Serie: “Meet your Enemy”. Prof. Dr. #MichaelButter (6. August 2026)

WOZU VERSCHWÖRUNGSTHEORIE?

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M/ein Blog ist m/ein Karten­raum und k/eine Bühne. Ich weiss, wie man pub­liziert. Das hier ist etwas anderes. d!a!n!k!e | WORK IN PROGRESS reload für aktuellen Schreib­stand | Warum ich nicht pub­liziere? Weil ich es kann. Weil es geht. Weil ich es für angemessen halte. (so?)

  • wenn es mir ums SENDEN gehen würde, machte ich alles falsch.
  • wenn es mir ums EMPFANGEN WERDEN gehen würde, machte ich alles anders.
  • wenn es mir ums FINDEN gehen würde, würde ich suchen.
  • wenn es mir ums GEWINNEN gehen würde, hielte ich mich an exper­tisen.

Prof. Dr. Michael But­ter, Uni Tübin­gen | Unser Begeg­nung am 6. August 2026 in Disentis/Mustér | Veröf­fentlichung seines neusten Buch­es war am 5. August 2026: Down­load des Buch­es | Die ganze Playlist auf WikiDienstag.ch | Abon­niere kosten­los den What­sApp-chan­nel #Lav­inaN­era treis

Uneditierte Transkription der Begegnung by #chatGPT

Wozu Verschwörungstheorie?

sms:

Herr Pro­fes­sor But­ter, her­zlich willkom­men in Dis­en­tis.

Michael But­ter:

Vie­len Dank. Ich freue mich sehr.

sms:

Ihr Name begleit­et mich inzwis­chen schon einige Jahre. Heute Mor­gen habe ich nachge­se­hen: Den ersten Ein­trag zu Ihnen habe ich bere­its 2018 in meinem Blog angelegt. Damals begann das The­ma «Ver­schwörungs­the­o­rie» ger­ade seinen grossen Auf­stieg.

Michael But­ter:

Eigentlich ver­lief das in zwei Schrit­ten. Zwis­chen 2014 und 2018 nahm das Inter­esse an Ver­schwörungs­the­o­rien in Deutsch­land, Öster­re­ich und der Schweiz deut­lich zu. In diese Zeit fiel auch mein Buch, das 2018 erschien. Es war mod­er­at erfol­gre­ich.

Mit der Pan­demie änderte sich dann alles. Das The­ma ging förm­lich durch die Decke. 2020 und 2021 war ich plöt­zlich sehr präsent. Im Mai 2020 hätte ich ver­mut­lich zwei­hun­dert Inter­views geben kön­nen, wenn ich das gewollt hätte. Ständig schrieb oder rief irgend­je­mand an. Das war schon eine aussergewöhn­liche Zeit.

sms:

Ich habe mich in den ver­gan­genen Tagen noch ein­mal inten­siv mit Ihrer Arbeit beschäftigt und mir drei The­men­stränge notiert. Ob wir alle schaf­fen, weiss ich gar nicht.

Der erste bet­rifft das Wort selb­st.

Der zweite die Def­i­n­i­tion.

Und der dritte die gesellschaftliche Funk­tion.

Begin­nen wir mit dem Wort.

Sie sind Amerikanist. Gle­ichzeit­ig arbeit­en Sie kul­tur­wis­senschaftlich, his­torisch und poli­tik­wis­senschaftlich. Wie wür­den Sie sich selb­st wis­senschaftlich verorten?

Michael But­ter:

Ich bin tat­säch­lich nicht leicht ein­er Diszi­plin zuzuord­nen.

Von meinem Fach her bin ich Amerikanist, also Spezial­ist für amerikanis­che Lit­er­atur und Kul­tur­wis­senschaft. Ein­er­seits bin ich ganz klas­sis­ch­er Lit­er­atur­wis­senschaftler und unter­richte entsprechende Sem­i­nare. Ander­er­seits arbeit­en wir kul­tur­wis­senschaftlich und beschäfti­gen uns nicht nur mit lit­er­arischen Tex­ten, son­dern eben­so mit Fil­men, Serien oder poli­tis­chen Diskursen.

Ger­ade meine Arbeit­en zu Ver­schwörungs­the­o­rien lassen sich deshalb nur schw­er ein­er einzel­nen Diszi­plin zuord­nen.

Das Buch, an dem ich im Moment arbeite und das hof­fentlich noch im Herb­st erscheint, ist im Grunde eher ein poli­tik­wis­senschaftlich­es Buch. Andere hal­ten mich wegen mein­er his­torischen Arbeit­en fast für einen His­torik­er.

Ich bewege mich gern zwis­chen den Diszi­plinen. Wenn man eine Pro­fes­sur hat – und ich habe das Glück, eine zu haben –, kann man sich diese Frei­heit erlauben. Ohne Pro­fes­sur muss man sich meist wesentlich stärk­er an diszi­plinäre Gren­zen hal­ten.

sms:

Das kenne ich gut.

Ger­ade weil ich ausser­halb akademis­ch­er Diszi­plinen arbeite, gehe ich zunächst auf das Wort.

Eines mein­er Lieblings­beispiele der ver­gan­genen Jahrzehnte war «Social Media».

Als Sozialar­beit­er stolpere ich sofort über das Wort «sozial».

Und bei «Ver­schwörungs­the­o­rie» ging es mir ähn­lich.

«Ver­schwörung» ist zunächst ein­mal ein neu­traler Begriff.

«The­o­rie» ist für mich dage­gen ein zen­traler wis­senschaftlich­er Begriff.

Wenn bei­de Wörter zusam­menkom­men, entste­ht plöt­zlich ein Begriff, der im öffentlichen Sprachge­brauch beina­he automa­tisch «Unsinn» bedeutet.

Das finde ich bemerkenswert. Im Deutschen gibt es mehrere solch­er Wortkom­bi­na­tio­nen, die bere­its durch ihre Zusam­menset­zung eine starke Wer­tung trans­portieren.

Der zweite The­men­strang bet­rifft dann die Def­i­n­i­tion.

Mir ist früh aufge­fall­en, dass Sie mit Michael Barkun arbeit­en.

Ich habe mich gefragt, ob seine berühmte Trias tat­säch­lich eine Def­i­n­i­tion ist.

Und schliesslich inter­essiert mich die gesellschaftliche Funk­tion.

Welche Rolle haben Sie in den ver­gan­genen Jahren eigentlich über­nom­men? Sie wur­den von den Medi­en in eine sehr sicht­bare Posi­tion gebracht. Gle­ichzeit­ig hat­te ich den Ein­druck, dass Sie selb­st immer wieder ver­sucht haben, diese Rolle zu rel­a­tivieren und zur Dif­feren­zierung aufzu­rufen.

Bevor wir dazu kom­men, ist mir noch etwas aufge­fall­en.

Ihre erste Pro­fes­sur führte Sie nach Wup­per­tal.

Für mich ist Wup­per­tal ein wichtiger Ort. Bazon Brock hat dort gelehrt, Friedrich Engels stammt von dort, und ich habe mich dort immer aus­ge­sprochen wohlge­fühlt.

Fast kön­nte man daraus schon wieder eine Ver­schwörungs­the­o­rie machen.

Dann ist mir Ihre Habil­i­ta­tion aufge­fall­en. Sie begin­nt bei den Puri­tan­ern.

Auch das hat mich sofort an Barkuns Def­i­n­i­tion erin­nert.

Liege ich mit dieser Verbindung völ­lig falsch?

Michael But­ter:

Nein, das ist dur­chaus eine berechtigte Frage.

Zunächst ein­mal müssen wir unter­schei­den zwis­chen der Geschichte des Begriffs «Ver­schwörung» und der Geschichte des Begriffs «Ver­schwörungs­the­o­rie».

Was man im 17. Jahrhun­dert unter ein­er Ver­schwörung ver­stand, unter­schei­det sich von unserem heuti­gen Ver­ständ­nis.

Der Begriff «Ver­schwörungs­the­o­rie» in sein­er mod­er­nen Bedeu­tung entste­ht eigentlich erst nach dem Zweit­en Weltkrieg. Karl Pop­per ver­wen­det ihn in Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, wenn er von der «Ver­schwörungs­the­o­rie der Gesellschaft» spricht.

Zwar taucht der Aus­druck bere­its im 19. Jahrhun­dert auf, bedeutet dort jedoch etwas anderes.

Wie bei allen the­o­retis­chen Konzepten stellt sich deshalb die Frage, inwieweit wir mod­erne Begriffe auf frühere Epochen anwen­den kön­nen.

Beim Begriff «Ver­schwörungs­the­o­rie» funk­tion­iert das bis in die frühe Neuzeit hinein erstaunlich gut.

Wir find­en dort Gedankenge­bäude, die genau jene Merk­male aufweisen, die Michael Barkun beschreibt.

Nichts ist, wie es scheint.

Das Entschei­dende geschieht im Ver­bor­ge­nen.

Nichts geschieht zufäl­lig, son­dern alles ist geplant.

Und alles ist miteinan­der ver­bun­den.

