instagram | zum zoom-gottesdienst vom 30. August 2026, 20h | Stefan M. Seydel/sms ;-) Sozialarbeiter, Künstler & Unternehmer. Er lebt und arbeitet seit 1995 im Netz. Er war auf dem Weg in die Architektur, studierte Soziale Arbeit in St. Gallen und Berlin und arbeitet seit 2011 in dissent.is/muster am Sozialen. | Ich baue eine Brücke von dissent.is/LaPendenta zu #RerumNovarum (so?)

M/Eine Geschichte für den Sonntag, 30. August 2026:
es gilt das gesprochene wort. der text ist nur für das zoom-meeting bestimmt. nachdrucke sind explizit nicht erwünscht. verlinkung aber gerne schon. gerne füge ich hier einen link zu deiner verlinkung ein: sms@dissent.is ;-)
Vorstellungsrunde:
Buna sera ensemen. Engraziel fetg per la cordiala invitaziun. Grüsse aus dem rätoromanischen Disentis/Mustér, einem weit über 1000 Jahren durchgängig belebten, benediktinischen Klosterdorf. Ich freue mich auf diese gemeinsame Feier.
Mein Name ist Stefan M. Seydel, sms ;-)
sms Wink (so hat mich jeweils rocketboom.com vorgestellt.)
Ich lebe und schreibe seit 1995 im Internetz und bin seit der Dominanz von Social Media als @sms2sms unterwegs. Hannah Arendt hätte das sofort interpretieren können. Aber sie ist tot.
2011 habe ich – oder besser: wir! – unseren physischen Ausgangspunkt weg von Bodensee und Berlin nach Disentis/Mustér verlegt, an die Rheinquellen in Graubünden.
Als Sozialarbeiter arbeite ich – wie das Wort sagt – am Sozialen:
- nicht an Menschen,
- nicht an Körpern,
- nicht an Psychen.
Ich bewege mich fast ausschliesslich in Kontexten, in denen Getrenntes nicht mehr als Verbundes erlebt wird oder erlebt werden kann. Und darum ist Brücken zu bauen, ein ganz wichtiges Thema, nicht nur bei uns im Dorf, sondern im ganzen Alpenraum.
Wenn ich nun eine Brücke benennen soll, die mir in meinem Leben besonders Wichtig ist, dann wäre es wohl — - — der Regenbogen.

