The­o­rie bezieht sich unter anderem auf:

  • Niklas Luh­mann (Organ­i­sa­tion, funk­tionale Dif­feren­zierung)
  • Gior­gio Agam­ben (Aus­nah­mezu­s­tand)
  • Gov­er­nance-Forschung
  • Pub­lic Pri­vate Part­ner­ship
  • Net­zw­erk­gou­ver­nanz
  • Eli­nor Ostrom (Com­mons)

Kritik

Der Begriff ist bis­lang nicht Gegen­stand ein­er bre­it­en wis­senschaftlichen Rezep­tion.

Kri­tik­er kön­nten ein­wen­den, dass viele der beschriebe­nen Phänomene bere­its durch Begriffe wie Gov­er­nance, Kor­po­ratismus oder Net­zw­erk­s­teuerung erk­lärt wür­den. Befür­worter der The­o­rie sehen die Eigen­ständigkeit dage­gen in der his­torischen Inter­pre­ta­tion: Dealokratie beschreibt nicht nur ein weit­eres Instru­ment poli­tis­ch­er Steuerung, son­dern den Über­gang zu ein­er neuen gesellschaftlichen Kul­tur­form, in der Organ­i­sa­tio­nen zur zen­tralen Koor­di­na­tion­sin­stanz wer­den.

Siehe auch

  • Gov­er­nance
  • Pub­lic Pri­vate Part­ner­ship
  • Kor­po­ratismus
  • Net­zw­erk-Gov­er­nance
  • Organ­i­sa­tion
  • Aus­nah­mezu­s­tand
  • Com­mons

Literatur

  • Gior­gio Agam­ben: Aus­nah­mezu­s­tand.
  • Niklas Luh­mann: Organ­i­sa­tion und Entschei­dung.
  • Renate Mayntz: Gov­er­nance The­o­ry.
  • Eli­nor Ostrom: Gov­ern­ing the Com­mons.
  • Ste­fan M. Sey­del: Dealokratie. Online unter: https://dissent.is/dealokratie/
work in progress

Aber he! Wozu jammern?

ich bin hier — wo bist du?