Michael But­ter:

Natür­lich ist damit nicht buch­stäblich alles gemeint. Die Kaf­fee­tasse auf dem Tisch ist nicht automa­tisch Teil des Ganzen.

Gemeint ist, dass sehr viel mehr geplant und miteinan­der ver­bun­den ist, als andere Erk­lärun­gen der Wirk­lichkeit annehmen.

Ver­schwörungs­the­o­rien zeich­nen sich durch eine Über­be­to­nung des kollek­tiv­en und erfol­gre­ichen Inten­tion­al­is­mus aus.

Eine Gruppe von Men­schen plant im Geheimen etwas und ist dann auch noch in der Lage, diesen Plan in die Tat umzuset­zen.

Wir alle pla­nen ständig – allein oder gemein­sam mit anderen. Und sehr oft stellen wir fest, dass unsere Pläne scheit­ern.

Ver­schwörungs­the­o­rien gehen dage­gen davon aus, dass bes­timmte Grup­pen ihre Pläne über Jahre, Jahrzehnte oder sog­ar Jahrhun­derte erfol­gre­ich umset­zen kön­nen.

sms:

Diese drei Sätze lassen sich aber auch auf andere Weltan­schau­un­gen anwen­den.

Beim Neolib­er­al­is­mus kön­nte man sagen:

Alles hat seinen Preis.

Alles fol­gt Anreizen.

Alles lässt sich über Märk­te koor­dinieren.

Beim Marx­is­mus, bei Reli­gion oder bei der Psy­cho­analyse lassen sich ähn­liche Dreistu­figkeit­en bilden.

Dann wäre die Frage, ob diese Grun­dan­nah­men tat­säch­lich eine Ver­schwörungs­the­o­rie definieren oder eher eine bes­timmte Form von Weltan­schau­ung.

Michael But­ter:

Wenn wir streng vorge­hen, soll­ten wir bei Marx­is­mus oder Neolib­er­al­is­mus zunächst gar nicht von Ver­schwörungs­the­o­rien sprechen.

Wir kön­nten stattdessen von «Kon­spir­a­tionis­mus» sprechen.

Damit meine ich eine Welt­sicht, die grund­sät­zlich davon aus­ge­ht, über­all unter­schiedliche Ver­schwörun­gen zu ent­deck­en.

Dann hät­ten wir zunächst eine all­ge­meine Ebene der Weltan­schau­ung. Diese man­i­festiert sich anschliessend im Glauben an und in der Artiku­la­tion von bes­timmten Ver­schwörungs­the­o­rien.

Auf dieser Grund­lage wird auch ver­ständlich, weshalb der Begriff «Ver­schwörungs­the­o­rie» dur­chaus angemessen sein kann.

Man kann dem Marx­is­mus oder dem Neolib­er­al­is­mus sehr kri­tisch gegenüber­ste­hen. Trotz­dem würde man nicht behaupten, dass es keine The­o­rien sind.

Es sind The­o­rien in dem Sinne, dass sie ver­suchen, Wis­sen über die Welt zu gewin­nen und die Welt durch miteinan­der verknüpfte Grun­dan­nah­men zu erk­lären.

Auf dieser Ebene sind auch Ver­schwörungs­the­o­rien tat­säch­lich The­o­rien, selb­st wenn sie zunächst vol­lkom­men unwis­senschaftlich erscheinen.

sms:

Das liesse sich weit in das wis­senschaftliche Feld hinein ver­längern.

Kopernikus sagt beispiel­sweise: Ja, die Sonne scheint im Osten aufzuge­hen und im West­en unterzuge­hen. Aber das beschreibt zunächst unsere Per­spek­tive und nicht die Bewe­gung der Him­mel­skör­p­er.

Wie erzeugt Wis­senschaft Wis­sen, wenn wir im All­t­ag ständig erleben, dass Dinge geschehen, deren Hin­ter­gründe wir nicht ken­nen?

Wir wis­sen vielle­icht, dass am Vor­abend die Mächti­gen des Dor­fes zusam­menge­sessen haben. Am näch­sten Tag geschieht etwas. Wir kön­nen aber nicht voll­ständig durch­schauen, wie das eine mit dem anderen zusam­men­hängt.

Wir müssen uns einen Reim auf etwas machen, das wir nicht voll­ständig ver­ste­hen. Gle­ichzeit­ig wis­sen wir, dass wir nicht alles wis­sen.

Wie lässt sich dann eine weltan­schauliche von ein­er wis­senschaftlichen Erk­lärung unter­schei­den?

Michael But­ter:

Das ist viel schwieriger, als es zunächst erscheint.

Wis­senschaftliche The­o­rien lassen sich eben­falls als Weltan­schau­un­gen beschreiben. Marx­is­mus und Neolib­er­al­is­mus sind natür­lich auch Weltan­schau­un­gen.

In den ver­gan­genen Jahren sind ver­schiedene Arbeit­en erschienen, die ger­ade die Par­al­le­len zwis­chen Ver­schwörungs­the­o­rie und Sozialthe­o­rie her­vorheben. Sie zeigen, wie das eine in das andere kip­pen kann.

Bei­des lässt sich erstaunlich schw­er trennscharf voneinan­der abgren­zen.

In der deutschen Debat­te gibt es Stim­men, die sagen, man dürfe über­haupt nicht von Ver­schwörungs­the­o­rien sprechen, weil diese nicht fal­si­fizier­bar seien. Das ist das klas­sis­che pop­per­sche Argu­ment.

Dage­gen lässt sich ein­wen­den, dass Pop­per dieses Argu­ment vor rund achtzig Jahren for­muliert hat. Die Wis­senschaft­s­the­o­rie ist inzwis­chen weit­er und weiss, dass es auch wis­senschaftliche The­o­rien gibt, die sich nicht ein­fach fal­si­fizieren lassen.

Wie sollte man beispiel­sweise Fou­cault fal­si­fizieren?

Auch Anhänger von Fou­cault oder Marx wür­den ver­mut­lich nicht akzep­tieren, dass ihre The­o­rie abschliessend fal­si­fiziert wor­den sei.

Auf dieser Ebene kom­men wir deshalb nicht wirk­lich weit­er.

Entschei­dend ist weniger die Weltan­schau­ung im Hin­ter­grund als ihre konkrete Anwen­dung:

Wie erk­läre ich mit ihr bes­timmte Ereignisse?

Und wie gehe ich mit Beobach­tun­gen um, die nicht in mein Raster passen?

Gute Wis­senschaft ver­fügt über ein Kor­rek­tiv. Sie begin­nt irgend­wann, ihre eige­nen Grun­dan­nah­men zu hin­ter­fra­gen.

Wenn die Empirie sich den the­o­retis­chen Annah­men ständig wider­set­zt, müssen diese Annah­men möglicher­weise verän­dert wer­den.

Dann muss man vielle­icht anerken­nen, dass nicht alles geplant war, dass der Zufall eine Rolle spielt und dass eine andere Erk­lärung notwendig ist.

Bei Ver­schwörungs­the­o­rien geschieht das in aller Regel nicht.

Der Unter­schied liegt daher weniger in ein­er abstrak­ten Def­i­n­i­tion als in der Prax­is.

Ver­schwörungs­the­o­rien liefern sehr schnell sehr starke Erk­lärun­gen. Ger­ade das macht sie für Men­schen attrak­tiv, die schlecht mit Ambivalenz und Unsicher­heit umge­hen kön­nen.

Sie sagen:

Das geschieht ger­ade.

Diese Per­so­n­en steck­en dahin­ter.

Dor­thin soll es führen.

Sie liefern ein­deutige Antworten.

Gute Wis­senschaft kann genau das häu­fig nicht leis­ten.

sms:

Das Ange­bot der Wis­senschaft wäre dann das Rin­gen um Offen­heit:

noch ein­mal nach­fra­gen,

noch ein­mal öff­nen,

die eigene Erk­lärung wieder infrage stellen.

Michael But­ter:

Ja, das würde ich sehr ähn­lich sehen.

sms:

Genau das hat mich während der Pan­demie beschäftigt.

Ich hat­te den Ein­druck, dass plöt­zlich wis­senschaftlich legit­imiert wurde, bes­timmte Fra­gen mit dem Begriff «Ver­schwörungs­the­o­rie» bei­seit­ezuschieben.

Ich selb­st habe den Begriff in dieser Schärfe eigentlich erst nach dem 11. Sep­tem­ber bewusst wahrgenom­men.

Und dann erlebte ich, wie sich nahezu jede Frage mit einem einzi­gen Wort erledi­gen liess:

«Das ist doch eine Ver­schwörungs­the­o­rie.»

Das ist für mich noch ein­mal eine ganz andere Dimen­sion dieses Begriffs.

Michael But­ter:

Das ist tat­säch­lich ein wichtiger Punkt.

Der Begriff «Ver­schwörungs­the­o­rie» ist auch ein Mit­tel der Stig­ma­tisierung.

Man kann bes­timmte Posi­tio­nen ein­fach bei­seit­ewis­chen, indem man sagt: Das ist doch eine Ver­schwörungs­the­o­rie.

