#Denkschrift1877 | Arbeit an einem Denk!Mal (so?) #RerumNovarum

#NoCringe | M/ein Blog ist m/ein Karten­raum und k/eine Bühne. Ich weiss, wie man pub­liziert. Das hier ist etwas anderes. d!a!n!k!e | WORK IN PROGRESS reload für aktuellen Schreib­stand | Warum ich nicht pub­liziere? Weil ich es kann. Weil es geht. Weil ich es für angemessen halte. (so?)

  • wenn es mir ums SENDEN gehen würde, machte ich alles falsch.
  • wenn es mir ums EMPFANGEN WERDEN gehen würde, machte ich alles anders.
  • wenn es mir ums FINDEN gehen würde, würde ich suchen.
  • wenn es mir ums GEWINNEN gehen würde, hielte ich mich an exper­tisen.

die ganze playlist auf WikiDienstag.ch | abon­niere kosten­los den What­sApp-chan­nel #Lav­inaN­era treis

Arbeitsplan

Träume & Schäume | Abt Paulus Birk­er (pdf) | Der Abt, welch­er vom 21-jähri­gen Dr. Cas­par Decurtins weggeschickt wor­den ist.…

Nächste Schritte:

1. Orig­i­nal: Voll­ständi­ge, buch­stabenge­treue Abschrift der elf Text­seit­en. Orthografie, Inter­punk­tion und Absätze bleiben erhal­ten.

2. Über­tra­gung: Der­selbe Text in leicht ver­ständlichem Gegen­warts­deutsch. Keine Zusam­men­fas­sung, keine stillschweigen­den inhaltlichen Kor­rek­turen. Orig­i­nal und Über­tra­gung bleiben ver­gle­ich­bar.

3. Textsorte: Was macht eine «Denkschrift» aus? Wir unter­suchen Auf­bau, Adres­sat­en, Argu­men­ta­tions­führung, rhetorische Mit­tel und didak­tis­che Ver­fahren. Ist es eine Recht­fer­ti­gungss­chrift, eine Stre­itschrift, eine poli­tis­che Inter­ven­tion?

4. Denkbe­we­gung: Was unter­schei­det Birk­er? Welche Prob­leme kon­stru­iert er? Welche Lösun­gen bietet er an? Welche Voraus­set­zun­gen bleiben unhin­ter­fragt?

5. Arbeit am Sozialen: Wir rekon­stru­ieren den Kon­flikt im #soc. Wer kann kom­mu­nizieren, entschei­den, legit­imieren, durch­set­zen? Hier kön­nen wir #TheLuh­man­n­Map und #TheS­taub­Ber­nascon­i­Ma­trix präzise ein­set­zen.

6. Kon­fronta­tion mit Cas­par Decurtins: Vom gemein­samen Engage­ment – ein­schliesslich unser­er noch zu über­prüfend­en Spur zur Plat­te im Rus­sein­er­to­bel – zur Auseinan­der­set­zung um Birk­ers Stel­lung. Was verän­derte sich? Welche Ziele, Inter­essen und Machtkon­stel­la­tio­nen standen dahin­ter? Wir benöti­gen dafür unab­hängige Gegen­quellen.

7. Aus­blick: Wie ging es weit­er? Zeittafel, näch­ste Auf­schlussre­iche Doku­mente, die Hin­weise von Dr. Adolf Col­len­berg…

bitte ver­ste­he diesen ein­trag nicht zu schnell… hier gibts nichts zu sehen und nichts zu lesen ;-)

Anlass zu diesem Eintrag:

Summary/Spoiler/TL;DR

Drei Formen der Geschichtsschreibung

1. Hagiografie (Karl Fry)

Wer hat das Kloster gerettet?

Die Geschichte wird um eine her­aus­ra­gende Per­son organ­isiert. Ereignisse erhal­ten durch deren Han­deln Zusam­men­hang, Rich­tung und Bedeu­tung.

2. Mod­erne Dekon­struk­tion (Flury, Col­len­berg & Co.)

Was stimmt an der Heldengeschichte nicht?

Wider­sprüche, Macht­in­ter­essen, ide­ol­o­gis­che Voraus­set­zun­gen und aus­geschlossene Per­spek­tiv­en wer­den sicht­bar.

Eine Präzisierung: Flury dekon­stru­iert nicht bloss. Er ver­sucht, die innere Kon­se­quenz von Decurtins’ the­ol­o­gis­ch­er Posi­tion zu rekon­stru­ieren.

3. Kon­stel­la­torische Kom­mu­nika­tion (unser Zugang)

Unter welchen Bedin­gun­gen kon­nte geschehen, was geschehen ist?

Wir beobacht­en im #soc, wie Kom­mu­nika­tio­nen aufeinan­der Bezug nehmen, Entschei­dun­gen ermöglichen, Möglichkeit­en ein­schränken und neue Kon­stel­la­tio­nen her­vor­brin­gen.

#TheS­taub­Ber­nascon­i­Ma­trix macht dabei die Verän­derun­gen von Anord­nung, Zugang, Legit­i­ma­tion und Durch­set­zung unter­such­bar.

Der entscheidende Unterschied

  • Wir erset­zen nicht die pos­i­tive Heldengeschichte durch eine neg­a­tive.
  • Und wir erset­zen auch nicht den indi­vidu­ellen Helden durch ein hero­isiertes Kollek­tiv.
  • Wir unter­suchen, wie die Restau­ra­tion des Klosters in ein­er konkreten Kon­stel­la­tion möglich wurde.

Birk­er beschreibt Hin­dernisse. Decurtins ver­han­delt. Con­drau inter­ve­niert. Die Cadi beschliesst. Die Klöster stellen Bedin­gun­gen. Novizen treten ein. Eine Organ­i­sa­tion gewin­nt ihre Repro­duk­tions­fähigkeit zurück.

Keine einzelne dieser Oper­a­tio­nen erk­lärt den Erfolg.

Und jetzt wird es für #RerumNovarum interessant

Auch unsere Inter­ven­tion von 2027 ist eine Kom­mu­nika­tion im #soc.

  • Wir ste­hen nicht ausser­halb der Geschichte und liefern ihre endgültige Erk­lärung.
  • Wir verän­dern mit ein­er Inter­ven­tion am Denkmal die Möglichkeit­en, diese Geschichte erneut zu beobacht­en.

Die kri­tis­che Frage an uns selb­st lautet deshalb:

  • Erzeu­gen wir bloss eine dritte Erzäh­lung über Decurtins? Oder gelingt es, eine Kon­stel­la­tion einzuricht­en, in der andere Unter­schei­dun­gen, Anschlüsse und Hand­lun­gen möglich wer­den?

Das ist der Unter­schied zwis­chen ein­er neuen Inter­pre­ta­tion und ein­er tat­säch­lichen Musterun­ter­brechung. Und woran wür­den wir das erken­nen?

IMG-20261014-WA0092
previous arrow
next arrow

1. Original

Paulus Birker: Träume und Schäume. Denkschrift über das Kloster Disentis im Jahre 1877.
Transkription – Arbeitsfassung, Druckseiten 1–11.
Quelle: privater Originalscan, 13 PDF-Seiten (Titelblatt, 11 Druckseiten, Schlussblatt).
Editorisches Verfahren: Historische Orthografie und Interpunktion nach Möglichkeit beibehalten; langes ſ zu s; Druckzeilen zu Absätzen zusammengezogen; Seitenwechsel markiert. Handschriftliche Besitzervermerke und Bibliotheksstempel nicht transkribiert. Hinweis: Diese erste vollständige Arbeitsfassung ist noch keine abschliessend kollationierte wissenschaftliche Edition. Für Zitate bitte das Faksimile gegenlesen; insbesondere einzelne Buchstaben, Satzzeichen und Abkürzungen benötigen noch eine zweite Prüfung.

[Titelblatt]

Träume und Schäume.

Denkschrift
über das
Kloster Disentis im Jahre 1877

von dem
Abte Paulus Birker.


[Druckseite 1; PDF-Seite 2]

„Quid detur tibi, aut quid apponatur tibi ad linguam dolosam? Sagittæ potentis acutæ, cum carbonibus desolatoriis. Heu mihi, quia incolatus meus prolongatus est.“

„Was gibt man dir, oder was ist dein Lohn für eine trügerische Zunge? Scharfe Pfeile eines Gewaltigen, und brennende Kohlen. Weh' mir, daß mein Aufenthalt so lange dauert.“

Ps. 119.

Das Kloster Disentis ist am 6. Mai dieses Jahres von der versammelten Landsgemeinde zum Gegenstand der Berathung und Beschlußfassung gemacht worden. Auf Antrag der Hochlöblichen Kreisobrigkeit wurde der „einmüthige“ Beschluß gefaßt: 1) an den Hochwürdigsten Bischof Willi von Chur die inständige Bitte zu richten, er möge schleunigst das Kloster Disentis restauriren; 2) dem Kloster Einsiedeln für geleistete Hilfe in Schule und Kloster Disentis zu danken und um fernere Gewährung der gütigen Aushilfe zu bitten; 3) bei Hindernissen der höchlich gewünschten Restauration des Klosters an die kantonalen Autoritäten sich zu wenden, und 4) mit der Ausführung dieser Beschlüsse die Kreisobrigkeit zu beauftragen, welche, wenn es nöthig erscheint, auch eine außerordentliche Landsgemeinde zusammenrufen soll.

Da diese Beschlüsse in hiesiger Zeitung veröffentlicht wurden, so wird es mir wohl Niemand verargen, wenn ich es wage, auch vor die Oeffentlichkeit zu treten und die innere Bedeutung jener Beschlüsse, die Uneingeweihten nur dunkel sein können, möglichst klar zu machen. Dabei werde ich erst einiges Persönliche kurz berühren und dann auf das eigentlich Sachliche übergehen, beides im Interesse der Wahrheit, die nur zu oft entweder aus Unwissenheit oder aus Haß und Abneigung entstellt wird.

In einem für mich nicht sehr schmeichelhaften Schreiben der Kreisobrigkeit von Disentis an den Hochwürdigsten Bischof Nikolaus Florentini vom 5. Oktober 1876 wurde mit dürren Worten meine Absetzung verlangt. Diese ist aber bis zur Stunde noch nicht ausgesprochen, und daher großer Schmerz und der sehnlichste Wunsch, von diesem schmerzlichen Zustande doch einmal befreit zu werden. Jenes sehr energische Schreiben sagt unter Anderm: „Die Erfahrung hat hinreichend gezeigt, daß mit diesem gelehrten, aber sehr unpraktischen Manne nichts anzufangen sei; es ist der Gleiche, der auch die Prälatenwürde im Kloster St. Bonifaz in München abgeben mußte.“ Diese letzten Worte enthalten nicht blos einen harten Vorwurf gegen meine Wenigkeit, sondern einen noch härtern Tadel gegen den Hochwürdigsten Bischof Nikolaus, der mich durch seinen Generalvikar P. Theodosius im Jahre 1861 für hiesige Stelle suchte und gewann, und

[Druckseite 2; PDF-Seite 3 – Fortsetzung des Satzes]

unter dem 16. November desselben Jahres zum Obern hiesigen Klosters erwählte. Der herbe Vorwurf ist ferner gegen den glorreich regierenden Papst Pius IX. gerichtet, der mich unter dem 30. März 1862 bestätigte, und endlich gegen die Hohe Regierung des Kantons Graubünden, die mich durch Entschließung vom 7. November 1863 als Konventual des Klosters Disentis anerkannte. Sind alle diese hohen Autoritäten und Behörden hiebei leichtsinnig zu Werke gegangen? Zur Aufhellung dieser Frage und zur Beleuchtung jenes von der Kreisobrigkeit Disentis offiziell erhobenen Vorwurfes will ich die bezüglichen Schriften selbst sprechen lassen. Der Hochwürdigste Erzbischof Karl August von München sagt in seinem auf meine Bitte um Gewährung meiner Resignation sich beziehenden Schreiben wörtlich also: „Nachdem der Hochwürdigste Herr Abt des Klosters von St. Bonifaz in zwei an uns gerichteten Schreiben vom 6. und 11. September dieses Jahres (1854) die Gründe entwickelt hat, welche ihn zum Entschlusse bewogen haben, die Regierung des genannten Klosters niederzulegen, und nachdem wir in wiederholter mündlicher Besprechung zur Ueberzeugung gekommen sind, daß sein Entschluß einen Grad von Festigkeit gewonnen hat, welcher einer gedeihlichen Leitung der klösterlichen Gemeinde im Wege stehen könnte, so sehen wir uns nach reiflicher Prüfung und Ueberlegung veranlaßt, wiewohl ungern, die Bitte um Zulassung seiner Resignation des Amtes eines Abtes zu gewähren.“

Das Königliche Staatsministerium des Innern für Kirchen- und Schulangelegenheiten im Königreiche Bayern sendete mir unter dem 15. September 1854 folgendes Dekret zu: „Aus der Vorstellung des Hochwürdigsten Herrn Abtes des Benediktinerstiftes zum heil. Bonifaz, Paul Birker, ist mit großer Ueberraschung ersehen worden, daß derselbe den festen und unabänderlichen Entschluß gefaßt hat, von der Würde des Abtes an dem genannten Benediktinerstift, wozu er durch die Gnade des Durchlauchtigsten Fundators Seiner des Königs Ludwig Majestät im Vertrauen auf seine bewährte Tüchtigkeit berufen worden, freiwillig zurückzutreten. Ueber diesen Rücktritt sieht sich bei der Unabänderlichkeit des gefaßten Entschlusses das unterzeichnete Königl. Staatsministerium verpflichtet, dem Hochwürdigsten Herrn Abte des Benediktinerstiftes zum heil. Bonifaz, Paul Birker dahier, sein lebhaftestes Bedauern um so mehr auszudrücken, als derselbe während seiner nun bald vierjährigen Amtsführung um das allmählige Emporblühen der neuerstehenden Abtei zum heil. Bonifaz im Allgemeinen und insbesondere um die gedeihlichste Pflege der mit derselben verbundenen pfarrlichen Seelsorge über einen großen Theil der Bevölkerung der hiesigen Haupt- und Residenzstadt und um die Förderung einer nachhaltigen geistigen Bildung und einer ächt christlichen Erziehung der zu jenem Stadtbezirke gehörigen zahlreichen Jugend sich wesentliche und bleibende Verdienste erworben hat, und indem es daher in dieser Beziehung dem Hochwürdigsten Herrn Abte des Benediktinerstiftes zum heil. Bonifaz, Paul Birker dahier, die vollste Anerkennung seiner segensvollen Leitung ausspricht, gibt es sich zugleich der Hoffnung hin, daß derselbe nicht ermüden werde, den Reichthum seiner Kenntnisse und seine edelmüthigen Bestrebungen auch nach Niederlegung der Abtswürde, wenn auch in anderer Weise, zum Segen für Kirche und Staat und zur Wohlfahrt der seiner Obhut Anvertrauten zu verwenden.“

Als im Jahre 1851 der Abt von St. Stephan in Augsburg, Barnabas Huber, unter dem ich in den Orden des hl. Benedikt eingetreten war, starb, fürchtete Seine Majestät König Ludwig, ich möchte von St. Bonifaz dorthin als Abt berufen werden und würdigte mich mit folgendem eigenhändigen Schreiben aus Berchtesgaden den 3. August 1851:

[Fortsetzung auf Druckseite 3]


[Druckseite 3; PDF-Seite 4 – Fortsetzung des Briefes]

„Herr Abt, sehr leid that es mir, den Tod des würdigen Abtes von St. Stephan zu vernehmen, es war noch ein alter Benediktiner. Sollte die Wahl zu dessen Nachfolger auf Ihnen fallen, so wünsche ich auf's Innigste Ihre Nichtannahme, denn sonst würde für St. Bonifaz einer gewählt, der eine Richtung dieser jungen Abtei ertheilen würde, die nicht die Ihre ist. Nicht dem Namen nach allein, dem Geiste nach sollen Benediktiner Benediktiner sein, wovon Sie durchdrungen sind. Es ist dieses ein großes Anliegen Ihres Ihnen wohlgewogenen Ludwig.“

Endlich hatte Seine Majestät König Ludwig unter dem 12. September 1854 die Gnade, mir in Betreff meiner Resignation folgendes ebenfalls eigenhändiges Schreiben zukommen zu lassen:

„Herr Abt, aus Ihrem Schreiben vom 8. dieses vernahm ich mit Bedauern, daß Sie nicht mehr Abt sein wollen, der Sie von mir ernannt wurden wegen der trefflichen Leitung des Priorates von Ottobeuren. Ueberlegen Sie noch mit Gott (es ist Gewissenssache), bevor Sie den Schritt thun. Nicht persönliche Neigung darf entscheiden, sondern was für's Reich Gottes das Nützlichste. Mir scheint, Sie laden sich eine große Schuld auf, wenn Sie nicht überzeugt sind, daß Diejenigen, unter welchen Ihr Nachfolger gewählt wird, nicht nur Ihre Richtung haben, in welch' trefflicher Sie die Abtei geführt, welche Sie derselben gegeben, sondern auch die Charakterfestigkeit, die dazu erforderlich. Mit bekannter Gesinnung Ihr Ihnen wohlgewogener Ludwig.“

Der gütige Leser möge mir noch ein paar Worte über die nun öfter erwähnte Resignationsangelegenheit erlauben. Nach meiner Anschauung sollte das Kloster St. Bonifaz in München, eine herrliche Gründung von König Ludwig I., Höchstwelcher bei seiner Thronentsagung im Jahre 1848 Sich die Ernennung des ersten Abtes der von ihm erbauten und gestifteten Abtei und Kirche zum hl. Bonifaz vorbehalten und im Jahre 1850 mich allergnädigst dazu ernannt hatte, der Sammelpunkt der besten Einrichtungen für das Ordensleben im Geiste des hl. Benedikt sein, und insbesondere sollte in demselben das contemplative Element so gepflegt werden, daß alles übrige Thun in Seelsorge und Unterricht durch dasselbe getragen und durchleuchtet würde. Sonst liegt die Gefahr sehr nahe, daß in Seelsorge, Gottesdienst und Erziehung alles nur mechanisch, äußerlich, handwerksmäßig geschieht. Ich ahnte und fühlte nun bald, daß bei jugendlichen Novizen und Priestern schon die sehr umfangreiche Pfarrei St. Bonifaz jener religiösen Durchbildung manches Hinderniß in den Weg legen könne und deswegen betonte ich um so mehr die konzentrische Sammlung gegenüber der peripherischen Richtung. Meine Bemühung war nicht ganz umsonst. Als ich aber sowohl innerhalb als außerhalb des Klosters gedrängt wurde, eine große Erziehungsanstalt in der Residenzstadt München in Bälde zu übernehmen, als man so früh von dem ganz jungen Bäumchen große und reiche Früchte äußerer Wirksamkeit erwartete und verlangte, während schon die Pfarrei verhältnißmäßig zu viel zu schaffen gab, erkannte ich klar, daß jene innerliche geistige Fundamentalrichtung zur Unmöglichkeit werde und zog mich lieber zurück, als daß ich die Verantwortung einer Richtung auf mich nahm, in welcher ich für die Zukunft wenig Ersprießliches erkennen konnte.

Alle diese Schreiben und Darlegungen möge nun der freundliche Leser mit dem Vorwurfe oder der Verdächtigung zusammenstellen und vergleichen, welche die Worte der Löblichen Kreisobrigkeit enthalten: „Es ist der Gleiche, der auch die Prälatenwürde im Kloster St. Bonifaz

[Fortsetzung auf Druckseite 4]

[Druckseite 4; PDF-Seite 5 – Fortsetzung]

in München abgeben mußte“. Wenn man sich zur Kühnheit erheben kann, solches in einem officiellen Schreiben an den Hochwürdigsten Bischof zu sagen, dann darf man sich nicht wundern, daß man auch die öffentliche Meinung in diesem wie in andern Punkten zu bearbeiten, zu trüben und zu fälschen keck genug ist, um dann wieder im Namen dieser öffentlichen Meinung oder des irregeleiteten Volkes aufzutreten.

Weniger in's Gewicht fällt der Vorwurf, der von jener Behörde ausgesprochen wurde, ich sei ein gelehrter, aber ein unpraktischer Mann. Der geehrte Herr Kreispräsident des Jahres 1876 möge sich doch an das erinnern, was er als Redakteur im Jahre 1861 in seinem Blatte von dem unverhofften und unerwarteten Besuch niederlegte, den ich ganz wenige Tage nach meiner Ankunft dahier in Tavetsch machte, als es galt, diese Gemeinde in ihrer Versammlung zur Betheiligung an der Erstellung der Straße über die Oberalp zu vermögen. Dies war gewiß nichts Unpraktisches; der Erfolg hat es gelehrt. Wenn mir nun damals, am Anfang des Dezembers 1861, der praktische Sinn nicht fehlte, wie sollte er mir abhanden gekommen sein in der so praktischen Umgebung, in welcher ich bald 16 Jahre lebe! Freilich würde ich bedauern, wenn ich nur einen praktischen und keinen idealen Sinn mehr hätte. Denn ein ideal- und geistloser Ordensmann ist nichts.

„Gelehrt“ bin ich nicht. Wenn ich aber irgend eine Kenntniß besitze, so ist es am ehesten auf dem Gebiete des Klosterwesens in seiner Vergangenheit und Gegenwart, in seinen Anforderungen und Bedingungen. Diese wenige Kenntniß habe ich mir sowohl durch theoretische Studien, als auch durch eigene Erfahrungen und Beobachtungen und durch Reisen erworben, die ich zu verschiedenen Zeiten in Oesterreich, Italien, Frankreich, Belgien, Preußen eigens zu dem einzigen Zwecke unternommen habe, um das Ordensleben genau kennen zu lernen.

Wenn ich nun zu dem mehr Objektiven oder Sachlichen in der Angelegenheit hiesigen Klosters übergehe, fühle ich mich vor Allem innerlich aufgefordert, den geduldigen Leser um Vergebung zu bitten, wenn sich mit dem Sachlichen wieder manches Persönliche verbindet. Es läßt sich der Vorstand so wenig von der Abtei selbst trennen oder getrennt denken, als der Mittelpunkt vom Kreise.

Eine Hauptklage, die auch in der Zuschrift der Kreisobrigkeit Disentis an den Hochwürdigsten Bischof Nikolaus vom 5. Oktober 1876 ihren Ausdruck findet, ist schon oft darüber geführt worden, daß die Konventualen des Klosters nach und nach dahin sterben und keine Novizen aufgenommen werden. Man meint, und diese Meinung ist zu einer Art Axiom geworden, ich sei Schuld daran, ich wolle keine Novizen, ich wolle das Kloster verderben und zu Grunde richten.

Ich kann meinerseits nichts anderes sagen, als daß es eine der größten Freuden meines Lebens war und ist, selbst abgesehen von dem objektiven Grunde der Erhaltung eines Klosters, Novizen aufzunehmen, einzukleiden und die hl. Profeß ablegen zu lassen, und daß es eine der größten Demüthigungen für mich ist, öfters Zweifel darüber zu vernehmen, ob ich wirklich Novizen wolle, ob ich nicht das Kloster gern zu Grunde gehen lasse. Seit 40 Jahren war es stets mein höchster Wunsch und meine liebste und schönste Aufgabe, wo ich konnte, für ein würdiges Ordensleben zu wirken, und nun welchen Grund sollte ich haben, gerade bei dem hiesigen Kloster eine Ausnahme zu machen und mit ungeheurer Gewissenlosigkeit, die man mir

[Fortsetzung auf Druckseite 5]

[Druckseite 5; PDF-Seite 6 – Fortsetzung]

durch solche Verdächtigung zur Last legt, eine so große Verantwortung auf mich zu nehmen? Wenn ich etwa gar keine Gottesfurcht hätte, so wäre es doch vor der Welt für mich viel ehrenvoller, mehrere Mitbrüder um mich zu haben und zu leiten; habe ich aber einige Furcht und Liebe Gottes, so werde ich es doch vorziehen und für verdienstlicher erachten, bei meinem Tode Brüder als Diener Gottes im Kloster zu hinterlassen. Bisher konnte ich nur zwei Novizen mit einigermaßen gutem Gewissen aufnehmen; der eine ist aus dem Noviziat wieder ausgetreten, der andere ist nach Vollendung desselben gestorben. Dem zahlreichern Eintritt wirklich brauchbarer Novizen in hiesiges Kloster stehen nicht persönliche, sondern objektive Schwierigkeiten und Hindernisse entgegen. Diese liegen zum großen Theil in den staatlichen Verordnungen für das Noviziat. So überaus groß die wohlwollende und gütige Gesinnung meiner Hohen Staatsbehörden ist, die ich seit einer Reihe von Jahren genieße, die ich bei jeder Gelegenheit schuldigkeit anerkenne und hervorhebe und die mich zu bleibender höchster Dankbarkeit und Verehrung verpflichtet, und so überaus groß auch meine auf diese herablassende Begegnung gegründete Zuversicht ist, daß weder die Hohe Regierung noch der Hochverehrliche Erziehungsrath gegen Novizenaufnahme besondere Schwierigkeiten erheben, so werden dieselben in ihrem regen Pflichtgefühle doch nicht umhin können, diese gesetzlichen Bestimmungen über Aufnahme von Novizen, die schon vor meiner Hieherkunft erlassen sind, selbst im Auge zu behalten und auf ihre genaue Beachtung und Befolgung von Seite des Klosters zu dringen. In einer Verordnung vom 8. Juni 1861 ist „die Aufnahme von Nichtbündnern als Novizen oder als Konventualen in der Regel untersagt“.

