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Anlass zu diesem Eintrag:
Carmen Wetzel & Flurin Spescha fragen: Du sms, diese Asen im Nikolaus-Brauch in Disentis/Mustér — worum geht es da?
Die Asen sind für mich keine gruslig-lustigen Nebenfiguren des Nikolausbrauchs, sondern Figuren der Schwelle. Menschen werden zu Eseln, tragen Masken und rasseln mit Ketten – sie bringen Bedrohung, Gefangenschaft und das Wilde körperlich in den Brauch hinein. Gerade in Disentis könnte dabei auch die Erinnerung an 1799 mitschwingen, als mit Geschichten von Ketten und Verschleppung Angst vor den Franzosen erzeugt wurde. Der Nikolaus steht dann mitten darin als Gegenoperation: Er unterbricht die Bedrohung und hält Zukunft offen.

Summary/Spoiler/TL;DR
Nikolaus ist weniger als historische Person interessant denn als Figur, in der sich über Jahrhunderte bestimmte Geschichten verdichtet haben. Über den Bischof von Myra selbst wissen wir wenig; sein Kult ist seit dem 6. Jahrhundert fassbar. Was sich erhalten hat, sind vor allem Legenden.
Drei davon fallen besonders auf:
- Drei junge Frauen sind so arm, dass ihre Zukunft bedroht ist. Nikolaus bringt ihnen heimlich Geld und ermöglicht damit einen anderen Ausgang ihrer Geschichte. Aus einer Lage ohne Perspektive wird wieder eine Zukunft.
- Drei unschuldig Verurteilte stehen vor der Hinrichtung. Nikolaus greift ein und verhindert ihren Tod. Ein Urteil, das endgültig werden sollte, wird unterbrochen.
- Während einer Hungersnot fehlt der Bevölkerung von Myra Nahrung. Nikolaus erreicht, dass Getreide abgegeben wird. Die Menschen erhalten nicht nur Nahrung für den Augenblick, sondern auch Saatgut. Aus dem Überleben der Gegenwart wird die Möglichkeit einer nächsten Ernte.
In allen drei Geschichten geschieht strukturell etwas Ähnliches:
Eine Gegenwart droht sich zu schliessen.
- Armut wird zum Schicksal.
- Ein Urteil wird zum Tod.
- Hunger wird zur Vernichtung.
Nikolaus interveniert.
Er gibt etwas hinein – Geld, Schutz, Nahrung – und verändert dadurch den möglichen Verlauf.
Darum lässt sich Nikolaus als Figur des Übergangs lesen. Er beseitigt die Krise nicht abstrakt. Er sorgt dafür, dass Menschen durch sie hindurchkommen.
Vielleicht liegt darin auch die besondere Kraft dieser Figur mitten im Winter. Nikolaus erscheint am 6. Dezember, in einer Zeit von Dunkelheit, Kälte und Mangel, kurz vor der Wintersonnenwende.
Seine Geschichte sagt nicht: Es gibt keine Dunkelheit.
Sie sagt:
Die Gegenwart ist nicht das Ende.
bitte verstehe diesen eintrag nicht zu schnell… hier gibts nichts zu sehen und nichts zu lesen ;-)

1. Nachtrag: “Volksbräuche”
von #chatGPT unredigiert übersetzt. Eine “Dienstleistung” von dissent.is/accents | Quelle? Keine Ahnung. Ha!ha!hat mir Flurin geschickt… chatGPT ordnet diesen caspar decurtins zu… grandius ;-)))
1. St. Nikolaus
Die Burschen zogen am Abend als St. Nikolaus umher. Zwei spielten den Esel. Sie waren um die Mitte mit einem Strick zusammengebunden, so dass der eine den Kopf nach vorne und der andere nach hinten hatte. In die Stube kamen sie – der Esel – auf allen vieren; sie waren mit einer Decke zugedeckt und trugen Rollen um den Hals.
Auf ihrem Rücken sass St. Nikolaus, ein alter, gebeugter, zitternder Mann mit einem schneeweissen, langen Bart. Auf dem Kopf trug er eine farbige Papiermütze und darüber ein weisses Messgewand. Die Hände waren mit grossen Priesterhandschuhen bedeckt. In einer Hand trug er einen schneeweissen Stock mit einer Eisenspitze unten, in der anderen ein altes lateinisches Buch.