Das ist allerd­ings prob­lema­tisch.

Zum einen gibt es reale Ver­schwörun­gen.

Sie wer­den nor­maler­weise anders aufgedeckt, als Ver­schwörungs­the­o­retik­er argu­men­tieren. Aber selb­stver­ständlich existieren sie.

Zum anderen wird der Begriff häu­fig auf Posi­tio­nen angewen­det, die die Merk­male ein­er Ver­schwörungs­the­o­rie gar nicht erfüllen.

Jemand, der Imp­fun­gen kri­tisch gegenüber­ste­ht, ist deshalb noch kein Ver­schwörungs­the­o­retik­er.

Erst wenn behauptet wird, Imp­fun­gen wür­den trotz bekan­nter Gefahren aus geheimen Motiv­en bewusst durchge­set­zt oder ihre Risiken absichtlich ver­schwiegen, bewe­gen wir uns im Bere­ich ein­er Ver­schwörungs­the­o­rie.

Der Begriff wird heute oft zu lock­er ver­wen­det, um Gegen­po­si­tio­nen zu dis­qual­i­fizieren.

Das heisst nicht, dass Ver­schwörungs­the­o­rien unprob­lema­tisch wären.

Aber wir soll­ten möglichst präzise damit umge­hen.

sms:

Manch­mal schiessen sich diese Debat­ten auch selb­st ins Knie.

Ich frage mich zum Beispiel, weshalb ein mil­liar­den­schw­er­er öffentlich-rechtlich­er Rund­funk Fak­tenchecks zur Flat Earth The­o­ry pro­duziert.

Ich habe ein­mal mit einem Flat-Earth-Anhänger disku­tiert. Das war gar nicht so unin­ter­es­sant.

Michael But­ter:

Das ist tat­säch­lich ein gutes Beispiel.

Flat Earth gehört zu den Ver­schwörungs­the­o­rien, die in den aller­meis­ten Fällen ver­gle­ich­sweise harm­los sind.

Prob­lema­tisch wer­den Ver­schwörungs­the­o­rien dort, wo sie sich mit men­schen­feindlichen Ide­olo­gien verbinden – etwa mit Anti­semitismus, Ras­sis­mus oder anderen Feind­bildern.

Bei Flat Earth geht es in erster Lin­ie darum, beweisen zu wollen, dass man selb­st recht hat.

Es geht nicht darum, gegen bes­timmte Eliten vorzuge­hen.

Deshalb halte ich diese Vari­ante für ver­gle­ich­sweise harm­los.

Ich habe in meinem let­zten Buch auch beschrieben, dass sich viele Fak­tenchecks let­ztlich an Men­schen richt­en, die die jew­eilige Ver­schwörungs­the­o­rie ohne­hin nicht glauben.

Wer bere­its von ein­er Ver­schwörung überzeugt ist, wird sich kaum durch einen Fak­tencheck der ARD umstim­men lassen.

In vie­len Fällen dienen solche Fak­tenchecks eher der Selb­st­bestä­ti­gung des eige­nen Pub­likums.

Manch­mal kön­nte man dieses Geld sin­nvoller ein­set­zen.

Ich werde inzwis­chen gele­gentlich für Fak­tenchecks zu Ver­schwörungs­the­o­rien ange­fragt, von denen ich zuvor noch nie gehört habe.

Dann denke ich: Wenn jet­zt ein gross­es Medi­um darüber berichtet, ver­schafft es dieser The­o­rie über­haupt erst zusät­zliche Aufmerk­samkeit.

sms:

Damit sind wir eigentlich schon beim drit­ten The­men­strang angekom­men.

Mich inter­essiert die gesellschaftliche Funk­tion.

Nicht nur die Funk­tion von Ver­schwörungs­the­o­rien, son­dern auch die Funk­tion des gesellschaftlichen Diskurs­es über Ver­schwörungs­the­o­rien.

Welche Rolle spielt dabei die Uni­ver­sität?

Michael But­ter:

Ich halte bei­de Fra­gen für wichtig.

Zum einen kön­nen wir nach der Funk­tion von Ver­schwörungs­the­o­rien fra­gen.

Zum anderen nach der Funk­tion des gesellschaftlichen Diskurs­es über Ver­schwörungs­the­o­rien.

Zur ersten Frage gibt es inzwis­chen eine umfan­gre­iche psy­chol­o­gis­che Forschung.

Sie zeigt, dass Ver­schwörungs­the­o­rien Men­schen helfen, ihre Welt zu ver­ste­hen.

Sie machen die Welt erk­lär­bar­er.

Sie reduzieren Kontin­genz.

Sie geben in Sit­u­a­tio­nen des Kon­trol­lver­lustes das Gefühl zurück, wieder Kon­trolle zu besitzen.

Das ist in den ver­gan­genen Jahren sehr gut unter­sucht wor­den.

Daneben gibt es aber auch gesellschaftliche Funk­tio­nen.

Deshalb beschäfti­gen sich neuere Arbeit­en stärk­er mit dem Ver­hält­nis zwis­chen Sozialthe­o­rie und Ver­schwörungs­the­o­rie.

Mein amerikanis­ch­er Kol­lege Mark Fen­ster for­muliert einen Satz, den ich sehr mag:

«Con­spir­a­cy the­o­ries are some­times on to some­thing.»

Damit meint er nicht, dass sie wahr wären.

Son­dern dass sie manch­mal auf reale Prob­leme hin­weisen.

Deshalb soll­ten wir Ver­schwörungs­the­o­rien nicht vorschnell pathol­o­gisieren.

Sie kön­nen als Seis­mo­grafen für reale Äng­ste, Sor­gen und gesellschaftliche Span­nun­gen ver­standen wer­den.

Nehmen wir etwa Ver­schwörungs­the­o­rien über eine soge­nan­nte «Neue Wel­tord­nung».

Sie reagieren auf Glob­al­isierung­sprozesse, die für viele Men­schen tat­säch­lich bedrohlich wirken.

Der Unter­schied beste­ht darin, dass diese Entwick­lun­gen nicht struk­turell erk­lärt wer­den, son­dern als Ergeb­nis eines grossen Kom­plotts erscheinen.

Ger­ade deshalb soll­ten wir fra­gen:

Warum wer­den Men­schen für solche Erzäh­lun­gen empfänglich?

Was sagt uns das über den Zus­tand ein­er Gesellschaft?

Das finde ich wis­senschaftlich viel inter­es­san­ter als die Frage, ob eine einzelne Ver­schwörungserzäh­lung wahr oder falsch ist.

sms:

Welche Auf­gabe kön­nte die Wis­senschaft oder die Uni­ver­sität in diesem Zusam­men­hang übernehmen?

Was kann sie anbi­eten, um solche Gespräche und Diskursräume zu öff­nen?

Michael But­ter:

Im Grunde genau das, worüber wir eben gesprochen haben.

Wir kön­nen die Dinge kom­pliziert­er machen.

Auch die offiziellen Erk­lärun­gen über Ver­schwörungs­the­o­rien und über Men­schen, die an sie glauben, sind häu­fig sehr vere­in­fachend. Die Wirk­lichkeit ist kom­plex­er.

In diesem Zusam­men­hang passt es gut, dass heute ein Buch erschienen ist, das aus einem drei­jähri­gen europäis­chen Forschung­spro­jekt her­vorge­gan­gen ist. Gemein­sam mit Kol­legin­nen und Kol­le­gen aus ver­schiede­nen Län­dern haben wir unter­sucht, welchen Ein­fluss die Dig­i­tal­isierung auf Ver­schwörungs­the­o­rien in unter­schiedlichen Regio­nen Europas hat.

Das Buch trägt den Titel Con­spir­a­cy The­o­ries in the Euro­pean Dig­i­tal Sphere.

Wir haben Fall­stu­di­en zum Baltikum, zum Balkan und zum deutschsprachi­gen Raum durchge­führt und quan­ti­ta­tive mit qual­i­ta­tiv­en Meth­o­d­en kom­biniert.

Dabei zeigt sich, dass viele ver­bre­it­ete Annah­men über Ver­schwörungs­the­o­rien im Inter­net so nicht zutr­e­f­fen.

Zum Beispiel ist das Phänomen keineswegs nur ein Prob­lem sozialer Medi­en.

Wir müssen soziale Medi­en als Teil eines grösseren Ökosys­tems ver­ste­hen.

Dazu gehören alter­na­tive Nachricht­en­seit­en eben­so wie der Buch­markt, der ger­ade im deutschsprachi­gen Raum nach wie vor eine grosse Rolle spielt.

Viele der ein­schlägi­gen Autorin­nen und Autoren wer­den vor allem über Büch­er gele­sen. Das Inter­net dient häu­fig lediglich dazu, diese Büch­er sicht­bar zu machen.

Eben­so kon­nten wir zeigen, dass die ver­bre­it­ete Vorstel­lung, Men­schen wür­den durch Algo­rith­men im Inter­net mit Ver­schwörungs­the­o­rien «angesteckt», nicht trägt.