M/ein Text: “Geschichte 2”
Gelobt sei Maria, die heilige Mutter Gottes, in Ewigkeit. Amen.
Maria anzurufen, wenn es um spirituelles Brückenbauen geht, scheint mir unumgänglich.
Mit «spirituell» meine ich dabei keine innere Erfahrung. Mich interessiert als Sozialarbeiter, ein Arbeiter am Sozialen, wie Kommunikation mit etwas umgeht, das sich weder verfügen noch erzwingen lässt.
Seit 2013 verfolgten hier in Disentis/Mustér einige Unternehmer die Idee einer Hängebrücke über die fast hundert Meter tiefe Schlucht des Vorderrheins: #LaPendenta. Abt Vigeli vom Benediktinerkloster Disentis gab ihnen als Testimonial den Satz mit auf den Weg:
«Brücken verbinden Menschen und Kulturen.»
Abt Vigeli, OSB, Kloster Disentis
Ein schöner Satz. Aber was heisst eigentlich: “verbinden”?
Durch die Brücke verschwindet die Schlucht ja nicht. Sie bleibt. So tief wie vorher. Oder wird sogar noch viel tiefer:
In einer für die Schweiz typischen Volksabstimmung sagte die Mehrheit des Dorfes «Nein» zur La Pendenta. Oder besser: «Na». «Ihr wollt eine Brücke? Bezahlt sie doch selbst!» So haben die Unternehmer es dann auch gemacht. Unterstützt von vielen Einzelspenden, welche heute entlang der Brücke erwähnt werden.
Die Brücke musste also nicht nur über den Vorderrhein gebaut werden. Sie musste auch durch das Dorf Disentis/Mustér selbst gebaut werden.
Und nach dieser Einladung heute in eure Gemeinschaft habe ich beim schreiben gemerkt, dass für mich genau darin ihre interessanteste Geschichte verborgen ist:
Eine Brücke verbindet nicht, indem sie das Getrennte beseitigt. Sie ermöglicht einen Übergang, gerade weil die Differenz bestehen bleibt.
Disentis/Mustér ist ein stabiler Knotenpunkt nicht nur der Pflege und Verteidigung der rätoromanischen Sprache oder der Ablehnung der Alternativlosigkeit von Staat und Markt. Der spezielle Ortsname verweist auf ein Problem, welches es seit Adam, Eva und ihren Söhnen gibt: Dissent ist — Muster!
Ich lebe seit 1995 im Internetz. Seit 2011 heisst so auch der Ort meines Schreibens im Netz: dissent punkt i‑s slash muster.
Dissens ist nicht eine Herausforderung, welche mittels Konsens beseitigt wird. Ganz im Gegenteil. Dissens markiert Differenz. Die Frage ist, welche Übergänge diese Differenz ermöglicht?
Eine Brücke hebt das Trennende nicht auf.
- Sie lässt die Differenz bestehen und macht Passage möglich.
Eine Brücke schafft zwar eine Verbindung.
- Aber sie taugt nur so viel, wie diese tragfähig ist.
- Das gilt technisch.
- Das gilt sozial.
- Gilt es auch spirituell?
“Eine Unterscheidung ist eine perfekte Verbindung.”
Georg Spencer-Brown #LoF
Eine Unterscheidung trennt und setzt gerade dadurch ihre beiden Seiten in Beziehung.
Ohne Differenz — keine Verbindung.
Eine Brücke überbrückt nicht Trennung. Eine Brücke operierationalisiert ihre Differenz.
Darum ist eine Brücke für mich kein Symbol der Verschmelzung.
Eine Brücke ist eine Konstruktion von Anschlussmöglichkeit.
Ein Protokoll für Passage.
Getrenntes muss nicht eins werden, um verbunden zu sein.
«Unitas in diversitate.»
Abt Daniel Schönbächler, OSB, Kloster Disentis
- Die Brücke wird konstruiert.
- Tragfähigkeit wird berechnet.
- Passage wird ermöglicht.
- Aber Verbindung lässt sich nicht erzwingen.
Ist das auch eine Beschreibung von Liebe?
- Nicht Einigkeit.
- Nicht Identifikation.
- Nicht Identität.
Eben gerade nicht, wie schon der Apostel Paulus notierte:
«Die Liebe erträgt alles, glaubt alles, hofft alles, hält allem stand.»
1. Korinther 13,7
Die Liebe trägt Differenz.
Und vielleicht ernährt Liebe gerade deshalb — wie Brot. Nicht indem sie alles zu Einem macht, sondern indem sie Beziehungen hält, Passagen eröffnet und Übergänge offen hält.
Vielleicht versteht sich jetzt auch mein “Regenbogen” ein wenig besser?
Und wenn ich als Sozialarbeiter an farbenfrohem Sozialen arbeite und dazu mich im bergenden Raum zu verkuscheln suche, wo, wenn nicht unter dem Schutzmantel der heiligen Mutter Gottes Maria?
Reaktionen:
Pater Bruno hat meinen Beitrag gelesen und verweist auf die Idee, dass die eigentliche Verfehlung nicht in der Vielheit der Sprachen, sondern im Versuch, Differenzen durch «Eindeutigkeit, Einsprachigkeit und Uniformität» zum Verschwinden zu bringen. Gottes Antwort wäre dann nicht die Wiederherstellung von Einheit, sondern die Vervielfältigung der Sprachen – «Mehrdeutigkeit, Kommunikation und Verständigung».
Darauf würde ich antworten:
Ich würde den Gedanken noch einen Schritt weiter treiben. Differenz ist nicht nur etwas, das gegen Uniformität geschützt werden muss. Sie ist die Voraussetzung dafür, dass Kommunikation überhaupt möglich wird. Wo nichts unterschieden werden kann, gibt es keine Information, keine Selektion und keinen Anschluss.
«Die Liebe trägt Differenz» meint dann nicht: Menschen sollen Verschiedenheit tolerieren. Sondern: Liebe ist eine Form von Kommunikation, in der Zusammenhang möglich bleibt, ohne Differenz in Identität aufzulösen.
- ???: Rettung der Vielfalt.
- Ich: Zusammenhang durch Differenz.
Links & Verweise:

Skizze für eine mögliche Werbekampagne, an welcher aber nicht weiter gearbeitet wurde ;-)
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