#Dealokratie = analytischer Begriff.
#Dealocrazy = kynische Bezeichnung ihrer Zerfallsform.
Wie ich jung war, kicherten wir: “legal — illegal — scheissegal“
@sms2sms
Jetzt wo ich alt bin, kichern die ebenfalls ins alter gekommenen neoliberalen: “illegal — deal — legal“
der marsch durch die institutionen hat sich gelohnt. (für die einen ;-)))
omg | u don’t know #dealocrazy?https://t.co/gPJ3jGdzxh
— Q102014.xyz (@WikiDienstag) August 13, 2026
Dealokratie ist ein von Stefan M. Seydel (sms) geprägter sozialtheoretischer Begriff. Er bezeichnet eine Form gesellschaftlicher Steuerung, bei der politische Entscheidungen zunehmend durch organisierte Aushandlungsprozesse (“Deals”) zwischen staatlichen, wirtschaftlichen und zivilgesellschaftlichen Akteuren koordiniert werden. Nach Seydel handelt es sich dabei nicht lediglich um eine Regierungs- oder Verwaltungstechnik, sondern um eine eigenständige historische Kulturform, welche die klassische Gegenüberstellung von Staat und Markt ablöst.
Begriff
Der Begriff leitet sich vom englischen deal (“Vereinbarung”, “Aushandlung”) und dem Suffix -kratie (“Herrschaft”, “Ordnung”) ab.
Während Demokratie die Legitimation politischer Entscheidungen beschreibt und Marktwirtschaft deren ökonomische Koordination, bezeichnet Dealokratie nach Seydel die operative Ebene ihrer Umsetzung: Entscheidungen entstehen in Netzwerken organisierter Akteure durch Verhandlungen, Kooperationen und Vereinbarungen.
Theorie
Im Zentrum der Theorie steht die Unterscheidung zwischen Legitimation und Organisation.
Nach Seydel werden gesellschaftliche Entscheidungen heute auf drei Ebenen getroffen:
- Legitimation durch demokratische Verfahren (Parlament, Volksabstimmungen)
- Ressourcenbereitstellung durch Staat und Markt
- operative Umsetzung durch Kooperationen zwischen Organisationen
Dealokratie beschreibt somit weder die Abschaffung demokratischer Verfahren noch den Ersatz der Marktwirtschaft. Vielmehr verschiebt sich der Schwerpunkt gesellschaftlicher Steuerung auf die Ebene organisierter Kooperationen.
Historische Einordnung
Seydel versteht Dealokratie als Teil einer historischen Entwicklung gesellschaftlicher Koordinationsformen.
| Kulturform | Leitmedium | Dominante Koordination |
|---|---|---|
| Tribalismus | Sprache | Gemeinschaft |
| Paternalismus | Schrift | Herrschaft |
| Liberalismus | Buchdruck | Markt und Demokratie |
| Dealokratie | Computer und Netzwerke | Organisation und Deal |
Nach dieser Interpretation verlieren die klassischen Gegensätze zwischen Staat und Markt an Bedeutung. An ihre Stelle treten hybride Organisationsformen wie Public Private Partnerships (PPP), Fördernetzwerke, Plattformen, Verbünde und andere Formen institutionalisierter Kooperation.
Ausnahmezustand
Seydel knüpft an Giorgio Agambens Analyse des Ausnahmezustands an, interpretiert diesen jedoch organisationssoziologisch.
Während Agamben beschreibt, wie ausserordentliche Regierungsformen zum Normalfall werden können, versteht Seydel Ausnahmezustände als Situationen beschleunigter Dealbildung. Krisen erleichtern demnach Kooperationen zwischen Staat, Wirtschaft und weiteren Organisationen und führen zu einer Verdichtung bestehender Steuerungsnetzwerke.
Theoretische Bezüge
Die Theorie bezieht sich unter anderem auf:
- Niklas Luhmann (Organisation, funktionale Differenzierung)
- Giorgio Agamben (Ausnahmezustand)
- Governance-Forschung
- Public Private Partnership
- Netzwerkgouvernanz
- Elinor Ostrom (Commons)
Kritik
Der Begriff ist bislang nicht Gegenstand einer breiten wissenschaftlichen Rezeption.
Kritiker könnten einwenden, dass viele der beschriebenen Phänomene bereits durch Begriffe wie Governance, Korporatismus oder Netzwerksteuerung erklärt würden. Befürworter der Theorie sehen die Eigenständigkeit dagegen in der historischen Interpretation: Dealokratie beschreibt nicht nur ein weiteres Instrument politischer Steuerung, sondern den Übergang zu einer neuen gesellschaftlichen Kulturform, in der Organisationen zur zentralen Koordinationsinstanz werden.
Siehe auch
- Governance
- Public Private Partnership
- Korporatismus
- Netzwerk-Governance
- Organisation
- Ausnahmezustand
- Commons
Literatur
- Giorgio Agamben: Ausnahmezustand.
- Niklas Luhmann: Organisation und Entscheidung.
- Renate Mayntz: Governance Theory.
- Elinor Ostrom: Governing the Commons.
- Stefan M. Seydel: Dealokratie. Online unter: https://dissent.is/dealokratie/