Unsere ethno­graphis­chen Unter­suchun­gen zeigen vielmehr:

Men­schen gelan­gen meist über Fre­unde, Bekan­nte oder Grup­pen, denen sie bere­its ver­trauen, zu solchen Inhal­ten.

Nicht das Inter­net erzeugt zunächst das Mis­strauen.

Die Men­schen sind bere­its mis­strauisch.

Erst deshalb suchen sie nach entsprechen­den Erk­lärun­gen.

Im Inter­net konkretisiert und ver­stärkt sich dieses Mis­strauen dann möglicher­weise.

Genau darin sehe ich die Auf­gabe guter Wis­senschaft.

Sie macht Zusam­men­hänge kom­plex­er und erk­lärt sie dadurch bess­er.

sms:

Mich erin­nert das an die frühen Jahre von Wikipedia.

Damals faszinierte mich die Idee eines offe­nen Wis­sensraums.

Auch während der Pan­demie hat­te ich oft den Ein­druck: Bei allen Prob­le­men des Inter­nets wäre es ohne diese Offen­heit deut­lich schwieriger gewe­sen, auf Hin­weise zu stossen, die die offiziellen Darstel­lun­gen zumin­d­est kom­pliziert­er macht­en.

Michael But­ter:

Ja, genau.

Das Inter­net hat den Umgang mit Ver­schwörungs­the­o­rien verän­dert.

Allerd­ings ver­mut­lich weniger stark, als häu­fig angenom­men wird.

Vor allem hat es Ver­schwörungs­the­o­rien sicht­bar­er gemacht.

Bis in die 1950er- und 1960er-Jahre hinein war es in der west­lichen Welt dur­chaus nor­mal, an Ver­schwörungs­the­o­rien zu glauben.

Danach ver­loren sie an gesellschaftlich­er Legit­im­ität und wan­derten an die Rän­der der Gesellschaft.

Sie ver­schwan­den aber nicht.

Sie spiel­ten sich lediglich in Sub­kul­turen ab.

Men­schen trafen sich in Kneipen, veröf­fentlicht­en Büch­er im Selb­stver­lag oder vervielfältigten Texte im Eigen­ver­trieb.

Von aussen bekam man davon kaum etwas mit.

Wer in den 1980er-Jahren Zweifel an der Mond­lan­dung hat­te, musste zunächst einen Buch­händler find­en, der entsprechende Lit­er­atur über­haupt bestellte.

Das war aufwendig und teuer.

Im Inter­net ist das völ­lig anders.

Aus solchen Sub­kul­turen wer­den sicht­bare Gegenöf­fentlichkeit­en.

Dadurch wer­den sie leichter zugänglich.

Das bedeutet ein­er­seits, dass mehr Men­schen auf solche Inhalte stossen kön­nen.

Ander­er­seits entste­ht dadurch auch der Ein­druck, Ver­schwörungs­the­o­rien seien plöt­zlich über­all.

In Wirk­lichkeit waren sie schon vorher vorhan­den.

Wir haben sie nur nicht wahrgenom­men.

Mein Tübinger Kol­lege Bern­hard Pörk­sen for­muliert dazu eine inter­es­sante These.

Er sagt, wir seien beim Sur­fen im Inter­net oft deshalb schlecht gelaunt, weil wir dort ständig Men­schen begeg­nen, die die Welt ganz anders sehen als wir selb­st.

Im All­t­ag fällt uns das viel weniger auf, weil wir uns dort stärk­er inner­halb unser­er ver­traut­en sozialen Umge­bun­gen bewe­gen.

sms:

Das erin­nert mich an Bern­hard Pörk­sen und an Niklas Luh­mann.

Luh­mann beschreibt in Die Gesellschaft der Gesellschaft, wie sich Gesellschaft mit jedem Medi­en­wech­sel neu organ­isiert.

Wenn Sprache dominiert, entste­hen andere For­men des Zusam­men­lebens als unter den Bedin­gun­gen der Schrift.

Mit dem Buch­druck verän­dert sich erneut alles.

Und heute stellt sich die Frage, ob wir wieder vor einem solchen Umbruch ste­hen.

Dirk Baeck­er spricht von der «näch­sten Gesellschaft».

Ste­hen wir im Moment vor ein­er ver­gle­ich­baren Trans­for­ma­tion?

Michael But­ter:

Das ist schw­er zu sagen.

Ich muss allerd­ings auch geste­hen, dass Sie sys­temthe­o­retisch deut­lich ver­siert­er sind als ich.

Wenn ich auf Ver­schwörungs­the­o­rien schaue, sehe ich zunächst ein­mal mehr Kon­ti­nu­ität als Wan­del.

Es gibt allerd­ings einen Satz von Niklas Luh­mann, den ich in diesem Zusam­men­hang immer aus­ge­sprochen hil­fre­ich finde:

«Die Bedin­gung für den Abbau von Kom­plex­ität ist der Auf­bau von Kom­plex­ität.»

Über Ver­schwörungs­the­o­rien wird häu­fig gesagt, sie vere­in­facht­en die Welt.

Das stimmt ein­er­seits.

Sie lösen vieles auf den Gegen­satz von Gut und Böse auf.

Die Ver­schwör­er wer­den für alles ver­ant­wortlich gemacht.

In diesem Sinn liefern sie ein­fache Erk­lärun­gen.

Ander­er­seits muss man eine enorme seman­tis­che Kom­plex­ität auf­bauen, um plau­si­bel zu machen, dass all diese Akteure tat­säch­lich zusam­me­nar­beit­en und einen langfristi­gen Plan ver­fol­gen.

Nehmen wir das Atten­tat auf John F. Kennedy.

Die offizielle Erk­lärung lautet:

Lee Har­vey Oswald han­delte allein.

Das ist eine aus­ge­sprochen ein­fache Erk­lärung.

Ein Einzeltäter schiesst, trifft den Präsi­den­ten, der Präsi­dent stirbt.

Die alter­na­tive Erk­lärung lautet dage­gen:

Die CIA.

Der mil­itärisch-indus­trielle Kom­plex.

Die Kubaner.

Oder mehrere Akteure gemein­sam.

Diese Erk­lärun­gen sind sehr viel kom­plex­er.

Insofern sind Ver­schwörungs­the­o­rien häu­fig min­destens so kom­plex wie die Wirk­lichkeit selb­st – allerd­ings auf ein­er anderen Ebene.

sms:

Das finde ich inter­es­sant.

Ger­ade hier oben in Dis­en­tis beschäftigt mich diese Frage seit Jahren.

Wir sitzen in einem Benedik­tin­erk­loster.

Der Ort­sname lautet Disentis/Mustér.

Für mich erzählt dieser Ort seit Jahrhun­derten von der­sel­ben Frage:

Wie gehen wir mit Dis­sens um?

Wie organ­isieren wir Zusam­men­leben unter Bedin­gun­gen von Kontin­genz?

Mich inter­essiert deshalb, was sich gegen­wär­tig verän­dert.

Was geschieht, wenn die Buch­druck­kul­tur, die unsere Welt über Jahrhun­derte geord­net hat, allmäh­lich von ein­er ver­net­zten Com­put­erkul­tur abgelöst wird?

Heute wird alles, was verknüpf­bar ist, miteinan­der verknüpft.

Das scheint mir eine ausseror­dentlich span­nende Phase zu sein.

Michael But­ter:

Das ist sie.

Gle­ichzeit­ig müssen wir inzwis­chen auch das Inter­net selb­st his­torisieren.

Ger­ade im Zusam­men­hang mit Ver­schwörungs­the­o­rien lassen sich sehr unter­schiedliche Phasen unter­schei­den.

Meine englis­chen Kol­le­gen Claire Bir­chall und Peter Knight arbeit­en derzeit an einem Buch über Inter­net und Ver­schwörungs­the­o­rien.

Am Anfang stand ein sehr offenes, beina­he demokratis­ches Inter­net.

Usenet ist dafür ein gutes Beispiel.

Nach dem 11. Sep­tem­ber begann eine neue Phase.

YouTube wurde dom­i­nant.

Plöt­zlich gab es zweistündi­ge Videos wie Loose Change oder Zeit­geist.

Par­al­lel dazu entwick­el­ten sich die sozialen Medi­en.

Telegram funk­tion­iert völ­lig anders als Face­book.

Deshalb gibt es eigentlich nicht «das Inter­net».

Auch hier müssen wir genauer unter­schei­den und genauer hin­schauen.

sms:

Und jet­zt kommt noch die soge­nan­nte Kün­stliche Intel­li­genz.

Auch das ist wieder ein bemerkenswertes Wort.

«Kün­stlich».

«Intel­li­gent».

Man verbindet bei­des – und plöt­zlich klingt der Begriff völ­lig selb­stver­ständlich.

Michael But­ter:

Ja.

sms:

Wir sind ziem­lich genau bei ein­er hal­ben Stunde angekom­men.

Gibt es etwas, worüber wir unbe­d­ingt noch hät­ten sprechen sollen?