Schon diese Beschränkung von Novizen auf Kantonsangehörige läßt kaum eine gegründete Hoffnung aufkommen, Ordenskandidaten nach Bedürfniß des Klosters zu erhalten. Die Zahl der Theologen im Kanton genügt kaum für die Menge der Seelsorgeposten und Pfarreien in demselben.

In der nämlichen Verordnung wird „für die bei der Aufnahme in's Kloster mitzubringende effektive Aussteuer eine Summe von Fr. 2,250 als Minimum festgesetzt“. Allein es gibt nur wenige Theologie-Studirende, die über so viel Vermögen nach ihren Vorstudien noch frei verfügen können und wollen.

Nach der erwähnten Verordnung ist zwar „der Kleine Rath ermächtigt, wenn es sich um Gewinnung tüchtiger Lehrkräfte für die Klosterschule handelt, auf Gutachten des Erziehungsraths Ausnahmen hievon zu bewilligen“, nämlich in Betreff der Aufnahme von Nichtbündnern und bezüglich der Aussteuer-Erforderniß; allein solche Begünstigungen und Ausnahmen wollen die Allerwenigsten beanspruchen, und zudem werden jene Begünstigungen durch eine andere Bestimmung unwirksam gemacht, nämlich durch die von Ordenskandidaten geforderte Maturitätsprüfung.

Endlich sind für die wirkliche Aufnahme von Novizen solche Umständlichkeiten und Formalitäten vorgeschrieben, die allein schon hinreichen, jeden Ordenskandidaten abzuschrecken. „Jede Anmeldung“ — so lautet § 3 der genannten Verordnung — „zur Aufnahme in das Kloster soll vom Vorstand desselben dem Kastenvogt und von diesem dem Kleinen Rathe angezeigt werden, welcher sodann die Untersuchung und Beurtheilung, ob der Gemeldete nach Vorschrift der nachfolgenden §§ 4 und 5 (Kantonsangehörigkeit und Aussteuer) aufgenommen werden

[Fortsetzung auf Druckseite 6]

[Druckseite 6; PDF-Seite 7 – Fortsetzung]

könne, dem kath. Regierungsmitglied und der Standeskommission kath. Theils überträgt und alsdann nach dem von denselben diesfalls ihm einzureichenden Gutachten und zu machenden Vorschlag die Aufnahme entweder bewilligt oder verweigert.“

Derjenige Ordenskandidat, dem es mit dem Eintritt in den Ordensstand Ernst ist, wird in der Regel ein solches Kloster aufsuchen, wo weder jene oben angeführten Beschränkungen der Novizenaufnahme, noch diese letztern Weitläufigkeiten bei derselben als hemmende Riegel entgegenstehen. Ueberdies zeigt die vielhundertjährige Erfahrung, daß nur jene Klöster und Orden gedeihen und gesegnet sind, die eine wahre Freiheit und Selbstständigkeit genießen. Denn nach dem hl. Anselm, dem gelehrten Benediktiner, „liebt Gott nichts in dieser Welt mehr, als die Freiheit seiner Kirche“. Als ich einmal dem nun seligen Abte Heinrich von Einsiedeln meine Anschauung über diese Schwierigkeiten für hiesiges Kloster mittheilte, schrieb er mir unter dem 30. Oktober 1868 zurück: „Mit den mir mitgetheilten Ansichten über das Kloster Disentis bin ich ganz einverstanden und habe mich vor kurzer Zeit im gleichen Sinne dem Schweizer. Episkopat gegenüber ausgesprochen, welcher in dem Umstand, daß ich dem dortigen Kloster mit zwei Hilfslehrern entgegengekommen bin, schon einige Hoffnung für dessen Rettung zu finden glaubte. Ich sagte bei, daß unter den gegenwärtig bestehenden gesetzlichen Bestimmungen nicht nur keine gründliche und dauerhafte Restauration des Klosters erweckt werden könnte, sondern daß unter gleichen Einschränkungen und Beschränkungen nach meiner Ansicht auch das bestdisciplinirte Kloster zu Grund gehen müßte“.

Schon vor mehreren Jahren verfaßte ich eine ergebene Zuschrift an den Hochlöblichen Großen Rath in Chur mit der ehrerbietigsten Bitte um gütigste Aufhebung jener Verordnung vom 8. Juni 1861, welche der Restauration hiesigen Klosters die größten Schwierigkeiten und Hemmnisse bereitet. Allein man schrieb mir aus der Mitte des versammelten Großen Rathes, ich möchte doch jene Bittschrift zurücknehmen, denn sie könnte leicht der Fortexistenz des Klosters Gefahr bringen. Ich that es, um nicht der möglichen Nachrede Nahrung zu geben, ich hätte die Aufhebung des Klosters veranlaßt. Als ich später selbst die Ehre hatte, Mitglied des Großen Rathes zu sein und mich über den Erfolg einer in bezeichnetem Sinne abgefaßten Bittschrift erkundigte, wurde mir entschieden von der Einreichung einer solchen abgerathen und ich folgte dem Rath aus den soeben angegebenen Grunde. Ich würde unendlich dankbar sein, wenn aus der Mitte des Hochlöblichen Großen Rathes selbst sich Stimmen von Staatsmännern mit gewünschtem Erfolge erheben würden, es möchten die erwähnten, ohnehin für unsere moderne Gesetzgebung kaum mehr passenden Beschränkungen in Novizenaufnahme großmüthig aufgehoben werden.

Nicht in dem mir fälschlich zugeschriebenen Widerwillen gegen Novizenaufnahme, sondern in den staatlichen Verordnungen über dieselbe liegt zunächst ein Hinderniß für die Restauration hiesigen Klosters. Wer aber aus was immer für einem Grunde von einer geschichtlichen Erscheinung, hier in diesem Falle von der Schwierigkeit und dem Mangel der Klosterrestauration dem Volke falsche Ursachen vorspiegelt und die Wahrheit verhüllt, der handelt weder klug noch recht, weder staatsmännisch noch kirchlich, der ist am allerwenigsten ein Freund des Volkes.

Nicht blos vom Jahre 1861 bis 1877 hat keine Vermehrung der Klostergemeinde Disentis stattgefunden, sondern auch in den Jahren von 1839 bis 1861, also im Laufe von 22 Jahren

[Fortsetzung auf Druckseite 7]

[Druckseite 7; PDF-Seite 8 – Fortsetzung]

hat nur ein einziger Noviz durch Ablegung der Ordensgelübde sich dieser religiösen Gemeinschaft angeschlossen und einverleibt. Wie ist diese Thatsache zu erklären? Offenbar kann daran nicht die staatliche Verordnung über die Novizenaufnahme, die erst im Jahre 1861 erlassen wurde, und auch nicht meine Regierung des Klosters, die erst im November des nämlichen Jahres 1861 begann, irgend eine Schuld tragen. Wer ist Schuld an dieser Unfruchtbarkeit, die bis in die Gegenwart ihren Schatten wirft und auf die geringe Zahl der jetzigen Mitglieder des Klosters einen großen Einfluß ausübt? Diese Frage führt uns auf einen neuen Punkt in unserer Betrachtung.

Zum Blühen und zum Wiederaufblühen oder zur Neubelebung einer religiösen Genossenschaft gehört außer der gebührenden Freiheit und Unabhängigkeit ein gewisser Grad des Strebens nach sittlicher Vollkommenheit. Nur ein gutes oder im Aufschwung begriffenes Kloster bildet namentlich in unserer Gegenwart für strebsame junge Leute einen Anziehungs- und Anknüpfungspunkt. Auf Herstellung eines solchen Sammelpunktes und der dadurch bedingten Restauration des Klosters habe ich viele Zeit und Mühe verwendet. Ich suchte einen lebendigen Glauben, eine innige Erkenntniß, herzliche Liebe und treue Nachfolge Jesu Christi zu erwecken und im Zusammenhang damit den Geist der Armuth, der brüderlichen Liebe und Eintracht, die Neigung zur bescheidenen Zurückgezogenheit, zur wirksamen und einheitlichen Thätigkeit, zum Studium, zur Selbstkenntniß, zu innerer und äußerer Ausbildung zu pflanzen, Demuth und Gehorsam einheimisch zu machen, den Gottesdienst zu einem ideen-, seelen- und geistvollen Kultus zu erheben und über die Anschauungen und Gewohnheiten der letzten Jahrzehnte hinweg die ursprünglichen Vorschriften und Uebungen nach dem Geiste des hl. Benedikt wieder in ihre unveräußerlichen Rechte einzusetzen. Auf diese Weise sollten die nöthigen Anknüpfungspunkte für den Eintritt solcher Kandidaten gewonnen werden, welche ein wahrhaft klösterliches Leben zu führen gesonnen sind. Oft wagte ich zu glauben, daß ich etwas von der Richtung in christlichem Sinne unter meinen Mitbrüdern erzielt habe, welche der deutsche Dichterfürst dem erhabenen Plato zuschreibt, wenn er sagt (in den Materialien zur Geschichte der Farbenlehre, zweite Abtheilung): „Plato verhält sich zu der Welt wie ein seliger Geist, dem es beliebt, auf einige Zeit auf ihr zu herbergen; er bewegt sich nach der Höhe, mit Sehnsucht, seines Ursprungs wieder theilhaftig zu werden; alles, was er äußert, bezieht sich auf ein ewig Gutes, Eines, Wahres, Schönes, dessen Förderung er in jedem Busen aufregen strebt.“ Hie und da hatte ich aber auch Anwandlungen von Verzagtheit und Muthlosigkeit, wenn ich zu bemerken glaubte, daß meine Bemühungen keine bleibenden Früchte bringen, und rief mit dem Propheten Isaias (49, 4): „Umsonst hab' ich mich bemüht, unnütz und vergeblich meine Kraft verzehrt“, tröstete mich aber auch mit dem prophetischen Wort: „Mein Lohn ist bei meinem Gott.“

Ein Paar oder auch nur ein Einziger der Mitbrüder kann durch Stiftung von Mißtrauen, Unfriede und Zwietracht, durch Lügenhaftigkeit und Verläumdung, durch falschen und verrätherischen Sinn, durch rohe Habe und Genußgier, durch die Laster des Müßigganges, durch unwürdige Behandlung heiliger Dinge, durch Sakrilegien und Scandale alle Bemühungen des Obern vereiteln und fruchtlos machen, religiöse Begeisterung und allen Geistesschwung in den Staub treten, die Restauration des Klosters erschweren und unmöglich machen und so alle Anknüpfungspunkte für den Eintritt und die Beharrlichkeit von Novizen zerstören. Steigerte sich die

[Fortsetzung auf Druckseite 8]

[Druckseite 8; PDF-Seite 9 – Fortsetzung]

Entmuthigung und Verwischung meines Innern zu hohem Grade, so konnte es geschehen, daß ich mich auf einige Tage entfernte, Gesinnungsgenossen aufsuchte und gern der Einladung von Klöstern folgte, in denselben religiöse Vorträge und geistliche Uebungen zu halten.

Diejenigen nun, welche die Restauration des Klosters in die Hand nehmen wollen und mir den Vorwurf machen, in mir liege das einzige Hinderniß der Neubelebung der Abtei und der Novizenaufnahme, müssen vor Allem, wenn sie hierin eine gültige Stimme haben wollen, sich eine genaue Kenntniß davon verschafft haben, ob sich im Innern des Klosters und in der jetzigen Art des Seins und Lebens, wie es sich seit mehreren Jahrzehnten ausgeprägt und festgesetzt hat, eine große Schwierigkeit und Hemmung der Restauration und Novizenaufnahme finde oder nicht. Denn würden sich innerliche Hindernisse eingewurzelt haben, wären ohne deren Entfernung alle anderweitigen Anstrengungen ganz vergeblich. Alle diese Restauratoren werden auch kräftig der Meinung entgegen treten müssen, als wollte ich keine Novizen; denn so lange diese besteht, werden sich keine Ordenskandidaten hieher wenden. Sie werden am besten thun, wenn sie selbst recht viele brauchbare Novizen aufsuchen und mir zusenden. Auf diese Weise werden sie am sichersten erfahren, ob ich, so viel es von mir abhängt, Novizen aufnehmen wolle oder nicht.

Wir kommen zum letzten Hauptpunkt in unserer Betrachtung. Bald nach dem Tode des P. Gregor am 13. April 1875, als außer mir nur noch fünf Ordenspriester, von denen einer in Romein, im Thale Lungnez lebt, übrig blieben, wendete ich mich in Vereinigung mit dem Hochwürdigsten Bischof Nikolaus an Herrn Abt Basilius in Einsiedeln mit der ergebensten Bitte um gütige Aushilfe sowohl in hiesigem Kloster als auch in der Klosterschule. Ich war so glücklich, im Oktober des Jahres 1875 vier Hochwürdige Ordenspriester von Einsiedeln zu erhalten. Der eine von ihnen war zum Prior des Klosters ausersehen und sollte sich auch an der Oekonomie desselben betheiligen; die andern waren zu Lehrern an der Klosterschule bestimmt; alle aber sollten vorzüglich an der Restauration des Klosters arbeiten und mithelfen. Ich trug mich mit neuen großen Hoffnungen für die Zukunft des Klosters und die Anbahnung eines Noviziates. Aber was geschieht? Auf diesem neuen Boden wird alsbald innerhalb und außerhalb des Klosters durch die verschiedenartigsten Aufstiftungen und Verdächtigungen zunächst gegen mich das größte Mißtrauen gepflanzt, zum Beispiel, ich sei nicht für Erhaltung des Klosters und wolle daher auch keine Novizen; ich sei zu lax, ich sei doch gar zu streng. Wer auch nur einen flüchtigen Blick in die Menschengeschichte geworfen hat, der weiß, wie zerstörend und unheilvoll das Mißtrauen in der menschlichen Gesellschaft wirken kann. Statt einer innigen Vereinigung mit mir entwickelte sich im Gotteshause bald eine Art Dualismus und schon im Monat Dezember desselben Jahres 1875 wurde in diesem Kreise des Mißtrauens ein Bild meiner Persönlichkeit mit den unwürdigsten Farben entworfen und höhern Orts mitgetheilt. Ich meinerseits fühlte mich bald fremd im eigenen Hause und wie in Anklagestand versetzt und in hemmende Fesseln geschlagen. Mit jener Schilderung, die man von mir machte, hing der Gedanke zusammen, mich zu beseitigen. Da aber das Bild aus Zügen bestand, die nicht auf objektiven Thatsachen, sondern lediglich auf eigenen Empfindungen, Stimmungen und Gedanken des Malers beruhten, so konnte derselbe nicht zur Ausführung kommen.

[Druckseite 9; PDF-Seite 10]

Indessen verwickelten sich die Dinge in der Weise, daß ich unter dem 8. Juni des Jahres 1876 an den Hochwürdigsten Bischof Nikolaus schrieb wie folgt: „Aus einer längern Korrespondenz mit dem Hochwürdigsten Herrn Abt von Einsiedeln muß ich zu meinem Bedauern erkennen, daß Hochderselbe mit mir und meiner Wirksamkeit und meinem Verhalten in hohem Grade unzufrieden ist und, wie es scheint, eher gesonnen ist, seine vier Patres aus hiesigem Kloster zurückzuziehen als sie hier zu lassen. Da es mir nun das Gerathenste scheint, daß die Einsiedler-Patres hier bleiben und ich auf meine hiesige Stellung als Oberer des Hauses verzichte, so bitte ich Euere Bischöfliche Gnaden in aller Ergebenheit und Ehrfurcht, mich dieser meiner dornigen Stellung eines Obern hiesigen Klosters gnädigst und großmüthig zu entlassen.“ Kurz darauf ließ mir der Hochwürdigste Herr Bischof den Wunsch ausdrücken, ich möchte zur mündlichen Besprechung der berührten Angelegenheit bald zu ihm nach Chur kommen. Ich kam, aber der Hochwürdigste Bischof war ganz und gar gegen meine Resignation und ich mußte mich fügen. Die vier Patres von Einsiedeln wurden zurückgerufen und endlich doch noch für dieses Schuljahr zwei Konventualen in Aussicht gestellt, aber nach Verlauf desselben soll jegliche Aushilfe aufhören. Als Motiv dieser Zurückziehung der Einsiedler-Patres wurde hier in meiner Umgebung bei wiederholten Besprechungen vorzüglich dieses bezeichnet, daß die Restauration des Klosters, zu deren Verwirklichung sie, die Einsiedler-Patres, doch hauptsächlich gekommen seien, als eine Unmöglichkeit erscheine und für diese Unmöglichkeit wurden merkwürdiger Weise folgende objektive Gründe angegeben:

1) Die Geschichte hiesigen Klosters in den zwei letzten Jahrhunderten lasse keine oder nur eine ganz geringe Hoffnung auf eine Zukunft desselben aufkommen; denn es sei seit langer Zeit schon im Niedergang begriffen, und wenn es sich auch einige Zeit erhebe, so sinke es bald wieder in die frühern Zustände zurück. So werde es auch wieder gehen, wenn jetzt auch eine längere Aushilfe geleistet würde.

2) Die Liebe und Verehrung gegen das Kloster Einsiedeln gestatte nicht, ihm zu rathen oder nahe zu legen, daß es vergebliche Opfer bringe und sich etwa 15 Jahre lang bis zur völligen Restauration eine so große Last aufbürde.

3) Man möge die Deutschen in Disentis nicht besonders, wie die Erfahrung lehre, man setze sie zurück und lasse sie nicht zur rechten Geltung kommen.

4) Wenn das Kloster auch ein größeres Personal bekäme, so hätte es doch keine rechte Wirksamkeit; die Schule von einigen Klassen und ein Paar Seelsorgestellen bildeten ein zu kleines Feld für ausreichende Beschäftigung der Mitglieder des Hauses in größerer Anzahl.

5) Die Einkünfte des Klosters seien kaum hinreichend zum ordentlichen Auskommen einer zahlreichern Ordensfamilie und zur Bestreitung der großen und vielen Lasten des Klosters und insbesondere nehmen die vielen Gebäulichkeiten die Finanzen in hohem Grade in Anspruch.

6) Die Regierung habe das Kloster zu sehr in ihrer Gewalt; sie brauche nur das Band anzuziehen, um es zum Falle zu bringen.

[Druckseite 10; PDF-Seite 11]

7) Die Erschwerung oder Verhinderung der Novizenaufnahme, wie sie hier stattfinde, sei sonst gewöhnlich der Vorbote für eine künftige Klosteraufhebung und so könne das Vertrauen auf eine Fortexistenz des Klosters kaum recht aufkommen.

8) Die ohnehin kleine Klostergemeinde müßte zum Behuf der Restauration noch etwas verringert werden.

9) Das Noviziat sollte im Kloster selbst gehalten werden, aber es sei schwer, dasselbe unter den jetzt bestehenden Verhältnissen auf gehörige Weise durchzuführen.

10) Auch die äußere Lage des Klosters sei nicht die rechte, es sei zu nahe am Dorf; dieser Umstand könne sehr leicht zu Befriedigung der Neugierde und des Müßigganges dienen, besonders wenn der Mangel an umfassender Beschäftigung dazu komme.

11) Würde das neuerstellte Hotel etwas stark besucht, so könnte das Kloster durch Fremde und Gäste allzusehr beunruhigt und gestört werden, indem sich immer Leute in der Nähe oder innerhalb desselben aufhalten würden.

Man mag nun über diese Begründung der Hoffnungslosigkeit für die Zukunft und Restauration des Klosters denken wie man will, so viel geht aus der Betrachtung derselben klar hervor, daß der Abt, wäre er auch ein Heiliger, über die meisten der angegebenen Hindernisse und Schwierigkeiten gar keine Gewalt hat; es geht über seine Macht, das Kloster oder Dorf zu versetzen oder das neue Hotel zu vernichten. Beruhen aber die angegebenen Gründe für die Hoffnungslosigkeit des Klosters auf Wahrheit, warum werden Beschuldigungen gegen den Obern geschleudert, als wolle er das Kloster nicht aufkommen lassen?

Aus der Nichtannahme meiner ergebenen Resignation von Seite des Hochwürdigsten Bischofes Nikolaus und aus der Zurückziehung der Einsiedler-Patres durch ihren Herrn Abt entsprang in tonangebenden Kreisen eine große Unzufriedenheit und ein dauernder, ja Achilles'scher Unmuth. In Folge davon verlangte die Hochlöbliche Kreisobrigkeit Disentis von dem Hochwürdigsten Bischof in dem schon erwähnten Schreiben vom 5. Oktober 1876 in energischer Weise meine Entlassung. Diese Zuschrift sollte, so wurde in einer kleinen Gesellschaft von Laien und Geistlichen beschlossen, auch noch durch ein Schreiben gleichen Tendenz von Seite Geistlicher in den drei Kapiteln Disentis, Gruob und Lungnez kräftigst unterstützt werden. Es geschah. Der Hochwürdigste Herr Bischof Nikolaus aber sendete diese beiden Zuschriften nebst einem Begleitschreiben und damit zugleich ein Gesuch um Gewährung seiner Resignation auf sein bischöfliches Amt unter dem 21. Oktober 1876 an den Heiligen Vater in Rom. Seine Bitte wurde vermöge Dekret vom 19. November mit Belobung seines bewiesenen Eifers huldvollst gewährt, aber über die Klosterangelegenheit kam meines Wissens bis diesen Augenblick keine Entschließung oder Entscheidung von Rom und wahrscheinlich wird auch in Zukunft keine erfolgen. Um so eifriger fordert man aber von dem jetzigen Hochwürdigsten Diözesanbischof Caspar Willi eine Entscheidung im Sinne der Kreisobrigkeit. Da auch diese auf sich warten läßt, wurde endlich die ganze Angelegenheit vor die Landsgemeinde gebracht. Darf man die Beschlüsse derselben vom 6. Mai d. J. mit der Schrift der Kreisobrigkeit vom 5. Oktober v. J., die vom Hochwürdigsten Bischof meine Entlassung verlangt hatte, zusammenstellen, da sie aus der nämlichen Quelle hervorgegangen sind, so ergibt sich als Sinn jener etwas in Dunkel

[Fortsetzung auf Druckseite 11]

[Druckseite 11; PDF-Seite 12 – Schluss]

gehüllten Volksbeschlüsse dieser: Der Abt muß fort, erst dann gelingt die Restauration des Klosters; das Heil erwarten wir von dem Stift Einsiedeln; sollten Staatsbehörden Bedenken und Schwierigkeiten dagegen erheben, dann hat die Kreisobrigkeit im Namen des Volkes mit ihnen anzubinden und zuletzt muß eine außerordentliche Landsgemeinde nachhelfen und etwa den Abt aus eigener Machtvollkommenheit für entlassen erklären.

Möge man mir immerhin das Schicksal eines Jonas bereiten, wenn nur durch was immer für eine Hand das Schifflein des Klosters gerettet wird! Aber ich bedaure, daß die in dieser Klosteraktion hervorragenden Männer, wie sie ohne gründliche Sachkenntniß nur unklaren und verworrenen Vorstellungen, nur leeren Phantasiebildern, nur Träumen folgen, ebenso bei all' ihrer schaumsprudelnden Redseligkeit und Hastigkeit als Frucht nur Täuschungen, nur Nichtigkeiten, nur schnell vergehende Schäume gewinnen werden.

Gott der Allmächtige rette und erhalte das arme Kloster! Sollte in Folge dieser herbeigeführten Wirren nach Gottes unerforschlichem Rathschlusse die schon 1263 Jahre bestehende Abtei zu Grunde gehen, so bleibt uns nichts anderes übrig, als die göttliche Gerechtigkeit und Heiligkeit anzubeten, welche so sehr belästigt und ermüdet wird. Rettet der große Gott vermöge der unerschöpflichen Fülle seiner Mittel und Güter die ehrwürdigste Abtei, so haben wir überreiche Ursache und Veranlassung, Gottes unendliche Liebe, Erbarmung und Langmuth zu verherrlichen und zu lobpreisen. Möge es dem gütigen Gott gefallen, in Vermählung seiner unendlichen Gerechtigkeit mit seiner unbegrenzten Barmherzigkeit ein recht gutes und heiliges Kloster zu bereiten und zu gestalten, zu schützen und zu erhalten für alle Zukunft zum Segen für Kirche und Staat, für Zeit und Ewigkeit!

In omnibus glorificetur Deus!

Disentis, im Juni 1877.

† Paulus Birker,
Abt.

[Schlussblatt; PDF-Seite 13]
Gedrucktes Verlags-/Druckerzeichen (in dieser Arbeitsfassung nicht transkribiert).