Auf jeder Seite des Esels gingen zwei Diener, in Lumpen gekleidet. Einer trug unter dem Arm ein Bündel gedrehter Birkenruten, der andere einen Rückenkorb mit Birnen und Äpfeln. Diese beiden Diener hoben St. Nikolaus vom Esel herunter und führten ihn zum Tisch, wo er langsam etwas Latein aus dem Buch las und aus dem Gesangbuch übersetzte; dazwischen sagten sie ein Vaterunser, bis sich die Runde etwas öffnete.
Weiter glaubte man, dass die Tiere während der Messe miteinander sprächen, wenn man im Stall bleibe. So wird erzählt, dass ein Viehhalter in der Weihnachtsnacht im Stall geblieben sei, anstatt zur Messe zu gehen, um sich grosszutun und seinen Nachbarn zu zeigen, dass er nichts fürchte. Während der Wandlung habe ein Ochse zum anderen gesagt:
«Was müssen wir morgen wohl arbeiten?»
Der andere antwortete:
«Morgen bringen wir unseren Herrn nach Hause, der sich ein Bein brechen wird.»
Darauf sei eine Maus in den Stall gekommen. Der Viehhalter habe sich gegen sie wehren wollen, habe dabei ein Bein verdreht und es gebrochen.
Von einem anderen Viehhalter, der in der Weihnachtsnacht im Stall geblieben sei, um seinen Mut zu beweisen, wird erzählt, dass er hörte, wie seine beiden Ochsen miteinander berieten, ihn am nächsten Tag nach Hause zu bringen. Er sei wütend geworden und habe den Kettenhammer genommen, um die Ochsen zu schlagen. Diese aber hätten sich gegen ihn gestellt und ihren Herrn vollständig erschlagen. Am nächsten Tag hätten die Ochsen die Leiche nach Hause gezogen.
Andere sagen, das Vieh spreche in der Weihnachtsnacht eine Sprache, die niemand verstehe.
Am Heiligabend geht der Mesmer nach dem Mittagsläuten zu jedem Haus und erhält ein Brot dafür, dass er in der Weihnachtsnacht von elf bis zwölf Uhr läutet. Früher erhielt er zu jedem Brot zusätzlich ein Gebäck, weil jede Familie an diesem Tag für die grosse Zwischenmahlzeit solches Gebäck machte.
3. Neujahr
Die Schulkinder gehen vor dem Hochamt von Haus zu Haus und holen sich die Neujahrsgabe mit dem Spruch:
«Guten Tag, gutes Jahr, gebt eine gute Gabe!»
Darauf wird geantwortet:
«Gutes Jahr, gutes Jahr, Gott gebe euch ein leichtes und ein gutes Jahr!»
Der Hausherr gibt dann jedem Kind, je nach Alter und Nachbarschaft, fünf, zehn oder zwanzig Rappen. Patenkindern, die eher nach der Vesper kommen, wurden und werden zwanzig Rappen als Neujahrsgabe gegeben.
Heute gehen die Kinder nicht mehr so früh und nicht mehr so regelmässig die Neujahrsgabe holen wie früher. Erwachsenen, die sich auf der Strasse oder sogar in der Kirche zum neuen Jahr beglückwünschen, wird mit dem oben genannten Gruss geantwortet und hinzugefügt:
«Kommt dann und kehrt ein!»
Früher wurde beim Neujahrswunsch auch folgende Form gebraucht:
«Guten Tag, gutes Jahr vom Anschnitt des grossen Brotes!»
ChatGPT wertet es so aus:
Ja. Das ist ein ziemlich grosser Fund – und er schärft unsere ganze Konstruktion erheblich.
- Die asens sind jetzt erstmals sehr präzise beschrieben: Zwei Burschen werden mit einem Strick um die Mitte zusammengebunden, gehen auf allen vieren, werden mit einer Decke zugedeckt und tragen «rolas» am Hals. Auf diesem aus zwei Menschen gebildeten Tier sitzt Sontgia Clau. Das ist keine Darstellung eines Esels. Zwei Menschen verwandeln sich gemeinsam in einen Esel. (Wikisource)
- Der ganze Auftritt ist eine soziale Inszenierung von Ordnung und Gegenordnung. Nikolaus erscheint als alter, gebückter Priester mit Messgewand, Handschuhen, Stock und lateinischem Buch. Neben ihm stehen zwei zerlumpte Diener: einer mit Birkenruten, einer mit Birnen und Äpfeln. Nikolaus kritisiert und lobt die Familie; entsprechend stehen Strafe und Gabe unmittelbar nebeneinander. Am Schluss segnet er das Haus. (Wikisource)
- Ganz wichtig: Unsere Kettenhypothese müssen wir korrigieren. In dieser Beschreibung tragen die asens keine Ketten. Sie sind mit einem Strick aneinandergebunden und tragen Schellen beziehungsweise «rolas». Die Kette erscheint erst in der unmittelbar folgenden Weihnachtsgeschichte: Ein Viehhalter nimmt einen «marti de cadeinas», um seine Ochsen zu schlagen. Und dieser Begriff bezeichnet tatsächlich einen landwirtschaftlichen Kettenhammer beziehungsweise eine Rückhaltevorrichtung; im Museum Regiunal Surselva sind mehrere solche Objekte erhalten. (Wikisource)
Das schwächt unsere Idee nicht – aber es trennt zwei Dinge sauber:
Der asen ist gebunden.