Michael But­ter:

Nein, ich glaube, wir haben sehr viele wichtige Punk­te berührt.

Vielle­icht noch der Hin­weis auf das neue Buch.

Es ist Open Access erschienen.

Man kann die PDF kosten­los herun­ter­laden.

sms:

Das werde ich selb­stver­ständlich ver­linken.

Herr Pro­fes­sor But­ter, her­zlichen Dank für das Gespräch.

Michael But­ter:

Ich danke Ihnen für die Ein­ladung.

work in progress

Nachbereitung

work in progress

Vorbereitung

Anlass zu diesem Eintrag:

Michael But­ter wurde ab 2018 medi­al zum Kro­nzeu­gen gegen «Ver­schwörungs­the­o­rien», während der Coro­na-Jahre dann fast zum Gren­zwächter des legit­i­men Denkens. Der Begriff diente nicht nur der Analyse irra­tionaler Erzäh­lun­gen, son­dern zunehmend der Markierung uner­wün­schter Kri­tik. So wurde aus Wis­senschaft Diskur­spolizei: Wer ausser­halb des erlaubten Kor­ri­dors fragte, riskierte, nicht wider­legt, son­dern etiket­tiert zu wer­den.

“Michael, du hast selb­st darauf hingewiesen, dass der Vor­wurf ‘Ver­schwörungs­the­o­rie’ zur Diskred­i­tierung poli­tis­ch­er Geg­n­er einge­set­zt wer­den kann. Wo ziehst Du heute die Gren­ze zwis­chen notwendi­ger Kri­tik an unbelegten Behaup­tun­gen und ein­er dele­git­imieren­den Etiket­tierung von Dis­sens?”

Summary/Spoiler/TL;DR

(…)

bitte ver­ste­he diesen ein­trag nicht zu schnell… hier gibts nichts zu sehen und nichts zu lesen ;-)

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Wie ich von Michael Butter erfahren habe? Ganz natürlich über den Staatsfunkt. Im März 2018…

  • But­ter unter­sucht, welche Erzäh­lun­gen als gefährlich, irra­tional oder prob­lema­tisch gel­ten und wie sie gesellschaftlich wirken.
  • Welz­er fragt, wie neue gesellschaftliche Vorstel­lun­gen über­haupt denkbar wer­den und wie Zukun­ft wieder gestalt­bar wird.

Seine Definition #Verschwörungstheorie

Michael Barkun: A Cul­ture of Con­spir­a­cy (2003):

  1. Noth­ing hap­pens by acci­dent.
  2. Noth­ing is as it seems.
  3. Every­thing is con­nect­ed.

Aus sozi­ol­o­gis­ch­er Sicht würde ich wohl fra­gen:

Warum definieren Sie Ver­schwörungs­the­o­rien über Eigen­schaften von Aus­sagen und nicht über die Kom­mu­nika­tion­sstruk­turen, in denen der Begriff «Ver­schwörungs­the­o­rie» ver­wen­det wird?

Alter­na­tiv­en?

Pop­per → Erken­nt­nis­the­o­rie
Hof­s­tadter → poli­tis­ch­er Stil
Barkun → Denkstruk­tur
Kee­ley → Erk­lärungstyp
Sun­stein → Gov­er­nance und Risiko
etc.

Egal. Ich finde schon das Wort “komisch”:

Ver­schwörung + The­o­rie = Bull­shit

(so?)
  • “The­o­rie” ist in der Wis­senschaft etwas Pos­i­tives: “The­o­rie” ist in der Wis­senschaft eine Ausze­ich­nung für eine beson­ders leis­tungs­fähige Erk­lärung.
  • «Ver­schwörung» ist zunächst eben­falls ein neu­traler Begriff. Die Möglichkeit ein­er Ver­schwörung als Hypothese zu prüfen, ist keineswegs ille­git­im. Sie kann sog­ar eine pro­duk­tive Strate­gie sein, um Inter­essen, Absprachen, Machtver­hält­nisse und verdeck­te Zusam­men­hänge zu unter­suchen – im Sinne von: «Fol­low the mon­ey.»

Der entschei­dende Unter­schied ist:

  1. Hypothese prüfen.
  2. Ver­schwörung behaupten.
  3. Alles durch Ver­schwörung erk­lären.

Erst Punkt 3 nähert sich Barkuns Trias.

Wie auch immer: Allein die Kom­bi­na­tion der zwei Wörter sug­geriert etwas ganz anderes. Sie funk­tion­iert gesellschaftlich wie ein Etikett. Àhn­lich dumm wie bei

  • Kün­stlich + Intel­li­genz
  • Sozial + Medi­en
  • Alter­na­tiv­en + Fak­ten
  • Fake + News
  • Wis­senschafts + Kom­mu­nika­tion
  • Qual­ität + Jour­nal­is­mus
  • Evi­denz + basieren
  • Lib­er­al + Pater­nal­is­mus
  • Bull­shit + Sci­ence

Alles Begriffe, die zwei Wörter verbinden und dadurch eine neue, stark wer­tende Bedeu­tung erzeu­gen und jedes nüchterne denken abstellen. Schon die Wort­bil­dung zeigt, worum es geht:

Dieselbe Form könnte man (nicht nur) auf Religion anwenden.

BarkunReli­gion
Noth­ing hap­pens by acci­dent.Alles hat einen Sinn. Gottes Vorse­hung.
Noth­ing is as it seems.Hin­ter der sicht­baren Welt ste­ht eine unsicht­bare Wirk­lichkeit.
Every­thing is con­nect­ed.Alles ist Teil der Schöp­fung bzw. des Heil­s­plans.

Und plöt­zlich merken wir:

Mit Barkuns Trias kön­nte man grosse Teile religiösen Denkens beschreiben.

Oder Marx­is­mus:

  • Nichts geschieht zufäl­lig.
  • Hin­ter allem ste­hen Klass­en­in­ter­essen.
  • Alles hängt mit den Pro­duk­tionsver­hält­nis­sen zusam­men.

Oder Psy­cho­analyse:

  • Nichts geschieht zufäl­lig.
  • Das Bewusst­sein täuscht.
  • Alles hängt mit unbe­wussten Kon­flik­ten zusam­men.

Oder Ökolo­gie:

  • Nichts geschieht isoliert.
  • Sicht­bare Phänomene haben tief­ere Ursachen.
  • Alles ist ökol­o­gisch ver­net­zt.

Oder Neolib­er­al­is­mus:

  • Alles hat einen Preis.
  • Alles fol­gt Anreizen.
  • Alles lässt sich über Märk­te koor­dinieren.

Das heisst:

Die Trias ist vielle­icht gar nicht spez­i­fisch für Ver­schwörungs­the­o­rien.

Sie beschreibt möglicher­weise jede Weltan­schau­ung, die einen uni­versellen Deu­tungsanspruch erhebt.

Und genau dort würde ich But­ter fra­gen:

Herr But­ter, woran erken­nen Sie, dass Barkuns Trias spez­i­fisch für Ver­schwörungs­the­o­rien ist? Kön­nte dieselbe Trias nicht eben­so Reli­gion, Marx­is­mus, Psy­cho­analyse oder andere umfassende Welt­deu­tun­gen beschreiben?

Ich glaube, das ist eine wirk­lich starke wis­senschaftliche Frage.

Nicht, weil sie But­ter wider­legt.

Son­dern weil sie nach der Trennschärfe sein­er Def­i­n­i­tion fragt.

Denn eine gute Def­i­n­i­tion sollte den eige­nen Gegen­stand möglichst gut von benach­barten Gegen­stän­den unter­schei­den. Wenn diesel­ben drei Merk­male auch auf Reli­gion, Marx­is­mus oder Psy­cho­analyse passen, dann stellt sich die Frage, ob Barkuns Trias tat­säch­lich eine Def­i­n­i­tion von Ver­schwörungs­the­o­rien ist – oder all­ge­mein­er eine Beschrei­bung total­isieren­der Welt­deu­tun­gen.

Theorie vs Weltanschauung

The­o­rieWeltan­schau­ung
erk­lärt einen begren­zten Gegen­stands­bere­icherk­lärt die Welt als Ganzes
ist fal­si­fizier­barimmu­nisiert sich gegen Wider­legung
beschreibtdeutet
arbeit­et mit Bedin­gun­genarbeit­et mit Abso­lutheit­en
akzep­tiert Aus­nah­menerk­lärt Aus­nah­men um
kann erset­zt wer­denbeansprucht Gültigkeit
sucht bessere Erk­lärun­gensucht Bestä­ti­gung
ist Werkzeugist Ori­en­tierung
Wis­senschaftWeltan­schau­ung
unter­sucht Unter­schei­dun­genlebt von Unter­schei­dun­gen
Wis­senschaftWeltan­schau­ung
fragt nach der Trennschärfe ihrer Begriffesta­bil­isiert ihre Begriffe

Und jet­zt wird Barkun inter­es­sant.

Barkuns TriasThe­o­rie?Weltan­schau­ung?
Noth­ing hap­pens by acci­dent.
Noth­ing is as it seems.
Every­thing is con­nect­ed.