2. Übertragung

Paulus Birker: Träume und Schäume. Denkschrift über das Kloster Disentis im Jahre 1877.
Vollständige Übertragung in leicht verständliches Gegenwartsdeutsch – Arbeitsfassung.
Vorlage: Originalscan eines Exemplars aus Privatbesitz; 11 nummerierte Druckseiten, dazu Titel- und Schlussblatt.
Textgrundlage: Birker_1877_Denkschrift_Gesamttranskription_Arbeitsfassung.txt.
Editorischer Hinweis: Sämtliche Absätze, angeführten Briefe, Aufzählungen und Argumente werden in heutiges Deutsch übertragen, nicht zusammengefasst. Personen, Ortsnamen, Zeitangaben und die Ich-Perspektive bleiben erhalten. Die Markierungen entsprechen den Druckseiten des Originals; am Seitenende weiterlaufende Sätze werden auf der nächsten Seite fortgeführt. Historische Ehrentitel und Amtsbezeichnungen werden dort vereinfacht, wo dies für das Verständnis hilft. Das vorliegende Dokument ist eine sprachliche Übertragung einer noch nicht abschliessend kontrollierten Originaltranskription und deshalb ebenfalls eine Arbeitsfassung. Unklare Stellen bitte vor einer Quellenpublikation im Scan prüfen.

[Titelblatt]

Träume und Schäume.

Denkschrift
über das
Kloster Disentis im Jahr 1877

von
Abt Paulus Birker.


[Druckseite 1; PDF-Seite 2]

«Was wird dir für deine verlogene Zunge gegeben, und was wird man dir noch hinzufügen? Scharfe Pfeile eines mächtigen Mannes und glühende Kohlen. Weh mir, dass mein Aufenthalt so lange dauert.»

Psalm 119 (lateinisches Bibelzitat und die beigefügte deutsche Fassung sinngemäss in Gegenwartsdeutsch wiedergegeben).

Am 6. Mai dieses Jahres hat sich die Landsgemeinde mit dem Kloster Disentis befasst und darüber Beschlüsse gefasst. Auf Antrag der Kreisbehörde wurden folgende Beschlüsse «einstimmig» angenommen:
1. Der Bischof von Chur, Willi, soll dringend gebeten werden, das Kloster Disentis so schnell wie möglich wiederherzustellen.
2. Dem Kloster Einsiedeln soll für seine Hilfe in der Schule und im Kloster Disentis gedankt werden. Gleichzeitig soll es gebeten werden, diese Unterstützung fortzusetzen.
3. Falls sich Hindernisse gegen die dringend gewünschte Wiederherstellung des Klosters ergeben, soll man sich an die Behörden des Kantons wenden.
4. Die Kreisbehörde wird beauftragt, diese Beschlüsse umzusetzen. Falls nötig, soll sie dazu eine ausserordentliche Landsgemeinde einberufen.

Diese Beschlüsse sind in der hiesigen Zeitung veröffentlicht worden. Deshalb wird mir wohl niemand übelnehmen, wenn ich mich ebenfalls öffentlich äussere. Ich möchte erklären, was hinter diesen Beschlüssen steckt. Menschen, die mit den Vorgängen nicht vertraut sind, können ihre Bedeutung kaum erkennen. Zunächst muss ich kurz über einige persönliche Angelegenheiten sprechen, danach über die eigentliche Sache. Es geht mir dabei um die Wahrheit. Sie wird nur allzu oft aus Unwissenheit, Hass oder Abneigung entstellt.

Am 5. Oktober 1876 schrieb die Kreisbehörde von Disentis einen für mich wenig schmeichelhaften Brief an Bischof Nikolaus Florentini. Darin verlangte sie unverblümt meine Absetzung. Bis heute ist diese Absetzung nicht erfolgt. Gerade das verursacht offenbar grossen Unmut und den dringenden Wunsch, diesen als schmerzlich empfundenen Zustand endlich zu beenden. In jenem scharf formulierten Brief heisst es unter anderem: «Die Erfahrung hat ausreichend gezeigt, dass man mit diesem gelehrten, aber völlig unpraktischen Mann nichts anfangen kann. Es ist derselbe Mann, der schon seine Stellung als Abt des Klosters St. Bonifaz in München aufgeben musste.»

Diese Worte sind nicht nur ein harter Vorwurf gegen mich. Sie treffen noch stärker Bischof Nikolaus. Denn er hatte 1861 durch seinen Generalvikar, Pater Theodosius, nach mir suchen lassen, mich für die Stelle in Disentis gewonnen und


[Druckseite 2; PDF-Seite 3 – Fortsetzung des Satzes]

mich am 16. November desselben Jahres zum Leiter des hiesigen Klosters bestimmt. Der Vorwurf richtet sich auch gegen Papst Pius IX., der mich am 30. März 1862 bestätigte. Schliesslich trifft er die Regierung des Kantons Graubünden, die mich mit Beschluss vom 7. November 1863 als Mitglied der Klostergemeinschaft von Disentis anerkannte. Sollen all diese hohen kirchlichen und staatlichen Stellen leichtfertig gehandelt haben?

Um diese Frage zu klären und den offiziellen Vorwurf der Kreisbehörde von Disentis zu überprüfen, möchte ich die damaligen Schriftstücke für sich sprechen lassen. Erzbischof Karl August von München schrieb in seinem Brief über meine Bitte, als Abt zurücktreten zu dürfen, Folgendes (hier in Gegenwartsdeutsch übertragen):

«Der Abt des Klosters St. Bonifaz hat uns in zwei Schreiben vom 6. und 11. September 1854 seine Gründe dafür dargelegt, dass er die Leitung des Klosters niederlegen möchte. Wir haben mehrfach persönlich mit ihm gesprochen. Dabei sind wir zur Überzeugung gelangt, dass sein Entschluss so feststeht, dass er einer gedeihlichen Leitung der Klostergemeinschaft im Weg stehen könnte. Nach sorgfältiger Prüfung und Überlegung sehen wir uns deshalb veranlasst, seiner Bitte um Entlassung aus dem Amt des Abtes stattzugeben, obwohl wir dies nur ungern tun.»

Das königlich-bayerische Innenministerium, das für Kirchen- und Schulangelegenheiten zuständig war, schickte mir am 15. September 1854 folgenden Beschluss:

«Mit grosser Überraschung haben wir aus der Eingabe von Abt Paul Birker vom Benediktinerkloster St. Bonifaz erfahren, dass er fest und unumstösslich entschlossen ist, freiwillig von seinem Amt zurückzutreten. König Ludwig hatte ihn als Gründer und Stifter des Klosters wegen seiner bewährten Fähigkeiten in dieses Amt berufen. Weil der Abt seinen Entschluss nicht ändern will, sieht sich das Ministerium verpflichtet, sein tiefes Bedauern auszusprechen.

Während seiner beinahe vierjährigen Amtszeit hat Paul Birker wesentlich zum Aufbau und Gedeihen der neu entstandenen Abtei St. Bonifaz beigetragen. Besondere Verdienste hat er sich um die Seelsorge in einem grossen Teil der Münchner Bevölkerung sowie um die geistige Bildung und christliche Erziehung vieler junger Menschen erworben. Das Ministerium anerkennt ausdrücklich seine segensreiche Leitung. Zugleich hofft es, dass er seinen grossen Wissensschatz und sein uneigennütziges Engagement auch nach dem Rücktritt auf andere Weise zum Wohl von Kirche und Staat sowie der ihm anvertrauten Menschen einsetzen wird.»

1851 starb Barnabas Huber, der Abt des Klosters St. Stephan in Augsburg. Unter seiner Leitung war ich in den Benediktinerorden eingetreten. König Ludwig befürchtete, dass man mich als Nachfolger nach Augsburg berufen könnte und ich St. Bonifaz verlassen würde. Deshalb schrieb er mir am 3. August 1851 aus Berchtesgaden eigenhändig:

[Fortsetzung auf Druckseite 3]


[Druckseite 3; PDF-Seite 4 – Fortsetzung des Briefes]

«Herr Abt, ich habe mit grossem Bedauern vom Tod des verehrten Abtes von St. Stephan erfahren. Er gehörte noch zu den Benediktinern der alten Generation. Falls Sie zu seinem Nachfolger gewählt werden sollten, wünsche ich dringend, dass Sie die Wahl nicht annehmen. Denn dann würde in St. Bonifaz ein neuer Abt gewählt, der der jungen Abtei eine andere Richtung geben könnte als Sie. Benediktiner sollen nicht nur dem Namen nach Benediktiner sein, sondern auch in ihrem Geist und ihrer Lebensweise. Von diesem Gedanken sind Sie durchdrungen. Das ist mir ein grosses Anliegen. Ihr Ihnen wohlgesinnter Ludwig.»

Am 12. September 1854 schrieb mir König Ludwig wegen meines beabsichtigten Rücktritts ein weiteres Mal persönlich:

«Herr Abt, aus Ihrem Schreiben vom 8. September habe ich zu meinem Bedauern erfahren, dass Sie nicht länger Abt sein möchten. Ich hatte Sie wegen Ihrer ausgezeichneten Leitung des Priorats Ottobeuren ernannt. Überlegen Sie diesen Schritt noch einmal vor Gott; es ist eine Gewissensfrage. Entscheidend darf nicht Ihre persönliche Neigung sein, sondern allein das, was dem Reich Gottes am meisten nützt. Ich fürchte, dass Sie eine schwere Schuld auf sich laden, wenn Sie nicht davon überzeugt sind, dass die möglichen Nachfolger sowohl Ihre bisherige Ausrichtung der Abtei als auch die nötige Charakterfestigkeit besitzen, diese weiterzuführen. Mit unveränderter Gesinnung, Ihr Ihnen wohlgesinnter Ludwig.»

Die Leserinnen und Leser mögen mir erlauben, zu meinem Rücktritt noch einige Worte zu sagen. Nach meiner Vorstellung sollte das Kloster St. Bonifaz in München, eine grossartige Gründung von König Ludwig I., zum Vorbild für ein benediktinisches Ordensleben werden. König Ludwig hatte sich bei seiner Abdankung 1848 das Recht vorbehalten, den ersten Abt dieser von ihm gegründeten und gestifteten Abtei mit ihrer Kirche zu ernennen. Im Jahr 1850 hatte er mich dazu bestimmt.

Mir war besonders wichtig, dass im Kloster das beschauliche, auf Gebet und geistliche Sammlung gerichtete Leben gepflegt wird. Von dort aus sollten Seelsorge und Unterricht ihre innere Kraft und Ausrichtung erhalten. Ohne diese Grundlage besteht die Gefahr, dass Seelsorge, Gottesdienst und Erziehung nur noch äusserlich, routinemässig und wie ein Handwerk ausgeführt werden. Schon bald merkte ich, dass die sehr grosse Pfarrei St. Bonifaz gerade für junge Novizen und Priester ein Hindernis für diese geistliche Vertiefung sein konnte. Darum betonte ich umso stärker die Sammlung auf das geistliche Zentrum statt einer Hinwendung zu immer mehr äusseren Aufgaben. Meine Bemühungen blieben nicht ohne Erfolg.

Dann wurde ich allerdings von innerhalb und ausserhalb des Klosters gedrängt, schon bald eine grosse Erziehungseinrichtung in München zu übernehmen. Man erwartete von diesem noch ganz jungen Kloster sofort grosse und vielfältige Leistungen nach aussen, obwohl die Pfarrei allein schon sehr viel Arbeit verursachte. Mir wurde klar, dass die geistliche Grundausrichtung, die ich für notwendig hielt, unter diesen Bedingungen nicht mehr möglich sein würde. Ich zog mich deshalb lieber zurück, als die Verantwortung für eine Entwicklung zu übernehmen, von der ich für die Zukunft wenig Gutes erwartete.

Nun mögen die Leserinnen und Leser diese Briefe und meine Erklärungen mit dem Vorwurf der Kreisbehörde vergleichen. Dort heisst es: «Es ist derselbe Mann, der schon seine Stellung als Abt des Klosters St. Bonifaz

[Fortsetzung auf Druckseite 4]


[Druckseite 4; PDF-Seite 5 – Fortsetzung]

in München aufgeben musste.» Wenn man es wagt, so etwas in einem amtlichen Schreiben an den Bischof zu behaupten, kann es nicht überraschen, dass man auch die öffentliche Meinung in dieser und anderen Fragen beeinflusst, verdunkelt und verfälscht. Anschliessend tritt man dann im Namen genau dieser öffentlichen Meinung oder des irregeführten Volkes auf.

Weniger schwer wiegt die weitere Behauptung der Kreisbehörde, ich sei zwar gelehrt, aber unpraktisch. Der Kreispräsident des Jahres 1876 sollte sich daran erinnern, was er 1861 als Zeitungsredaktor selbst geschrieben hat. Damals besuchte ich wenige Tage nach meiner Ankunft in Disentis überraschend die Gemeinde Tavetsch. Ich wollte ihre Gemeindeversammlung dazu bewegen, sich am Bau der Strasse über die Oberalp zu beteiligen. Das war gewiss kein unpraktisches Vorgehen; der spätere Erfolg hat es bewiesen. Wenn ich Anfang Dezember 1861 praktisch denken konnte, warum sollte ich diese Fähigkeit in den beinahe 16 Jahren verloren haben, die ich inzwischen in dieser ausgesprochen praktischen Umgebung lebe? Bedauern würde ich allerdings, wenn ich nur noch praktisch und nicht auch von Idealen geleitet wäre. Denn ein Ordensmann ohne Ideale und ohne Geist ist nichts.

Ich behaupte gar nicht, besonders gelehrt zu sein. Wenn ich mich auf einem Gebiet auskenne, dann am ehesten im Klosterleben: in seiner Geschichte, seiner gegenwärtigen Situation, seinen Voraussetzungen und Anforderungen. Dieses bescheidene Wissen habe ich durch Studien, eigene Erfahrungen und Beobachtungen gewonnen. Ausserdem habe ich zu verschiedenen Zeiten Reisen nach Österreich, Italien, Frankreich, Belgien und Preussen unternommen, ausdrücklich mit dem Ziel, das Ordensleben möglichst gründlich kennenzulernen.

Nun komme ich zum sachlichen Teil der Angelegenheit des Klosters Disentis. Zuvor bitte ich die geduldigen Leserinnen und Leser um Verständnis, wenn dabei erneut persönliche Fragen auftauchen. Denn die Person, die ein Kloster leitet, lässt sich so wenig von der Abtei trennen wie der Mittelpunkt von einem Kreis.

Eine der wichtigsten Klagen, die auch im Schreiben der Kreisbehörde an Bischof Nikolaus vom 5. Oktober 1876 erhoben wird, lautet: Die Mitglieder der Klostergemeinschaft sterben nach und nach, aber es werden keine neuen Ordensanwärter, sogenannte Novizen, aufgenommen. Daraus ist bei vielen Menschen die feste Überzeugung geworden, ich trage die Schuld daran. Ich wolle angeblich keine Novizen aufnehmen, sondern das Kloster absichtlich verfallen und untergehen lassen.

Ich kann darauf nur sagen: Novizen aufzunehmen, sie in den Orden einzuführen und sie schliesslich ihre Ordensgelübde ablegen zu lassen, war und ist eine meiner grössten Lebensfreuden. Das gilt unabhängig davon, wie wichtig es ist, das Kloster als Einrichtung zu erhalten. Umgekehrt gehört es zu den grössten Demütigungen meines Lebens, immer wieder hören zu müssen, dass man daran zweifelt, ob ich überhaupt Novizen möchte oder ob ich das Kloster nicht lieber untergehen lasse. Seit 40 Jahren war es mein grösster Wunsch und meine liebste Aufgabe, dort, wo ich konnte, für ein gutes Ordensleben zu wirken. Welchen Grund sollte ich also haben, ausgerechnet beim Kloster Disentis eine Ausnahme zu machen und die ungeheure Verantwortung zu übernehmen, die mir durch diese Verdächtigung

[Fortsetzung auf Druckseite 5]


[Druckseite 5; PDF-Seite 6 – Fortsetzung]

unterstellt wird? Selbst wenn ich keine Ehrfurcht vor Gott hätte, wäre es für mein Ansehen in der Welt doch viel besser, wenn ich mehrere Mitbrüder im Kloster hätte, die ich leiten könnte. Wenn ich aber Gott wenigstens ein wenig fürchte und liebe, dann wünsche ich erst recht, bei meinem Tod Mitbrüder als Diener Gottes im Kloster zurückzulassen.

Bisher konnte ich nur zwei Novizen mit halbwegs gutem Gewissen aufnehmen. Einer hat das Noviziat wieder verlassen, der andere ist nach dessen Abschluss gestorben. Dass nicht mehr wirklich geeignete Kandidaten in unser Kloster eintreten, hat keine persönlichen Ursachen. Es liegt an sachlichen Schwierigkeiten und Hindernissen. Ein grosser Teil davon geht auf die staatlichen Vorschriften über das Noviziat zurück.

Die zuständigen Behörden des Kantons begegnen mir seit Jahren mit ausserordentlichem Wohlwollen und grosser Freundlichkeit. Dafür bin ich ihnen dankbar und bringe dies bei jeder Gelegenheit zum Ausdruck. Ich vertraue auch darauf, dass weder die Regierung noch der Erziehungsrat der Aufnahme von Novizen aus eigenem Antrieb besondere Hindernisse in den Weg legen würden. Aber beide Behörden müssen ihre gesetzlichen Pflichten erfüllen. Deshalb können sie die Vorschriften für die Aufnahme von Novizen, die schon vor meiner Ankunft in Disentis erlassen wurden, nicht einfach übergehen. Sie müssen vielmehr deren genaue Einhaltung durch das Kloster verlangen. Eine Verordnung vom 8. Juni 1861 bestimmt, dass Personen, die nicht aus Graubünden stammen, «in der Regel» weder als Novizen noch als Mitglieder der Klostergemeinschaft aufgenommen werden dürfen.

Schon diese Beschränkung auf Personen aus Graubünden macht es nahezu unmöglich, genügend geeignete Ordenskandidaten für das Kloster zu finden. Die Zahl der Theologiestudenten im Kanton reicht ja kaum aus, um alle Pfarreien und Seelsorgestellen zu besetzen.

Dieselbe Verordnung schreibt für die Aufnahme ins Kloster eine tatsächlich einzubringende Mindestausstattung von 2'250 Franken vor. Nur wenige Theologiestudenten verfügen nach ihrer bisherigen Ausbildung noch über so viel frei verfügbares Geld oder wollen es dafür einsetzen.

Zwar erlaubt die Verordnung dem Kleinen Rat, auf Empfehlung des Erziehungsrats Ausnahmen zu bewilligen, wenn damit geeignete Lehrkräfte für die Klosterschule gewonnen werden sollen. Diese Ausnahmen können die Herkunft aus einem anderen Kanton und die vorgeschriebene Mitgift betreffen. Aber nur sehr wenige Kandidaten möchten um solche Sonderbehandlungen bitten. Ausserdem werden diese Erleichterungen durch eine weitere Vorschrift praktisch wieder aufgehoben: Ordenskandidaten müssen eine Maturitätsprüfung vorweisen.

Schliesslich ist die tatsächliche Aufnahme eines Novizen mit so vielen Verfahren und Formalitäten verbunden, dass schon das allein jeden Bewerber abschrecken kann. Paragraf 3 der Verordnung bestimmt dazu sinngemäss: «Jede Anmeldung für den Eintritt ins Kloster ist vom Klostervorsteher dem Kastenvogt [staatlich bestellter Aufseher über Klostergüter und Klosterangelegenheiten] zu melden. Dieser gibt sie an den Kleinen Rat weiter. Der Kleine Rat beauftragt das katholische Regierungsmitglied und die katholische Standeskommission mit der Prüfung, ob der Kandidat die Vorschriften der Paragrafen 4 und 5 über die Kantonszugehörigkeit und die mitzubringende Ausstattung erfüllt. Nach ihrem Gutachten und Vorschlag entscheidet der Kleine Rat, ob der Kandidat aufgenommen werden

[Fortsetzung auf Druckseite 6]


[Druckseite 6; PDF-Seite 7 – Fortsetzung]

darf oder nicht.»

Wer ernsthaft in einen Orden eintreten will, wird sich gewöhnlich ein Kloster suchen, in dem weder die genannten Einschränkungen noch diese umständlichen Verfahren bestehen. Ausserdem zeigt die jahrhundertelange Erfahrung, dass Klöster und Orden nur dann gedeihen können, wenn sie echte Freiheit und Selbstständigkeit besitzen. Schon der heilige Anselm, der gelehrte Benediktiner, sagte: «Gott liebt auf dieser Welt nichts mehr als die Freiheit seiner Kirche.»

Als ich dem inzwischen verstorbenen Abt Heinrich von Einsiedeln meine Einschätzung dieser Hindernisse für Disentis mitteilte, antwortete er mir am 30. Oktober 1868:

«Ich teile Ihre Auffassung über das Kloster Disentis vollständig. Vor Kurzem habe ich mich gegenüber den Schweizer Bischöfen im gleichen Sinn geäussert. Sie hatten aus der Tatsache, dass ich dem Kloster Disentis zwei Hilfslehrer zur Verfügung gestellt habe, bereits eine gewisse Hoffnung auf dessen Rettung geschöpft. Ich habe ihnen jedoch gesagt: Unter den geltenden gesetzlichen Bestimmungen ist eine gründliche und dauerhafte Wiederherstellung dieses Klosters nicht möglich. Meiner Meinung nach müsste unter denselben Einschränkungen sogar das Kloster mit der besten Ordensdisziplin zugrunde gehen.»

Schon vor einigen Jahren verfasste ich ein ehrerbietiges Gesuch an den Grossen Rat in Chur. Darin bat ich darum, die Verordnung vom 8. Juni 1861 aufzuheben, weil sie die grössten Hindernisse für die Wiederherstellung des Klosters Disentis verursacht. Doch aus der Mitte des versammelten Grossen Rats erhielt ich die Mitteilung, ich solle das Gesuch lieber zurückziehen. Es könnte nämlich das Weiterbestehen des Klosters gefährden. Ich zog es zurück, damit später niemand behaupten konnte, ich selbst hätte die Aufhebung des Klosters verursacht.

Als ich später die Ehre hatte, selbst Mitglied des Grossen Rats zu sein, erkundigte ich mich erneut nach den Erfolgsaussichten eines solchen Gesuchs. Man riet mir entschieden davon ab, und ich folgte diesem Rat aus demselben Grund. Umso dankbarer wäre ich, wenn sich im Grossen Rat selbst Staatsmänner finden würden, die erfolgreich für eine grosszügige Aufhebung jener Aufnahmebeschränkungen eintreten. Diese Bestimmungen passen ohnehin kaum noch zu einer modernen Gesetzgebung.

Nicht meine angebliche Abneigung gegen Novizen ist das eigentliche erste Hindernis für die Wiederherstellung des Klosters, sondern die staatlichen Vorschriften über ihre Aufnahme. Wer dem Volk bei einem historischen Vorgang – hier bei den Schwierigkeiten, das Kloster wiederaufzubauen – falsche Ursachen vorspiegelt und die Wahrheit verdeckt, handelt weder klug noch gerecht, weder staatsmännisch noch im Sinne der Kirche. Am allerwenigsten kann er sich als Freund des Volkes bezeichnen.

Die Klostergemeinschaft von Disentis ist nicht nur in den Jahren von 1861 bis 1877 nicht gewachsen. Auch von 1839 bis 1861, also während 22 Jahren,

[Fortsetzung auf Druckseite 7]


[Druckseite 7; PDF-Seite 8 – Fortsetzung]

hat nur ein einziger Novize seine Ordensgelübde abgelegt und ist damit dauerhaft Mitglied der Gemeinschaft geworden. Wie lässt sich das erklären? Schuld daran können weder die staatlichen Vorschriften zur Aufnahme von Novizen noch meine Leitung des Klosters sein. Denn die Vorschriften wurden erst 1861 erlassen, und ich übernahm die Leitung ebenfalls erst im November 1861. Wer ist also für diesen Mangel an Nachwuchs verantwortlich? Er wirkt bis heute nach und ist ein wesentlicher Grund dafür, dass das Kloster jetzt so wenige Mitglieder hat. Diese Frage führt uns zum nächsten Punkt.

Damit eine religiöse Gemeinschaft aufblühen, wieder aufblühen oder neues Leben gewinnen kann, braucht sie neben der nötigen Freiheit und Unabhängigkeit auch ein ernsthaftes Bemühen um ein gutes, sittlich anspruchsvolles Leben. Besonders in unserer Zeit fühlen sich junge Menschen, die etwas aus ihrem Leben machen wollen, nur von einem guten Kloster angezogen, das sich selbst weiterentwickelt. Viel Zeit und Mühe habe ich dafür eingesetzt, Disentis zu einem solchen Ort zu machen, an dem sich geeignete Kandidaten sammeln können und von dem eine Erneuerung des Klosters ausgeht.