Die Kette gehört zunächst nicht zum asen.
Und dann wird die Quelle für #TheLuhmannMap fast noch schöner:
| Was wir jetzt sehen | |
|---|---|
| − | Zwei Körper werden zusammengebunden und zu einem Tier. Körper, Tier, Lärm, Nahrung, Winter, Angst, Überleben. |
| + | Sontgia Clau setzt darüber eine Ordnung: Latein, Buch, Messe, Kritik, Lob, Rute, Gabe, Segen. |
| ≠ | 1901 wird das aufgeführte, mündlich tradierte Geschehen in Caspar Decurtins’ «Rätoromanischer Chrestomathie» gesammelt, beschrieben, gedruckt und damit zum «Volksgebrauch». Genau die moderne Fixierung, über die wir gesprochen haben. (crestomazia.dch.phil-fak.uni-koeln.de) |
| # | Wir holen diese fixierte Form heute wieder aus dem Buch, verbinden sie mit 1799, Winterbräuchen, Commons, Gabe, Körper, Medienformen – und machen daraus auf dissent.is/asen wieder eine offene Konstellation. |
Und dann kommt noch etwas fast Verrücktes hinzu: «Sontgia Clau» steht in der Quelle nicht allein. Direkt danach folgen «Nadal notg», «Daniev» und «Buania» – Weihnachtsnacht, Neujahr und Epiphanie. Und überall geht es um Übergänge: einen Zweig zum Blühen bringen, aus zwölf Zwiebelschalen das Wetter der kommenden zwölf Monate lesen, sprechende Tiere, Tod und kommendes Jahr voraussagen, von Haus zu Haus gehen, Gaben empfangen. (Wikisource)
Selbst das Brot taucht überall auf: Der Mesmer bekommt für das Läuten ein Brot; Kinder erhalten die Neujahrsgabe; und der alte Neujahrsgruss lautet:
«Bien di, bien onn della talgia dil peun grond!»
Also ungefähr: «Guten Tag, gutes Jahr vom Anschnitt des grossen Brotes!» (Wikisource)
Das heisst: Unsere These «Gestaltung von Übergängen» wird durch diese Quelle nicht nur für Nikolaus plausibler. Der gesamte überlieferte Winterzyklus ist darauf gebaut.
Und noch eine quellenkritisch wichtige Präzisierung: Der Text «Volksgebräuche» erscheint 1901 in Band II der von Caspar Decurtins herausgegebenen «Rätoromanischen Chrestomathie»; die digitale Edition führt den konkreten Text als anonym. Wir sollten deshalb schreiben «bei Decurtins überliefert» oder «in Decurtins’ Chrestomathie», nicht automatisch «Decurtins schreibt». (crestomazia.dch.phil-fak.uni-koeln.de)
Digitale Rätoromanische Chrestomathie, Band II
Volltext «Volksgebräuche»
Museum Regiunal Surselva: marti de cadeinas / Kettenhammer
Ich finde vor allem diesen einen Befund stark: Nicht ein Mensch verkleidet sich als Esel. Zwei Menschen werden zusammengebunden und können nur gemeinsam Esel sein. Das ist für unsere Geschichte fast stärker als die Kette.