Denn alle drei Sätze sind uni­versell for­muliert. Das erin­nert eher an eine Weltan­schau­ung als an eine The­o­rie.

Wenn alle drei Sätze uni­verselle Aus­sagen über die Welt machen, weshalb sprechen Sie dann von ein­er «Ver­schwörungs­the­o­rie» und nicht von ein­er «Ver­schwörungsweltan­schau­ung»?

Eine kurze Geschichte des Begriffs #Verschwörungstheorie

  • 22.11.1963: Ermor­dung John F. Kennedy. Der Begriff “Ver­schwörungs­the­o­rie” wird im Zusam­men­hang mit Zweifeln am War­ren Report zunehmend ver­bre­it­et.
  • 1967: Die CIA ver­schickt das bekan­nte Dis­patch 1035–960. Darin wer­den Argu­men­ta­tion­sstrate­gien gegen Kri­tik­er des War­ren Reports vorgeschla­gen. Oft wird behauptet, die CIA habe den Begriff “con­spir­a­cy the­o­ry” erfun­den. Das stimmt nicht. Sie trug aber zu sein­er strate­gis­chen Ver­wen­dung bei.
  • 11.09.2001: Ter­ro­ran­schläge in den USA.
  • 2001–2003: Mit dem “War on Ter­ror” explodiert die öffentliche Ver­wen­dung des Begriffs “con­spir­a­cy the­o­ry”. Fra­gen zu 9/11 wer­den häu­fig unter dem Label “Ver­schwörungs­the­o­rie” ver­han­delt.
  • 2003: Irakkrieg und Massen­ver­nich­tungswaf­fen. Rück­blick­end zeigt sich, dass auch Regierun­gen falsche Nar­ra­tive ver­bre­it­en kön­nen. Das macht die ein­fache Unter­schei­dung zwis­chen “offizieller Wahrheit” und “Ver­schwörungs­the­o­rie” schwieriger. 2016: Trump, Brex­it und “Fake News”. Der Begriff erlebt eine zweite Kon­junk­tur.
  • 2018: Michael But­ter veröf­fentlicht “Nichts ist, wie es scheint” und wird zur wichtig­sten deutschsprachi­gen Ref­erenz.
  • 2020–2022: Coro­na. Der Begriff wird zu einem zen­tralen Instru­ment öffentlich­er Einord­nung und Abgren­zung.

Wieviele Bücher? Wieviele Medienauftritte

Michael But­ter kann man mit guten Grün­den als Best­seller­autor beze­ich­nen.

Warum?

  • Sein Buch erschien auf der SPIEGEL-Best­sellerliste.
  • Suhrkamp bewirbt das Buch aus­drück­lich als SPIEGEL-Best­seller.
  • Zusät­zlich war es Best­seller bei FOCUS, stern und Börsen­blatt.

Quelle:
https://www.suhrkamp.de/buch/michael-butter-nichts-ist-wie-es-scheint-t-9783518073605

Ab wann ist jemand Best­seller­autor?

Es gibt keine feste Verkauf­s­gren­ze.

In Deutsch­land gilt man in der Regel als Best­seller­autor, wenn ein Buch eine anerkan­nte Best­sellerliste erre­icht, etwa:

  • SPIEGEL-Best­seller
  • Börsen­blatt
  • FOCUS
  • New York Times Best­seller (USA)

Das kann – je nach Woche und Sach­buch­markt – schon mit weni­gen Tausend verkauften Exem­plaren gelin­gen. Bei einem poli­tis­chen Sach­buch sind oft 5’000–15’000 Verkäufe aus­re­ichend, um in die SPIEGEL-Liste einzusteigen. Für die oberen Plätze braucht es deut­lich mehr.

Bei But­ter ken­nen wir die Verkauf­szahlen nicht. Wir wis­sen nur:

  • SPIEGEL-Best­seller: Ja.
  • Min­destens sechs Aufla­gen: Ja.
  • Grosse medi­ale Res­o­nanz: Ja.

Deshalb ist die Beze­ich­nung “SPIEGEL-Best­seller­autor” sach­lich kor­rekt. Alles darüber hin­aus – etwa 20’000 oder 50’000 verkaufte Exem­plare – wäre Speku­la­tion und dafür gibt es derzeit keine belast­baren Zahlen.

Warum wurde aus­gerech­net ein Pro­fes­sor für amerikanis­che Lit­er­atur in dieser Phase zu ein­er öffentlichen Ori­en­tierungs­fig­ur?

Das ist eine sozi­ol­o­gis­che Frage. Sie richtet sich nicht gegen But­ter per­sön­lich. Sie fragt:

  • Warum braucht­en Medi­en genau in diesem Moment einen Experten?
  • Welche gesellschaftliche Funk­tion erfüllte seine Exper­tise?
  • Weshalb wurde ger­ade seine Def­i­n­i­tion massen­medi­al anschlussfähig?
JahrEreig­nisLink
2018Erscheinen von «Nichts ist, wie es scheint. Über Ver­schwörungs­the­o­rien».https://www.suhrkamp.de/buch/michael-butter-nichts-ist-wie-es-scheint-t-9783518073605 (Suhrkamp Ver­lag)
2018Erste grössere Rezen­sio­nen und Radioin­t­er­views (Deutsch­land­funk Kul­tur).https://www.deutschlandfunkkultur.de/michael-butter-nichts-ist-wie-es-scheint-wider-besseres-100.html (Deutsch­land­funk Kul­tur)
2019Zunehmende Präsenz als Experte in Medi­en und auf Podi­en.https://www.suhrkamp.de/rights/person/michael-butter-p-14970 (Suhrkamp Ver­lag)
2020Englis­che Aus­gabe: «The Nature of Con­spir­a­cy The­o­ries» (Poli­ty Press).https://www.politybooks.com/bookdetail?book_slug=the-nature-of-conspiracy-theories–9781509540815 (Suhrkamp Ver­lag)
2020–2022Regelmäs­sige Auftritte als Experte in SRF, Deutsch­land­funk, ARD, ZDF und weit­eren Medi­en während der Coro­na-Pan­demie.https://www.srf.ch/audio/tagesgespraech/michael-butter-verschwoerungstheorien-machen-die-welt-erklaerbar?id=fba41a66-e4c8-4df4-b6f4-49030ce8b3a7 (SRF) · https://www.deutschlandfunk.de/suche?query=Michael%20Butter (Suhrkamp Ver­lag)
2021Mitar­beit an öffentlichen Debat­ten und wis­senschaftlichen Pub­lika­tio­nen zu Ver­schwörungs­the­o­rien.https://uni-tuebingen.de/fakultaeten/philosophische-fakultaet/fachbereiche/neuphilologie/englisches-seminar/abteilungen/amerikanistik/personen/prof-dr-michael-butter/ (Wikipedia)
ab 2023Leitung des ERC-Pro­jek­ts «PACT – Pop­ulism and Con­spir­a­cy The­o­ry».https://erc-pact.eu/ (Suhrkamp Ver­lag)

(…)

(…)

Erfolg & so

Der Erfolg eines Pro­fes­sors ist auch ein Erfolg der Uni­ver­sität. Bei Michael But­ter sieht das so aus:

  1. ERC Con­sol­ida­tor Grant (2020)
  • Rund 2 Mil­lio­nen Euro Forschungs­gelder für das Pro­jekt “PACT – Pop­ulism and Con­spir­a­cy The­o­ry”. Solche ERC Grants gel­ten als eine der pres­tigeträchtig­sten Forschungs­förderun­gen Europas. (Uni­ver­sität Tübin­gen)
  • Pro­jek­t­seite:
    https://erc-pact.eu/
  1. Tübinger Preis für Wis­senschaft­skom­mu­nika­tion (2021)
  • Ver­liehen von der Uni­ver­sität Tübin­gen.
  • Begrün­dung: But­ter verbinde inter­na­tionale Spitzen­forschung mit erfol­gre­ich­er Kom­mu­nika­tion in die Öffentlichkeit. Die Jury hob aus­drück­lich sein öffentlich­es Engage­ment gegen Ver­schwörungs­the­o­rien her­vor. (Uni­ver­sität Tübin­gen)
  1. Mit­glied der Hei­del­berg­er Akademie der Wis­senschaften
  • Das ist eine bedeu­tende wis­senschaftliche Ausze­ich­nung und Anerken­nung inner­halb der deutschen Forschungs­land­schaft. (Uni­ver­sität Tübin­gen)
  1. Drittmit­tel
  • Vor dem ERC-Pro­jekt leit­ete But­ter bere­its das inter­na­tionale COST-Net­zw­erk “COMPACT” zur ver­gle­ichen­den Erforschung von Ver­schwörungs­the­o­rien (ca. 639’000 €). (Uni­ver­sität Tübin­gen)

Für unsere Analyse ist aber noch etwas anderes inter­es­sant:

Der Erfolg lässt sich auf vier Ebe­nen beobacht­en:

  • Best­seller­autor.
  • Medi­enex­perte.
  • Drittmit­tel­stark­er Pro­fes­sor.
  • Aus­geze­ich­neter Wis­senschaft­skom­mu­nika­tor.