Ich wollte einen lebendigen Glauben wecken: ein tiefes Verständnis, eine herzliche Liebe und eine treue Nachfolge Jesu Christi. Damit verbunden wollte ich Armut im Geist des Ordens, brüderliche Liebe und Eintracht fördern, ebenso die Bereitschaft zu einem bescheidenen, eher zurückgezogenen Leben. Mir ging es um eine wirksame, gemeinsam ausgerichtete Arbeit, um Studium, Selbsterkenntnis und persönliche Bildung. Demut und Gehorsam sollten im Kloster selbstverständlich werden. Der Gottesdienst sollte wieder von Gedanken, innerem Leben und geistlicher Tiefe erfüllt sein. Über die Gewohnheiten der letzten Jahrzehnte hinaus wollte ich die ursprünglichen Regeln und Übungen im Geist des heiligen Benedikt wieder zur Geltung bringen.

So sollten die Voraussetzungen entstehen, damit Menschen eintreten können, die tatsächlich ein klösterliches Leben führen möchten. Manchmal glaubte ich, unter meinen Mitbrüdern etwas von jener christlichen Geisteshaltung bewirkt zu haben, die der grosse deutsche Dichter [Goethe] dem Philosophen Platon zuschreibt. In seinen «Materialien zur Geschichte der Farbenlehre» sagt er sinngemäss: «Platon begegnet der Welt wie ein glückseliger Geist, der sich nur für eine gewisse Zeit hier aufhält. Er strebt nach oben und sehnt sich nach seinem Ursprung. Alles, was er sagt, ist auf das ewig Gute, Eine, Wahre und Schöne gerichtet. Dieses Streben möchte er in jedem Menschen wecken.»

Hin und wieder überkam mich jedoch Mutlosigkeit. Dann meinte ich, meine Bemühungen würden keine dauerhaften Früchte tragen. Wie der Prophet Jesaja (49,4) sagte ich: «Vergeblich habe ich mich bemüht, nutzlos meine Kraft verbraucht.» Zugleich tröstete ich mich mit dem anderen Wort des Propheten: «Mein Lohn liegt bei meinem Gott.»

Schon ein oder zwei Mitbrüder, ja sogar ein Einziger, können all die Bemühungen eines Abtes zunichtemachen: durch das Schüren von Misstrauen, Streit und Zwietracht, durch Lügen und Verleumdungen, durch Falschheit und Verrat, durch grobes Verhalten und Genusssucht, durch Faulheit, durch einen unwürdigen Umgang mit heiligen Dingen, durch Entweihungen und Skandale. So können religiöse Begeisterung und geistlicher Aufbruch erstickt werden. Die Erneuerung des Klosters kann dadurch erschwert oder unmöglich werden. Dann verschwinden auch die Voraussetzungen dafür, dass Novizen eintreten und dauerhaft bleiben. Wenn meine

[Fortsetzung auf Druckseite 8]


[Druckseite 8; PDF-Seite 9 – Fortsetzung]

Entmutigung und innere Erschöpfung allzu gross wurden, kam es vor, dass ich das Kloster für einige Tage verliess. Ich suchte Menschen auf, die meine Überzeugungen teilten, und nahm gern Einladungen anderer Klöster an, dort religiöse Vorträge zu halten und geistliche Übungen zu leiten.

Diejenigen, die nun selbst die Wiederherstellung des Klosters in die Hand nehmen wollen und behaupten, ich sei das einzige Hindernis für eine Erneuerung der Abtei und für die Aufnahme von Novizen, müssen zunächst eines tun: Sie müssen sich genau darüber informieren, ob im Innern des Klosters und in der Lebensweise, die sich dort über Jahrzehnte herausgebildet und verfestigt hat, nicht selbst schwerwiegende Hindernisse liegen. Nur wenn sie diese Verhältnisse kennen, können sie sich ein begründetes Urteil erlauben. Falls sich solche inneren Hindernisse tatsächlich festgesetzt haben, wären alle anderen Bemühungen vergeblich, solange sie nicht beseitigt werden.

Diese Erneuerer müssten auch entschieden der Behauptung entgegentreten, ich wolle keine Novizen aufnehmen. Solange dieses Gerücht weiterbesteht, werden sich keine Ordenskandidaten bei uns melden. Am besten wäre es, wenn die Erneuerer selbst möglichst viele geeignete Kandidaten suchen und sie mir schicken würden. Dann könnten sie unmittelbar erfahren, ob ich bereit bin, sie aufzunehmen – soweit diese Entscheidung in meiner Macht liegt.

Damit komme ich zum letzten Hauptpunkt meiner Überlegungen. Nach dem Tod von Pater Gregor am 13. April 1875 blieben ausser mir nur noch fünf Ordenspriester übrig; einer von ihnen lebte in Romein im Lugnez. Gemeinsam mit Bischof Nikolaus bat ich daher Abt Basilius von Einsiedeln dringend um Hilfe für das Kloster und seine Schule.

Im Oktober 1875 durfte ich tatsächlich vier Ordenspriester aus Einsiedeln bei uns begrüssen. Einer war als Prior vorgesehen und sollte sich auch um die wirtschaftlichen Angelegenheiten des Klosters kümmern. Die anderen sollten an der Klosterschule unterrichten. Vor allem aber sollten alle vier helfen, das Kloster wieder aufzubauen. Ich schöpfte neue, grosse Hoffnung für seine Zukunft und dafür, endlich wieder ein Noviziat aufzubauen.

Doch was geschah? Kaum waren die neuen Mitbrüder da, wurde durch verschiedene Anstiftungen und Verdächtigungen innerhalb und ausserhalb des Klosters starkes Misstrauen gegen mich gesät. Man behauptete beispielsweise, mir liege nichts am Erhalt des Klosters und ich wolle deshalb auch keine Novizen. Die einen warfen mir vor, ich sei zu nachgiebig, die anderen, ich sei viel zu streng. Wer sich auch nur oberflächlich mit der Geschichte der Menschen beschäftigt hat, weiss, wie zerstörerisch Misstrauen für das Zusammenleben sein kann.

Statt dass wir uns eng zusammenschlossen, entstand im Kloster eine Art Spaltung in zwei Lager. Bereits im Dezember 1875 zeichnete man in diesem Klima des Misstrauens ein äusserst negatives Bild meiner Person und leitete es an höhere kirchliche Stellen weiter. Ich fühlte mich im eigenen Haus zunehmend fremd, wie ein Angeklagter behandelt und in meiner Handlungsfreiheit eingeschränkt. Mit diesem Bild von mir war offenbar die Absicht verbunden, mich aus dem Amt zu entfernen. Doch dieses Bild beruhte nicht auf überprüfbaren Tatsachen, sondern bloss auf Gefühlen, Stimmungen und Vorstellungen der Person, die es entworfen hatte. Deshalb konnte der Plan damals nicht umgesetzt werden.


[Druckseite 9; PDF-Seite 10]

Die Dinge spitzten sich aber weiter zu. Am 8. Juni 1876 schrieb ich deshalb an Bischof Nikolaus:

«Aus einem längeren Briefwechsel mit dem Abt von Einsiedeln muss ich zu meinem Bedauern erkennen, dass er mit mir, meiner Arbeit und meinem Verhalten sehr unzufrieden ist. Offenbar denkt er eher daran, seine vier Patres aus Disentis zurückzuziehen, als sie hierzulassen. Ich halte es aber für das Beste, wenn die Einsiedler Patres bleiben und ich dafür mein Amt als Leiter des Klosters aufgebe. Deshalb bitte ich Sie, hochverehrter Herr Bischof, in aller Ehrfurcht, mich aus diesem schwierigen Amt zu entlassen.»

Kurz darauf liess der Bischof mich bitten, zur persönlichen Besprechung nach Chur zu kommen. Ich fuhr hin. Er wollte aber nichts von meinem Rücktritt wissen, und ich musste mich seiner Entscheidung fügen. Die vier Patres aus Einsiedeln wurden zurückgerufen. Schliesslich stellte Einsiedeln immerhin noch zwei Ordensmitglieder für dieses Schuljahr in Aussicht. Danach sollte allerdings jede Unterstützung enden.

Bei Gesprächen in meiner Umgebung wurde der Rückzug der Einsiedler Patres vor allem damit erklärt, dass die Wiederherstellung des Klosters unmöglich sei – obwohl die Patres hauptsächlich gekommen waren, um genau diese Wiederherstellung zu ermöglichen. Für diese angebliche Unmöglichkeit wurden bemerkenswerterweise folgende sachlichen Gründe angeführt:

1. Die Geschichte des Klosters Disentis in den vergangenen zwei Jahrhunderten gebe kaum Anlass zur Hoffnung auf eine Zukunft. Das Kloster befinde sich seit Langem im Niedergang. Selbst wenn es sich vorübergehend erhole, falle es bald wieder zurück. Das werde auch diesmal geschehen, selbst wenn Einsiedeln seine Hilfe längere Zeit fortsetze.

2. Aus Liebe und Achtung gegenüber dem Kloster Einsiedeln könne man ihm nicht empfehlen, vergebliche Opfer zu bringen und vielleicht während 15 Jahren eine so grosse Last auf sich zu nehmen, bis Disentis vollständig wiederhergestellt sei.

3. Die Menschen in Disentis seien Deutschen gegenüber wenig aufgeschlossen. Die Erfahrung zeige, dass Deutsche benachteiligt würden und sich nicht ausreichend einbringen könnten.

4. Selbst wenn das Kloster mehr Mitglieder hätte, gäbe es für sie nicht genügend sinnvolle Aufgaben. Eine Schule mit wenigen Klassen und einige Seelsorgestellen reichten nicht aus, um eine grössere Klostergemeinschaft ausreichend zu beschäftigen.

5. Die Einkünfte des Klosters reichten kaum aus, um eine grössere Ordensgemeinschaft zu versorgen und die zahlreichen, hohen Kosten zu decken. Besonders die vielen Gebäude belasteten die Finanzen stark.

6. Der Staat habe zu viel Macht über das Kloster. Die Regierung müsste nur die bestehenden Beschränkungen verschärfen, um das Kloster zum Einsturz zu bringen.


[Druckseite 10; PDF-Seite 11]

7. Dass die Aufnahme von Novizen so stark erschwert oder sogar verhindert werde, sei gewöhnlich ein Vorzeichen für eine spätere Aufhebung des Klosters. Deshalb könne man kaum auf seinen Fortbestand vertrauen.

8. Um das Kloster wiederherstellen zu können, müsste die ohnehin kleine Klostergemeinschaft zunächst sogar noch etwas verkleinert werden.

9. Das Noviziat sollte zwar im Kloster selbst stattfinden, lasse sich aber unter den gegenwärtigen Bedingungen kaum ordentlich durchführen.

10. Auch die Lage des Klosters sei ungünstig, weil es zu nahe am Dorf liege. Das könne Neugier und Müssiggang begünstigen, besonders wenn es für die Klosterangehörigen ohnehin zu wenige Aufgaben gebe.

11. Wenn das neu gebaute Hotel stärker besucht werde, könnten fremde Besucherinnen und Besucher das Kloster zu sehr beunruhigen und stören, weil sich dann ständig Menschen in seiner Nähe oder sogar innerhalb des Klosters aufhielten.

Man kann diese Begründungen für die angebliche Hoffnungslosigkeit des Klosters beurteilen, wie man will. Eines wird dabei klar: Selbst ein heiliger Abt hätte über die meisten dieser Hindernisse überhaupt keine Macht. Er kann weder das Kloster noch das Dorf an einen anderen Ort versetzen oder das neue Hotel verschwinden lassen. Wenn diese Gründe tatsächlich erklären, warum das Kloster keine Zukunft haben soll, weshalb beschuldigt man dann ausgerechnet seinen Leiter, er wolle die Erneuerung verhindern?

Dass Bischof Nikolaus meinen Rücktritt nicht annahm und dass der Abt von Einsiedeln seine Patres zurückrief, löste in einflussreichen Kreisen grosse und dauerhafte Unzufriedenheit aus, ja geradezu einen Zorn wie den des Achilles. Daraufhin verlangte die Kreisbehörde von Disentis in ihrem bereits erwähnten Brief vom 5. Oktober 1876 nachdrücklich beim Bischof meine Entlassung.

In einem kleinen Kreis von Laien und Geistlichen wurde beschlossen, diesen Brief durch ein weiteres Schreiben mit demselben Anliegen zu unterstützen. Es sollte von Geistlichen aus den drei kirchlichen Bezirken Disentis, Gruob und Lugnez kommen. Genau das geschah.

Bischof Nikolaus schickte beide Schreiben zusammen mit einem Begleitschreiben am 21. Oktober 1876 an den Papst nach Rom. Gleichzeitig bat er selbst darum, aus seinem Bischofsamt entlassen zu werden. Mit einem Dekret vom 19. November wurde seinem Rücktrittsgesuch entsprochen; dabei lobte man seinen bisherigen Eifer. Über die Angelegenheit des Klosters Disentis hat Rom dagegen meines Wissens bis heute nichts entschieden. Wahrscheinlich wird es auch künftig keine Entscheidung geben.

Nun drängt man den neuen Diözesanbischof Caspar Willi umso stärker, im Sinne der Kreisbehörde zu entscheiden. Weil auch er bislang keine solche Entscheidung getroffen hat, brachte man die ganze Angelegenheit schliesslich vor die Landsgemeinde.

Die Landsgemeinde fasste ihre Beschlüsse am 6. Mai dieses Jahres. Vergleicht man sie mit dem Schreiben der Kreisbehörde vom 5. Oktober des Vorjahres, das meine Entlassung verlangte, so zeigt sich nach meiner Auffassung: Beide gehen von denselben Kreisen aus. Der eigentliche Sinn dieser nicht ganz offen formulierten Beschlüsse ist deshalb folgender:

[Fortsetzung auf Druckseite 11]


[Druckseite 11; PDF-Seite 12 – Schluss]

Der Abt muss weg. Erst dann, so glaubt man, könne das Kloster wiederhergestellt werden. Die Rettung soll vom Kloster Einsiedeln kommen. Wenn staatliche Behörden Einwände erheben oder Schwierigkeiten machen, soll sich die Kreisbehörde im Namen des Volkes mit ihnen auseinandersetzen. Notfalls soll eine ausserordentliche Landsgemeinde eingreifen und den Abt womöglich sogar aus eigener Macht für entlassen erklären.

Wenn nötig, mag man mich das Schicksal des biblischen Jona erleiden lassen – solange nur das kleine Schiff, unser Kloster, gerettet wird, ganz gleich durch wessen Hand. Ich fürchte jedoch, dass die führenden Männer dieser Aktion das Gegenteil erreichen werden. Weil sie die Sache nicht gründlich kennen, folgen sie unklaren und verworrenen Vorstellungen, leeren Fantasien und blossen Träumen. Bei all ihrem schäumenden Reden und überstürzten Handeln werden sie nur Enttäuschungen, nichts Dauerhaftes, nur Schaum hervorbringen, der schnell wieder vergeht.

Möge der allmächtige Gott das arme Kloster retten und erhalten! Sollte die Abtei, die bereits seit 1'263 Jahren besteht, durch diese verursachten Wirren nach Gottes unergründlichem Willen untergehen, bleibt uns nichts anderes, als seine Gerechtigkeit und Heiligkeit anzuerkennen und anzubeten, die durch menschliches Handeln so sehr belastet werden.

Wenn Gott die ehrwürdige Abtei dagegen mit seinen unerschöpflichen Möglichkeiten rettet, haben wir allen Grund, seine unendliche Liebe, sein Erbarmen und seine Geduld zu preisen. Möge Gott in seiner unendlichen Gerechtigkeit und seiner grenzenlosen Barmherzigkeit ein gutes und heiliges Kloster entstehen lassen, es gestalten, schützen und für alle Zukunft erhalten – zum Segen von Kirche und Staat, für diese Welt und für die Ewigkeit!

In allem werde Gott verherrlicht!

Disentis, im Juni 1877.

† Paulus Birker,
Abt.

[Schlussblatt; PDF-Seite 13]
Gedrucktes Verlags- oder Druckerzeichen. Enthält keinen weiteren fortlaufenden Text der Denkschrift.

3. Textsorte

Schritt 3 – Textsorte, Struktur und Didaktik

Paulus Birk­er nen­nt seinen Text eine «Denkschrift». Aber was macht er damit tat­säch­lich?

Meine vor­läu­fige These: Er schreibt eine öffentliche Recht­fer­ti­gungss­chrift, die zugle­ich eine Stre­itschrift über die Bedin­gun­gen der Erneuerung des Klosters Dis­en­tis ist.

Eine Denkschrift behan­delt üblicher­weise eine wichtige öffentliche Angele­gen­heit und richtet sich häu­fig an eine offizielle Stelle. Birk­er geht darüber hin­aus: Er wen­det sich aus­drück­lich an die Öffentlichkeit und fordert seine Leser auf, Doku­mente, Behaup­tun­gen und Erfahrun­gen miteinan­der zu ver­gle­ichen.

Sein Text ist damit nicht bloss eine Vertei­di­gung sein­er Per­son. Er inter­ve­niert in einen laufend­en poli­tis­chen und kirch­lichen Entschei­dung­sprozess.

Der Aufbau – acht Denkbewegungen

1. Anlass (S. 1): Die Lands­ge­meinde vom 6. Mai 1877 fordert die Wieder­her­stel­lung des Klosters. Birk­er erk­lärt, weshalb er öffentlich antworten muss.

2. Legit­i­ma­tion (S. 1–3): Gegen den Vor­wurf seines früheren Scheit­erns stellt er amtliche Doku­mente, Briefe und die Anerken­nung durch König, Bischof und Papst.

3. Selb­stver­ständ­nis (S. 3–4): Was ist ein guter Abt? Birk­er unter­schei­det zwis­chen geistlich­er Samm­lung und äusser­er Geschäftigkeit.

4. Geset­zliche Hin­dernisse (S. 4–6): Weshalb fehlen Novizen? Er argu­men­tiert mit staatlichen Auf­nah­mevorschriften statt mit per­sön­lichen Ver­säum­nis­sen.

5. Innere Erneuerung (S. 6–8): Ein Kloster braucht mehr als Per­son­al und Gebäude. Es braucht eine funk­tion­ierende religiöse Lebens­ge­mein­schaft.

6. Kon­flikt mit Ein­siedeln (S. 8–9): Die erhoffte Zusam­me­nar­beit scheit­ert. Birk­er beschreibt Mis­strauen, Spal­tung und seinen ange­bote­nen Rück­tritt.

7. Elf Ein­wände (S. 9–10): Birk­er führt die ange­blichen Hin­dernisse ein­er Restau­ra­tion auf. Seine Gegen­frage: Wie kann der Abt schuld sein, wenn die Hin­dernisse unab­hängig von sein­er Per­son beste­hen?

8. Poli­tis­che Zus­pitzung (S. 10–11): Er deutet die Lands­ge­mein­debeschlüsse als verdeck­ten Ver­such sein­er Abset­zung. Mit «Träume und Schäume» kehrt er zum Titel zurück.

Der Auf­bau ist also keineswegs zufäl­lig. Er führt von der Vertei­di­gung sein­er Ver­gan­gen­heit über die Unter­suchung gegen­wär­tiger Hin­dernisse zur Auseinan­der­set­zung um die Zukun­ft des Klosters. Past­ed markdown.mdPasted markdown.md

Die Didaktik – wie bringt Birker seine Leser zum Denken?

Er ver­wen­det fünf Ver­fahren, die sich durch den ganzen Text ziehen.

Doku­men­tieren. Er zitiert Briefe, Beschlüsse und Verord­nun­gen, um Behaup­tun­gen über­prüf­bar erscheinen zu lassen. Die Doku­mente bleiben allerd­ings von ihm aus­gewählt und ange­ord­net.

Ver­gle­ichen. Er stellt Vor­würfe gegen amtliche Zeug­nisse, per­sön­liche Erfahrun­gen gegen öffentliche Urteile und die Gegen­wart gegen frühere Entwick­lun­gen.

Ursachen unter­schei­den. Er tren­nt per­sön­liche Ver­ant­wor­tung, rechtliche Ein­schränkun­gen, finanzielle Möglichkeit­en und die innere Ver­fas­sung der Klosterge­mein­schaft.

Wider­sprüche aufzeigen. Wenn die Wieder­her­stel­lung aus struk­turellen Grün­den unmöglich sein soll, weshalb wird dann der Abt zum entschei­den­den Hin­der­nis erk­lärt?

Affek­te mobil­isieren. Bibelz­i­tate, Ironie, Kränkung, Empörung und religiöse Hoff­nung ste­hen neben sein­er doku­men­tarischen Bewe­is­führung.

Diese Ver­fahren sind tex­t­an­a­lytis­che Beobach­tun­gen, keine unab­hängig belegten Aus­sagen über Birk­ers tat­säch­liche Wirkung auf seine Leser.

Eine bemerkenswerte Spannung

Birk­er for­muliert auf Druck­seite 4, dass sich die Per­son des Abtes so wenig von der Abtei tren­nen lasse wie der Mit­telpunkt vom Kreis.

Gle­ichzeit­ig erk­lärt er immer wieder, dass die entschei­den­den Hin­dernisse der Erneuerung ger­ade nicht von sein­er Per­son abhän­gen.

Das ist inter­es­sant: Der Abt soll für das Kloster wesentlich, aber für dessen Krise nicht allein ver­ant­wortlich sein. Past­ed markdown.mdPasted markdown.md

Was ist der didaktische Kern?

Birk­er möchte seine Leser dazu brin­gen, drei Fra­gen auseinan­derzuhal­ten:

Was ist geschehen? Wem wird die Ver­ant­wor­tung zugeschrieben? Unter welchen Bedin­gun­gen wäre eine Erneuerung tat­säch­lich möglich?

Aber er eröffnet damit keine ergeb­nisof­fene Unter­suchung. Er lenkt das Urteil auf eine bes­timmte Schlussfol­gerung: Nicht seine Per­son, son­dern die rechtlichen, insti­tu­tionellen und geistlichen Ver­hält­nisse erk­lären die Krise.

Hier liegt eine wichtige Unter­schei­dung für unsere weit­ere Arbeit: Birk­er will zum Denken anre­gen und zugle­ich bee­in­flussen, zu welchem Urteil dieses Denken führen soll.

Arbeitsdokument

Ich habe die voll­ständi­ge Analyse mit Seit­en­ver­weisen und Quel­len­hin­weisen als eigenes Kapi­tel erstellt:

Birk­er 1877 – Schritt 3: Textsorte, Struk­tur und Didak­tik (Mark­down)

### Paulus Birker, «Träume und Schäume» (1877)
### Schritt 3: Textsorte, Aufbau und Didaktik

Grundlage: Paulus Birker, «Träume und Schäume. Denkschrift über das Kloster Disentis im Jahre 1877», Disentis, Juni 1877, elf Druckseiten. Für diese Analyse wurde die Gegenwartsübertragung (Arbeitsfassung) herangezogen. Deren Wortlaut ist noch nicht abschliessend mit dem Original verglichen. Die Aussagen über Wirkung und Absicht sind Interpretationen des Textes, nicht unabhängig belegte historische Tatsachen.

### 1. Welche Textsorte liegt vor?

Birker nennt seinen Text «Denkschrift». Üblicherweise bezeichnet das eine sachbezogene Darlegung zu einer wichtigen öffentlichen Angelegenheit, oft an eine offizielle Stelle gerichtet. Birkers Schrift ist jedoch ausdrücklich für eine breitere Öffentlichkeit geschrieben: Sie antwortet auf veröffentlichte Beschlüsse der Landsgemeinde vom 6. Mai 1877 und lädt Leserinnen und Leser wiederholt zum Vergleich von Aussagen und Dokumenten ein.

Genauer handelt es sich um eine öffentliche Rechtfertigungsschrift (Apologie) mit den Mitteln einer dokumentengestützten Streitschrift. Sie verteidigt den Autor gegen konkrete Vorwürfe, beansprucht eine sachliche Klärung des Konflikts und greift die Deutungen seiner Gegner an. Zugleich formuliert sie Bedingungen für die Zukunft des Klosters. Sie ist weder ein neutraler Verwaltungsbericht noch eine blosse persönliche Erinnerung.

Der Titel «Träume und Schäume» ist nicht neutral: Die leitende Abwertung der gegnerischen Vorstellungen wird am Schluss ausdrücklich aufgelöst. Damit rahmt der Titel den gesamten Text als Gegenrede.