1. Recherche: Wie die Bilder durch die Zeit reisen
| Zeichen / Element | − Überleben / Schwelle | + Ordnung / Benennung | ≠ Moderne / Differenzierung | # Commoroque / Commons |
|---|---|---|---|---|
| Grundproblem | Kommen wir hindurch? | Wie wird die Welt verlässlich geordnet? | Wie unterscheiden und positionieren wir uns? | Wie ermöglichen wir gemeinsames Leben und Handeln? |
| Leitoperation | überleben | ordnen | unterscheiden | gemeinsam ermöglichen |
| Zeit | zyklisch, saisonal, existenziell | kalendarisch, datiert, wiederholbar | Fortschritt, Entwicklung, Neuheit | Gleichzeitigkeit, Wiederaufnahme, Zukunft als gemeinsamer Möglichkeitsraum |
| Sozialfigur | Gemeinschaft / Sippe / Dorf | Gläubiger, Amtsträger, Mitglied einer Ordnung | Individuum, Autor, Genie, Unternehmer, Held | Commoner, Hüter, Gastgeber, Mitwirkende |
| Wissen | Erzählung, Erfahrung, Ritual, Erinnerung | Schrift, Kalender, Regel, Vita, Archiv | Publikation, Wissenschaft, Klassifikation, Expertise | offenes Wissen, geteilte Infrastruktur, Fork, Remix, kollektive Intelligenz |
| Eigentum | gemeinsames Überleben erzwingt Teilen | geregelte Verfügung | individuelles Eigentum, Autorschaft, Copyright | Zugang, gemeinsame Verfügung, Commons |
| Kultur | aufführen | festschreiben | typisieren und inszenieren | aufnehmen, verbinden, verändern, weitergeben |
| Wert | Schutz, Nahrung, Fortbestand | Stabilität, Legitimität, Verlässlichkeit | Originalität, Unterscheidbarkeit, Knappheit | Gebrauch, Teilhabe, Zirkulation, gemeinsame Fülle |
| Gabe | existenzielle Hilfe | moralische / religiöse Pflicht | Spende des Besitzenden an den Bedürftigen | Zirkulation: Geben erhält und erweitert das Gemeinsame |
| Nikolaus | hilft, eine lebensbedrohliche Schwelle zu überstehen | Heiliger mit Name, Vita und Festtag | ikonische, folkloristische, touristisch reproduzierbare Figur | Figur der Gabe: öffnet blockierten Zugang und hält Zukunft gemeinsam offen |
| Schmutzli / Gegenfigur | unmittelbare Drohung | moralische Gegenordnung | stabilisierter kultureller Typus | ein Element unter vielen; neu kombinierbar statt endgültig festgelegt |
| Esel / asen | Tier, Körper, Maske, Lärm, Schwelle | benannte Rolle im Brauch | lokaler Brauchtyp, dokumentierbar und vermarktbar | offene Spur: Tier, Mensch, Maske, Kette, 1799, andere alpine Figuren werden relationierbar |
| Kette | Fesselung, Zugriff auf den Körper, Gefangenschaft | religiös codierbar: Gebundener, Teufel, Strafe | ikonografisches Attribut und kulturelles Zeichen | historische Bedeutungen können neu zusammengedacht und lokal aktualisiert werden |
| Brauch | gemeinsam vollzogene Bewältigung einer Schwelle | institutionalisierter Festtag | «kulturelles Erbe», Brauchtum, Tourismus, Identität | gemeinsamer kultureller Rohstoff, den niemand abschliessend besitzt |
| Bildform | Maske, Körper, Feuer, Schnee, Dunkelheit | Ikone, Handschrift, Kalender, Heiligenbild | Fotografie, Postkarte, Museum, Werbung, Tourismusbild | Konstellation, Atlas, Remix, offene Bildtafel |
| Verhältnis zum Alten | wiederholen | bewahren | historisieren | reaktivieren |
| Verhältnis zum Neuen | nächste Saison erreichen | in bestehende Ordnung einpassen | Innovation und Bruch | aus vorhandenem Material neue Commons erzeugen |
| Kurzform | durchkommen | festhalten | sich unterscheiden | miteinander mehr möglich machen |
Entwicklung einer Antwort auf die Frage, was der Nikolaus sei…
Nikolaus als Figur des Übergangs: In drei zentralen Legenden verhindert er, dass eine bedrängte Gegenwart zur endgültigen Zukunft wird. Drei junge Frauen sind so arm, dass ihre Zukunft verschlossen scheint. Nikolaus bringt ihnen heimlich Geld. Drei unschuldig Verurteilte stehen vor dem Tod, Nikolaus verhindert die Hinrichtung. In einer Hungersnot fehlt der Bevölkerung von Myra Nahrung, Nikolaus erreicht die Abgabe von Getreide. In allen drei Geschichten greift er nicht am Rand ein, sondern genau dort, wo ein Lebensweg abzubrechen droht. Nikolaus beseitigt die Krise nicht abstrakt, er sorgt dafür, dass Menschen durch sie hindurchkommen. Vielleicht erklärt genau das die Ausstrahlung dieser Figur in der dunkelsten Zeit des Jahres. Nicht die Versicherung, dass es keine Dunkelheit gibt, sondern die leise Zusage: Die Gegenwart ist noch nicht das Ende. In diesem Sinn ist Nikolaus weniger eine Person der Vergangenheit als eine wiederkehrende Operation: Gestaltung von Übergängen, damit Zukunft möglich bleibt.