Das sind unter­schiedliche For­men von Rep­u­ta­tion, die sich gegen­seit­ig ver­stärken. Das muss keine Kri­tik sein – es beschreibt zunächst, wie wis­senschaftliche Sicht­barkeit im heuti­gen Hochschul­sys­tem entste­ht. Genau diese Wech­sel­wirkung kön­nte später eine inter­es­sante Gespräch­sebene mit But­ter eröff­nen.

(…)

(…)

(…)

https://www.bpb.de/mediathek/video/308281/warum-gibt-es-gerade-so-viele-verschwoerungstheorien

Was ist eigentlich eine Ver­schwörungs­the­o­rie und warum glauben so viele Men­schen daran? Wir schauen uns gemein­sam mit dem Amerikanis­ten und Ver­schwörungs­the­o­rien-Ken­ner Michael But­ter an, mit welchen Argu­menten solche The­o­rien groß wer­den, welche gängi­gen Motive grade kur­sieren und was sie eigentlich von echt­en Ver­schwörun­gen unter­schei­det.

Inter­es­sant ist allerd­ings, dass But­ter selb­st den Begriff dur­chaus reflek­tiert hat. Er schrieb bere­its 2018, der Vor­wurf “Ver­schwörungs­the­o­rie” könne auch zur Dif­famierung poli­tis­ch­er Geg­n­er einge­set­zt wer­den, und ver­wen­dete zeitweise sog­ar den Begriff “Ver­schwörungs­the­o­riepanik”, den er von Jack Z. Bratich über­nahm. (Bei­de Links zu Welt.de sind nicht mehr online ;-)

Nächster Titel

(…)

(…)

(…)

8 Q&A’s ;-)

  1. Wer ist Michael But­ter?
    Pro­fes­sor für Amerikanis­tik an der Uni­ver­sität Tübin­gen. Forschung zu amerikanis­ch­er Lit­er­atur, Pop­ulärkul­tur und Ver­schwörungs­the­o­rien.
  2. Welche wis­senschaftliche Tra­di­tion ver­tritt er?
    Kul­tur­wis­senschaft, Amerikanis­tik und Diskur­s­analyse. Stark geprägt von Ideengeschichte und Nar­ra­tiv­forschung.
  3. Wie definiert er «Ver­schwörungs­the­o­rie»?
    Als Erzäh­lung, die wichtige Ereignisse auf geheime, absichtsvoll han­del­nde Grup­pen zurück­führt und dabei offiziellen Erk­lärun­gen grund­sät­zlich mis­straut.
  4. Wie hat sich der Begriff his­torisch entwick­elt?
    Seit dem 19. Jahrhun­dert belegt. Philosophisch geprägt durch Karl Pop­per (1945). Nach Kennedy (1963) stark ver­bre­it­et. Seit 2001 und beson­ders ab 2016 mas­siv im öffentlichen Diskurs.
  5. Wann wurde der Begriff zu einem poli­tis­chen Instru­ment?
    Spätestens ab den 2000er-Jahren. Während Coro­na (2020–2022) wurde er häu­fig auch zur öffentlichen Einord­nung und Abgren­zung von Posi­tio­nen ver­wen­det. Ob dies als poli­tis­ches Instru­ment zu bew­erten ist, ist umstrit­ten.
  6. Welche Rolle spiel­ten Medi­en, Wis­senschaft und Plat­tfor­men 2016–2024?
    Sie macht­en den Begriff zu ein­er zen­tralen Kat­e­gorie für die Bew­er­tung dig­i­taler Kom­mu­nika­tion. «Ver­schwörungs­the­o­rie», «Fake News», «Mis­in­for­ma­tion» und «Dis­in­for­ma­tion» wur­den zu Leit­be­grif­f­en.
  7. Wie würde eine luh­mannsche Kri­tik ausse­hen?
    Nicht fra­gen, ob eine Aus­sage wahr ist, son­dern wer sie als «Ver­schwörungs­the­o­rie» beze­ich­net und welche Funk­tion diese Unter­schei­dung im Kom­mu­nika­tion­ssys­tem erfüllt.
  8. Wie würde unsere Alter­na­tive ausse­hen?
    Nicht Aus­sagen etiket­tieren, son­dern Kom­mu­nika­tion­sin­fra­struk­turen beobacht­en:
  • Wer set­zt Begriffe?
  • Wer verteilt Aufmerk­samkeit?
  • Wer besitzt Def­i­n­i­tion­s­macht?
  • Welche Kom­mu­nika­tions­for­men wer­den ermöglicht oder aus­geschlossen?

(…)

(…)

(…)

Die Mindmap zum Gespräch:

  1. Das Wort

Ver­schwörung + The­o­rie = Bull­shit

The­o­rie:

  • wis­senschaftliche Erk­lärung
  • beson­ders leis­tungs­fähige Erk­lärungs­form

Ver­schwörung:

  • zunächst neu­traler Begriff
  • legit­ime Hypothese
  • Inter­essen, Absprachen, Machtver­hält­nisse, verdeck­te Zusam­men­hänge
  • «fol­low the mon­ey»

Weit­ere Wort­bil­dun­gen, die durch ihre Kom­bi­na­tion bere­its stark werten:

  • Kün­stlich + Intel­li­genz
  • Sozial + Medi­en
  • Alter­na­tiv­en + Fak­ten
  • Fake + News
  • Wis­senschafts + Kom­mu­nika­tion
  • Qual­ität + Jour­nal­is­mus
  • Evi­denz + basieren
  • Lib­er­al + Pater­nal­is­mus
  • Bull­shit + Sci­ence

Die Frage lautet:

Welche Funk­tion erfüllt bere­its das Wort «Ver­schwörungs­the­o­rie»?

  1. Die Def­i­n­i­tion

Barkuns Trias:

  1. Noth­ing hap­pens by acci­dent.
  2. Noth­ing is as it seems.
  3. Every­thing is con­nect­ed.

Diese Dreistu­figkeit passt eben­so auf andere Weltan­schau­un­gen:

Reli­gion:

  1. Alles hat einen Sinn.
  2. Hin­ter der sicht­baren Welt ste­ht eine unsicht­bare Wirk­lichkeit.
  3. Alles ist Teil der Schöp­fung beziehungsweise des Heil­s­plans.

Marx­is­mus:

  1. Nichts geschieht zufäl­lig.
  2. Hin­ter allem ste­hen Klass­en­in­ter­essen.
  3. Alles hängt mit den Pro­duk­tionsver­hält­nis­sen zusam­men.

Psy­cho­analyse:

  1. Nichts geschieht zufäl­lig.
  2. Das Bewusst­sein täuscht.
  3. Alles hängt mit unbe­wussten Kon­flik­ten zusam­men.

Ökolo­gie:

  1. Nichts geschieht isoliert.
  2. Sicht­bare Phänomene haben tief­ere Ursachen.
  3. Alles ist ökol­o­gisch ver­net­zt.

Neolib­er­al­is­mus:

  1. Alles hat einen Preis.
  2. Alles fol­gt Anreizen.
  3. Alles lässt sich über Märk­te koor­dinieren.

Die Frage lautet:

Definiert Barkuns Trias tat­säch­lich Ver­schwörungs­the­o­rien – oder beschreibt sie all­ge­mein­er total­isierende Welt­deu­tun­gen?

  1. Die gesellschaftliche Funk­tion

Wenn das Wort bere­its etiket­tiert und die Def­i­n­i­tion nicht trennscharf ist, ver­schiebt sich die Frage:

Nicht:

  • Was ist eine Ver­schwörungs­the­o­rie?

Son­dern:

  • Welche Funk­tion erfüllt die Unter­schei­dung «Ver­schwörungs­the­o­rie / keine Ver­schwörungs­the­o­rie»?

Dazu gehören die bish­eri­gen Fra­gen:

  • Wer set­zt Begriffe?
  • Wer verteilt Aufmerk­samkeit?
  • Wer besitzt Def­i­n­i­tion­s­macht?
  • Wer legit­imiert?
  • Wer kann massen­medi­al etiket­tieren?
  • Welche Kom­mu­nika­tion wird ermöglicht?
  • Welche Kom­mu­nika­tion wird aus­geschlossen?

Und zuge­spitzt auf Michael But­ter:

  • Warum braucht­en Medi­en genau in diesem Moment einen Experten?
  • Welche gesellschaftliche Funk­tion erfüllte seine Exper­tise?
  • Weshalb wurde ger­ade seine Def­i­n­i­tion massen­medi­al anschlussfähig?

Leit­frage:

  • Mich inter­essiert nicht, was eine Ver­schwörungs­the­o­rie ist.
  • Mich inter­essiert, warum unsere Gesellschaft Experten braucht, die definieren, was eine Ver­schwörungs­the­o­rie ist.

(…)

(…)

(…)

(…)

MEET YOUR ENEMY

Wer steckt hinter dem Berliner Social Muscle Club?