### 2. Argumentativer Aufbau (Druckseiten)

1. Titelblatt und S. 1: Vorzeichen und Anlass. Die Bibelworte über die verleumderische Zunge schaffen eine Konfliktperspektive. Birker nennt die vier Beschlüsse der Landsgemeinde und legitimiert seine eigene öffentliche Antwort.
2. S. 1–3: Angriff auf seine Amtsbiografie und dokumentarische Verteidigung. Birker zitiert den Vorwurf, schon in München als Abt gescheitert zu sein, und stellt dem amtliche und königliche Schreiben zum freiwilligen Rücktritt von 1854 gegenüber.
3. S. 3–4: Selbstbeschreibung des guten Abtes. Er erklärt seine Priorität: geistliche Sammlung als Voraussetzung sinnvoller äusserer Tätigkeiten. Den Vorwurf, bloss theoretisch und «unpraktisch» zu sein, beantwortet er unter anderem mit seiner Beteiligung an der Oberalpstrasse.
4. S. 4–6: Die Novizenfrage. Gegen die These einer persönlichen Nachwuchsverweigerung stellt er kantonale Aufnahmevorschriften, Beschränkungen auf Bündner Kandidaten, finanzielle Vorgaben und aufwendige Genehmigungsverfahren.
5. S. 6–8: Die innere Voraussetzung einer Erneuerung. Neben rechtlicher Freiheit fordert Birker religiöse Disziplin, gelebten Glauben, Gemeinschaft und geistige Bildung. Er schildert innere Widerstände und die zerstörerische Wirkung von Misstrauen.
6. S. 8–9: Die gescheiterte Hilfe Einsiedelns. Er erzählt von der Ankunft der vier Patres 1875, den Spannungen, seinem Rücktrittsangebot 1876 und dem späteren Abzug der Helfer.
7. S. 9–10: Elf Gründe gegen die Aussicht auf eine Restauration. Birker führt eine Liste von Einwänden an, die nach seiner Darstellung im Umfeld des Rückzugs aus Einsiedeln vorgebracht wurden. Er macht geltend, dass selbst der geeignetste Abt die meisten dieser Bedingungen nicht verändern könnte.
8. S. 10–11: Politische Zuspitzung und Schluss. Birker verbindet die Eingaben an Bischof und Rom mit den Landsgemeindebeschlüssen und deutet sie als Versuch, ihn zu entfernen. Es folgen das Bild vom Schiff und Jona, die titelgebenden «Träume und Schäume» sowie ein Gebet für die Zukunft des Klosters.

### 3. Wie führt Birker das Denken seiner Leser?

Dokumentieren: Er setzt Briefdaten, Behördenentscheide und Zitate gegen Gerüchte und persönliche Urteile. Die Lesenden sollen nicht bloss seiner Behauptung glauben, sondern Zeugnisse gegeneinanderhalten. Allerdings hat Birker selbst die Dokumente ausgewählt und in seine Argumentation eingebettet.

Vergleichen: Die Frage, ob er in München versagt habe, beantwortet er mit Schreiben, die seinen Rücktritt als freiwillig und bedauert darstellen. Die Frage, ob er das Disentiser Noviziat verhindere, vergleicht er mit staatlichen Bestimmungen und einem langen historischen Zeitraum, in dem ebenfalls kaum Nachwuchs eingetreten sei.

Ursachen unterscheiden: Immer wieder verschiebt Birker die Frage von einer einzelnen Person auf Voraussetzungen und Hindernisse. Er trennt rechtliche Bedingungen, personelle Voraussetzungen, finanzielle Tragfähigkeit und klösterliche Lebensführung. Diese Unterscheidung ist ein zentraler gedanklicher Ertrag der Schrift.

Einwände umkehren: Seine Gegner sollen erklären, weshalb man ihn verantwortlich macht, wenn die behaupteten Hindernisse unabhängig vom Abt bestehen. Die elf Gründe sind deshalb nicht nur eine Liste von Schwierigkeiten, sondern ein Instrument argumentativer Entlastung.

Affekte mobilisieren: Neben den dokumentierenden Passagen stehen Empörung, Ironie, Selbstrechtfertigung, Enttäuschung und religiöse Hoffnung. Die Bibelworte am Anfang, der Vergleich mit Jona und das Schlussgebet verbinden die öffentliche Auseinandersetzung mit einem heilsgeschichtlichen Horizont.

Urteil anleiten: Birker fordert zum Denken auf, lässt das Urteil aber nicht offen. Er bietet den Lesenden eine klar bevorzugte Deutung an: Nicht sein angeblicher Unwille, sondern rechtliche, institutionelle und geistliche Hindernisse erklären die Krise.

### 4. Der entscheidende Widerspruch als Textleistung

Birker argumentiert zugleich persönlich und überpersönlich. Einerseits besteht er darauf, dass die Person des Abtes vom Schicksal der Abtei nicht zu trennen sei («Mittelpunkt» und «Kreis», S. 4). Andererseits verteidigt er sich damit, dass die entscheidenden Schwierigkeiten gerade nicht von seiner Person abhingen (S. 5–6 und 10). Das muss kein logischer Fehler sein: Für ihn ist der Abt wichtig, aber nicht allmächtig. Als Rechtfertigungsstrategie hält diese Doppelbewegung dennoch die eigene Autorität aufrecht und begrenzt zugleich die eigene Verantwortlichkeit.

Ebenso bemerkenswert: Er beschreibt kantonale Amtsträger ausdrücklich als wohlwollend, kritisiert aber die von ihnen zu vollziehenden Gesetze. Seine Kritik gilt nicht einfach «dem Staat», sondern einer bestimmten rechtlichen Ordnung, die seiner Auffassung nach das klösterliche Leben erschwert.

### 5. Vorläufiger Befund

Birkers Denkschrift lehrt die Leser, drei Fragen auseinanderzuhalten: Was ist geschehen? Wem wird die Verantwortung zugeschrieben? Unter welchen Bedingungen wäre eine Erneuerung tatsächlich möglich?

Ihre konkrete Intervention zielt aber auch darauf, einen bevorstehenden beziehungsweise bereits laufenden Entscheidungsprozess zu beeinflussen: Birker will die öffentliche Deutung seiner Absetzung zurückweisen und die Voraussetzungen für eine Restauration anders bestimmen.

Die nächste Untersuchung (Schritt 4) sollte daher textnah fragen: Welche Unterscheidungen führt Birker ein, welche lässt er weg, und an welcher Stelle soll sein Text das Handeln anderer verändern? Die Frage nach Caspar Decurtins bleibt bis Schritt 6 bewusst offen.

### Quellen

Paulus Birker: «Träume und Schäume. Denkschrift über das Kloster Disentis im Jahre 1877». Disentis, Juni 1877; Originalscan aus Privatbesitz, Druckseiten 1–11. Textgrundlage hier: Gegenwartsübertragung, Arbeitsfassung, noch nicht abschliessend geprüft.

Duden, «Denkschrift»: https://www.duden.de/rechtschreibung/Denkschrift. Die Bezeichnungen «Apologie» und «dokumentengestützte Streitschrift» sind unsere textanalytische Einordnung.

Quellen: Paulus Birk­er, Träume und Schäume, Dis­en­tis 1877, Druck­seit­en 1–11; Duden: Denkschrift.

Der näch­ste Schritt wird anspruchsvoller: Nicht mehr nur unter­suchen, wie Birk­er argu­men­tiert, son­dern woran er mit sein­er Denkschrift arbeit­et. Was soll nach der Lek­türe anders beobachtet, entsch­ieden und getan wer­den kön­nen?

4. Denkbewegung

Schritt 4 – Woran arbeitet Paulus Birker 1877?

Unsere Leit­frage: Was unter­schei­det Birk­er? Welche Prob­leme kon­stru­iert er? Welche Lösun­gen schlägt er vor? Und was bleibt in seinem Denken unbeobachtet?

1. Die zentrale Denkbewegung

Birk­er ver­sucht, die Frage sein­er Geg­n­er zu verän­dern.

Aus:

«Warum ver­hin­dert dieser Abt die Erneuerung des Klosters?»

wird:

«Unter welchen Bedin­gun­gen kann ein Kloster über­haupt erneuert wer­den – und wer kann diese Bedin­gun­gen verän­dern?»

Das ist die eigentliche Denkbe­we­gung sein­er Denkschrift. Birk­er ver­schiebt die Aufmerk­samkeit von ein­er Per­son auf die Ver­hält­nisse, inner­halb der­er diese Per­son han­delt.

2. Sechs entscheidende Unterscheidungen

1. Per­son / Bedin­gun­gen: Der Abt kann nicht für alles ver­ant­wortlich sein, was die Entwick­lung des Klosters ver­hin­dert.

2. Äussere Leis­tung / innere Lebens­form: Schule, Seel­sorge und gesellschaftlich­er Nutzen müssen aus einem lebendi­gen Ordensleben her­vorge­hen, nicht umgekehrt.

3. Geset­zestreue Behör­den / hin­der­liche Geset­ze: Birk­er kri­tisiert weniger die kan­tonalen Amt­sträger als die gel­tenden Vorschriften.

4. Guter Wille / reale Möglichkeit: Novizen aufnehmen zu wollen, bedeutet noch nicht, sie aufnehmen zu kön­nen.

5. Poli­tis­ch­er Beschluss / insti­tu­tionelle Erneuerung: Eine Lands­ge­meinde kann eine Restau­ra­tion fordern. Damit ist noch keine Voraus­set­zung für deren Gelin­gen geschaf­fen.

6. Belegte Tat­sachen / öffentliche Gerüchte: Birk­er fordert, Doku­mente und Behaup­tun­gen miteinan­der zu ver­gle­ichen. Allerd­ings bes­timmt er selb­st, welche Doku­mente er präsen­tiert.

Textgrund­lage: Druck­seit­en 1–10. Past­ed markdown.md

3. An welchen Problemen arbeitet er?

Drei Prob­leme lassen sich unter­schei­den.

1. Eine rechtliche Krise: Die kan­tonalen Auf­nah­mevorschriften erschw­eren die Gewin­nung von Orden­snach­wuchs.

2. Eine Krise der Lebens­ge­mein­schaft: Das Kloster braucht eine innere Erneuerung. Birk­er spricht von Orden­sregel, Bil­dung, geistlich­er Samm­lung, Ein­tra­cht und Diszi­plin.

3. Eine Krise der öffentlichen Ver­ständi­gung: Mis­strauen, Beschuldigun­gen und poli­tis­che Inter­ven­tio­nen bes­tim­men zunehmend, wie über die Zukun­ft des Klosters entsch­ieden wird.

Die drei Prob­leme sind miteinan­der ver­bun­den, aber nicht iden­tisch.

Beson­ders bemerkenswert: Birk­er stellt selb­st fest, dass der Nach­wuchs­man­gel bere­its Jahrzehnte vor sein­er Amt­szeit und vor der Verord­nung von 1861 bestand. Damit reicht auch seine rechtliche Erk­lärung allein nicht aus. Past­ed markdown.md

4. Was will er verändern?

Seine Denkschrift enthält dur­chaus prak­tis­che Inter­ven­tio­nen.

  1. Der Grosse Rat soll die Auf­nah­mebeschränkun­gen für Novizen aufheben.
  2. Die Klosterge­mein­schaft soll ihre Lebens­form erneuern.
  3. Die Kri­tik­er sollen geeignete Novizen suchen und sie dem Kloster tat­säch­lich zuführen.
  4. Die Öffentlichkeit soll die Ver­ant­wor­tung für die Krise anders beurteilen.
  5. Die kirch­lichen Entschei­dungsträger sollen seine Abset­zung nicht mit ein­er Lösung der Prob­leme ver­wech­seln.

Birk­er will also nicht bloss recht behal­ten. Er will die Voraus­set­zun­gen verän­dern, unter denen über die Zukun­ft der Abtei entsch­ieden wird.

5. Was bleibt unbeobachtet?

Hier wird unsere Unter­suchung kri­tisch.

1. Birk­er ver­langt klöster­liche Selb­st­ständigkeit gegenüber staatlich­er Ein­flussnahme. Gle­ichzeit­ig beruft er sich auf die Autorität von Bischof, Papst und König. Wie ver­hal­ten sich Frei­heit und Hier­ar­chie zueinan­der?

2. Er ent­lastet seine eigene Per­son durch struk­turelle Erk­lärun­gen. Gle­ichzeit­ig macht er einzelne Mit­brüder für zer­störerische Entwick­lun­gen ver­ant­wortlich.

3. Er fordert eine Erneuerung der Klosterge­mein­schaft. Aber wer bes­timmt, was ein «gutes Kloster» ist? Welche Vorstel­lun­gen haben seine Mit­brüder?

4. Er stellt seine Doku­mente gegen die öffentliche Mei­n­ung. Doch die Briefe, mit denen er seine frühere Amts­führung vertei­digt, beweisen nicht automa­tisch, dass seine gegen­wär­tige Leitung erfol­gre­ich ist.

5. Er deutet die Lands­ge­mein­debeschlüsse als verdeck­te Forderung nach sein­er Abset­zung. Im Wort­laut der vier Beschlüsse ste­ht diese Forderung jedoch nicht aus­drück­lich.

Das sind ana­lytis­che Fra­gen an den Text, keine bere­its bewiese­nen Ein­wände gegen Birk­er. Past­ed markdown.md

6. Was bedeutet seine «Denkschrift»?

Meine These:

Birk­er arbeit­et an den Bedin­gun­gen insti­tu­tioneller Selb­sterneuerung und an der öffentlichen Zuschrei­bung von Ver­ant­wor­tung für deren Scheit­ern.

Dabei entste­ht eine bemerkenswerte Span­nung:

Er fordert die Leser auf, genauer zu unter­schei­den, beansprucht aber gle­ichzeit­ig, selb­st über die mass­ge­blichen Unter­schei­dun­gen zu ver­fü­gen.

Er will zum Denken anre­gen. Aber er will auch bes­tim­men, was dabei als vernün­ftiges Ergeb­nis gel­ten soll.

Das macht seine Denkschrift nicht wert­los. Im Gegen­teil: Es macht sie als Doku­ment eines gesellschaftlichen Kon­flik­ts beson­ders inter­es­sant.

Arbeitsdokument

Die aus­führliche Analyse umfasst sämtliche Unter­schei­dun­gen, drei Krisendi­ag­nosen, fünf prak­tis­che Inter­ven­tio­nen und sieben kri­tisch zu prüfende Voraus­set­zun­gen.

Birk­er 1877 – Schritt 4: Denkbe­we­gung, Prob­leme und Lösun­gen

### Paulus Birker, «Träume und Schäume» (1877)
### Schritt 4: Denkbewegung – Unterscheidungen, Problemkonstruktion, Lösungsvorschläge und blinde Flecken

**Quellengrundlage:** Paulus Birker, *Träume und Schäume. Denkschrift über das Kloster Disentis im Jahre 1877*, Disentis, Juni 1877, Druckseiten 1–11. Analysiert wird die vollständige Übertragung in Gegenwartsdeutsch (Arbeitsfassung), die noch nicht abschliessend mit dem Originalscan verglichen ist. Seitenangaben beziehen sich auf die nummerierten Druckseiten. Unter «Birker schreibt» werden seine Darstellungen referiert, nicht unabhängig als historisch wahr bestätigt. Unter «Unsere Analyse» stehen Interpretationen.

### 1. Leitthese: Birker will die Frage ändern

Die Frage seiner Gegner lautet in Birkers Darstellung: **Warum verhindert dieser Abt die Erneuerung des Klosters?** Birker versucht, sie durch eine andere Frage zu ersetzen: **Welche Bedingungen erlauben überhaupt die Erneuerung eines Klosters – und wer kann diese Bedingungen ändern?**

Das ist die zentrale Denkbewegung. Sie verlagert den Ort des Problems: von einer angeblich ungeeigneten Person zu einer Verbindung von Recht, klösterlicher Lebensführung, Personalgewinnung und institutionellen Abhängigkeiten. Gleichzeitig verteidigt sie seine Amtsführung. Der Text ist also nicht zwischen Selbstverteidigung und Sachanalyse zu entscheiden; er betreibt beides zugleich.

**Textbelege:** Der Ausgangsvorwurf, Birker sei «gelehrt, aber unpraktisch» und verhindere die Aufnahme von Novizen (S. 1, 4); der Hinweis auf die Aufnahmeverordnung von 1861 (S. 5–6); die Frage nach dem religiösen Leben des Konvents (S. 7–8); die elf vorgebrachten Hindernisse und die Frage, wie ein Abt sie beheben solle (S. 9–10).

### 2. Welche Unterscheidungen setzt er?

1. **Person / Bedingungen.** Nicht seine angeblichen Eigenschaften allein, sondern die Verhältnisse entscheiden über die Zukunft der Abtei. Die Pointe ist nicht, dass Personen unwichtig wären: Er nennt den Abt selbst den «Mittelpunkt» des Klosters (S. 4). Aber ein Mittelpunkt ist nicht allmächtig.
2. **Äussere Leistung / innere Lebensform.** Schule, Seelsorge und öffentliche Nützlichkeit sind für Birker nicht der Ursprung klösterlichen Lebens. Sie müssen aus Gebet, Sammlung, Ordensregel und gemeinsamer Lebensführung entstehen (S. 3 und 7). Das ist eine Prioritätenordnung, keine generelle Absage an Schule und Seelsorge.
3. **Gesetzestreue Behörden / problematische Gesetze.** Birker lobt die kantonalen Amtsträger, kritisiert aber die Novizenverordnung (S. 5–6). Sein Problem ist nicht zwingend eine feindliche Regierung, sondern eine rechtlich organisierte Einschränkung.
4. **Guter Wille / reale Möglichkeit.** Selbst ein Abt, der Novizen aufnehmen *will*, kann daran scheitern, dass die Zahl geeigneter Kandidaten klein ist, Herkunft, Vermögen, Bildung und Zulassung vorgeschrieben sind (S. 4–6).
5. **Wiederherstellung als Beschluss / Wiederherstellung als Prozess.** Eine Landsgemeinde kann die Restaurierung verlangen; damit sind weder Kandidaten gewonnen noch die rechtlichen und inneren Voraussetzungen hergestellt (S. 1, 5–8, 10–11).
6. **Beleg / Gerücht.** Birker stellt Briefe, behördliche Schriftstücke und historische Vergleichszahlen gegen die von ihm bekämpften Behauptungen (S. 1–2, 4–7). Dabei kontrolliert er selbst, welche Zeugnisse in seiner Schrift vorkommen.
7. **Aufrichtige Erneuerung / «Träume und Schäume».** Die Titelmetapher trennt aus Birkers Sicht eine sachlich gegründete Reform von einer durch Reden und Aktionismus getragenen Hoffnung (S. 11). Dies ist seine Polemik, noch kein historisches Urteil über die Gegenseite.

### 3. Wie konstruiert er das Problem?

Birkers Argumentation enthält mindestens **drei verschiedene Krisendiagnosen**:

**A. Die rechtliche Krise – das Noviziat wird erschwert (S. 5–6).** Er zählt Herkunftsbeschränkung, Mitgift von 2'250 Franken, Maturitätsvorgabe und ein mehrstufiges staatliches Prüfungsverfahren auf. Der von ihm genannte Ansatzpunkt liegt hier nicht im Austausch des Abtes, sondern in der Änderung der Regeln.

**B. Die Krise der klösterlichen Lebensform – das Kloster zieht kaum Nachwuchs an (S. 7–8).** Birker bemerkt selbst, dass zwischen 1839 und 1861 kaum Novizen dauerhaft eintraten. Die Verordnung von 1861 und seine eigene Amtsführung können das frühere Defizit nicht erklären. Deshalb führt er das Problem auf langfristig entstandene Verhältnisse im Kloster, die Lebensführung und inneren Konflikte zurück. Das ist ein wichtiger Einwand gegen eine zu einfache, ausschliesslich rechtliche Erklärung.

**C. Die öffentliche Vertrauens- und Entscheidungskrise (S. 8–11).** Aus seiner Sicht haben Verdächtigungen eine Spaltung ausgelöst. Die erbetene Hilfe aus Einsiedeln führte nicht zur Wiederherstellung; die Patres wurden abgezogen, seine eigene Rücktrittsbitte wurde vom Bischof nicht angenommen. Nun wird der Konflikt via Eingaben, Bischof, Rom und Landsgemeinde ausgefochten. Die Frage «Was ist die Ursache?» ist zu einer Frage der öffentlichen Zuschreibung von Verantwortung und legitimer Entscheidung geworden.

**Unsere Analyse:** Die drei Diagnosen hängen zusammen, aber Birker beweist nicht für jede einen kausalen Zusammenhang. Seine Denkschrift ist eine parteiliche Quelle über einen mehrseitigen Konflikt.

### 4. Welche Veränderungen will er bewirken?

1. **Im öffentlichen Urteil:** Die Behauptung, Birker wolle die Abtei absichtlich untergehen lassen, soll ihre Glaubwürdigkeit verlieren. Die Leserschaft soll anders auf den Abt und die Landsgemeindebeschlüsse blicken (S. 1, 4, 6, 10–11).
2. **In der Gesetzgebung:** Der Grosse Rat soll die Aufnahmebeschränkungen für Novizen aufheben beziehungsweise entscheidend lockern. Das ist der greifbarste institutionelle Reformvorschlag (S. 6).
3. **In der klösterlichen Lebensführung:** Die Benediktsregel, geistliche Sammlung, brüderliche Eintracht, Studium, Demut und Disziplin sollen das Zusammenleben und damit die Attraktivität für Novizen erneuern (S. 3, 7–8).
4. **In der Personalgewinnung:** Wer Birker vorwirft, er wolle keine Novizen, solle selbst geeignete Kandidaten suchen und sie ihm zuführen. Das verschiebt die Debatte von Zuschreibung zu einer überprüfbaren Handlung (S. 8).
5. **Im Entscheidungsverfahren:** Bischöfe und Öffentlichkeit sollen seine Absetzung nicht als Ersatz für die Beseitigung struktureller Hindernisse behandeln. Er bietet in seiner Erzählung sogar einen Rücktritt an, wenn dafür die Patres aus Einsiedeln bleiben können (S. 9); er beansprucht damit nicht um jeden Preis das Amt.

### 5. Welche Voraussetzungen behandelt er als selbstverständlich?

Hier beginnt unsere kritische Lektüre. Die folgenden Punkte sind **offene Fragen an die Quelle**, keine nachgewiesenen Fehler Birkers.

1. **Ein «gutes Kloster» ist ein religiös erneuerter, disziplinierter Konvent.** Wer bestimmt innerhalb der Gemeinschaft, was gutes Ordensleben ist? Welche abweichenden Vorstellungen gab es?
2. **Freiheit ist eine Bedingung klösterlicher Erneuerung.** Gemeint ist vor allem Freiheit der Kirche bzw. des Klosters gegenüber staatlichen Aufnahmebeschränkungen. Wie steht es gleichzeitig um die Freiheit der einzelnen Mitglieder innerhalb einer hierarchischen Ordensordnung?
3. **Die eigene Reformperspektive ist massgeblich.** Er deutet Widerstand im Konvent unter anderem als Ungehorsam, Misstrauen oder moralisches Versagen (S. 7–8). Könnten dieselben Vorgänge aus Sicht anderer Beteiligter legitime Konflikte über Leitung und Lebensform gewesen sein?
4. **Institutionelle Anerkennung stützt persönliche Legitimität.** Briefe von König, Behörden und Kirchenleitung verteidigen Birkers frühere Amtsführung. Inwiefern belegen sie aber die Qualität seiner späteren Leitung in Disentis? Nicht automatisch.
5. **Die Landsgemeinde ist beeinflussbar, der Autor kennt die Hintergründe.** Birker behandelt die Beschlüsse als indirekte Forderung nach seiner Entlassung (S. 10–11). Der Wortlaut der vier Eingangs-Beschlüsse nennt die Absetzung nicht ausdrücklich. Seine Deutung ist zu überprüfen, nicht schlicht zu übernehmen.
6. **Die Zukunft des Klosters ist wünschenswert.** Über ihren Wert selbst wird kaum ergebnisoffen verhandelt; umstritten ist, *welche Art Kloster* und *unter welchen Bedingungen* es bestehen kann. Diese Wertsetzung teilt er mit seinen Reformgegnern möglicherweise nur scheinbar.
7. **Die elf Einwände stammen aus dem Umfeld des Rückzugs der Einsiedler Patres.** Wir dürfen sie nicht ungeprüft als Birkers eigene Überzeugungen verbuchen. Er nutzt sie vor allem, um den Vorwurf der alleinigen persönlichen Verantwortung zu widerlegen (S. 9–10).

### 6. Drei Spannungen, die wir nicht vorschnell auflösen sollten

**A. Selbstständigkeit / Hierarchie.** Birker verlangt kirchliche und klösterliche Freiheit von kantonaler Steuerung, während seine eigene Legitimation wesentlich auf Bischof, Papst und hochrangige obrigkeitliche Bestätigung gestützt wird. Die Klosterautonomie ist nicht dasselbe wie eine herrschaftsfreie Ordnung.

**B. Entpersonalisierung / Personalisierung.** Er weist die Erklärung der Krise durch *seine* Person zurück, führt aber gleichzeitig das Verhalten einzelner Mitbrüder als zerstörerische Ursache an. Ein Personenproblem wird also nicht beseitigt, sondern auf andere Akteure verschoben und mit Strukturargumenten verbunden.

**C. Rücktrittsbereitschaft / Autoritätsanspruch.** Er berichtet, dass er bereits 1876 zurücktreten wollte, um Einsiedelns Mitarbeit zu sichern, und zeichnet sich am Schluss im Bild des Jona als zum Opfer bereiten Abt. Zugleich bekämpft er die politische Kampagne für seine Absetzung. Das ist nicht zwingend widersprüchlich: Die Frage lautet, *durch welches Verfahren, aus welchem Grund und für welche Zukunft* er sein Amt verlassen sollte.

