Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde.
Genesis 1,1
Wer Himmel und Erde entdeckt hat, wissen wir nicht.
- Sicher nicht die Geschöpfe der Erde.
Und Gott sprach: Es werde Licht.
Genesis 1,3
Wer das Licht entdeckt hat, wissen wir nicht.
- Sicher nicht die Wesen des Lichts.
Und Gott schied das Licht von der Finsternis.
Genesis 1,4–5
Wer die Finsternis entdeckt hat, wissen wir nicht.
- Sicher nicht die Wesen der Finsternis.
Wer Tag und Nacht entdeckt hat, wissen wir nicht.
- Sicher nicht die Wesen des Tages.
- Sicher nicht die Wesen der Nacht.
Und Gott sprach: Es werde eine Feste zwischen den Wassern.
Genesis 1,6–8
Wer den Himmel entdeckt hat, wissen wir nicht.
- Sicher nicht die Vögel.
Und Gott sprach: Das Wasser sammle sich, dass man das Trockene sehe.
Genesis 1,9–10
Wer das Meer entdeckt hat, wissen wir nicht.
- Sicher nicht die Fische.
Wer das Land entdeckt hat, wissen wir nicht.
- Sicher nicht die Landbewohner.
Und Gott sprach: Die Erde lasse Gras, Kraut und Bäume hervorgehen.
Genesis 1,11–12
Wer die Pflanzen entdeckt hat, wissen wir nicht.
- Sicher nicht die Pflanzen.
Und Gott sprach: Es werden Lichter an der Feste des Himmels.
Genesis 1,14–18
Wer Sonne, Mond und Sterne entdeckt hat, wissen wir nicht.
- Sicher nicht Sonne, Mond und Sterne.
Und Gott sprach: Das Wasser wimmle von lebendigen Wesen, und Vögel sollen über die Erde fliegen.
Genesis 1,20–22
Wer das Wasser entdeckt hat, wissen wir nicht.
- Sicher nicht die Fische.
Wer die Luft entdeckt hat, wissen wir nicht.
- Sicher nicht die Vögel.
Und Gott sprach: Die Erde bringe lebendige Wesen hervor.
Genesis 1,24–25
Wer die Erde entdeckt hat, wissen wir nicht.
- Sicher nicht die Tiere.
Und Gott schuf den Menschen.
Genesis 1,26–27
Wer die Kultur entdeckt hat, wissen wir nicht.
- Sicher nicht die Menschen dieser Kultur.
Wer die Kulturformen entdeckt hat, wissen wir nicht.
- Sicher nicht die Menschen der jeweiligen Kulturform.
Wer die Kulturform des #Commoroque entdeckt hat, wissen wir nicht.
Sicher nicht die Menschen der Kulturform der Modernen.
Und Gott ruhte am siebten Tag von allen seinen Werken.
Genesis 2,2–3
Wer die Ruhe entdeckt hat, wissen wir nicht.
- Sicher nicht, wer noch arbeitet.
Meta:
Der (vermeintliche) Sprung bei „Mensch“ zu „Kultur“ ist nicht ein Bruch, sondern die Pointe:
Es geht um Medien als Lebensräume:
- Wasser → Fische
- Luft → Vögel
- Erde → Tiere
- Kultur → Menschen
Der Mensch wird also nicht als „Krone der Schöpfung“ gelesen, sondern als Bewohner eines Mediums, das er selbst nicht sieht: Kultur.
Und dann kommt der zweite Dreh:
Nicht nur Kultur ist unsichtbar, sondern die Kulturform, in der Kultur überhaupt als normal erscheint.
Wer “die nächste Kulturform” entdeckt, wissen wir nicht.Sicher nicht die Modernen.
- Sicher nicht die Menschen der Kulturform der Moderne.
Das ist verständlich, aber nur für Leserinnen und Leser, die den Witz vorher mit Wasser/Fisch und Luft/Vogel mitgehen. Genau deshalb funktioniert Genesis als Zugang.
Und dann kommt der dritte Dreh, als Clou:
- Dreh
Fische sehen das Wasser nicht.
Menschen sehen Kultur nicht. - Dreh
Fische und Menschen können ihr Medium erlebbar machen:
der Fisch im Sprung, Menschen durch Kulturpolitik, Kulturförderung, Kulturtourismus.
Unsichtbar bleibt die Kulturform, in der Kultur so erscheint. - Dreh
Das Medium wird an seiner Grenze sichtbar.
Der Fisch entdeckt das Wasser im Sprung nach einer Mücke in der Luft.
Der Kulturekel entdeckt sich im Kulturwechsel.
Nachtrag
Die Genesis wird traditionell Mose zugeschrieben. Historisch entstand sie vermutlich zwischen dem 10. und 5. Jahrhundert v. Chr. aus verschiedenen älteren Überlieferungen.
Marshall McLuhan (1911–1980) war ein kanadischer Medientheoretiker. Berühmt wurde er durch den Satz „The medium is the message“. Von ihm stammt auch die Beobachtung, dass Fische das Wasser zuletzt entdecken, weil sie vollständig darin leben.
George Spencer-Brown (1923–2016) veröffentlichte 1969 „Laws of Form“. Sein Ausgangspunkt ist die Unterscheidung. Jede Beobachtung beginnt damit, eine Grenze zu ziehen.
Niklas Luhmann (1927–1998) übernahm diese Idee und entwickelte daraus seine Systemtheorie. Für ihn kommunizieren nicht Menschen, sondern Kommunikation kommuniziert.
#TheLuhmannMap entstand aus der Frage, ob sich Kulturformen ähnlich beobachten lassen wie Fische ihr Wasser. Ihr Ausgangspunkt ist die Vermutung, dass nicht nur Kommunikation, sondern auch Kulturformen ihre eigenen blinden Flecken hervorbringen.
Vielleicht handelt Genesis deshalb nicht nur von der Erschaffung der Welt.
Vielleicht handelt sie auch von der Schwierigkeit, das Medium zu entdecken, in dem man lebt.