Nächster Titel
Der 17-jährige Caspar Decurtins erinnerte an die Gerüchte und Verschwörungserzählungen, die 1799 in Mustér kursierten: Die Franzosen würden über die Oberalp kommen, Fässer voller Ketten mitführen und die jungen Leute verschleppen. Pater Placidus a Spescha beschrieb, wie solche Geschichten Angst, Feindbilder und Gewalt anheizten – und ihn selbst schliesslich zur Flucht zwangen. Die rasselnden Ketten der asens bekommen vor diesem Hintergrund eine zweite, lokale Resonanz: nicht als Beweis einer direkten Herkunft, sondern als Erinnerung daran, wie mächtig Bilder werden können, wenn eine Gemeinschaft an einer Schwelle steht.
Die Bedeutung der Ketten
Die Kette
Gerade an der Kette lässt sich die Bewegung durch die vier Kulturformen fast exemplarisch zeigen.
- − Überleben / rohe Gewalt
Zuerst ist die Kette keine Metapher. Sie greift auf den Körper zu. Wer gekettet wird, kann festgehalten, gefangen, verschleppt werden. Kette bedeutet Verlust eigener Bewegung und damit unmittelbare Macht über einen anderen Körper.
Genau deshalb ist das Gerücht von 1799 so wirksam: Die Franzosen kämen über den Pass und hätten Ketten dabei, um die Jungen fortzuführen. Die Bedrohung muss nicht erklärt werden. Man kann sie hören und körperlich verstehen.
Kette = Du kannst nicht mehr weg.
- Ordnung / Teufel
Das Christentum schreibt dieses unmittelbare Bild in eine religiöse Ordnung ein. Die Kette wird zum ikonografischen Attribut Luzifers: Der gefallene Engel ist gebunden, das Böse ist gefesselt. In Nikolausspielen wird Luzifer tatsächlich an der Kette geführt. Die volkskundliche Forschung weist darauf hin, dass die Kette ursprünglich gerade diese Gefangenschaft Luzifers bezeichnete und erst später verstärkt als Droh- und Strafinstrument verstanden wurde. (Brauch.at)
Kette = Das Böse ist gebunden.
- ≠ Moderne / Typisierung
Dann wird daraus eine erkennbare kulturelle Figur: Krampus, Klaubauf, Teufel, Schmutzli. Fell, Maske, Rute, Schellen – und Kette werden Attribute eines Typus.
In Stilfs ist diese Verschiebung fast körperlich zu beobachten: Die Klaubauf rasseln nicht nur mit ihren schweren Ketten, sondern fangen Menschen damit ein, wickeln sie ein und wirbeln sie herum. Die Kette ist jetzt zugleich Zeichen, Inszenierung und Spektakel. (Vinschgau.net)
Kette = So sieht Bedrohung aus.
- Commoroque / Verbindung
Und jetzt können wir die Kette noch einmal radikal anders lesen.
Eine Kette besteht aus Links.
Der Computer macht aus dem «link» gerade nicht die Fessel, sondern die Verbindung. Ein Element verweist auf ein anderes. Wissen, Menschen, Dinge und Ressourcen können miteinander verbunden werden, ohne in einer einzigen Ordnung aufzugehen.
Damit wäre die Bewegung beinahe verblüffend:
− Kette als Fessel.
+ Kette als gebändigtes Böse.
≠ Kette als kulturelles Zeichen.
# Freiwillige Verbindung.
Für Commoroque wäre das aber nicht einfach Vernetzung. Die entscheidende Frage der #StaubBernasconiMatrix bleibt: Wer ordnet diese Verbindungen an? Wer erhält Zugang? Wer legitimiert sie? Und wer kann sie durchsetzen?
Die Kette wird also nicht romantisiert. Im Gegenteil: Wir unterscheiden Fessel und Verbindung.
Nicht aneinanderketten.
Miteinander verlinken.
Dieser letzte Schritt ist unsere Interpretation, nicht eine historische Quellenbehauptung. Aber für dissent.is/asen könnte genau darin der Sprung in die vierte Tafel liegen.