### 7. Was ist die eigentliche «Denk»-Leistung der Denkschrift?

Birker verschiebt den Entscheidungsgegenstand. Aus «Ist der Abt das Hindernis?» wird: «Wie sind die Bedingungen beschaffen, unter denen ein Kloster bestehen, Nachwuchs gewinnen und sich erneuern kann?» Er legt dabei Unterschiede frei, die im politischen Ruf nach «Restauration» unterzugehen drohen: staatliches Recht, interne Ordensform, qualifiziertes Personal, Vertrauen und Entscheidungsmacht.

Gleichzeitig verengt seine Streitschrift den Kreis der als glaubwürdig behandelten Beobachter. Das Urteil der Kreisbehörde und der Landsgemeinde erscheint bei ihm als Wirkung von Gerüchten; sein eigenes Urteil als dokumentengestützte Wahrheit. **Er fordert zum Unterscheiden auf, will aber selbst die massgebliche Unterscheidung setzen.** Das ist unsere Lesart der rhetorischen Form, kein Beweis über seine Absichten jenseits des Textes.

### 8. Vorläufiges Fazit für unser Projekt

**Birker arbeitet 1877 an den Bedingungen institutioneller Selbsterneuerung und an der öffentlichen Zuschreibung von Verantwortung für deren Scheitern.** Sein praktisch greifbarster Vorschlag betrifft die Novizenordnung; sein anspruchsvollster betrifft die innere Lebensform des Konvents; sein unmittelbarster betrifft die öffentliche Deutung und die geplante Ablösung des Abtes.

Für Schritt 5 ergibt sich daraus eine überprüfbare Aufgabe: Nicht Birkers Begriffe ungeprüft zu übernehmen, sondern zu fragen, wie diese Denkschrift die Möglichkeiten des Beobachtens, Kommunizierens und Entscheidens in einem sozialen Konflikt verändert. Dabei unterscheiden wir weiterhin zwischen Birkers Wirkungsabsicht und empirisch belegbarer Wirkung.

### Quelle und methodischer Status

Paulus Birker: *Träume und Schäume. Denkschrift über das Kloster Disentis im Jahre 1877*. Disentis, Juni 1877; Originalscan aus Privatbesitz (Druckseiten 1–11). Verwendete Textfassung: «Birker_1877_Denkschrift_Uebertragung_Gegenwartsdeutsch_Arbeitsfassung.txt». Die Seitenangaben und sinngemässen Zitate müssen vor wissenschaftlicher Publikation mit dem historischen Druck abgeglichen werden. **Keine Sekundärquellen beigezogen.**

Quelle: Paulus Birk­er, Träume und Schäume, Dis­en­tis 1877, Druck­seit­en 1–11. Die Analyse beruht auss­chliesslich auf unser­er noch nicht abschliessend kon­trol­lierten Tex­tüber­tra­gung. Die Inter­pre­ta­tio­nen sind als solche gekennze­ich­net.

Übergang zu Schritt 5

Jet­zt kön­nen wir unsere eige­nen Instru­mente ein­set­zen: #TheLuh­man­n­Map mit Fokus #soc und #TheS­taub­Ber­nascon­i­Ma­trix.

Die Frage verän­dert sich erneut:

Nicht mehr nur: Was will Birk­er erre­ichen?

Son­dern: Wie verän­dern seine Unter­schei­dun­gen die Möglichkeit­en des Kom­mu­nizierens, Entschei­dens und Han­delns im sozialen Sys­tem?

Und wer gewin­nt oder ver­liert dadurch an Ver­fü­gungs­macht?

5. Arbeit am Sozialen

Schritt 5 – Arbeit am Sozialen: #TheLuhmannMap und #TheStaubBernasconiMatrix

Unsere Leit­frage: Wie wird 1877 über die Zukun­ft des Klosters Dis­en­tis kom­mu­niziert und entsch­ieden? Wer ver­fügt über welche Möglichkeit­en, und wie ver­sucht Birk­er, diese Ver­hält­nisse zu verän­dern?

1. #TheLuhmannMap: Fokus #soc

Wir beobacht­en sechs miteinan­der ver­bun­dene Kom­mu­nika­tion­szusam­men­hänge: Kon­vent Dis­en­tis, Kloster Ein­siedeln, bis­chöfliche Instanzen, Kan­ton Graubün­den, Lands­ge­meinde und Öffentlichkeit.

Beson­ders inter­es­sant ist der Wech­sel der Kom­mu­nika­tions­for­men:

  • − Sprachkul­tur: Gespräche, Ver­samm­lun­gen, Gerüchte.
    • Schriftkul­tur: Briefe, Verord­nun­gen, Eingaben.
  • ≠ Buch­druck­kul­tur: Zeitun­gen und Birk­ers gedruck­te Denkschrift.
  • Com­put­erkul­tur: unsere heutige Erschlies­sung der his­torischen Quelle.

Birk­er über­set­zt den Kon­flikt aus Ver­samm­lun­gen und behördlich­er Kor­re­spon­denz in eine gedruck­te, öffentlich ver­füg­bare Argu­men­ta­tion.

Er arbeit­et damit nicht nur an der Beschrei­bung eines Prob­lems, son­dern auch an den Bedin­gun­gen, unter denen darüber weit­er kom­mu­niziert wer­den kann.

2. #TheStaubBernasconiMatrix: vier Machtfragen

Dimen­sionUnsere Beobach­tung
Anord­nungWer bes­timmt die Ver­fahren, Zuständigkeit­en und Regeln?
ZugangWer darf ins Kloster ein­treten? Wer ver­fügt über Per­son­al und Ressourcen?
Legit­i­ma­tionWer kann seine Entschei­dun­gen mit welchen Autoritäten begrün­den?
Durch­set­zungWer kann tat­säch­lich etwas verän­dern oder ver­hin­dern?

Ein beson­ders auf­schlussre­ich­es Beispiel ist das Noviziat.

Birk­er möchte Nach­wuchs gewin­nen. Gle­ichzeit­ig beschreibt er staatliche Bedin­gun­gen: Herkun­ft aus Graubün­den, 2’250 Franken Min­destausstat­tung, Matu­rität und ein mehrstu­figes Bewil­li­gungsver­fahren.

Die Entschei­dung über die zukün­ftige Mit­glied­schaft im Kloster liegt damit nicht allein beim Kloster.

Quelle: Denkschrift, Druck­seit­en 5–6. Past­ed markdown.md

3. Die eigentliche Machtkonstellation

Ein Bischof kann einen Rück­tritt ablehnen. Ein­siedeln kann seine Patres zurück­rufen. Kan­tonale Behör­den kön­nen Auf­nah­mev­er­fahren regeln. Eine Lands­ge­meinde kann poli­tis­che Aufträge erteilen.

Keine dieser Instanzen ver­fügt allein über sämtliche Bedin­gun­gen der Restau­ra­tion.

Genau an dieser Verteilung von Entschei­dungsmöglichkeit­en arbeit­et Birk­er mit sein­er Denkschrift.

4. Versucht Birker eine Musterunterbrechung?

Ja, zumin­d­est auf der Ebene der Prob­lem­for­mulierung.

Aus der Zuschrei­bung «Der Abt ver­hin­dert die Erneuerung» macht er die Frage nach den Bedin­gun­gen, unter denen Erneuerung über­haupt möglich wird.

Aber: Er erk­lärt sein­er­seits einzelne Mit­brüder und Geg­n­er zu Verur­sach­ern der Krise. Die Per­son­al­isierung wird damit möglicher­weise nicht aufge­hoben, son­dern ver­lagert.

Ob seine Inter­ven­tion tat­säch­lich eine andere Kom­mu­nika­tion oder Entschei­dung ermöglicht hat, lässt sich aus der Denkschrift allein nicht fest­stellen.

5. Unsere vorläufige Erkenntnis

Birk­er arbeit­et an der insti­tu­tionellen Möglichkeit ein­er Zukun­ft für das Kloster.

Seine Denkschrift ver­sucht, die öffentliche Zuschrei­bung von Ver­ant­wor­tung zu verän­dern und damit andere Entschei­dun­gen zu ermöglichen.

Das ist eine präzise Form von «Arbeit am Sozialen»: nicht unmit­tel­bar die Men­schen oder Gebäude verän­dern, son­dern die Kom­mu­nika­tions- und Entschei­dungs­be­din­gun­gen, unter denen ihre gemein­same Zukun­ft gestal­tet wird.

6. Das vollständige Arbeitsdokument

Birk­er 1877 – Schritt 5: Arbeit am Sozialen, Map und Matrix (Mark­down)

### Paulus Birker, «Träume und Schäume» (1877)
### Schritt 5 – Arbeit am Sozialen: #TheLuhmannMap (#soc) und #TheStaubBernasconiMatrix

Arbeitsfassung, 17. Oktober 2026

### 0. Gegenstand, Quellenlage und methodische Disziplin

Wir untersuchen nicht «die Persönlichkeit Birkers», sondern die kommunikativen und machtbezogenen Bedingungen, unter denen 1875–1877 über das Kloster Disentis gesprochen, gestritten und entschieden wird.

Primärquelle: Paulus Birker, *Träume und Schäume. Denkschrift über das Kloster Disentis im Jahre 1877*, Disentis, Juni 1877, Druckseiten 1–11 (Originalscan aus Privatbesitz). Grundlage unserer Lektüre ist die noch nicht abschliessend gegen den Scan kontrollierte Abschrift und deren Übertragung ins Gegenwartsdeutsche. Seitenangaben in diesem Dokument beziehen sich auf die gedruckten Originalseiten.

Wir unterscheiden strikt:

1. Berichtete Kommunikation: Birker gibt einen Beschluss, Brief oder eine Äusserung wieder. Damit ist zunächst nur seine Darstellung belegt.
2. Belegte Kommunikationsform: Im Originaldruck finden sich Briefe, Beschlüsse, Gegenargumente und eine adressierte Öffentlichkeit. Sie können als in der Denkschrift greifbare Kommunikation analysiert werden.
3. Unsere Rekonstruktion: Eine These über das Zustandekommen oder die Wirkung dieser Kommunikation muss als Interpretation erkennbar bleiben.
4. Historische Gegenprüfung: Der Wortlaut der kantonalen Verordnung, der Originalbriefe, der Landsgemeindeakten sowie die Sicht der Gegenseite sind gesondert zu überprüfen.

Die Modelle #TheLuhmannMap und #TheStaubBernasconiMatrix sind unsere heutigen Beobachtungsinstrumente. Birker selbst verwendet diese Begriffe nicht. Die Untersuchung unterstellt ihm weder systemtheoretisches noch modernes machtanalytisches Denken.

### 1. Unser Untersuchungsobjekt: #soc

Unser Fokus in #TheLuhmannMap ist #soc – Kommunikation, ihre Anschlüsse, ihre Unterbrechungen und die dadurch eröffneten oder versperrten weiteren Kommunikationen. Wir erklären das Geschehen nicht aus vermeintlich feststehenden inneren Motiven (#psy) einzelner Beteiligter.

Das historische Geschehen bildet zudem kein einziges homogenes «soziales System». Die Denkschrift stellt vielmehr gekoppelte Kommunikationszusammenhänge vor:

- Konvent Disentis: Ordensregel, Gehorsam, geistliche Lebensführung, interne Konflikte, Leitung, Nachwuchs.
- Kloster Einsiedeln: Entsendung und Rückruf von Patres, schulische Hilfe, Bedingungen der Kooperation.
- Bischöfliche und römische Stellen: Anerkennung, Eingaben, Rücktrittsgesuche, Entscheidungskompetenzen.
- Kanton Graubünden: gesetzliche Aufnahmebedingungen, Bewilligungsverfahren, staatliche Aufsicht.
- Kreisbehörde und Landsgemeinde: Anträge, öffentliche Beschlüsse, politische Mandate.
- Zeitung und Denkschrift: öffentliche Deutung der Krise, Verbreitung von Zuschreibungen, Gegenrede.

Unsere Frage ist, wie eine Mitteilung in einem dieser Zusammenhänge in den anderen weiterverarbeitet wird. Insbesondere: Wie wird die Behauptung «Der Abt verhindert die Restauration» politisch und kirchlich entscheidungsfähig? Und wie versucht Birker, diese Anschlussfähigkeit zu unterbrechen?

### 2. Die kommunikative Kette 1875–1877

| Zeitpunkt | Kommunikation, wie Birker sie darstellt | Ermöglichter beziehungsweise versperrter Anschluss |
|---|---|---|
| Oktober 1875 | Einsiedeln entsendet vier Patres zur Unterstützung von Konvent und Schule (S. 8). | Kooperation und Wiederaufbau werden erwartbar. |
| Dezember 1875 | Nach Birkers Darstellung zirkuliert ein negatives Bild seiner Amtsführung bis zu übergeordneten kirchlichen Stellen (S. 8). | Aus Zusammenarbeit wird ein Konflikt über Führung und Glaubwürdigkeit. |
| 8. Juni 1876 | Birker bittet den Bischof schriftlich um Entlassung, damit Einsiedelns Patres bleiben können (S. 9). | Birker bietet einen Tausch an: sein Rücktritt gegen Fortsetzung der Kooperation. |
| Danach 1876 | Der Bischof lehnt Birkers Rücktritt ab; Einsiedeln ruft die vier Patres zurück (S. 9). | Weder Personalwechsel noch Kooperation kommen auf diesem Weg zustande. |
| 5. Oktober 1876 | Die Kreisbehörde verlangt nach Birkers Wiedergabe seine Absetzung (S. 1, 10). | Die interne Führungskrise wird gegenüber dem Bischof öffentlich-institutionell thematisiert. |
| 21. Oktober 1876 | Der Bischof übermittelt nach Birkers Darstellung zwei Eingaben an den Papst (S. 10). | Der Konflikt wird nach Rom adressiert; Birker berichtet von keiner Entscheidung über Disentis. |
| 6. Mai 1877 | Die Landsgemeinde beschliesst einen Vorstoss für die Restauration und beauftragt die Kreisbehörde (S. 1). | Ein politisches Mandat entsteht; die Absetzung steht im zitierten Beschlusstext nicht ausdrücklich. |
| Juni 1877 | Birker veröffentlicht seine Denkschrift (S. 1–11). | Er versucht, die etablierte Schuldzuschreibung öffentlich zu ersetzen. |

Keine Zeile dieser Tabelle beweist unabhängig, dass jede behauptete Absicht tatsächlich bestanden hat. Sie rekonstruiert den von Birker in Umlauf gebrachten Konfliktverlauf.

### 3. #TheLuhmannMap – Kulturformen im Fokus #soc

Auf der horizontalen Achse unserer Map unterscheiden wir die kulturellen Formen − Sprachkultur, + Schriftkultur, ≠ Buchdruckkultur und # Computerkultur. Diese Symbole markieren Beobachtungsformen, keine einfachen chronologischen Epochen. 1877 werden vor allem mündliche Versammlung, Schriftstücke und gedruckte Öffentlichkeit greifbar; die Computerkultur ist ausschliesslich unsere heutige Beobachtungsposition.

| Form | In der Denkschrift greifbares Medium beziehungsweise Arrangement | Wirkung im #soc – als Untersuchungsthese |
|---|---|---|
| − Sprachkultur | Landsgemeinde, Gespräche, Vorwürfe, religiöse Vorträge (S. 1, 8–9) | Anwesenheit, öffentliche Zustimmung, situativer Widerspruch; Gerüchte können zirkulieren. Wir kennen den mündlichen Wortlaut nur vermittelt. |
| + Schriftkultur | Briefe, Rücktrittsgesuche, kantonale Verordnung, Eingaben (S. 1–2, 5–6, 9–10) | Aus Äusserungen werden adressierbare, datierbare und zitierbare Mitteilungen; Entscheidungen können auf Akten Bezug nehmen. |
| ≠ Buchdruckkultur | Lokalzeitung und Birkers gedruckte Denkschrift (S. 1, 4, 11) | Der Konflikt erreicht Leserschaften jenseits der jeweiligen Entscheidungssitzung. Eine Darstellung kann wiederholt, verglichen und als öffentliche Deutung stabilisiert werden. |
| # Computerkultur | Kein zeitgenössischer Bestandteil von 1877. Unser heutiger Scan, die Transkription und die publizierbare Edition gehören hierher. | Neue Suchbarkeit und Vergleichbarkeit; aber auch das Risiko, fehlerhafte Übertragungen als «Original» weiterzugeben. |

Die entscheidende Beobachtung: Die Denkschrift übersetzt einen Konflikt aus Versammlungen und behördlicher Korrespondenz in ein eigenständiges Druckwerk. Birker liefert nicht bloss Argumente. Er verändert die Adresse, den Zeithorizont und die Wiederverwendbarkeit seiner Gegenrede. Damit arbeitet er an der Infrastruktur öffentlicher Kommunikation.

Dabei ist «die öffentliche Meinung» im Text kein neutraler Messwert: Birker behauptet, sie sei irregeführt und in den Dienst der Gegenseite genommen worden (S. 4). Er möchte denselben öffentlichen Raum mit seiner Gegenbeschreibung besetzen.

### 4. #TheStaubBernasconiMatrix – vier Machtfragen

Die vier Dimensionen unserer Arbeitsmatrix heissen Anordnung, Zugang, Legitimation und Durchsetzung. Ihre normativen Prüfbezüge – Anarchie, Commons, Inklusion und Pazifismus – sind heutige Perspektiven der Untersuchung, keine Eigenschaften, die wir den Akteuren von 1877 zuschreiben dürfen.

#### 4.1 Anordnung – wer ordnet Situationen und Entscheidungswege an?

Die Klosterleitung, der Konvent, die Hilfsgemeinschaft Einsiedeln, die kirchlichen Instanzen und die staatlichen Organe stehen nicht in einer einheitlichen Befehlskette. Vielmehr ordnen sie unterschiedliche Sachverhalte: Die klösterliche Lebensführung unterliegt inneren Regeln und Leitung; Aufnahmegesuche durchlaufen staatliche Genehmigungswege; die Einsiedler Abtei kann über die Entsendung ihrer Patres entscheiden; die Kreisbehörde kann die Landsgemeinde mit Anträgen befassen.

Birkers Klage lautet implizit: Man verlangt von ihm die Gesamtverantwortung für die Restauration, während wesentliche Anordnungen ausserhalb seiner Verfügung liegen (S. 5–6, 9–10).

Anarchie-Frage unserer Matrix: Welche Aufgaben lassen sich ohne zusätzliche übergeordnete Anordnung bearbeiten? Wo werden unnötige Hierarchien erzeugt oder benötigt? Die Denkschrift beantwortet dies nicht; sie zeigt zunächst konkurrierende, keineswegs herrschaftsfreie Anordnungen.

#### 4.2 Zugang – wer kommt unter welchen Voraussetzungen hinein?

Hier liefert Birker die präzisesten prüfbaren Angaben. Er nennt zur Novizenaufnahme (S. 5–6):

- Herkunft «in der Regel» aus Graubünden;
- finanzielle Mindestausstattung von 2'250 Franken;
- Maturitätsnachweis;
- Meldung über Klostervorsteher und Kastenvogt, Prüfung durch kantonale Stellen, staatlicher Entscheid.

Diese Regeln legen nicht bloss eine Meinung über Ordensberufungen fest. Sie organisieren den Zugang zur zukünftigen Mitgliedschaft – und damit zur Reproduktion des Konvents. Birker selbst berichtet, seit seiner Übernahme nur zwei Novizen aufgenommen zu haben: einer trat wieder aus, einer starb (S. 5).

Commons-Frage unserer Matrix: Wer verfügt über die Bedingungen, unter denen gemeinsam genutzte Ressourcen – Kloster, Schule, Wissen, Personal, Vermögen – erhalten und weitergegeben werden? Gemeingüter sind hier eine analytische Frage; aus der Existenz eines Klosters folgt nicht automatisch «Commons».

Grenze seiner Diagnose: Der Nachwuchsmangel bestand nach seinen eigenen Angaben schon 1839–1861 (S. 7), also vor der umstrittenen Verordnung. Die rechtliche Zugangsschranke kann die gesamte Entwicklung nicht erklären.

#### 4.3 Legitimation – welche Begründungen gelten als entscheidungsfähig?

Birker ruft unterschiedliche Legitimationsquellen auf: frühere Anerkennung durch Bischof, Papst und Bündner Behörden (S. 1–2); Briefe von König Ludwig und staatlichen Stellen (S. 2–3); benediktinische Ordensideale und die Schrift (S. 3, 7, 11); sachbezogene Argumente und Erfahrung (S. 4–8). Die Gegenseite erscheint bei ihm als Stimme von Kreisbehörde, Geistlichen und «Volk» (S. 1, 10–11).

Der entscheidende Konflikt lautet nicht nur «wer hat recht?», sondern: Welche Form der Rechtfertigung gilt für welche Entscheidung? Die frühere kirchliche Anerkennung eines Abtes beantwortet nicht unmittelbar, ob seine gegenwärtige Leitung zweckmässig ist. Ein Landsgemeindebeschluss zur Restauration setzt wiederum nicht selbst die Ordensleitung ab.

Inklusions-Frage unserer Matrix: Welche Betroffenen können ihre Perspektive als legitimen Beitrag in die Entscheidung einbringen? Die Mitbrüder, Kandidaten, die Schule und die lokalen Beteiligten erscheinen in der Denkschrift fast ausschliesslich durch Birkers Darstellung; die selbstständigen Stimmen fehlen.

#### 4.4 Durchsetzung – was kann tatsächlich wirksam gemacht werden?

Die Macht zur Durchsetzung ist verteilt:

- Kantonale Stellen können gemäss der von Birker geschilderten Verordnung die Aufnahme von Novizen bewilligen oder verweigern (S. 5–6).
- Der Bischof nimmt nach Birkers Bericht dessen Rücktrittsgesuch nicht an (S. 9).
- Einsiedeln kann vier Patres zurückrufen und damit die Kooperation faktisch verändern (S. 9).
- Die Landsgemeinde kann die Kreisbehörde beauftragen, weitere Schritte einzuleiten (S. 1), aber der zitierte Beschluss belegt für sich keine Absetzung des Abtes.
- Birker kann eine Denkschrift veröffentlichen und versuchen, die Deutung zu ändern; ihr tatsächlicher Erfolg ist aus der Quelle nicht ablesbar.

Pazifismus-Frage unserer Matrix: Wie werden strittige Ansprüche ausgetragen, ohne dass ein Beteiligter durch Zwang, Drohung oder institutionelle Erpressung einfach ausgeschaltet wird? Aus der Denkschrift lässt sich weder ein friedliches Verfahren noch konkrete Gewaltanwendung durch die Gegenseite nachweisen; sie eröffnet die Frage nach Formen der Konfliktaustragung.

### 5. Eine Kreuzung der vier Dimensionen

Das Noviziat ist ein besonders präzises Beispiel: Wer Klostermitglied werden kann (Zugang), wird durch eine kantonal angeordnete Zulassungsordnung bestimmt (Anordnung); begründet wird dies durch eine als geltend behandelte Verordnung (Legitimation); der Kleine Rat kann eine Zulassung verweigern oder genehmigen (Durchsetzung). Selbst wenn Birker Kandidaten wünscht und die eigene Gemeinschaft sie aufnehmen könnte, ist ihre Mitgliedschaft nicht allein in seiner Verfügung.

Am Rücktritt zeigen sich dieselben Fragen: Ein Kreis fordert einen Personalwechsel (Legitimation der Kritik), der Bischof entscheidet nach Birkers Darstellung über die Annahme des Rücktritts (Anordnung und Durchsetzung), Einsiedeln verfügt über die Kooperation und kann Personal abziehen (Zugang zu Ressourcen / Durchsetzung). Die verschiedenen Entscheidungen bilden keinen gemeinsam steuerbaren Gesamtprozess.

### 6. Welche Musterunterbrechung versucht Birker?

Die dominierende Zuschreibung, die er in der Schrift bekämpft, lautet sinngemäss: «Ohne diesen Abt wäre die Restauration möglich.» Seine Intervention hat vier erkennbare Operationen:

1. Er verändert den Gegenstand des Streits: von persönlicher Eignung zu überprüfbaren institutionellen Bedingungen.
2. Er dokumentiert Entscheidungswege, Briefe und Regeln, damit Anschlüsse nicht nur auf Ruf und Verdacht beruhen.
3. Er formuliert einen konkreten Eingriff: die Lockerung oder Aufhebung der kantonalen Novizenbeschränkungen (S. 6).
4. Er lädt die Kritiker zu einem praktischen Test ein: Sie sollen geeignete Kandidaten bringen; dann könne man prüfen, ob er sie tatsächlich zurückweise (S. 8).

Das Vierte ist besonders stark: Nicht bloss Zustimmung zur eigenen Argumentation, sondern eine Beobachtung mit möglicher Widerlegung wird angeboten – allerdings nur innerhalb der verbleibenden gesetzlichen und klösterlichen Bedingungen.