Hier wird es span­nen­der.

Das Berlin­er The­atertr­e­f­fen nen­nt das Kern­team von SMC Berlin:

  • Richard Aslan
  • Clau­dia Bas­rawi
  • Knut Berg­er
  • Ronald Berg­er
  • Agathe Chion
  • Anna de Car­lo
  • Rain­er von Dziegielews­ki
  • Jill Emer­son
  • Jared Gradinger
  • Chris Gylee
  • Lukas Har­lan
  • Steve Heather
  • Eva Philipps
  • Juli Reinartz
  • Rahel Savold­el­li
  • Judith Stößen­reuter
  • M.I.C.A.

Dazu kamen inter­na­tionale Ableger:

  • Jen­nifer Bell (SMC Bris­tol)
  • Thomas Kase­bach­er (SMC Wien)
  • Benedikt Wyss (SMC Basel)
    usw.

Und jetzt kommt der eigentliche Clou.

Benedikt Wyss schreibt selb­st:

“Anfang 2018 sollte ein Debat­ti­er-Marathon im Schiff­bau die Stre­itlust in der Zwinglis­tadt ent­fachen.”

Das ursprüngliche Pro­jekt hiess:

“Meet Your Ene­my”

Es war als Dis­pu­ta­tions­for­mat geplant.

Es scheit­erte.

Dann über­nahm der Social Mus­cle Club den Titel “Meet Your Ene­my” und machte daraus ein Hap­pen­ing.

(…)

(…)

Nächster Titel

Genau. In dein­er Kon­stel­la­tion ver­schiebt sich die Leit­form der Erken­nt­nis mit jed­er Kul­tur­form.

Kul­tur­formLeitmedi­umdom­i­nante Form der Wel­terk­lärung
− Sprachkul­turMündlichkeitMythos
+ Schriftkul­turSchriftReli­gion / The­olo­gie
≠ Buch­druck­kul­turBuch­druckWis­senschaft
# Com­put­erkul­turCom­put­er / Netz?

Genau an der let­zten Zeile arbeitest du seit Jahren.

Denn deine These lautet ja ger­ade:

Die Wis­senschaft ist nicht die ewige Form der Wahrheit.

Sie ist die dom­i­nante Erken­nt­n­is­form der Buch­druck­kul­tur.

Vorher war es:

  • Stammeswis­sen
  • Mythos
  • Erzäh­lung
  • Rit­u­al

Dann:

  • Offen­barung
  • Heilige Schrift
  • Exegese
  • The­olo­gie

Dann:

  • Exper­i­ment
  • Analyse
  • Logik
  • Wis­senschaft

Und heute?

Genau dort öffnet sich die Frage.

Nicht mehr:

Was ist wahr?

Son­dern beispiel­sweise:

  • Was ist ver­linkbar?
  • Was ist repro­duzier­bar?
  • Was ist infra­struk­tur­fähig?
  • Was funk­tion­iert?
  • Was ermöglicht Anschluss?

Darum inter­essiert dich But­ter auch.

Er vertei­digt – so kön­nte man deine These for­mulieren – die Wis­senschaft mit den Mit­teln ein­er Kul­tur­form, deren Dom­i­nanz ger­ade endet.

Nicht weil Wis­senschaft falsch wäre.

Son­dern weil sie his­torisch gewor­den ist.

Und genau deshalb wäre für dich die eigentlich span­nende Frage an But­ter ver­mut­lich gar nicht die Ver­schwörungs­the­o­rie, son­dern:

Ist Wis­senschaft eine uni­verselle Erken­nt­n­is­form – oder die Leit­form der Buch­druck­kul­tur?

Das wäre eine Frage, die direkt aus dein­er Kon­stel­la­tion der vier Kul­tur­for­men entste­ht.

(…)

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Nächster Titel

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Nächster Titel

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Nächster Titel

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Nächster Titel

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FakeNews

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Wie ich mit den Möglichkeiten von @openAI arbeite?

Links, Threads, zu verarbeitende Hinweise…

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Offene Blogeinträge, welche zu diesem Thema passen…

(…)

(…)

(…)

Textsorte: (1) Traum, (2) Blitz, (3) Beken­nt­nis, (4) Memo, (5) Märchen, (6) Dra­ma, (7) Tabu
Arbeits­form: Doku­men­ta­tion, Lis­ten­bil­dung, Work in Progress
Anlass: (…)
TL;DR: (…)
Bildquelle: (…)
URL/Hashtag: (…)

Ste­fan M. Sey­del, aka sms, aka sms2sms in «Zürcher Fest­spiel 1901″ (2019, Foto­cre­d­it: Charles Schny­der):  Twit­ter, Wikipedia (Lem­ma), Youtube (aktuell), Sound­cloud, Mastodon, Insta­gram (ges­per­rt), Snapchat, Tik­Tok, Twitch, t.me/WikiDienstag (Nicht in Betrieb) | Exk­lu­siv: speakerbooking.ch/sms2sms

About @sms2sms, aka Stefan M. Seydel/sms ;-)

Ste­fan M. Sey­del, Jahrgang 1965, ist Unternehmer, Sozialar­beit­er und Kün­stler. Er machte nach ein­er Beruf­slehre als Hochbauze­ich­n­er einen Bach­e­lor in Soziale Arbeit in St. Gallen und einen Mas­ter in der gle­ichen Diszi­plin bei Sil­via Staub-Bernasconi in Berlin. Seine über­wiegend selb­st­ständi­ge Tätigkeit kreist um das The­ma der Entwick­lung und Real­isierung von Pilot- und Impul­spro­jek­ten für renom­mierte Auf­tragge­berin­nen.

Als Kün­stler hat er Ausstel­lun­gen und Per­for­mances auf inter­na­tionaler Ebene präsen­tiert, darunter in der Roy­al Acad­e­my of Arts in Lon­don, dem Deutschen His­torischen Muse­um in Berlin oder ein­er Einze­lausstel­lung “Kun­st Macht Prob­leme” in der Cryp­ta Cabaret Voltaire, Birth­place of DADA in Zürich. Er wurde mit dem Migros Jubilée Award in der Kat­e­gorie Wis­sensver­mit­tlung aus­geze­ich­net und hat diverse Ehrun­gen durch Web­by Awards für seine Arbeit mit rocketboom.com erhal­ten.

Ste­fan war Jury-Mit­glied des Next Idea Prix Ars Elec­tron­i­ca 2010 und war drei Jahre Mit­glied der Schulleitung des Gym­na­si­ums Kloster Dis­en­tis. Sein Wis­sen und seine Erfahrung im Bere­ich der Infor­ma­tion und Tech­nolo­gie haben ihm auch dabei geholfen, mit Sta­tis­tik Stadt Zürich und Wiki­me­dia Schweiz unter WikiDienstag.ch zusam­men­zuar­beit­en.

Sein Engage­ment im Bere­ich der frei­willi­gen Arbeit führte ihn in das Prä­sid­i­um Inter­na­tionaler Bodensee Club (Leitung Fach­gruppe Wis­senschaft) oder für einige andere Jahre als Vice-Präsi­dent des von Paul Wat­zlaw­ick ini­ti­ierten P.E.N.-Club Liecht­en­stein. Sey­del hat unter ((( rebell.tv ))) zwei Büch­er zusam­men mit sein­er Part­ner­in Tina Piazzi veröf­fentlicht, viele Kolum­nen, Fach­texte und jour­nal­is­tis­che Texte pub­liziert.

Seine Arbeit auf Social Media nutzt er als Microblog­ging. In seinem Blog ver­ar­beit­et er seine The­men. Einige davon wer­den auf Anfra­gen zu les­baren Tex­ten ver­tieft, andere wer­den zu Vorträ­gen aus­ge­baut. Bei Carl Auer Ver­lag in Hei­del­berg, sam­melt er “Ele­mente ein­er näch­sten Kul­tur­form”. Seine Entwick­lun­gen im Kon­text der sozial­räum­lichen Inter­ven­tion (“Arbeit am Sozialen”) machen konkrete Vorschläge in Bezug auf die Beant­wor­tung der Sozialen Frage.

Nach 12 Jahren Berlin und 6 Jahren Zürich zog er aber in sein­er zweit­en Leben­shälfte vom Bodensee der Rhein­quelle ent­ge­gen nach Dissentis/Mustér und hat seine Reisetätigkeit fast ganz eingestellt. Dafür macht er umsomehr soge­nan­nte Pas­sadis und #Feed­logs (Orgiastik). Das sind Arbeitsmeet­ings an inten­tionalen Fra­gen in einem Lifestream. (so?) Text sup­port­ed by #TaaS

Aus Band 2 von: Tina Piazzi & Ste­fan M. Sey­del, Junius-Ver­lag Ham­burg | pdf: Band 1, 2009 | Band 2, 2010

#dfdu = DIE FORM DER UNRUHE | pdf: Band 1, 2009 | Band 2, 2010 | blog: dissent.is | about: dissent.is/sms | dissent.is/muster

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