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Wie ich mit den Möglichkeiten von @openAI arbeite?
Links, Threads, zu verarbeitende Hinweise…
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Offene Blogeinträge, welche zu diesem Thema passen…
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Textsorte: (1) Traum, (2) Blitz, (3) Bekenntnis, (4) Memo, (5) Märchen, (6) Drama, (7) Tabu
Arbeitsform: Dokumentation, Listenbildung, Work in Progress
Anlass: (…)
TL;DR: (…)
Bildquelle: (…)
URL/Hashtag: (…)

Stefan M. Seydel, aka sms, aka sms2sms in «Zürcher Festspiel 1901″ (2019, Fotocredit: Charles Schnyder): Twitter, Wikipedia (Lemma), Youtube (aktuell), Soundcloud, Mastodon, Instagram (gesperrt), Snapchat, TikTok, Twitch, t.me/WikiDienstag (Nicht in Betrieb) | Exklusiv: speakerbooking.ch/sms2sms
About @sms2sms, aka Stefan M. Seydel/sms ;-)
Stefan M. Seydel, Jahrgang 1965, ist Unternehmer, Sozialarbeiter und Künstler. Er machte nach einer Berufslehre als Hochbauzeichner einen Bachelor in Soziale Arbeit in St. Gallen und einen Master in der gleichen Disziplin bei Silvia Staub-Bernasconi in Berlin. Seine überwiegend selbstständige Tätigkeit kreist um das Thema der Entwicklung und Realisierung von Pilot- und Impulsprojekten für renommierte Auftraggeberinnen.
Als Künstler hat er Ausstellungen und Performances auf internationaler Ebene präsentiert, darunter in der Royal Academy of Arts in London, dem Deutschen Historischen Museum in Berlin oder einer Einzelausstellung “Kunst Macht Probleme” in der Crypta Cabaret Voltaire, Birthplace of DADA in Zürich. Er wurde mit dem Migros Jubilée Award in der Kategorie Wissensvermittlung ausgezeichnet und hat diverse Ehrungen durch Webby Awards für seine Arbeit mit rocketboom.com erhalten.
Stefan war Jury-Mitglied des Next Idea Prix Ars Electronica 2010 und war drei Jahre Mitglied der Schulleitung des Gymnasiums Kloster Disentis. Sein Wissen und seine Erfahrung im Bereich der Information und Technologie haben ihm auch dabei geholfen, mit Statistik Stadt Zürich und Wikimedia Schweiz unter WikiDienstag.ch zusammenzuarbeiten.
Sein Engagement im Bereich der freiwilligen Arbeit führte ihn in das Präsidium Internationaler Bodensee Club (Leitung Fachgruppe Wissenschaft) oder für einige andere Jahre als Vice-Präsident des von Paul Watzlawick initiierten P.E.N.-Club Liechtenstein. Seydel hat unter ((( rebell.tv ))) zwei Bücher zusammen mit seiner Partnerin Tina Piazzi veröffentlicht, viele Kolumnen, Fachtexte und journalistische Texte publiziert.
Seine Arbeit auf Social Media nutzt er als Microblogging. In seinem Blog verarbeitet er seine Themen. Einige davon werden auf Anfragen zu lesbaren Texten vertieft, andere werden zu Vorträgen ausgebaut. Bei Carl Auer Verlag in Heidelberg, sammelt er “Elemente einer nächsten Kulturform”. Seine Entwicklungen im Kontext der sozialräumlichen Intervention (“Arbeit am Sozialen”) machen konkrete Vorschläge in Bezug auf die Beantwortung der Sozialen Frage.
Nach 12 Jahren Berlin und 6 Jahren Zürich zog er aber in seiner zweiten Lebenshälfte vom Bodensee der Rheinquelle entgegen nach Dissentis/Mustér und hat seine Reisetätigkeit fast ganz eingestellt. Dafür macht er umsomehr sogenannte Passadis und #Feedlogs (Orgiastik). Das sind Arbeitsmeetings an intentionalen Fragen in einem Lifestream. (so?) Text supported by #TaaS

Aus Band 2 von: Tina Piazzi & Stefan M. Seydel, Junius-Verlag Hamburg | pdf: Band 1, 2009 | Band 2, 2010

#dfdu = DIE FORM DER UNRUHE | pdf: Band 1, 2009 | Band 2, 2010 | blog: dissent.is | about: dissent.is/sms | dissent.is/muster


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