Die Denkschrift unterbricht die öffentliche Personalisierung aber möglicherweise nicht, sondern reproduziert sie in umgekehrter Richtung. Wo Birker sich selbst gegen unbewiesene Vorwürfe wehrt, führt er seinerseits das Fehlverhalten einzelner Mitbrüder, Misstrauen und von ihm vermutete Absichten seiner Gegner an (S. 7–8, 10–11). Aus dieser Quelle allein lässt sich kein erfolgreicher Perspektivenwechsel der Beteiligten feststellen.

### 7. Wo liegen die blinden Flecken unserer Rekonstruktion?

1. Wir lesen eine von Birker zusammengestellte, parteiliche Quelle. Schreiben anderer, insbesondere der Gegenseite, liegen für diesen Schritt nicht selbstständig vor.
2. Die elf «sachlichen Gründe» für die Aussichtslosigkeit der Restauration sind in seiner Darstellung Argumente aus Gesprächen um den Rückzug Einsiedelns. Sie sind nicht elf eigene politische Programmpunkte Birkers (S. 9–10).
3. Wir wissen aus der Denkschrift nicht, wie die Landsgemeinde genau debattierte und welche Personen welche Beschlüsse in welcher Absicht unterstützten.
4. Wir wissen nicht, ob und wie die Denkschrift rezipiert wurde und welche Praxis sie tatsächlich veränderte.
5. Die Formel «Der Abt muss weg» ist Birkers Interpretation des nicht ausdrücklich auf Absetzung lautenden Landsgemeindebeschlusses (S. 10–11), kein wörtlicher amtlicher Beschluss.
6. Caspar Decurtins und eine gemeinsame Aktion an der Platte im Russeinertobel sind für diesen Schritt keine durch die Denkschrift belegten Erklärungselemente. Sie verlangen für Schritt 6 zusätzliche Quellen.

### 8. Ergebnis für «Arbeit am Sozialen»

Birkers Denkschrift arbeitet nicht unmittelbar an Gebäuden, Finanzen oder Personalbestand, sondern an den Erwartungen, unter denen künftig über Gebäude, Finanzen, Personal und geistliche Lebensführung entschieden werden kann. Ihre operative Intervention lautet: Das Problem soll anders beschrieben, Verantwortlichkeit anders verteilt und institutionelle Veränderung anders begründet werden.

Die begriffliche Pointe unserer Analyse: Eine Organisation soll erneuert werden, doch die Voraussetzungen ihrer Erneuerung liegen in mehreren unterschiedlichen Entscheidungszusammenhängen. Wer ein Resultat verlangt, ohne die Grenzen und Verknüpfungen dieser Entscheidungsmöglichkeiten zu bearbeiten, kann eine Person zum universellen Hindernis erklären, ohne das Problem zu lösen.

Wir sollten die Pointe nicht mit der historischen Wirksamkeit verwechseln. Dass Birker diesen Perspektivenwechsel versuchte, lässt sich am Text zeigen. Ob jemand anders entschieden oder gehandelt hat, muss ausserhalb der Denkschrift geprüft werden.

### 9. Übergang zu Schritt 6 – Konfrontation mit Caspar Decurtins

Mit zusätzlichen Dokumenten prüfen wir:

1. Was verband Birker und Decurtins tatsächlich, wann und in welcher Sache?
2. Was ist an der Platte im Russeinertobel als gemeinsame Intervention dokumentiert? Welche Datierung und welcher Wortlaut liegen vor?
3. Welche konkreten Akte lassen Decurtins als Gegner Birkers erkennen? Welche Rolle spielte er bei Eingaben, Landsgemeinde und Personalentscheidung?
4. Welche Restauration wollten die verschiedenen Beteiligten jeweils – Ordensgemeinschaft, Klosterschule, lokale politische Institution, kirchliche Autorität?
5. Welche Kommunikations- und Machtverhältnisse veränderten sich nach 1877 tatsächlich?

Ohne unabhängige Belege bleibt «Decurtins verjagte Birker» eine zu prüfende Hypothese, keine Schlussfolgerung aus Birkers Denkschrift.

### Quellen und Status

Primärquelle: Paulus Birker, *Träume und Schäume. Denkschrift über das Kloster Disentis im Jahre 1877*. Disentis, Juni 1877. Originalscan aus Privatbesitz, 13 PDF-Seiten, davon elf nummerierte Textseiten.

Bearbeitete Arbeitsgrundlagen: `Birker_1877_Denkschrift_Gesamttranskription_Arbeitsfassung.txt`; `Birker_1877_Denkschrift_Uebertragung_Gegenwartsdeutsch_Arbeitsfassung.txt`; unsere Schritte 3 und 4.

Keine externen historischen Sekundärquellen in diesem Analyseschritt verwendet. #TheLuhmannMap und #TheStaubBernasconiMatrix werden als unsere Arbeitsinstrumente eingesetzt; die daraus abgeleiteten Interpretationen sind nicht mit Behauptungen des historischen Autors gleichzusetzen. Vor einer öffentlichen Quellenedition werden Wortlaut, Zitate und Datierungen nochmals mit dem Originalscan kontrolliert.

Die aus­führliche Fas­sung enthält die Kom­mu­nika­tion­schronolo­gie 1875–1877, bei­de Analy­se­in­stru­mente, die vier Macht­di­men­sio­nen, die möglichen Musterun­ter­brechun­gen und die offe­nen his­torischen Fra­gen.

Quelle: Paulus Birk­er, Träume und Schäume, Dis­en­tis 1877, Druck­seit­en 1–11. Die Analyse ver­wen­det unsere Mod­elle; externe his­torische Sekundärquellen wur­den für diesen Schritt nicht herange­zo­gen.

Übergang zu Schritt 6

Jet­zt wird es his­torisch beson­ders inter­es­sant: Cas­par Decurtins.

Wir wollen her­aus­find­en, wie aus dem möglichen gemein­samen Engage­ment von Birk­er und Decurtins eine Geg­n­er­schaft wurde.

Dabei ist die Plat­te im Rus­sein­er­to­bel eine unser­er konkreten Spuren. Wir müssen ihre Geschichte eben­so prüfen wie Decurtins’ tat­säch­liche Beteili­gung an der Auseinan­der­set­zung um den Abt.

Denn Birk­ers Denkschrift nen­nt zwar den Kon­flikt, liefert aber noch keine hin­re­ichen­den Belege für Decurtins’ per­sön­liche Rolle.

Das wird unsere näch­ste Unter­suchung.

6. Konfrontation mit Dr. Caspar Decurtins

Wir haben drei entschei­dende Befunde:

  1. 1874: Birk­er und Decurtins treten gemein­sam an der Rus­sein­brücke auf. dissent.is
  2. 1877: Decurtins führt als junger Mis­tral die Del­e­ga­tion an, die Birk­ers Rück­tritt fordert. Grund­lage ist Karl Frys his­torische Unter­suchung. E‑Periodica
  3. 1880: Der Kan­ton lock­ert jene geset­zlichen Beschränkun­gen, die Birk­er bere­its in sein­er Denkschrift kri­tisiert hat­te. E‑Periodica

Beson­ders auf­schlussre­ich wird Placi Con­drau als Verbindung zwis­chen öffentlich­er Mei­n­ungs­bil­dung, poli­tis­chem Amt und Kloster­restau­ra­tion.

# Paulus Birker / Caspar Decurtins – Schritt 6
## Vom gemeinsamen Auftritt an der Russeinbrücke zur erzwungenen Resignation (1874–1880)

Arbeitsfassung, 17. Oktober 2026. **Quellenstatus:** Die Schilderungen der Denkschrift sind Birkers eigene Perspektive; die genaue Darstellung vom 20. Juni 1877 stammt aus Karl Frys Untersuchung von 1949. Die zeitgenössischen Zeitungsberichte wurden über ihre wissenschaftliche Auswertung (Ivo Berther, 2003) und über die dokumentierten Zitate auf dissent.is recherchiert. Zeitgenössische Originalexemplare der *Gasetta Romonscha* sind für diesen Schritt nicht vollständig gegengelesen worden.

### 1. Ausgangsfrage

Wie wird aus einem öffentlichen Auftritt des Abtes Paulus Birker und des jungen Studenten Caspar Decurtins an der Russeinbrücke (1874) eine Intervention desselben Decurtins, nun als Mistral der Cadi, für Birkers Rücktritt (20. Juni 1877)? Die gemeinsame Anwesenheit belegt weder eine persönliche Freundschaft noch gemeinsame Vorstellungen zur Klosterreform.

### 2. Quellennahe Chronologie

1. **1873/74 – Russeinbrücke.** Die Tafel für die Alpenforscher Arnold Escher von der Linth, Gottfried Ludwig Theobald und Placidus a Spescha wird 1874 eingerichtet beziehungsweise überarbeitet. Ivo Berther zeigt, dass die Widmung an Spescha wahrscheinlich nachträglich in die ursprünglich Escher und Theobald gewidmete Inschrift eingefügt wurde. Ein entscheidender persönlicher Anteil Decurtins' an dieser Ergänzung ist plausibel, aber nicht definitiv belegt. Berther dokumentiert das Engagement von Caspar Decurtins und Heinrich de Latour.
2. **17./18. Oktober 1874.** Ein zeitgenössischer Zeitungsbericht unterscheidet die Aufstellung des Denkmals am Samstag von der Einweihung am folgenden Sonntag. Der Hinweis im *Bündner Tagblatt*, Nr. 246, 20. Oktober, nennt Festreden des Abtes von Disentis (Paulus Birker) und des Studenten Kaspar Decurtins. Die Angabe «19. Oktober» ist falsch; die Einweihung dürfte Sonntag, 18. Oktober, gewesen sein. Die datierte Nachricht und Berthers Behandlung sollten für eine kritische Edition noch am Zeitungsfaksimile geprüft werden.
3. **1875/76 – Klosterkrise.** Vier Patres aus Einsiedeln kommen im Oktober 1875 nach Disentis; später verschärfen sich innere Konflikte. Birker beantragt im Juni 1876 beim Bischof selbst seinen Rücktritt; dieser lehnt ab. Am 5. Oktober 1876 verlangt die Kreisbehörde schriftlich Birkers Absetzung. Alle Angaben nach *Träume und Schäume* (1877), Druckseiten 1, 8–10.
4. **6. Mai 1877 – Cadi.** Die Landsgemeinde beschliesst Schritte für die Restauration. Caspar Decurtins wird, 21 Jahre alt, Mistral der Cadi; er folgt Placi Condrau. Dass Decurtins selbst die vier konkreten Beschlüsse verfasst oder beantragt habe, ist mit den vorliegenden Quellen nicht belegt.
5. **Juni 1877 – Denkschrift.** Birker veröffentlicht *Träume und Schäume* und verteilt die Druckschrift bei der Eröffnung des Grossen Rates in Chur. Karl Fry urteilt 1949 rückblickend, dies habe die katholischen Restaurationsbemühungen politisch beschädigt. Dieser kausale Befund ist zunächst Frys Deutung, kein von uns unabhängig bewiesener Vorgang.
6. **20. Juni 1877 – Rücktrittsforderung.** Laut Fry erscheint Caspar Decurtins als Landammann an der Spitze einer Delegation des Kreisamtes mit Vertretern des Priesterkapitels im Kloster. Birker wird im Interesse der Restauration aufgefordert, zu demissionieren. Zunächst nennt Birker Bedingungen (Wunsch des Bischofs und Pension), gibt dann laut Fry seine Bereitschaft zum bedingungslosen Rücktritt zu erkennen.
7. **St.-Placi-Fest 1877 – Erklärung.** Birker erklärt öffentlich den Rücktritt als Abt und Schulrektor; der Bischof bestätigt ihn. Am 2./3. August nimmt Birker noch an Schulprüfungen teil (Fry 1949, S. 50). Es handelt sich um einen Rücktritt unter politischem Druck, nicht um eine nachgewiesene gewaltsame Vertreibung.
8. **11. Juni 1880 – Regeländerung.** Der Bündner Grosse Rat mildert die Beschränkungen von 1861, die die Aufnahme von Novizen behindert hatten. Iso Müller (1969) bezeichnet dies als notwendige Voraussetzung für die folgende Restauration durch die Schweizerische Benediktinerkongregation. Damit wird eine zentrale Sachkritik Birkers später politisch bestätigt, ohne dass dies seine Amtsführung insgesamt rehabilitieren würde.

### 3. Der vielleicht aufschlussreichste Nebendarsteller: Placi Condrau

Birker schreibt auf Druckseite 4 von einem «Kreispräsidenten des Jahres 1876», der 1861 «als Zeitungsredaktor» selbst positiv über Birkers praktisches Vorgehen beim Strassenbau über die Oberalp geschrieben habe. Placi Condrau war von 1873 bis 1877 Landammann der Cadi und seit 1856 Herausgeber/Redaktor der *Nova Gasetta Romonscha*. Beides passt exakt. **Identifizierung: sehr plausibel, aber nicht explizit im Wortlaut der Denkschrift bestätigt.**

Diese Person verbindet drei Positionen: Amtsträger, publizistischer Meinungsbildner und – 1877 – unmittelbarer Vorgänger Decurtins' als Mistral. Die Beziehung Birker–Decurtins lässt sich daher nicht als isolierte persönliche Rivalität verstehen. Ein bereits tätiges politisch-publizistisches Netzwerk spielte eine tragende Rolle.

### 4. Was war der sachliche Konflikt?

Birker: Die Erneuerung benötigt rechtliche Freiheit bei der Novizenaufnahme, eine erneuerte benediktinische Lebensform, kirchliche Legitimation und handlungsfähige innere Strukturen. Die Krise lässt sich nicht durch den Austausch einer einzelnen Person erklären.

Die Delegation um Decurtins: Nach der Darstellung Frys wird die Ablösung des Abtes als Voraussetzung bzw. als dringlicher Schritt für das Gelingen der Restauration behandelt. Die genauen, differenzierten eigenen Auffassungen Decurtins' zu den elf von Birker angeführten Hindernissen sind dadurch noch nicht rekonstruiert.

**Keine einfache Gegnerschaft «Rom gegen Liberalismus»:** Beide Positionen stehen im katholischen und klosterpolitischen Feld. Die Streitfrage lautet näher: Wer kann die Bedingungen der Restauration wirksam ordnen – der amtierende Abt, die Bischöfe, die Gemeinden, der Kanton und/oder die unterstützenden Konvente?

### 5. Das Paradox der Denkschrift

Birker veröffentlicht eine Schrift, die seine Absetzung gerade als falsche Lösung der Klosterkrise zurückweisen soll. Fry zufolge wird die Verteilung dieser Schrift dann selbst zum unmittelbaren Anlass, Birker zum Rücktritt zu bewegen. Die Publikation verändert so die Lage, die sie beschreibt. Das ist eine **Quelleninterpretation mit starker zeitlicher Stützung**; die genaue Kausalkette muss durch zeitgenössische Presse und Akten nachgeprüft werden.

### 6. Beobachtung mit #TheLuhmannMap, Fokus #soc

- **− Sprachkultur:** Reden 1874, Landsgemeinde 1877, Delegation am 20. Juni.
- **+ Schriftkultur:** Briefe an Bischöfe, Eingaben an Behörden, Rücktrittsforderungen.
- **≠ Buchdruckkultur:** *Gasetta Romonscha* und Birkers Denkschrift verlagern den Konflikt in eine reproduzierbare öffentliche Form.

Die Analyse bezieht sich auf soziale Kommunikation (#soc). Sie erklärt nicht aus psychologischen Vermutungen, warum Birker oder Decurtins so handelten.

### 7. #TheStaubBernasconiMatrix

1. **Anordnung:** Wer bestimmt die Reihenfolge «Absetzung – neue Führung – neue Rechtslage – Wiederaufnahme von Novizen»? Welche Institution entscheidet über welche Schwelle?
2. **Zugang:** Wer darf eintreten? Wer kontrolliert die Personalhilfe aus Einsiedeln, den Zugang zum Bischof und die Ressourcen der Klosterschule?
3. **Legitimation:** Birker mobilisiert Briefe von König, Bischöfen und Klosteroberen; die andere Seite mobilisiert Landsgemeinde, Amtsträger und den Anspruch, für die Restauration zu handeln.
4. **Durchsetzung:** Birker kann publizieren, aber nicht die kantonale Verordnung aufheben. Die Kreisbehörde kann Druck organisieren, aber den kirchenrechtlichen Rücktritt nicht allein vollziehen. Der Bischof kann den Rücktritt bestätigen. 1880 kann der Grosse Rat Aufnahmebeschränkungen mildern.

### 8. Unsere Befunde mit Beleggrad

- **Gut belegt:** Gemeinsamer Auftritt an der Russeinbrücke, 1874 (publizierte Auswertung zeitgenössischer Zeitungen); Decurtins als Mistral ab 1877; Besuch der Delegation unter Decurtins am 20. Juni 1877 nach Fry; Rücktritt Birkers 1877; Reform der Aufnahmebestimmungen 1880.
- **Plausibel, noch quellenkritisch offen:** Condrau als von Birker angesprochener Redaktor/Landammann; der konkrete Anteil Decurtins an der nachträglichen Aufnahme Speschas in die Tafel; die unmittelbare Wirkung der Broschürenverteilung auf die Entscheidung der Delegation.
- **Nicht nachgewiesen:** Dass Birker und Decurtins 1874 klosterpolitisch einer Meinung waren; dass Decurtins allein Birkers Absetzung organisierte; dass die Denkschrift der einzige oder zwingende Grund des Rücktritts war; dass Birker physisch aus dem Kloster vertrieben wurde.

### 9. Unmittelbar anschlussfähige Gegenquellen

1. **Gasetta Romonscha, Nr. 31 (1877):** Von Karl Fry ausdrücklich als Bericht Placi Condraus zu Birkers Rücktritt angegeben. Originaltext beschaffen und transkribieren.
2. **Bündner Tagblatt Nr. 246, 20.10.1874, sowie Freier Rhätier und Der Bund:** Wortlaut der Russein-Einweihung samt Datumsangabe kontrollieren.
3. **Bischöfliches Archiv Chur, Kreisarchiv Cadi, Staatsarchiv Graubünden, Archive Einsiedeln und Disentis:** Briefe von 1876, Protokolle zum 20. Juni 1877, Demissionsschreiben vom Juli und einschlägige Korrespondenz zu Einsiedeln.
4. **Karl Fry (1949), S. 49–51 und Anmerkungen:** Vollständige Passage am Digitalisat einschliesslich seiner Quellen und Wertungen kontrollieren.
5. **Decurtins' eigene Reden und Korrespondenz 1877:** Seine eigene Problemformulierung dem Bericht Birkers und der historiografischen Perspektive Frys gegenüberstellen.

### 10. Arbeitsthese

**1874:** Birker und Decurtins sprechen bei derselben Erinnerungsinszenierung über Forscher der rätischen Alpenwelt.

**1877:** Birker interveniert mit einer Denkschrift in den Konflikt um die institutionelle Zukunft des Klosters. Decurtins interveniert mit dem Amt des Mistrals und einer Delegation in die Personalentscheidung.

**1880:** Der Kanton mildert Hindernisse, deren Aufhebung Birker 1877 gefordert hatte.

Daraus folgt keine Sieger-und-Verlierer-Erzählung. Zu untersuchen ist, wie eine politisch mobilisierte Restauration die Ablösung eines Abtes mit der Veränderung institutioneller Bedingungen kombinierte. Das ist der Anschluss an «Soziale Arbeit als Arbeit am Sozialen».

### Quellen und Links

- Paulus Birker, *Träume und Schäume. Denkschrift über das Kloster Disentis im Jahre 1877*, Disentis, Juni 1877. Originalscan aus Privatbesitz, elf nummerierte Druckseiten. Eigene Arbeitsübertragung, noch nicht endkontrolliert.
- Karl Fry, *Die Restauration des Klosters Disentis im 19. Jahrhundert*, in: *Jahresbericht der Historisch-Antiquarischen Gesellschaft von Graubünden* 79 (1949), hier S. 50: https://www.e-periodica.ch/digbib/view?pid=jgr-001%3A1949%3A79%3A%3A28 ; Digitalisat der Fundstelle: https://www.e-periodica.ch/cntmng?pid=jgr-001%3A1949%3A79%3A%3A206
- Ivo Berther, «La tabla emblidada: historia dalla tabla commemorativa per Arnold Escher von der Linth, Placi a Spescha e Gottfried Ludwig Theobald sper la punt Russein denter Sumvitg e Mustér», in: *Annalas da la Societad Retorumantscha* 116 (2003), S. 109–137: https://doi.org/10.5169/seals-236840
- Iso Müller, «Die Restauration des Klosters Disentis durch die Schweizerische Benediktinerkongregation 1880/81», *Zeitschrift für schweizerische Kirchengeschichte* 63 (1969), ab S. 140: https://www.e-periodica.ch/cntmng?pid=zfk-001%3A1969%3A63%3A%3A400
- Historisches Lexikon der Schweiz, «Caspar Decurtins»: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/003565/2009-05-08/
- Historisches Lexikon der Schweiz, «Placi Condrau»: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/041103/2024-09-02/
- Historisches Lexikon der Schweiz, «Disentis»: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/011490/2010-03-17/
- Klosterarchiv Einsiedeln, «Abt Paulus Birker. Akten aus dessen Regierungszeit»: https://archiv.kloster-einsiedeln.ch/objects/27133
- Geschichte der Cadi, Verzeichnis der Mistrals: https://www.historia-tujetsch.ch/wp-content/uploads/2023/09/IlcumindallaCadi.pdf
- Bestehende eigene Dokumentation mit zeitgenössischem Zeitungszitat: https://dissent.is/2024/07/31/paterplacidus/

7. Ausblick: Wie ging es weiter?

7. Ausblick: Wie ging es weiter?

Die Abset­zung von Abt Paulus Birk­er 1877 war nicht die Lösung der Krise. Sie eröffnete aber die Möglichkeit, die Bedin­gun­gen für eine Restau­ra­tion neu auszuhan­deln.

Zeittafel 1877–2027

1. 1877 – Birk­er tritt zurück. Cas­par Decurtins führt als junger Mis­tral die entschei­dende Del­e­ga­tion an.

2. 1880 – Der Kan­ton lock­ert die Vorschriften für die Auf­nahme von Novizen. Die Cadi verzichtet auf finanzielle und tra­di­tionelle Ansprüche gegenüber dem Kloster.

3. 1880/81 – Die Benedik­tin­erkon­gre­ga­tion organ­isiert den Wieder­auf­bau. Benedikt Pre­vost aus Muri-Gries übern­immt die Leitung. Weit­ere Klöster stellen Per­son­al zur Ver­fü­gung.

4. 1888 – Die Erneuerung trägt Früchte: Der Kon­vent kann Benedikt Pre­vost zum Abt wählen. Das Kloster ist wieder hand­lungs­fähig.

5. 1891 – Papst Leo XIII. veröf­fentlicht Rerum novarum. Decurtins beteiligt sich an der katholis­chen Sozial­re­form.

6. 1955 – Ein Denkmal in Trun würdigt Decurtins als Poli­tik­er, Kul­turver­mit­tler und Sozial­re­former.

7. 2027 – #Rerum­No­varum öffnet dieses his­torische Denkmal erneut für Fra­gen nach Gesellschaft, Macht und insti­tu­tioneller Erneuerung.

Warum gelang der Wiederaufbau?

Nicht ein­fach, weil Birk­er ging.

Er gelang durch eine verän­derte Anord­nung von Möglichkeit­en:

  • Staatliche Ein­schränkun­gen wur­den gelock­ert.
  • Die Cadi verzichtete auf Ansprüche.
  • Klöster teil­ten Per­son­al, Wis­sen und Ressourcen.
  • Eine neue Gen­er­a­tion von Mönchen kon­nte her­anwach­sen.

Birk­er hat­te wesentliche Hin­dernisse bere­its 1867 beschrieben. Decurtins und seinen Mit­stre­it­ern gelang es später, Voraus­set­zun­gen tat­säch­lich zu verän­dern.

Was bleibt zu untersuchen?

  1. Wie erre­ichte Decurtins die poli­tis­chen Zugeständ­nisse?
  2. Wie organ­isierten die Benedik­tin­er den Wieder­auf­bau konkret?
  3. Welche Rolle spiel­ten die Machtkon­flik­te, die Adolf Col­len­berg beschreibt?

Bedeutung für #RerumNovarum

1877–1888 zeigt einen his­torisch beobacht­baren Umbau insti­tu­tioneller Macht.

Nicht bloss ein Wech­sel von Per­so­n­en, son­dern eine Verän­derung von Anord­nung, Zugang, Legit­i­ma­tion und Durch­set­zung.

Unsere entschei­dende Frage:

Wie kon­nte eine jahrzehn­te­lang block­ierte Insti­tu­tion wieder Möglichkeit­en entwick­eln, sich aus eigen­er Kraft zu erneuern?

Quellen:

Weitere Auswertungen & Perspektiven:

Karl Fry: Die Restau­ra­tion des Klosters Dis­en­tis (1949)

Wie beschreibt Karl Fry die beiden Akteure?

Frys Darstel­lung ist deut­lich asym­metrisch.

1. Cas­par Decurtins erscheint als entschei­den­der Ret­ter des Klosters. In seinem späteren Lexikonar­tikel von 1957 for­muliert Fry aus­drück­lich:

«Als Lan­dammann ret­tete D. die vom Unter­gang bedro­hte Benedik­tin­er-Abtei Dis­en­tis.»

2. Paulus Birk­er erscheint in der bish­eri­gen Rekon­struk­tion von Frys Darstel­lung als gescheit­ert­er Abt, dessen Amts­führung und öffentliche Vertei­di­gung die Restau­ra­tion zusät­zlich erschw­erten. Seine Denkschrift von 1877 wird zum Aus­lös­er der let­zten Zus­pitzung. Diese Ein­schätzung muss ich allerd­ings noch am voll­ständi­gen Wort­laut Frys von 1949 über­prüfen.

3. Die grundle­gende Asym­me­trie: Bei Birk­er ste­hen die Schwierigkeit­en sein­er Amts­führung im Vorder­grund; bei Decurtins das erfol­gre­iche poli­tis­che Han­deln.

Das ist vor­läu­fig die Gegenüber­stel­lung, die wir quel­lenkri­tisch prüfen soll­ten.

Die entscheidende Quellenkritik

Beson­ders auf­schlussre­ich ist ein Kom­men­tar des Engel­berg­er His­torik­ers Pater Gall Heer. Er kri­tisiert, dass Fry zahlre­iche ihm über­lassene Akten über den am Wieder­auf­bau beteiligten Pater Johann Bap­tist Trox­ler kaum berück­sichtigt habe. Seine spitze Ver­mu­tung:

«Die Mähne des ‘Löwen von Truns’ offen­bar nicht zerzaust werde!»

Quelle: Kloster Engel­berg, Biografie Johann Bap­tist Trox­ler.

Das ist eine konkrete Kri­tik an Frys Auswahl und Gewich­tung der Quellen.

Was bedeutet das für unsere Untersuchung?

Wir soll­ten drei Per­spek­tiv­en unter­schei­den:

  1. Birk­er (1877): Die insti­tu­tionellen Hin­dernisse ver­hin­dern die Erneuerung.
  2. Fry (1949/1957): Decurtins wird zur entschei­den­den Ret­ter­fig­ur.
  3. Iso Müller (1969): Die Restau­ra­tion wird als Leis­tung mehrerer Klöster, ihrer Äbte und der neu aus­ge­han­del­ten rechtlichen Bedin­gun­gen unter­sucht. e‑periodica.ch

Damit haben wir eine wichtige Forschungs­frage für #Rerum­No­varum:

Wird in Frys Geschichtss­chrei­bung eine kollek­tive insti­tu­tionelle Leis­tung zur Heldengeschichte eines einzel­nen Poli­tik­ers?

Das ist eine begrün­dete These, noch kein abschliessender Befund. Der voll­ständi­ge Auf­satz von 1949 war über E‑Periodica für mich ger­ade nicht direkt les­bar.

Quellen:


Iso Müller: Die Restau­ra­tion durch die Benedik­tin­erkon­gre­ga­tion (1969)

Iso Müller (1969): Wer restaurierte das Kloster Disentis wirklich?

Müllers Darstel­lung ist eine bemerkenswerte Ergänzung zu Karl Fry. Er rückt die Benedik­tin­erkon­gre­ga­tion und ihre inter­nen Kon­flik­te ins Zen­trum.

1. Paulus Birker: Der gescheiterte Reformer

Müller beurteilt Birk­er eben­falls kri­tisch. Er macht dessen Eigen­willigkeit wesentlich dafür ver­ant­wortlich, dass die Ein­siedler Patres 1875/76 ihre Restau­ra­tions­be­mühun­gen auf­gaben.

Allerd­ings zeigt er auch, dass diese Patres vor­ein­genom­men waren und die Ver­hält­nisse in Dis­en­tis teil­weise falsch ein­schätzten.

Quelle: S. 183–186. zfk-001_1969_63__400_d.pdf

2. Caspar Decurtins: Der erfolgreiche, aber keineswegs alleinige Akteur

Decurtins organ­isiert Ver­hand­lun­gen, ver­mit­telt zwis­chen Behör­den und Klöstern und set­zt poli­tis­che Beschlüsse durch.

Doch Müller beschreibt auch seine Gren­zen:

  • Decurtins unter­schätzt zunächst die finanziellen Bedenken Ein­siedelns.
  • Placi Con­drau muss den jun­gen Poli­tik­er wieder­holt antreiben.
  • Auch nach Beginn der Restau­ra­tion ver­sucht Decurtins, Ein­fluss auf Klosterangele­gen­heit­en auszuüben.

Quelle: S. 143–147 und 168. zfk-001_1969_63__400_d.pdfzfk-001_1969_63__400_d.pdf

3. Die Überraschung: Birkers Absetzung löste das Problem nicht!

Müller zitiert einen Brief Placi Con­draus vom 1. Jan­u­ar 1880:

«mit großer Anstren­gung ist uns die Ent­fer­nung des H. Birk­ers gelun­gen»

Trotz­dem ver­weigerte Ein­siedeln weit­er­hin die erhoffte Unter­stützung.

Con­draus ent­täuscht­es Urteil:

«Das war eine arge Täuschung für uns»

Die Abset­zung des Abtes hat­te die insti­tu­tionelle Block­ade also keineswegs beseit­igt.

Quelle: S. 185. zfk-001_1969_63__400_d.pdf

4. Die eigentlichen Restauratoren

Müller hebt beson­ders vier Per­so­n­en her­vor:

  1. Abt Basil Ober­holz­er (Ein­siedeln): Er ver­langt insti­tu­tionelle Selb­st­ständigkeit und verbindliche Regelun­gen.
  2. Abt Anselm Vil­liger (Engel­berg): Er organ­isiert per­son­elle Unter­stützung.
  3. Pater Johann Bap­tist Trox­ler: Er stellt die wirtschaftliche Ver­wal­tung neu auf.
  4. Pater Benedikt Pre­vost: Er erneuert das Ordensleben und organ­isiert das Noviziat.

Aber auch hier gab es Kon­flik­te. Ger­ade die geteilte Leitung durch Trox­ler und Pre­vost führte später zu erhe­blichen Span­nun­gen.

Müller kommt zum Ergeb­nis, dass eine ein­heitlichere Leitung die Restau­ra­tion möglicher­weise weniger kon­flik­tre­ich gemacht hätte.

Quelle: S. 179–182. zfk-001_1969_63__400_d.pdf

5. Müller korrigiert Fry ausdrücklich

Das ist quel­lenkri­tisch wichtig.

Müller schreibt über Frys Darstel­lung von 1949, sie müsse teil­weise ergänzt und mod­i­fiziert wer­den.

Fry erzählt die Restau­ra­tion vor allem als Leis­tung von Decurtins. Müller rekon­stru­iert dage­gen das Zusam­men­spiel zahlre­ich­er Akteure und ihrer teil­weise gegen­sät­zlichen Inter­essen.

Quelle: S. 182. zfk-001_1969_63__400_d.pdf

6. Was bedeutet das für #RerumNovarum?

Unsere vor­läu­fige Gegenüber­stel­lung:

Karl Fry (1949)Iso Müller (1969)
Decurtins als Ret­terDecurtins als wichtiger Ver­mit­tler
Birk­er als Hin­der­nisBirk­er als Teil ein­er kom­plex­eren Krise
Poli­tis­ch­er Durch­bruchLang­wierige insti­tu­tionelle Aushand­lung
Erfol­gre­iche Restau­ra­tionErfol­gre­iche, aber kon­flik­tre­iche Neuor­gan­i­sa­tion

7. Die entscheidende Erkenntnis

Der Wieder­auf­bau gelang nicht, weil ein Held einen unfähi­gen Abt ver­drängte.

Er gelang, weil sich staatliche Vorschriften, lokale Ansprüche, klöster­liche Selb­st­ständigkeit, Per­son­al­fra­gen und interne Leitungsstruk­turen verän­dern liessen.

Und selb­st das ver­lief keineswegs rei­bungs­los.

Für unsere Arbeit am Sozialen ist ger­ade das auf­schlussre­ich: Der Erfolg ent­stand aus ein­er verän­derten insti­tu­tionellen Ord­nung, nicht aus der Durch­set­zung ein­er einzel­nen Per­sön­lichkeit.

Eine entschei­dende Ein­schränkung bleibt: Müller selb­st bevorzugt ein­deutig eine strenge, autonome benedik­tinis­che Lebens­form. Auch seine Geschichtss­chrei­bung ist also nicht voraus­set­zungs­los.

Quelle: Iso Müller, Die Restau­ra­tion des Klosters Dis­en­tis durch die schweiz­erische Benedik­tin­erkon­gre­ga­tion 1880/81, 1969, S. 140–187.

https://doi.org/10.5169/seals-129265

Für dissent.is/rerumnovarum haben wir damit eine inter­es­sante Ver­schiebung: vom Denkmal für einen grossen Mann zur Rekon­struk­tion ein­er kollek­tiv­en, dur­chaus wider­sprüch­lichen Leis­tung.

Col­len­berg: Col­len­berg schreibt im His­torischen Lexikon der Schweiz, Decurtins habe als Lan­dammann die Restau­ra­tion des Klosters durchge­führt und zugle­ich die Katholisch-Lib­eralen in der Sur­sel­va aus­geschal­tet.

Johannes Flury (1997): Decurtins – Der Kampf um die Kirche. Antimodernismus im Schweizer Katholizismus.

  • Ver­lag Bünd­ner Monats­blatt, Chur
  • Bei­heft Nr. 6, 1997
  • 199 Seit­en
  • ISBN 978–3‑905241–77‑8

Eine vierte Per­spek­tive! Allerd­ings haben wir nicht Flurys 200-seit­iges Buch, son­dern die aus­führliche Rezen­sion von Clau Lom­bris­er (1998, S. 279–282).

1. Caspar Decurtins: Der konsequente Ultramontane

Flury ver­sucht, die schein­baren Wider­sprüche in Decurtins’ poli­tis­ch­er und religiös­er Hal­tung the­ol­o­gisch zu ver­ste­hen.

  1. Föder­al­ist in Schul­fra­gen, Zen­tral­ist in Kirchen­fra­gen.
  2. Sozialpoli­tik­er, der mit Sozial­is­ten zusam­me­nar­beit­en kon­nte, aber den Lib­er­al­is­mus bekämpfte.
  3. Vertei­di­ger der Men­schen­würde, deren Schutz er inner­halb der kirch­lichen Ord­nung ver­ankerte.
  4. Geg­n­er des Mod­ernismus, der die Anpas­sung der Kirche an die säku­lare Gesellschaft entsch­ieden bekämpfte.

Flury betra­chtet diese Posi­tio­nen nicht als per­sön­liche Wider­sprüche, son­dern als Kon­se­quen­zen ein­er bes­timmten katholis­chen Weltauf­fas­sung. bmb-002_1998_0__510_d.pdf

2. Die entscheidende Unterscheidung: Gisler und Decurtins

Bei­de bekämpften den the­ol­o­gis­chen Mod­ernismus.

  • Anton Gisler wollte die Mod­ernismuskrise inner­halb der Kirche bewälti­gen.
  • Decurtins radikalisierte den Kampf und wandte sich grund­sät­zlich gegen die säku­lare Kul­tur.

Lom­bris­er beschreibt, wie diese Auseinan­der­set­zung in Bespitzelun­gen, Intri­gen und Denun­zi­a­tio­nen mün­dete. bmb-002_1998_0__510_d.pdf

3. Was ist mit Paulus Birker?

Birk­er und die Restau­ra­tion von 1877–1881 spie­len in dieser Rezen­sion keine eigen­ständi­ge Rolle.

Flurys Unter­suchungs­ge­gen­stand ist vor allem der kirchen­poli­tis­che Kampf des älteren Decurtins, ins­beson­dere ab 1912.

Wir dür­fen seine Aus­sagen deshalb nicht unmit­tel­bar auf den jun­gen Decurtins von 1877 über­tra­gen.

4. Was verändert Flury gegenüber Fry und Müller?

AutorPer­spek­tive auf Decurtins
Fry (1949)Poli­tis­ch­er Ret­ter des Klosters
Müller (1969)Akteur ein­er kollek­tiv­en insti­tu­tionellen Restau­ra­tion
Flury (1997)The­ol­o­gisch kon­se­quenter Geg­n­er der kirch­lichen Mod­erne

Flury liefert uns vor allem einen Zugang zur inneren Logik von Decurtins’ Posi­tio­nen.

5. Was bedeutet das für #RerumNovarum?

Hier liegt eine inter­es­sante Span­nung.

Decurtins bekämpft den Lib­er­al­is­mus und engagiert sich gle­ichzeit­ig für soziale Refor­men.

Er vertei­digt lokale Selb­st­ständigkeit und beansprucht zugle­ich die Autorität ein­er uni­ver­salen Kirche.

Unsere Forschungs­frage kön­nte deshalb laut­en:

Wie kon­nte Decurtins inner­halb ein­er streng hier­ar­chis­chen Ord­nung gesellschaftliche Möglichkeit­en eröff­nen, die wed­er im lib­eralen Markt noch im mod­er­nen Staat aufge­hoben waren?

Und umgekehrt: Welche Möglichkeit­en ver­schloss seine Kirchenauf­fas­sung?

6. Eine wichtige Schlussfolgerung

Fry fragt, was Decurtins geleis­tet hat.

Müller zeigt, wie die insti­tu­tionelle Zusam­me­nar­beit funk­tion­ierte.

Flury unter­sucht, aus welch­er religiösen Überzeu­gung her­aus Decurtins han­delte.

Für unsere «Architek­tur des Dazwis­chen» benöti­gen wir alle drei Zugänge. Kein­er erk­lärt allein die gesamte Entwick­lung.

Beson­ders wichtig: Flury möchte Decurtins aus­drück­lich wed­er zum Helden machen noch verurteilen. Er will seine the­ol­o­gis­che Posi­tion nachvol­lziehbar machen. bmb-002_1998_0__510_d.pdf

Quelle: Clau Lom­bris­er, Rezen­sion zu Johannes Flury, Decurtins Kampf um die Kirche. Anti­mod­ernismus im Schweiz­er Katholizis­mus, Bünd­ner Monats­blatt 4/1998, S. 279–282.

https://www.e‑periodica.ch/cntmng?pid=bmb-002%3A1998%3A0%3A%3A510

Für #Rerum­No­varum entste­ht damit eine neue Leit­frage:

Was genau wollte Decurtins erhalten – und was wollte er verändern?

Ja. Zumin­d­est lässt sich aus der Rezen­sion von Clau Lom­bris­er eine ziem­lich klare Antwort rekon­stru­ieren.

1. Erhal­ten wollte Decurtins die römisch-katholis­che Kirche als verbindliche Ord­nung: ihre Autorität, ihre Lehre und ihre Unab­hängigkeit gegenüber der säku­laren Mod­erne.

2. Verän­dern wollte er die gesellschaftlichen Ver­hält­nisse: soziale Ungerechtigkeit, poli­tis­che Machtverteilung und die Stel­lung der Kirche in der Gesellschaft.

3. Seine Voraus­set­zung: Gesellschaftliche Erneuerung sollte aus der katholis­chen Ord­nung her­vorge­hen, nicht durch Anpas­sung der Kirche an die Mod­erne.

Flury erk­lärt damit auch den schein­baren Wider­spruch zwis­chen Decurtins’ Föder­al­is­mus, seinem sozialen Engage­ment und sein­er ultra­mon­ta­nen Hal­tung. bmb-002_1998_0__510_d.pdf

Die Pointe für #RerumNovarum

Decurtins wollte nicht die Kirche mod­ernisieren, son­dern die Gesellschaft aus sein­er Vorstel­lung von Kirche her­aus erneuern.

Das wäre eine starke Arbeit­s­these. Allerd­ings ken­nen wir Flurys Argu­men­ta­tion bis­lang nur durch die Rezen­sion – und sie bezieht sich vor allem auf den älteren Decurtins um 1912.

Die Frage, ob diese Denk­fig­ur bere­its sein Han­deln bei der Kloster­restau­ra­tion 1877 bes­timmte, bleibt offen.

LEARNINGS | #RerumNovarum

Aus Birk­er (1877), Fry (1949), Müller (1969) und der Rezen­sion zu Flury (1997) würde ich sechs Erken­nt­nisse mit­nehmen.

1. Nicht Per­so­n­en, son­dern Ver­hält­nisse. Birk­er erkan­nte wesentliche Hin­dernisse der Kloster­restau­ra­tion. Seine Abset­zung beseit­igte sie nicht. Erst verän­derte rechtliche und insti­tu­tionelle Bedin­gun­gen eröffneten neue Möglichkeit­en.

2. Keine Helden ohne Net­zw­erke. Decurtins han­delte nicht allein. Con­drau, die Cadi, der Kan­ton, das Bis­tum und mehrere Klöster waren beteiligt. Müller doku­men­tiert ihre Kon­flik­te, Ver­hand­lun­gen und gegen­seit­i­gen Abhängigkeit­en.

3. Erneuerung ist nicht ein­fach Fortschritt. Die Restau­ra­tion ermöglichte neue Zugänge zum Kloster und grössere insti­tu­tionelle Eigen­ständigkeit. Gle­ichzeit­ig wur­den Klausur, Diszi­plin und Hier­ar­chie ver­schärft. Öff­nung und Schlies­sung fan­den gle­ichzeit­ig statt.

4. Begriffe sind keine Erk­lärun­gen. «Ultra­mon­tanis­mus», «Anti­mod­ernismus», «Lib­er­al­is­mus» oder «Restau­ra­tion» sind his­torische und his­to­ri­ografis­che Unter­schei­dun­gen. Wir müssen unter­suchen, wer sie wann ver­wen­det, was sie sicht­bar machen und was sie verdeck­en.

5. Macht ist nicht bloss Herrschaft. Die Wieder­her­stel­lung wurde möglich, weil Anord­nung, Zugang, Legit­i­ma­tion und Durch­set­zung neu aus­ge­han­delt wur­den. Hier kön­nen wir mit #TheS­taub­Ber­nascon­i­Ma­trix konkrete Verän­derun­gen beschreiben, ohne sie vorschnell als Fortschritt zu bew­erten.

6. Geschichtss­chrei­bung arbeit­et selb­st am Sozialen. Fry stellt Decurtins in den Mit­telpunkt. Müller rekon­stru­iert das insti­tu­tionelle Zusam­men­wirken. Flury unter­sucht eine spätere the­ol­o­gis­che Kon­flik­tkon­stel­la­tion. Jede dieser Darstel­lun­gen macht andere Zusam­men­hänge sicht­bar.

Die Konsequenz für unsere Intervention 2027

Wir wollen nicht den Helden Decurtins durch eine andere his­torische Wahrheit erset­zen.

Wir wollen sicht­bar machen, wie aus Kon­flik­ten neue insti­tu­tionelle Möglichkeit­en entste­hen – und welche Möglichkeit­en dabei aus­geschlossen wer­den.

Das ist für unsere «Architek­tur des Dazwis­chen» auf­schlussre­ich­er als eine weit­ere Beurteilung his­torisch­er Per­sön­lichkeit­en.

Vielle­icht unsere wichtig­ste Erken­nt­nis:

Eine gelun­gene Musterun­ter­brechung erken­nen wir nicht daran, dass andere Per­so­n­en entschei­den. Son­dern daran, dass andere Möglichkeit­en des Entschei­dens entste­hen.

Quellen:

Die sechs Punk­te sind unsere ana­lytis­chen Schlussfol­gerun­gen aus diesen Quellen, keine Aus­sagen, die sämtliche Autoren selb­st so vertreten.

Nächster Titel

(…)

(…)

(…)

Nächster Titel

(…)

(…)

(…)

(…)

Nächster Titel

(…)

(…)

Nächster Titel

(…)

(…)

(…)

Wie ich mit den Möglichkeiten von @openAI arbeite?

Links, Threads, zu verarbeitende Hinweise…

(…)

(…)

(…)

Offene Blogeinträge, welche zu diesem Thema passen…

(…)

(…)

(…)

Textsorte: (1) Traum, (2) Blitz, (3) Beken­nt­nis, (4) Memo, (5) Märchen, (6) Dra­ma, (7) Tabu
Arbeits­form: Doku­men­ta­tion, Lis­ten­bil­dung, Work in Progress
Anlass: (…)
TL;DR: (…)
Bildquelle: (…)
URL/Hashtag: (…)

Ste­fan M. Sey­del, aka sms, aka sms2sms in «Zürcher Fest­spiel 1901″ (2019, Foto­cre­d­it: Charles Schny­der):  Twit­ter, Wikipedia (Lem­ma), Youtube (aktuell), Sound­cloud, Mastodon, Insta­gram (ges­per­rt), Snapchat, Tik­Tok, Twitch, t.me/WikiDienstag (Nicht in Betrieb) | Exk­lu­siv: speakerbooking.ch/sms2sms

About @sms2sms, aka Stefan M. Seydel/sms ;-)

Ste­fan M. Sey­del, Jahrgang 1965, ist Unternehmer, Sozialar­beit­er und Kün­stler. Er machte nach ein­er Beruf­slehre als Hochbauze­ich­n­er einen Bach­e­lor in Soziale Arbeit in St. Gallen und einen Mas­ter in der gle­ichen Diszi­plin bei Sil­via Staub-Bernasconi in Berlin. Seine über­wiegend selb­st­ständi­ge Tätigkeit kreist um das The­ma der Entwick­lung und Real­isierung von Pilot- und Impul­spro­jek­ten für renom­mierte Auf­tragge­berin­nen.

Als Kün­stler hat er Ausstel­lun­gen und Per­for­mances auf inter­na­tionaler Ebene präsen­tiert, darunter in der Roy­al Acad­e­my of Arts in Lon­don, dem Deutschen His­torischen Muse­um in Berlin oder ein­er Einze­lausstel­lung “Kun­st Macht Prob­leme” in der Cryp­ta Cabaret Voltaire, Birth­place of DADA in Zürich. Er wurde mit dem Migros Jubilée Award in der Kat­e­gorie Wis­sensver­mit­tlung aus­geze­ich­net und hat diverse Ehrun­gen durch Web­by Awards für seine Arbeit mit rocketboom.com erhal­ten.

Ste­fan war Jury-Mit­glied des Next Idea Prix Ars Elec­tron­i­ca 2010 und war drei Jahre Mit­glied der Schulleitung des Gym­na­si­ums Kloster Dis­en­tis. Sein Wis­sen und seine Erfahrung im Bere­ich der Infor­ma­tion und Tech­nolo­gie haben ihm auch dabei geholfen, mit Sta­tis­tik Stadt Zürich und Wiki­me­dia Schweiz unter WikiDienstag.ch zusam­men­zuar­beit­en.

Sein Engage­ment im Bere­ich der frei­willi­gen Arbeit führte ihn in das Prä­sid­i­um Inter­na­tionaler Bodensee Club (Leitung Fach­gruppe Wis­senschaft) oder für einige andere Jahre als Vice-Präsi­dent des von Paul Wat­zlaw­ick ini­ti­ierten P.E.N.-Club Liecht­en­stein. Sey­del hat unter ((( rebell.tv ))) zwei Büch­er zusam­men mit sein­er Part­ner­in Tina Piazzi veröf­fentlicht, viele Kolum­nen, Fach­texte und jour­nal­is­tis­che Texte pub­liziert.

Seine Arbeit auf Social Media nutzt er als Microblog­ging. In seinem Blog ver­ar­beit­et er seine The­men. Einige davon wer­den auf Anfra­gen zu les­baren Tex­ten ver­tieft, andere wer­den zu Vorträ­gen aus­ge­baut. Bei Carl Auer Ver­lag in Hei­del­berg, sam­melt er “Ele­mente ein­er näch­sten Kul­tur­form”. Seine Entwick­lun­gen im Kon­text der sozial­räum­lichen Inter­ven­tion (“Arbeit am Sozialen”) machen konkrete Vorschläge in Bezug auf die Beant­wor­tung der Sozialen Frage.

Nach 12 Jahren Berlin und 6 Jahren Zürich zog er aber in sein­er zweit­en Leben­shälfte vom Bodensee der Rhein­quelle ent­ge­gen nach Dissentis/Mustér und hat seine Reisetätigkeit fast ganz eingestellt. Dafür macht er umsomehr soge­nan­nte Pas­sadis und #Feed­logs (Orgiastik). Das sind Arbeitsmeet­ings an inten­tionalen Fra­gen in einem Lifestream. (so?) Text sup­port­ed by #TaaS

Aus Band 2 von: Tina Piazzi & Ste­fan M. Sey­del, Junius-Ver­lag Ham­burg | pdf: Band 1, 2009 | Band 2, 2010

#dfdu = DIE FORM DER UNRUHE | pdf: Band 1, 2009 | Band 2, 2010 | blog: dissent.is | about: dissent.is/sms | dissent.is/muster

Indizis locals tras il canal What­sApp da Mustér. | dissent.is/accents